Die Glöckner von Thanjavur

Ein indischer Tempel ist ein Kosmos5660034145_79fe2136d7_b im Kleinen. Götter und Menschen leben in den düsteren und vom Alter schweren Gemäuern nahe beeinander. Im Brihadishvara-Tempel am Rande von Thanjavur konnte ich sie beobachten – nun ja: vor allem die Menschen. Der Tempel ist nicht gross. Es gibt andere in Indien, die ganze Quartiere umfassen. Trotzdem erstreckt sich auch dieser über das Gebiet von etwa drei Fussballfeldern.

Es musste ein Festtag gewesen sein. Das Tempelgeviert war voller Frauen, Männer und Kinder, welche die Vorplätze und Säulenhallen belebten. Insbesondere die Frauen und Mädchen brachten mit ihren bunten Gewändern Farbe in die geschichtsträchtige, von uralten Zeiten erzählende Düsternis. Ganze Schulklassen – Buben und Mädchen getrennt – strömten durch das Säulenlabyrinth. Wie ein Schwarm Schmetterlinge wirkten die Mädchen in ihren einheitlich farbenen Saris. Die Schuluniformen der Jungen waren in einem unauffälligeren Dunkelblau. Dafür bewegten sich diese weniger gesittet durch die ehrwürdigen Hallen, rannten etwa im Slalom um die Säulen, was die Gläubigen allerdings nicht zu stören schien. Überhaupt war offenbar das Leben, so wie es nun mal war, in diesem Tempel willkommen. In den zentralen Hallen herrschte ein Treiben fast wie auf einem Markt. Es gab auch einzelne Verkaufsstände, in denen Blumenketten und andere Devotionalen angeboten wurden. In anderen Bereichen des Tempels war es ruhiger. Einzelne Bettler schliefen dort auf dem Boden oder kauerten bei einer Säule und assen ein karges Mahl.

Unvermittelt stand ich vor einem Podium, das wie eine Theaterbühne aussah, zunächst mit mehreren Blechtoren verschlossen. Davor stand in Erwartung eine Menge Gläubiger, rufend, singend, vor sich hin betend. Etwas entfernt schlugen zwei junge Männer grosse Glocken. Der eine hatte offensichtlich das Down-Syndrom. Die Glocken waren fast so gross wie die Männer selbst. Ohne sichtbaren Gehörschutz schlugen die Männer mit grossen Holzhämmern darauf ein, so dass sie bestimmt im Lauf ihres Lebens einen Gehörschaden davontrugen, vielleicht auch schon ganz ertaubt waren. Die beiden Glocken hingen je in einer Fensternische, so dass sich ihr Geläut sowohl nach draussen wie nach drinnen ausbreiten konnte. Im Innern dröhnte es selbst in einiger Entfernung noch ohrenbetäubend. Etwas näher betätigte eine Frau eine Art Rassel mit Glöckchen. Das alles fand in einem Säulenlabyrinth statt, uralt und voller Stufen, also auf verschiedenen Ebenen. Dann wurden die Blechtore geöffnet, worauf der Blick auf den Gott Shiva frei wurde, beziehungsweise auf ein grosses Lingam aus Stein, dessen irdisches Symbol. Zunächst war da eine breite Kammer, in der junge Mönche hantierten, dahinter die kleinere Kammer mit dem Lingam. Etwas weiter vorne trat ein breiter Strahl gleissend wirkenden Sonnenlichts herein. Als der Schrein sich öffnete, wurden die Leute aufgeregter und hoben die indisch gefalteten Hände hoch über den Kopf. Mir wurde eine gut schmeckende, aber ziemlich scharfe Reiskugel gereicht.

