Zurück aus Indien – Eine Nachlese

Seit zwei Wochen bin ich nun zurück. Und schon verblasst die Erinnerung an die wunderbare Zeit in Indien, an eine Zeit, die sich doch, wie ich gemeint hatte, mit einer gewissen Vehemenz in mein Gedächtnis eingebrannt hatte. Nein! Es ist, als würde ich aus einem seltsamen und doch berührenden Traum aufwachen. Verwundert blicke ich darauf zurück und versuche, möglichst viele Bilder festzuhalten, bevor der Traum vollends verklingt. ­– Hier ein paar davon.

Shiva ist überall
Schöpferische Zerstörung um mich her. Oder ist es blanke Zerstörung – ohne das Schöpferische? Die Einfallstrasse nach Pondicherry sieht jedenfalls so aus, wie wenn eine Bombe eingeschlagen wäre. Am Strassenrand Gräben, daneben aufgehäufte Erde und Kies. Die Fussgänger weichen auf die Fahrbahn aus – was lebensgefährlich sein kann. Ein Lastwagen steht quer auf der Strasse und lädt umständlich Kies ab, während sich die Autos und Busse in beiden Richtungen stauen. Kein Polizist weit und breit. Durch die dabei entstehende Staubwolke kämpfen sich Motorräder. Es werden immer mehr. Ganze Schwärme von knatternden, zweirädrigen Insekten werden aus der Staubwolke geboren und strömen mir entgegen. Staubgeruch und Dieselwolken, Hupen und Motorengebrüll hüllen mich vollends ein. – Bis es ganz still wird und nur noch ein leises, inneres Vibrieren mich daran erinnert, dass ich noch am Leben bin. Nun ist es Jasminduft, der mich erfrischt, und zarter himmlischer Gesang um mich her. Nun weiss ich, dass genau diese Sphärenharmonie in jenem Höllenlärm steckt. Und dahinter ist Stille, unendliche Stille und Freude …

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Im Raumschiff
Im Zentrum von Auroville steht ein Raumschiff: der Matrimandir. Zwar hat ihn noch niemand wirklich fliegen gesehen. Doch keine Frage: Dieses seltsame und erstaunliche Gebilde transportiert die Menschen hin zum Kosmos und den Kosmos hin zu den Menschen. Wie das? Ich habe es selbst erlebt: Auf einem weissen Stuhl mit Tragestangen wurde ich von vier jungen Einheimischen in die kreisrunde Meditationshalle getragen. (Der Matrimandir ist alles andere als rollstuhlgängig.)

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Die Halle misst etwa fünfundzwanzig Meter im Durchmesser und ist ganz in einem crèmefarbenen Weiss gehalten. Darüber eine Kuppel, durch die am Zenit ein gebündelter Sonnenstrahl senkrecht herunterfällt. Auf einem Metallgestell am Boden steht eine Glaskugel (Ø = 70 cm), die diesen Sonnenstrahl auffängt beziehungsweise weiter nach unten leitet, durch den ganzen Baukörper des Matrimandir hindurch, also durch die ganze, leicht abgeflachte Kugel, die die Aussenhülle darstellt. Und unter dieser Kugel befindet sich ein kleiner Teich, leicht trichterförmig gebaut und mit Lotusblütenblättern aus Marmor belegt, die wie Dachziegel angeordnet sind. Über diese Lotusblätter gleitet von der Peripherie her eine dünne Schicht Wasser bis zum Zentrum. Dort steht wieder eine, aber deutlich kleinere Glaskugel, auf die der gebündelte Sonnenstrahl letztlich trifft. (Zur Verdeutlichung siehe Querschnittzeichnung des Matrimandir.)

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Der Kosmos kommt im Matrimandir also via Sonnenlicht zum Menschen. Und wie kommt der Mensch im Matrimandir hin zum Kosmos? Durch die Kraft der Konzentration und der Gedankenruhe. Ich habe es selbst erlebt.

Du sollst dir kein Bildnis machen …
Der indische Götterglaube hat etwas Diesseitsorientiertes, Lebensfrohes, zuweilen geradezu rauschhaft Massloses. Er stellt sich so dem manchmal rigorosen Entsagungseifer der monotheistischen Religionen deutlich gegenüber. Als Beispiel hier der Bilderrausch an der Fassade des Minakshi-Tempels in Madurai, Südindien. (Foto: Hector Garcia via flickr.)

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Die letzten Tage in Indien

Die zehn Tage in Kerala hatten es in sich. Das war eine kräftige Portion «real India» – und ganz schön anstrengend. Immerhin sind wir knapp 2’000 Kilometer gefahren. Das sind 4’000 gefühlte indische Kilometer, wenn man den Strassenzustand und die Tatsache bedenkt, dass jedes Dorf, jede Stadt, ausser vielleicht die grössten Städte, durchquert werden müssen, was zuweilen ein geradezu abenteuerliches Unterfangen ist. Hinzu kommen bestimmt etwa hundert Kilometer, die ich mit dem Trac unterwegs war, wenn nicht mehr – allein in Kerala wohlverstanden, gesamthaft ist es ein Vielfaches. Die Distanz alleine macht es allerdings nicht aus. Vielmehr ist es die Intensität, die Ballung des indischen Lebens: der Menschen, der Farben und Gerüche, der Schönheit – und der Hässlichkeit, des Verkehrs in den Städten und, und, und …

