Eine unverfängliche Beobachtung

Das wunderschöne Gesicht einer jungen Frau hatte ich Gelegenheit, genau und über längere Zeit, aber unverfänglich zu beobachten. Durch eine Fensterfront sah ich sie draussen mit Freunden in einem Boulevardkaffee sitzen. Sie war in ein Gespräch vertieft, während ich drinnen in einer Zeitung blätterte. Ihr ausdruckstarkes Gesicht und das ungekünstelte Mienenspiel weckte in mir eine Art Freude des Heimkommens, gerade so, wie wenn in der Fremde unverhofft die eigene Muttersprache erklingt. Ich nahm als stiller, berührter Beobachter am Gespräch teil. Die Worte zu vernehmen, war völlig überflüssig. Neben der Tatsache, dass mich dieses schöne Gesicht faszinierte – bis dahin, dass ich mich ein bisschen in diese offene Seelenlandschaft verliebte –, war es die Freude des inneren Gleichklangs mit all diesen Gesichtsausdrücken und -gesten, die mich berührte. Ich meinte darin eigene Gefühle und Impulse des Gemüts wiederzuerkennen. Wie viel gemein haben doch meine eigenen Seelenregungen mit denen einer wildfremden jungen Frau! Es war, als spräche sich ihre Seele in mir aus, als spräche meine Seele in ihr.

Veröffentlicht in Literarisches, Tagebuch. Schlagwörter: , , , . 2 Kommentare »
Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 56 Followern an