Später zog ich mich an einen ruhigeren Platz neben einem schmalen Treppenaufgang zurück, beobachtete das Treiben und dachte über die beiden Glöckner nach, die im Dienst am Glauben offensichtlich ihr Gehör opferten. Geschah das freiwillig? Besonders beim jungen Mann mit Down-Syndrom war das fraglich. Vielleicht wurde dieser – zum Preis seiner Hörfähigkeit – von der Mönchsgemeinschaft durchgefüttert. Womöglich bliebe ihm ansonsten nur das Betteln auf der Strasse. Und wenn die beiden ihr Tagwerk freiwillig verrichteten und ihr Opfer als besondere Hingabe an die Götter verstanden, als Beweis ihres Glaubens? Was geht in einer solchen Seele vor? Ist sie fanatisch oder verzweifelt – oder beides? Oder ist sie besonders demütig?

Noch Stunden blieb ich in jenem Tempel, schaute dem Treiben zu und sinnierte über die Macht des Glaubens.

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Bild: The Grand Corridors @ Tanjore Brihadeeswara Temple von Vinoth Chandar (CC-Lizenz)

Sonntag – Abschied

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Bild: Hamed Saber (CC-Lizenz via flickr)
Sunday is gloomy

 

Am Vortag machte Vater oft einen Zopf. Er ging jeweils energisch ans Werk. Beim Klopfen des Teigs stellte er die Schüssel auf den Boden und klatschte den Teigklumpen aus beträchtlicher Höhe – er war an die zwei Meter gross – und mit aller Kraft hinein, so dass es knallte und ihm Schweissperlen auf die Stirn trieb. Einmal zerschmetterte er so die Schüssel. Wir Kinder wussten nicht, ob wir lachen durften. Das Lachen war uns zuvorderst, doch wir kannten Vaters Spannungszustände nur zu gut und wollten ein Donnerwetter vermeiden. Wie erlöst waren wir, als Vater selber zu lachen begann, und wir einstimmten konnten! Der Sonntagmorgenzopf fiel damals aus.

Mir ging durch den Kopf, dass ich mich verstecken könnte. Doch das ist im Rollstuhl gar nicht so einfach. Oder ich könnte weggehen, für immer weggehen – von zuhause, vom Heim, vom Sonntag, von allem. Doch auch das schien mir aussichtslos.

Diesen Sonntag gab es Zopf, doch schon beim Aufstehen war diese leise Trauer da. Abschied lag in der Luft. In der Küche klirrte und klapperte es zwar munter. Mutter bereitete das Morgenessen vor, deckte den Tisch. Es roch nach Kaffee. Doch dieser Duft und die Geschäftigkeit der Mutter vermochte die Abschiedsstimmung nur vorübergehend zu vertreiben. Am Nachmittag musste ich zurück ins Heim und durfte erst zwei, drei Wochen später wieder nach Hause kommen. Erst viele Jahre später machte mir das nichts mehr aus. Damals, an jenem Sonntag, hätte ich alles gegeben, um nicht wieder von zuhause fort zu müssen. Mir ging durch den Kopf, dass ich mich verstecken könnte. Doch das ist im Rollstuhl gar nicht so einfach. Oder ich könnte weggehen, für immer weggehen – von zuhause, vom Heim, vom Sonntag, von allem. Doch auch das schien mir aussichtslos.

Als wir alle am Tisch sassen, meine drei Geschwister, die Eltern und ich, verflogen diese düsteren Gedanken wieder, machten dem Kinderalltag Platz. Ich glaube, wir spielten nach dem Essen auf dem Wohnzimmerboden Halma oder Elferraus. Möglich, dass die Schwester, die älteste von uns Kindern, sich bald in ihr Zimmer zurückzog. Denn ihre Brüderchen waren ihr alle ein bisschen zu klein – und zu kindisch. In der Küche wurde bereits das Mittagessen vorbereitet. Es gab Hähnchen mit Pommes Frites und gedämpfte Tomaten. Als Mutter das Hähnchen im heissen Fett anbriet, zischte es laut aus der Küche. Regelmässig holte sie sich dabei durch einzelne Spritzer leichte Verbrennungen an Händen und Oberarmen. Oft half Vater am Sonntag in der Küche. Abwaschen war sein Spezialgebiet. Mit unglaublichem Eifer polierte er jeweils am Schluss den Chromstahl des Waschbeckens und der Kombination, dass wir daran zweifelten, ob wir die Küche je wieder betreten durften.