Es ist deshalb wunderbar, dass ich die letzten Tage ziemlich ruhig verbringen kann: im Quiet Healing Center – nicht eigentlich ein Wellnesshotel, vielmehr wirklich ein Therapiezentrum mit angegliederten Guesthouses, allerdings beides in aurovillianischer Art. Was das heisst? Es hat Stil … Direkt am Meer gelegen, bietet das Healing Center Therapien (und Kurse für angehende Therapeuten) in einer unglaublichen Vielzahl an – verschiedene Massagen, Wassertherapien, darunter Watsu, das ich besonders schätzen gelernt habe, bis hin zur herkömmlichen Physiotherapie und klassischen Homöopathie –, all dies ausgeübt durch ausgezeichnete TherapeutInnen.

Die Bungalows sind auf einem grossen Gelände verstreut und bieten unterschiedlichen Komfort. Hier eine Auswahl:

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Ich selber wohne in einem etwas moderneren Gebäude mit vier Wohneinheiten (ein Raum + grosszügiges Bad mit WC und Dusche). Die Einheiten im Parterre sind komplett ohne Stufen zugänglich und recht rollstuhlgängig, vielleicht nicht nach Norm, doch für meine Bedürfnisse ausgezeichnet. Bei der Dusche kam und kommt mir eine indische Besonderheit zugute: Da Duschkabinen viel zu teuer sind, ist auf der einen Seite der meisten Badezimmer einfach ein Ablauf eingelassen. So brauche ich nur einen wasserdichten Stuhl zu organisieren, meistens aus Plastik, und kann problemlos eine Dusche nehmen – ein Segen bei dieser Hitze! Hier also wohne ich:

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Und so sieht es vor der Haustüre aus, im Hintergrund die Meeresweite:

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Hier verbringe ich also meine letzten Tage in Indien. Zum Abschied werde ich ein kleines Gitarrenkonzert kredenzen, zu denen ich Menschen eingeladen habe, die ich in den beiden Monaten näher kennen gelernt habe.

Und dann: Adieux Murugan! Adieux Alex! Adieux Susmita! Adieux Mutulaksmi! Adieux Sivakumar! Adieux Indien! Werde ich je wiederkommen?

Munnar: Tee, Tee, Tee, Tee

Die Reise von Fort Cochi zurück in die Berge hat es in sich: Zunächst gilt es, den Ballungsraum rund um Cochin und Ernakulam hinter uns zu lassen. Einfacher gesagt als getan. Denn es müssen mehrere lange Brücken überquert werden, an denen offenbar ständig Ausbesserungsarbeiten vorgenommen werden. Das führt dann – mitten auf der Brücke – zu Engstellen, etwa wenn die Fugen erneuert werden. Geregelt wird der Verkehr nicht. Vielmehr quetscht man sich auf der einen, passierbaren Strassenseite aneinander vorbei. Auf dem Motorrad – und diese sind in einer mächtigen Überzahl – ist man da deutlich im Vorteil. Doch früher oder später kommt der Augenblick, wo nichts mehr läuft, die Engstelle verstopft ist. So haben wir auf einer Brücke drei Viertel Stunden ausgeharrt … Nach längerer Zeit kommt ein Polizist hergelaufen, vielleicht weil sich der Verkehr bis in die Stadt hinein gestaut hat, und versucht mit Trillerpfeife und dem Anschein von Autorität den Knoten zu lösen.

Zu bedauern sind die Strassenarbeiter, darunter auch Jungs ab vielleicht 15 Jahren. An der prallen Sonne – und diese ist in Cochin gnadenlos – hantieren sie mit heissem Teer, den sie im Schubkarren vom nahen Teerkocher herbeischaffen. Zwischendurch nehmen sie einen Schluck aus einer schmutzigen Flasche abgestandenen Wassers. Und ich will wetten, sie verdienen weit unter dem Durchschnittslohn, der 2009 etwa 3’400 Rupien betrug, also etwas weniger als 50 Euro – monatlich wohlverstanden.

Teeplantagen um Munnar
Die Reise geht weiter in die Berge. Sobald wir etwas höher steigen, beginnt wieder der üppige, immergrüne Primärwald mit Baumriesen und dichten Unterholz. Über weite Strecken sind es aber auch Kautschukplantagen, allerdings nie in grossen zusammenhängenden Flächen. Je mehr Höhe wir gewinnen, umso eindrücklicher wird die Landschaft. Fels und üppiges Grün in allen Schattierungen wechseln sich ab. Für den Kautschuk ist es nun zu hoch. Zwischendurch kleine Wasserläufe und auch -fälle, die sogar Wasser führen.

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Und plötzlich nur noch Teesträucher. In der Gegend um Munnar (1’600 m ü.M.) gibt es kaum mehr Primärwald, sondern nur noch Teeplantagen, so weit das Auge reicht, und ab und zu ein Stück Eukalyptuswald, den man mit gleichem Recht als Plantage bezeichnen muss, denn nur zur Gewinnung von Feuerholz für die örtliche Bevölkerung ist der schnell wachsende und Nährstoff zehrende Baum angepflanzt worden. Das sieht dann etwa so aus:

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Was sehr pittoresk daherkommt, ist ökologisch eine Katastrophe: Monokultur in reinster Form. Die ganze Region ist von der kommerziellen Nutzung des Tees geprägt. Und alle – wirklich alle! – Plantagen gehören hier der Tata-Gruppe, einem der weltweit grössten Konzerne. Die Einheimischen sind zu Angestellten von Tata Global Beverages Limited geworden, ob sie es wollten oder nicht.

Nach alter Manier der Patrons sorgt sich der Konzern allerdings auch um seine Angestellten. So habe ich eine Schule und eine Werkstätte für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen besucht, die von Tata Beverages betrieben werden und den Kindern mit Behinderung eine schulische Förderung sowie den erwachsenen Behinderten eine mehr oder weniger sinnvolle Tätigkeit ermöglicht – eine Seltenheit in Indien, wo der Staat die Menschen mit Behinderung weitgehend im Stich lässt.

Doch mehr dazu in einem späteren Beitrag …

Fort Cochin: Hafenbetrieb nach meinem Geschmack

Ich liebe nunmal Meereshäfen, besonders wenn sie schmutzig und heruntergekommen sind. Der fischige Geruch des trüben Wassers, auf dem einzelne schillernd grüne Diesellachen treiben, die geschwärzte Mole und die rostigen Kähne, das Gehämmer und Gerufe, das Gezeter der Möwen sowie die einzelnen trüben Gestalten, die ihren Blick in die Ferne richten, ebenso sehnsüchtig wie verloren – all diese zweifelhafte Romantik spricht mich mehr an als die gnadenlos effiziente Umschlagsmaschinerie moderner Containerhäfen, in denen kaum ein Mensch zu sehen ist und wo Sehnsucht und Fernweh in Kisten gesperrt sind.
In Fort Cochin bin ich deshalb gerade richtig. Es ist heiss und feucht. Der Containerhafen ist weit weg. Und trotzdem werden hier Waren umgeschlagen, allerdings mehrheitlich von Hand und in grossen Säcken, so dass oft erkennbar ist, worum es sich handelt, etwa wenn bei einem grob genähten Sack einzelne getrocknete Chilischoten hervorlugen. Insbesondere die Bazaar Road hat es mir angetan, wo die Händler in ihren offenen Shops an kleinen Tischen sitzen und irgend etwas berechnen oder um einen Preis feilschen. Im Rest des Raumes sind Säcke gestapelt. Auf der viel zu engen Strasse stehen einzelne Lastwagen, die mit ebendiesen Säcken beladen werden. Für andere Autos oder gar Lastwagen ist während dieser Zeit kein Durchkommen. Nicht selten wird noch im Anfahren ein einzelner Sack hochgehievt. Hier bin ich also unterwegs, beobachte, staune, schlängle mich neben Lastwagenrad und Autorischka durch das inspirierende Chaos.

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Ein Frachter auf dem Weg zum nahe gelegen Hochseehafen

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Getümmel in der engen Bazaar Road

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Ein altes Handelshaus

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Zwischendurch kann sich das Auge ausruhen …

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… bevor es wieder vom Chaos angezogen wird.

Ach ja: Und dann gibt es noch die «chinesischen Fischernetze», für die Fort Cochin weitherum bekannt ist.

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On the Backwaters

Nach zwei Tagen und Nächten in und um Thekkady, wo die Temperaturen angenehm «kühl» sind – das heisst etwa so wie bei uns im Sommer –, geht es weiter an die Westküste Südindiens, in die Backwaters bei Alleppey. Hier ist es nun wirklich warm und sehr feucht. Wasser und Land spielen verrückt – und der Mensch trägt das Seine dazu bei (Wikipedia): «Die Backwaters umfassen 29 größere Seen und Lagunen, 44 Flüsse sowie insgesamt rund 1500 Kilometer teils natürliche, teils künstlich angelegte Kanäle. Der größte See ist der 83 Kilometer lange, zum Arabischen Meer hin geöffnete Vembanadsee. Weitere große Gewässer sind der Ashtamudi- und der Kayamkulamsee.
41 der 44 Flüsse, die die Backwaters durchziehen, fließen in westlicher Richtung zum Arabischen Meer, drei fließen nach Osten.»
Auf der Karte sieht das so aus:

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Durch die intensive landwirtschaftliche Nutzung des Umlandes (Stichwort: Bewässerung) und die starke Belastung durch die Abwässer sind die Backwaters heillos überdüngt. Vor allem die Wasserhyazinthe profitiert davon und breitet sich geradezu epidemisch aus, so dass ganze Kanäle unpassierbar werden und langsam verlanden.
Hier ein Foto, auf dem Wasserhyazinthen – noch harmlose – schwimmende Inseln bilden:

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Einen Tag und eine Nacht war ich – zusammen mit einem Bootsführer und einem Koch mit wechselnder Rollenverteilung – auf einem Hausboot in den Backwaters unterwegs (siehe Pin auf der Karte): ein besonderes Erlebnis, von dem die paar folgenden Bilder vielleicht eine kleine Ahnung vermitteln können.