Nach dem Mittagessen rückte der Abschied in bedrohliche Nähe. Zwar ging es erst etwa um 15 Uhr los. Aber die Zeit bis dann war verlorene Zeit – Zeit, die unerbittlich vorrückte und nicht mehr die Kraft hatte, das Unausweichliche vergessen zu machen. Zu packen gab es nur wenig, vielleicht ein paar frisch gewaschene Kleider und ein Mitbringsel, das mich im Rossfeld an zuhause erinnern sollte. Die restliche Familie stand oft draussen, als Vater und ich uns auf den Weg machten. Der eine oder die andere verdrückte eine Träne, zumindest die ersten Jahre. Die Fahrt mit dem Auto dauerte jeweils eineinhalb bis zwei Stunden. Bis zum Passwang – damals gab es im Baselbiet noch keine Autobahn – bewegten wir uns in heimatlichen Gefilden. Die Fremde begann erst in Balsthal, wo wir dann bald auf die Autobahn kamen.

Oft fuhren wir schweigend, Vater und ich: Vater, weil er gerne schwieg beim Autofahren, vielleicht konnte er sich so besser konzentrieren; ich, weil ich bedrückt war. Die letzte Strecke zwischen dem Jura und Bern liessen wir viel zu schnell hinter uns, und bald waren wir vor der gläsernen Porte des Schulheims Rossfeld.

Wenn es bloss andere Kinder gehabt hätte! Wenn es bloss nicht so still und dunkel gewesen wäre. Vater brachte mich durch den langen, einsamen Gang «auf die Familie», wo ich von der Familienmutter in Empfang genommen wurde. Vater verabschiedete sich eher förmlich als herzlich. Und als er gegangen war, überkam mich eine bodenlose Verlassenheit, eine untröstliche Einsamkeit, die, solange die Familienmutter im Raum war, zu Stummheit gerann. War ich später allein im Zimmer, weinte ich.

Seitdem und bis heute ist der Sonntag der traurigste Tag der Woche, besonders nachmittags und abends. Er schmeckt nach der grauen Watte des Abschieds von dem, was mir am liebsten ist. Er schmeckt nach Trauer, Melancholie, nach schwarzer Galle.

Der sicherste Ort

Der sicherste Ort, den es für mich gibt, ist in mir drinnen, tief in mir drinnen – so tief, dass ich ihn zuweilen aus den Augen verliere und so lebe, als gäbe es ihn nicht. Ich bin dann ein Heimatloser in einer mir fremden Welt, ausgesetzt auf einem unbekannten Planeten und ohne Schutz vor Stürmen und all den anderen Zumutungen des Lebens. Doch dann erinnere ich mich wieder an diesen sturmsicheren Ort und weiss augenblicklich, dass alles gut wird.

Schon als Kind wusste ich von diesem Ort. Er fühlte sich damals an wie ein grosser, geräumiger Raum in mir drinnen, über dessen Dimension ich mir nicht sicher war. Nicht ausgeschlossen, dass dieser Seelenraum so weit war wie das Weltall selbst – oder noch weiter. Und es war dort still, so überwältigend still wie nirgendwo sonst. Nicht eine leere Stille war das, nicht die Abwesenheit von Lärm. Vielmehr war da ein erfülltes, tröstliches Schweigen, ein Seelenfrieden, wie ihn das kleine Kind erfassen mag, wenn es nach langen Entbehrungen den stillen Atem seiner Mutter am Ohr verspürt. Das Tosen der Welt erschöpft sich in diesem Schweigen. Auch emotionale Stürme, Ängste, Leidenschaften, Trauer verklingen in dieser weiten Stille, verblassen zu abstrakten Begriffen. Wenn Begriffe dort überhaupt eine Bedeutung haben.