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Abfahrt in Alleppey

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Unterwegs auf der «Wasserstrasse» …

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… allerdings nicht ganz alleine

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Enge Kanäle wechseln sich mit weiten Wasserflächen ab.

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Ankunft am Ausgangsort: Der fahle Nachgeschmack, doch wieder nur einer von vielen Touristen gewesen zu sein …

Thekkady: Erste Bergstation – und ein blaues Auge

Insgesamt etwa neun Stunden sind wir die ersten beiden Tage durch ein topfebenes Tamil Nadu gereist, vorbei an unzähligen kleinen Reisfeldern, Mangopflanzungen, Kokoshainen und Zuckerrohrfeldern, vorbei an kleinen, ärmlichen Dörfern mit palmwedelbedeckten Häuschen und zusammengeschusterten Hütten, als wären sie von Zwergen erbaut. Das Land erstrahlt zwar in sattem Grün und ist überaus fruchtbar. Doch die Landwirtschaft scheint nicht viel abzuwerfen, jedenfalls nicht für die einfachen Bauern.

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Tamil Nadu: Grün und oft ärmlich (Foto: Claire Shah via flickr)

Wie wir uns den Bergen nähern, werden die Kokospalmen zahlreicher. Sie werden hier hauptsächlich ihrer Fasern wegen angebaut. Seit längerem sind am Horizont erste Hügel auszumachen. Doch sie kommen und kommen nicht näher. Ich sehne mich geradezu nach den Bergen oder zumindest nach Hügeln und nehme jede noch so kleine Erhebung mit geschärftem Blick wahr. Erst jetzt merke ich, dass ich seit bald fünf Wochen keinen einzigen Hügel gesehen habe, und frage mich, warum ich das als Mangel empfinde. Ist es, weil Hügel und Berge die Landschaft reicher, vielgestaltiger machen? Oder weil sie die Möglichkeit bieten, übers Land und womöglich in die Weite zu schauen? Oder ist es einfach nur, weil ich Hügel von zuhause gewöhnt bin?

Fahrt durch eine Orgie in Grün

Erst kurz vor der Grenze zu Kerala beginnt der Aufstieg in die Berge. Und hier beginnt auch ein ausgedehntes Waldgebiet in einer Art, wie ich es noch selten erlebt habe (sogenannter immergrüner Trockenwald): Kaum ein Baum gleicht dem anderen. Es müssen Hunderte von Arten sein, die hier wachsen, darunter Baumriesen mit einem Stammdurchmesser von bis zu drei, vier Metern, vielleicht auch mehr. Dominierende Farbe ist ein sattes dunkles Grün. Nur im dichten Unterholz ist zuweilen helleres, saftigeres Grün auszumachen. Nicht selten besteht das Unterholz aus kleinen Bambusarten. Durch diese Orgie in Grün schlängelt sich eine schmale, holprige Strasse, auf der wir – durchaus zu meiner Freude – nur langsam vorwärts kommen. In den Dörfern dominieren Bananenstauden. Einzelne Bäume mit ausladender Krone stehen an markanter Stelle, darunter kleine Verkaufsbuden, wie man sie in ganz Südindien antrifft, oder Jeeps, die hier ebenso als Taxi dienen wie die dreirädrigen Autorikschas. Einen regionalen öffentlichen Verkehr scheint es nicht zu geben.

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Blick über das Periyar-Naturschutzgebiet (Foto: indiawaterportal.com via flickr)

Touristenfalle Thekkady
Thekkady ist in der Hochsaison voller Touristen, die ins nahe Periyar-Naturschutzgebiet wollen, wo es Tiger und wild lebende Elefantenherden geben soll. Natürlich bekommen sie (die Touristen) diese (die Tiger und Elefanten) kaum zu Gesicht. Vielmehr bewegen sie sich zu festgesetzten Zeiten und überhöhten Preisen auf ausgetrampelten Pfaden durch die äusserste Peripherie des Gebietes. Die Saison geht dem Ende zu. Es hat nur noch wenige Touristen. Entsprechend scharf sind die Händler – hauptsächlich Kaschmiris, die hier vor den politischen Verwerfungen in ihrer Heimat Zuflucht gefunden haben – auf jeden einzelnen … Ich lege mir ein dickes Fell zu, bin ich doch wegen des Tracs, dem Rollstuhlzuggerät, die Sensation im Dorf.

Mit blauem Auge davongekommen
Der Trac wird mir etwas später auch zum Verhängnis. Das kam so: Ich liess vier Buben unterschiedlichen Alters abwechselnd auf dem Trac reiten. Der älteste war hinter mir und schob den Rollstuhl. Dabei musste er die Geldbörse in meiner Rückentasche entdeckt haben. Dass sie nicht geschlossen war, ist ein unverzeihlicher Fehler … Mit einem Mal stieben alle davon und rannten ins Gelände. Zwar wunderte ich mich, dass ihr Interesse so plötzlich nachliess, schrieb das aber ihrer Kindesnatur zu. Erst eine knappe Stunde später entdeckte ich, dass die Brieftasche weg war. Neben einigem Geld war auch die Kreditkarte und die Postcard drin … Erst dann erinnerte ich mich auch, dass die Kinder beim Davonrennen etwas in der Hand hatten, das sie bald fortwarfen. Das musste meine Brieftasche gewesen sein. Auch erinnerte ich mich an ihre kindliche Freude – wie wenn sie ein Eis geschenkt bekommen hätten –, als sie sich in Sprüngen davonmachten.
In der Hoffnung, wenigstens meine Brieftasche und womöglich die Karten zu finden, versuchte ich, Leute zu mobilisieren, die mir beim Suchen halfen. Vergebens! Niemand konnte Englisch oder verstand mein Anliegen, das ich mit Gesten auszudrücken versuchte. So fuhr ich selber ins recht unwegsame Gelände und fand zu meiner Erleichterung bald die Brieftasche. Allerdings war sie leer – bis auf die Kreditkarte. Immerhin! Inzwischen sind auch Englisch sprechende Einheimische hinzugestossen und haben einen Polizeioffizier mobilisiert. Um es kurz zu machen: Auch der restliche Inhalt der Brieftasche wurde gefunden – ausser das Bargeld: etwa 10’000 Rupien, was ungefähr 170 Franken entspricht. Insgesamt bin ich mit einem blauen Auge davon gekommen. Von einer Anzeige habe ich abgesehen, nachdem ein junger Mann mir erklärte, wie die Polizei mit den Kindern und ihren Familien verfahren würde. Zudem scheute ich die ganze Prozedur, die eine Anzeige mit sich bringen würde.

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Der Ort des Geschehens (eigenes Foto)

Was für ein Schicksal wurde da in Gang gesetzt?
Später durchzuckten mich folgende Fragen: War nicht ich der eigentlich Schuldige, Verantwortliche, der aus Fahrlässigkeit einem Burschen die Gelegenheit bot, förmlich hinterrücks zu Geld zu kommen? Wer weiss, wie ihn die Armut drückte? Und war er nicht fast ebenso unfreiwillig zum Dieb geworden wie seine jüngeren Spielkameraden zu Komplizen? Was für ein Schicksal wurde durch diesen Vorfall in Gang gesetzt?

Nachtrag:
In Cochin sprach mich ein Mann an, ein einheimischer Fahrer, der am Tag zuvor in Tekkady war. Die Geschichte sei in der Zeitung gestanden …

Von Pondicherry nach Kerala: Thanjavur

Viele Reisende nehmen kurzerhand das Flugzeug, um von der Westküste Südindiens an die Ostküste nach Kerala zu gelangen. Der Flug von Chennai nach Kochi dauert höchstens eine Stunde. Ich hatte das grosse Glück, dieselbe Strecke in einem Auto und mit eigenem Fahrer zurückzulegen. Es wurde eine zehntägige, höchst faszinierende Reise, die mir ganz unterschiedliche Seiten des südlichen Indien offenbarte – auch die dunklen.

Thanjavur ist keine grosse Stadt. Trotzdem enthält sie alles, was indische Städte so anstrengend macht: chaotischer und überaus lärmender Verkehr, Menschenmengen in geballter Form – wenn ich das etwas salopp so ausdrücken darf – und eine Infrastruktur, die man im Vergleich zu Schweizer Verhältnissen als ziemlich heruntergekommen bezeichnen muss. Doch von indischen Städten geht, zumindest für mich, auch eine grosse Faszination aus: In dieser täglich von neuem improvisierten Lebenswelt, in dieser Zumutung von Stadt pulsiert auch das Leben in höchst intensiver Form, so dass man im Vergleich dazu europäische Städte, insbesondere die nördlicher gelegenen, als geradezu steril, entvölkert und uniformiert bezeichnen muss – von der ursprünglichen Bevölkerung aufgegeben und den Multis als Marktplatz überlassen, so dass sich zumindest die Innenstädte weltweit immer mehr gleichen.
(Noch) nicht so in manchen indischen Städten. Die Strassen sind von kleinen und kleinsten Buden gesäumt, wo man so ziemlich alles für den täglichen Bedarf findet: von den Früchten bis zu den Pneus, von den Blechtellern, wie sie in den meisten einfachen indischen Haushalten üblich sind, bis zu Blumengebinden für religiöse, aber auch ganz weltliche Zwecke. (Die Frauen schmücken damit ihr Haar.) Hinzu kommen fliegende Händler mit ihren Handkarren oder Fahrrädern, die zuweilen in abenteuerlicher Art beladen sind. Hinzu kommen auch Bettler, Mönche und Menschen, die verwahrlost und scheinbar orientierungslos durch den Menschenstrom treiben, dann Kühe, Ziegen, Hunde, Ochsenkarren, Krähengeschrei, das Brüllen der Motoren, das allgegenwärtige Hupen in allen Klangfarben … Die Aufzählung könnte unendlich weitergeführt werden und enthielte doch nur einen Bruchteil der Wirklichkeit eines einzigen Augenblickes in einer indischen Stadt. Eine Zumutung! Eine Überforderung sondergleichen – und doch Ausdruck von unbändigem Leben.