Noch jedesmal, wenn ich in tiefer Not war, öffnete sich dieser Raum wie von selbst und die Not wurde gelindert – oder sie verlor ihren Schrecken angesichts der sich öffnenden Weite. Ganz gleich, was dann äusserlich auch geschehen mochte, ich nahm es eher verwundert zur Kenntnis, als dass es mich wirklich betraf.

Der sicherste Ort, den ich kenne, ist in mir drinnen. Dort ist meine Zuflucht, meine Heimat.

Der typische und nervige Artikel gegen die Fussball-Weltmeisterschaft

Wie sage ich es meinen Gesinnungsgenossen, die zwar politisch engagiert, aber auch fussballverrückt sind, WM-verrückt, und die ihr politisches Bewusstsein für die Zeit des WM-Taumels entweder gänzlich abschalten oder dank fadenscheiniger Argumente auf Sparflamme brennen lassen? Der spanische Schriftsteller und Journalist Isaac Rosa redet ihnen ins Gewissen – aller Voraussicht nach allerdings vergeblich. – Übersetzung: Walter B.

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Bild: Evil Preacher (CC-Lizenz via flickr)
Bildunterschrift: Jedes Mal, wenn ich nach Spanien komme, begegnen mir Menschen mit diesem Problem.

Bevor ihr es mir unter die Nase reibt, sage ich es lieber selber: Fussball gefällt mir nicht, weil ich davon nichts verstehe. Ich bin ein armer Tropf, dass ich mir so etwas Grossartiges entgehen lasse. Ich fühle mich intellektuell und moralisch überlegen. Ich bin voller Widersprüche und heuchlerisch, denn ich habe Hobbys und Verhaltensweisen, die nicht minder kritikwürdig sind. Ich bin verbittert und nachtragend, weil ich von der Begeisterung der Mehrheit ausgeschlossen bin. Gut denn! Nun ist es gesagt, und ich stehle euch weder Zeit noch Aufmerksamkeit, die ihr doch für das Non-stop-Fussballgaudi der nächsten Wochen braucht.

Wenige Dinge wecken mehr Widerwille, als wenn man gegen den Fussball anschreibt.

Wenige Dinge wecken mehr Widerwille, als wenn man gegen den Fussball anschreibt. Du magst zu jeder anderen Sache deine Meinung äussern: zu Monarchie, Religion, Nationalismus, Stierkämpfen, ETA. Bei keinem anderen Thema erntest du so viel Unverständnis und Verachtung, wie wenn du das Fussballgeschäft, die Informationsflut in diesem Zusammenhang, die Allgegenwärtigkeit des Fussballs kritisierst. Wenn unter uns irgend ein Konsens besteht, so ist das zweifellos der Fussball, der zudem in letzter Zeit eine intellektuelle Tünche erhalten hat, damit auch noch der letzten Widerstand gebrochen wird.

Also hasst mich! Aber ich kann nicht anders: Fussball gefällt mir nun mal nicht. Und wenn ich Fussball sage, so meine ich nicht den Sport an sich, sondern ebendas, was euch so gefällt: gerade nicht der Fussball ohne jegliche Zutat, sondern jene Mischung aus Spektakel und Geschäft, die zurzeit ihre glanzvollsten Wochen erlebt.

Eben erst hat die Weltmeisterschaft begonnen, und schon bin ich all die Spezialsendungen satt, all die Sonderseiten, die Nachrichtensendungen zu einem einzigen Thema, die fussballverseuchten sozialen Netzwerke, all die stornierten Termine, weil sie mit Partien zusammenfallen, die Verschiebungen, die Werbeflut, die allgemeine Ablenkung und Neutralisierung der sozialen Spannungen.

Natürlich habe auch ich meine Hobbys. Und es gibt nichts daran auszusetzen, dass die Leute die Möglichkeit nutzen, ihrem Alltag zu entfliehen, dass sie ihre Entspannung haben und ihre Leidenschaften. Aber keine ist so stark und anziehend wie der Fussball. Und da spreche ich noch nicht einmal vom plötzlich aufbrechenden Hurrapatriotismus, der für einmal nicht mit kurzgeschorenen Haaren einhergeht. Überall prangen die Nationalfarben Rot und Gelb. Und alle sind vereint im selben Traum. Und so weiter. Und so weiter. Sagt mir bloss nicht, ich solle doch einfach darüber hinwegsehen und mein Leben leben! Ich solle die Zeit während der Fussballspiele nutzen, um etwa ins Kino zu gehen. Denn in Wirklichkeit gibt es kein Ausserhalb des Fussballs. Er nimmt alles in Beschlag.

Ich höre schon meine Aktivistenkumpels sagen: Fussball gehört nicht den Rechten. Und kommt mir bloss nicht mit diesem oder jenem Denker, Poeten oder Revolutionär, der fussballbegeistert war. Das wäre dasselbe Totschlagargument, wie es die Anhänger des Stierkampfs bemühen. Zudem gehe ich davon aus, dass ihr bei all dem Fussball nicht den König und das Referendum [zur Monarchie in Spanien] vergesst, die Vereinigte Linke, die Sparmassnahmen, die Zwangsräumungen und das Abtreibungsgesetz. Ich gehe davon aus, dass ihr an den nächsten Kundgebungen nicht fehlen werdet, auch wenn diese zweifellos so organisiert sein werden, dass sie nicht mit den wichtigsten Fussballspielen zusammenfallen.

Ich weiss, dass ihr gegenüber den Protesten der Brasilianer nicht unsensibel seid – und auch nicht gegenüber der Repression, die diese auslösen. Ich weiss, dass ihr eure Augen vor dem weltmeisterschaftlichen Pomp in einem Land mit so viel Ungleichheit nicht verschliesst. Bestimmt lassen euch auch die toten Arbeiter auf den Baustellen der brasilianischen WM und auch jene in Katar nicht kalt. Ich weiss, dass ihr fähig seit, «Tor» zu rufen und zugleich all diese Anklagen zu retweeten.

Ich bewundere eure Fähigkeit zur Dissoziation, wenn es um Fussball geht. Ihr seid fähig zu geniessen, verrückt zu werden und zu feiern, auch wenn ihr wisst, dass dies ein gigantisches Geschäft ist in Händen von korrupten Organisationen wie der FIFA, von dunklen Magnaten, welche die Clubs besitzen, von widerlichen Sponsoren und von Regierenden, die beide Augen zudrücken: die einen, weil sie vor den Organisatoren einknicken, die anderen, indem sie den Besitzern der lokalen Mannschaft zum Beispiel Grundstücke zuschanzen. Ihr feiert das grosse Fussballfest, auch wenn ihr wisst, dass die Spiele von frühreifen Millionären bestritten werden, die zum sozialen Vorbild werden und letztlich über eure Petitionen, die Extraprämien doch bitte zu spenden, nur lachen. (Wie dies schon in früheren Meisterschaften geschehen ist, welche dieselbe Debatte ausgelöst haben.)

Die Dinge ändern sich. Wir sind nicht mehr dieselben wie noch vor einigen Jahren. Wir sind als Gesellschaft reifer geworden. Unsere Ansprüche sind gestiegen. Wir wollen dieses gefallene Land verändern … Doch der gewichtigste Wandel geschähe an dem Tag, an dem wir aus Solidarität mit jenen, die protestieren, darauf verzichten, uns ein WM-Spiel anzuschauen. Oder an dem Tag, wo wir unsere Mannschaft aufgeben, weil wir ihre mafiöse Führung ebenso wie die steuerlichen und städtebaulichen Privilegien ablehnen, die ihr von der Regierung oft zugestanden werden. Wenn dies eintrifft, werde ich fortan alles für möglich halten.

Hier ist er also. Jemand musste ja den typischen und nervigen Artikel gegen die Fussball-Weltmeisterschaft schreiben. Und nun hat es halt mich getroffen. Für diese Frechheit bitte ich euch um Entschuldigung. Aber ich kann beruhig sein: Bestimmt habt ihr euch die nächste Fussballpartie nicht vermiesen lassen. – Hallo! Hallo! Ist hier jemand?