Tausend Jahre alter Tempel

Durch dieses Chaos liess ich mich – «zu Fuss» – treiben, begleitet von meinem Fahrer, um zum Brihadishvara-Tempel zu gelangen. Der Tempel aus der Chola-Zeit unterscheidet sich von allen anderen grossen südindischen Tempeln deutlich darin, dass er nicht bemalt ist – und durch sein stattliches Alter von etwa tausend Jahren.

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Für den Bau wurden Granitblöcke verwendet, die aus etwa fünfzig Kilometern Entfernung herbeigeschafft wurden. Die Blöcke wurden weitestgehen ohne Zement aufeinandergefügt. Die oberste Spitze des Hauptbaus – die religiös von höchster Bedeutung ist – besteht aus zwei Granitblöcken von je vierzig Tonnen. Um die Stufenpyramide zu bauen und die schweren Schlussteine zu setzen, wurden angeblich Rampen von mehreren Kilometern Länge verwendet.

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Die hätte ich gut gebrauchen können, hatte ich mir doch in den Kopf gesetzt, ins Innere des Tempels, also ins Innere des Hauptbaus – Vimana genannt – zu gelangen. Ich stellte mir vor, dass ich dort dem besonderen Treiben ausführlich und in aller Ruhe beiwohnen konnte. Doch einmal mehr stand zwischen Vorhaben und dessen Verwirklichung eine halsbrecherische Treppe. Nach einigen Anläufen gelang es mir, vier Männer (inkl. meinem Fahrer) dazu zu motivieren, mich hinaufzutragen. Ich rechnete fest damit, dass sie mich auch wieder hinunter tragen würden …
Zu meiner grossen Enttäuschung war im Innern ein freies Verweilen nicht möglich. Vielmehr wurden die BesucherInnen durch ein enges Gatter geführt, wo sie sich Schritt für Schritt und sehr langsam auf den Altar zubewegten – zubewegen mussten, denn ein anderer Weg war gar nicht möglich. So gelangte auch ich vor den Lingam, dem zentralen Heiligtum, Shiva gewidmet und ihn darstellend – und erhielt prompt einen Sondersegen. Der Priester holte – gegen ein kleines Entgeld – mit einem Kupfertablett, das an einer Seite brannte, ein paar Blüten, die in grosser Zahl girlandenartig am Lingam hingen, steckte sie zusammen mit gweihten Früchten und Kreidepulver in einen Plastiksack und händigte mir diesen aus, nachdem er mich mit ebensolchem Pulver gesegnet hatte, indem er es mir auf sie Stirne strich. Kein Wunder, habe ich den Abstieg über eine weitere halbrecherische Treppe unbeschadet überstanden.

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Der Lebenbaum

Wie kein anderes Wesen steht der Baum für das Leben an sich: Mit seinen Wurzeln greift er in die Erde, holt sich dort Kraft und Halt; mit seinen Ästen strebt er dem Licht entgegen, was ihm Wachstum, Entwicklung ermöglicht. Ein schönes und wahres Bild für das Leben im Allgemeinen – bis hin zum Leben des Menschen.
Der eindrücklichste Lebensbaum ist für mich der Banyanbaum, der im Zentrum von Auroville steht. Er überdeckt eine Fläche von etwa dreissig mal dreissig Metern und besteht aus rund 25 Stämmen.

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Das Leben hat sich ebenso in den verwachsenen Haupstamm eingeprägt, wie es dies im Gesicht von alten Frauen oder Männern tut: ausdruckstark und unbestechlich. Tausende Geschichten haben ihre Furchen hinterlassen – Spuren eines bewegten Lebens voller Hingabe und Ergebenheit, Narben auch, wie sie nunmal dem Leben eigen sind, das ohne Schmerz nicht vorstellbar ist.

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Ich sitze unter dem Banyanbaum, und es ist, als sässe ich unter dem Dach einer zwar kleinen, aber doch ganzen, vollständigen Welt. Über mir das Blätterdach, gestützt von kräftigen, weit ausladenden Ästen. Mehr als zehn Vogelarten zähle ich, darunter knallgrüne Papageien und ein Paar recht kleine Eulen, die offenbar hier hausen. Ein vielstimmiges, aber in keiner Weise aufdringliches Gezwitscher und Geflöte umgibt mich und lässt mich andächtig werden. Putzige gestreifte Hörnchen eilen durchs Geäst, was die friedliche Stimmung noch unterstreicht.
Stundenlang, tagelang könnte ich hier sitzen. Es würde mir an nichts fehlen. Teil dieses Wunders, genannt Leben, zu sein, genügt vollauf. Mehr braucht es nicht. Kaum erstaunlich, dass der Banyan in ganz Südindien verehrt wird. In den Dörfern steht an zentraler Stelle oft ein besonders prächtiges Exemplar – ganz so wie bei uns in ländlichen Gebieten an markanter Stelle oft eine Linde steht.

Zur Botanik

Der Banyan (Ficus benghalensis) ist auch botanisch höchst interessant, gehört er doch zu den Würgefeigen, eine Untergattung der Feigen. Zunächst wächst er epiphytisch auf einem beliebigen Wirtsbaum, ohne diesen vorerst direkt zu schädigen, also ihm etwa Nährstoffe zu entziehen. Vielmehr lebt er vom Substrat, das ihn umgibt, also von all dem organischen Material, das sich in der Nähe ansammelt. Bald bilden sich Luftwurzeln. Und wenn diese den Erdboden berühren und sich mit ihm verbinden können, erhält der Banyan einen kräftigen Wachstumsschub, da er nun zusätzlich Nährstoffe aufnehmen kann. Schliesslich wächst er dem Wirtsbaum förmlich über den Kopf und lässt ihn sterben, wobei der zerfallende Stamm – nun im Inneren des Banyanbaums – noch lange als Nährstoffquelle dient. Im Anfangsstadium des «Würge»-Prozesses, hier an einer Palme, sieht das etwa so aus. (

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Auch die Wuchsformen sind ganz eigentümlich: Die Luftwurzeln wachsen nachträglich zusammen, sobald sie sich im Boden verwurzelt haben, wie im Bild unten zu sehen ist.
Meines Wissens kann keine höhere Pflanze nachträglich in dieser Weise wieder zusammenwachsen. Das führt dazu, dass ein einzelner Baum mehrere Stämme ausbilden kann, welche die Hauptäste stützen. Beim Banyan im Zentrum von Auroville sind es um die 25 Stämme.

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Der Tod gehört zum Leben. Das ist in Indien sehr viel deutlicher wahrnehmbar als in europäischen Gefilden, wo er geradezu verheimlicht wird und im Versteckten stattfindet. Auch dafür steht der Banyanbaum, der seine Grösse und Majestät nur erreichen kann, nachdem er einen Wirtsbaum «erwürgt» hat. – Ein wahrer Lebensbaum!

Darshan im Sri Aurobindo-Ashram, Pondicherry

20130227-130001.jpgEs ist Morgen im französischen Viertel von Pondicherry. Im Gegensatz zum Rest der Stadt ist es hier aufgeräumt, ja geradezu herausgeputzt – und fast schon sonntäglich still. Nur von ferne hört man das Brodeln der indischen Stadt: vereinzeltes Hupen eines Lastwagens, das gezähmte Rattern eines Presslufthammers und ab und zu ein entfernter Ruf.
Ich bin eingeladen zum Darshan zu Ehren «der Mutter», die am Vortag Geburtstag hatte. Ein Darshan ist einer Art Sprechstunde bei einem Heiligen (Wikipedia: «segensreicher Anblick eines Gottes oder Heiligen»), in diesem Fall eben im Zimmer der 1973 verstorbenen Mirra Alfassa. Der eigentliche Darshan fürs Publikum fand am Vortag statt. Heute sind die Gebrechlichen und Behinderten eingeladen – eben auch ich. Denn das Zimmer der «Mutter» befindet sich hoch oben in einem der Hauptgebäude des Ashrams und ist nur über verwinkelte, teils halsbrecherische und enge Treppen erreichbar. Damit auch den Gebrechlichen und den Menschen mit einer Gehbehinderung der Segen der «Mutter» nicht verwehrt bleibt, stehen unzählige Studenten bereit, die entweder Unterstützung leisten oder Leute wie mich gar hochtragen. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen …
Die Gasse vor dem Seiteneingang ist mit schattenspendenden Tüchern überdacht: ein bunter, patchworkartiger Baldachin, der für angenehme Temperaturen sorgt. Darunter in der allergrössten Mehrzahl ältere bis sehr alte InderInnen, teils in vorsintflutlichen Rollstühlen, teils an Stöcken gehend oder am Arm einer Begleiterin, eines Begleiters. Die jüngeren Behinderten lassen sich an einer Hand abzählen.
Während die FussgängerInnen bereits anstehen, um Einlass zu bekommen, sind die RollstuhlfahrerInnen auf der gegenüberliegenden Strassenseite aufgereiht. Ich geselle mich – eher notgedrungen – zu ihnen und warte. Bald schon bin ich an der Reihe. Ich setze mich auf einen klobigen Holzstuhl, der für meinen Transport hergebracht wurde, und werde von zwei Studenten hochgetragen: zunächst durch einen belebten Innenhof des Ashrams, dann eine erste Treppe hoch auf eine weite Veranda. Verschnaufpause. Danach eine steilere Treppe hoch zu einer zweiten Plattform. Zum ersten Mal seit Wochen bin ich der Erdoberfläche enthoben. Ich geniesse den Blick über die Dächer der Umgebung und in die Weite der Stadt, fühle mich dem Himmel deutlich näher. Zur gleichen Zeit wischen sich die beiden armen Männer den Schweiss ab und erholen sich. Die letzten paar Stufen sind die schwierigsten. Sie führen verwinkelt und durch mehrere Engstellen ins Zimmer der «Mutter».
Auf der einen Seite steht ein breites Bett, darauf ein Bildnis der «Mutter», davor ein Schemel mit einem Paar Hausschuhen drauf. Überall stehen Vasen mit frischen Blumen. Das Zimmer scheint seit ihrem Tod unverändert. Auf der anderen Seite des Raumes sitzen etwa zwanzig Darshan-Gäste, die tröpfchenweise herein- und wieder hinausgetragen werden. Die Zeit ist knapp bemessen. Meine Nachbarin, eine ältere Inderin, protestiert zaghaft, als sie schon wieder hochgehoben wird – zu zaghaft. Auch ich bin bald wieder draussen, bekomme im Vorbeischweben noch einen Handzettel mit einem Zitat der «Mutter» in die Hand gedrückt und finde mich bald wieder in niedrigeren Gefilden, dafür in meinem gewohnten Rollstuhl, meinem alten Kameraden.
Soweit zu den äusseren Vorgängen. Mich persönlich hat das Darshan innerlich wenig berührt, ich muss es gestehen. Vielleicht war ich von den äusseren Vorgängen zu sehr abgelenkt, vom weiten Blick über die Stadt etwa oder von der älteren Ashram-Mitarbeiterin, die als Hüterin der Schwelle ins innerste Heiligtum, «Mutters» Zimmer eben, Einlass gewährte und dabei die Studenten immmer wieder lehrerhaft dazu ermahnte, beim Tragen den Rücken gerade zu halten. Trotzdem war ich von der Stimmung im Zimmer berührt, hauptsächlich von jener stillen Ergebenheit der meist indischen BesucherInnen, die an Devotion grenzt und die uns «aufgeklärte» Europäer oft seltsam berührt, ganz so als wäre dies ein Verstoss gegen die Errungenschaften der Aufklärung.