Hier geht es zum Original des Artikels von Isaac Rosa auf eldiario.es.

 

Alfonsina und das Meer

AlfosinaStorniAlfonsina Storni (1892 – 1938), argentinische Journalistin, Schriftstellerin und Poetin mit Schweizer Wurzeln, war ihrer Zeit weit voraus. Schon von früh an wehrte sie sich «gegen hergebrachte Stereotypen des Weiblichen als des ‹sanften, unterwürfigen Elements›» (Wikipedia) und führte von jung an ein nonkonformistisches und selbstbestimmtes Leben. Heute würde man sie eine Feministin nennen. Im Argentinien jener Zeit war dies eine grosse Herausforderung an die Männerwelt, zumal ihre Gedichte immer mehr Anklang fanden. Als ledige Mutter flüchtete sie vor Ausgrenzung und Diffamierung nach Buenos Aires, wo sie sich und ihren Sohn mit unterschiedlichsten Arbeiten über Wasser hielt: Sie war unter anderem Kassiererin in einer Apotheke und Korrespondentin einer Handelsfirma. Wann immer möglich schrieb sie Gedichte, weil Schreiben für sie lebensnotwendig war.

Trotz der vielen literarischen Preise und der Berühmtheit, die sie mit der Zeit erlangte, blieb sie ihrem eigenen Kosmos treu: eine eigenwillige, rätselhafte Frau und Dichterin bis heute. Vollends zur Legende in Lateinamerika wurde sie durch ihren Freitod in den Wellen des Atlantiks bei Mar del Plata.

Davon zeugt das bekannten Lied «Alfonsina y el Mar» von Ariel Ramirez (Musik) und Felix Luna (Text). Mercedes Sosa machte dieses Lied und somit die mutige und traurige Lebensgeschichte Alfonsina Stornis weltberühmt. Es gibt aber eine Vielzahl von Vertonungen, von folkloristisch bis jazzig.

Zunächst die Übersetzung des Liedtextes von meiner Hand:

Auf dem weichen Sand, beleckt vom Meer,
verliert sich die Spur ihrer kleinen Füsse.
Ein einsamer Pfad in Schmerz und Stille führte
bis zum tiefen Wasser.
Ein einsamer Pfad in stummem Kummer führte
bis zur Gischt.

Weiss Gott, welch’ Ängste dich begleiteten,
welch alter Schmerz deine Stimme zerbrach,
um dich beim Gesang der Meeresmuscheln
in den Schlaf zu wiegen,
beim Lied der Muscheln
in der dunklen Tiefe des Meeres.

In deiner Einsamkeit gehst du hin, Alfonsina.
Welch’ neue Verse gingst du suchen?
Eine alte Stimme von Wind und Salz
umschmeichelt deine Seele und nimmt sie mit sich.
Du gehst hin, wie in Träumen, Alfonsina,
schlafend und vom Meer umhüllt.

Fünf Meerjungfern werden dich
über Wege von Seetang und Korallen geleiten.
Und schillernde Seepferdchen
werden dich umschwärmen.
Und bald werden die Wasserwesen
an deiner Seite spielen.

Dämpfe mir das Licht etwas.
Lass mich in Ruhe schlafen, Amme.
Und wenn er mich ruft, sag nicht dass ich da bin,
sag ihm, dass Alfonsina nicht zurückkehrt.
Und wenn er mich ruft, sagt nie, dass ich da bin.
Sag, dass ich gegangen bin.

In deiner Einsamkeit gehst du hin, Alfonsina.
Welch’ neue Verse gingst du suchen?
Eine alte Stimme von Wind und Salz
umschmeichelt deine Seele und nimmt sie mit sich.
Du gehst hin, wie in Träumen, Alfonsina,
schlafend und vom Meer umhüllt.

Hier eine wunderschön dramatische Vertonung von Jairo und Lito Vitale: [Read more…]

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