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Bildnachweis:

Sri Aurobindo-Ashram in Pondicherry von balaji chankar, via fotopedia (cc-Lizenz)

Auroville – ein Traum wird Wirklichkeit

Im Februar 1968 findet nahe eines Banyanbaumes, der in einer ansonsten recht öden Gegend ca. zwanzig Kilometer nördlich von Pondicherry in Südindien steht, die «Grundsteinlegung» von Auroville statt. Delegationen aus 121 Ländern und 23 indischen Teilstaaten schütten zu diesem Zweck Erde aus ihrem Herkunftsland in eine Urne und unterstreichen so den internationalen Charakter der künftigen Stadt. Auch die Unesco und der indische Staat unterstützen das Projekt. Dereinst soll die Stadt etwa 50’000 EinwohnerInnen beherbergen und sich in Form eines Spiralnebels vom Zentrum aus in die Landschaft erstrecken. Das geografische Zentrum ist eben dieser Banyanbaum. Als spirituelles Zentrum der Stadt soll ein Ort der Konzentration und Meditation entstehen, eine Art Tempel, umgeben von zwölf Gärten unterschiedlichen Charakters: der Matrimandir.

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Das Modell der Stadt in Form eines Spiralnebels

Doch bis dahin ist noch ein weiter Weg. Man stelle sich vor: Ein paar hundert Aussteiger, Geistessucher und mehr oder weniger Verrückte – hauptsächlich aus Europa und den Vereinigten Staaten – mit viel Idealismus und Jugendkräften scharen sich um «die Mutter», die bereits in hohem Alter steht und wenige Jahre später stirbt, und lassen sich von ihrer spirituell inspirierten Idee einer künftigen Stadt der menschlichen Einheit, des Friedens und der Harmonie begeistern. Sie setzen alles daran, den Traum Wirklichkeit werden zu lassen.
Zunächst werden Bäume gepflanzt: nicht Tausende, nicht Zehntausende, sondern über eineinhalb Millionen. Denn das Land ist verödet. Der Monsun spült beachtliche Teile der fruchtbaren Erde ins nahe Meer und hinterlässt tiefe Canyons. Kommt hinzu, dass das Regenwasser innert Kürze abgeflossen ist und so seine lebensspendende Kraft gar nicht erst entfalten kann. Es werden deshalb Rückhaltebecken gebaut, Dämme und Kanäle. All dies geschieht mit einfachsten Mitteln – das meiste ist Handarbeit – und aus einer unmittelbaren Notwendigkeit heraus. Später werden diese Erfahrungen indienweit in einige Wiederaufforstungsprogramme einfliessen.

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So sah das Gebiet von Auroville zur Zeit seiner Gründung aus.

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… Und so sieht es heute aus.

Auch der Bau des Matrimandirs wird bald an Angriff genommen. Allein der Aushub der Grube für das Fundament dauert drei Jahre … Dieser Bau entspricht nicht einer äusseren, sondern einer inneren Notwendigkeit – wie überhaupt neben der harten alltäglichen Arbeit der Urbarmachung und Besiedlung des Landstriches die innere Arbeit, der integrale Yoga des Sri Aurobindo, von Anfang an ein hohes Gewicht erhält.
Wenn ich heute, 45 Jahre nach dessen Gründung, Auroville – als Gast nur und mit loyaler, aber kritischer Distanz – betrachte, so entsteht in mir hohe Achtung vor dem Fortschritt dieses Experiments. Natürlich: Viele Ideale sind (noch) nicht erreicht, und Widersprüche und Unzulänglichkeiten gibt es zuhauf. (In einem späteren Beitrag komme ich näher darauf zu sprechen.) Doch ich habe den Eindruck, dass Auroville auf gutem Weg ist und seinen hoch gesteckten Zielen Schritt für Schritt näher kommt. Auch erlebe ich in vielen der Menschen, die ich bisher kennen gelernt habe,  ein ehrliches, redliches Streben nach Zielen jenseits des Horizontes, wie ihn das gegenwärtige Gesellschaftsmodell vorgibt.

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