Harald Walach: «Spiritualität – Warum wir die Aufklärung weiterführen müssen»

Auf dieses Buch habe ich gewartet – lange gewartet. Es will das Thema Spiritualität, das seit der Aufklärung in die «Schmuddelecke der Gesellschaft» verdrängt wurde, ins helle Licht einer wissenschaftlichen, also möglichst unbefangenen Auseinandersetzung rücken. Und das Vorhaben scheint mir durchaus geglückt. – Die Würdigung eines klugen Buches, das über weite Strecken auch noch Lesevergnügen bereitet.

Harald Walach, der Autor des Buches, ist Professor für Forschungsmethodik komplementärer Medizin und Heilkunde sowie Leiter des Instituts für Transkulturelle Gesundheitsforschung an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Als Wissenschaftler ist er einer der wenigen, die es wagen, Spiritualität öffentlich und in wissenschaftlicher Absicht ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Mehr noch: In seiner Kernthese, die dem vorliegenden Buch zugrundeliegt, erachtet er eine reflektierte Spiritualität als Voraussetzung für den Fortgang unserer modernen Kultur: «Wenn wir die Aufklärung konsequent fortführen, ist eine undogmatische Spiritualität die natürliche, ja die notwendige Konsequenz für unsere Kultur und ihre Rationalität. Ohne eine solche Spiritualität sehe ich wenig Hoffnung, weder für unsere Kultur, noch für ihre Rationalität, noch für die Aufklärung.»

Diesen Satz darf man sich ruhig auf der Zunge zergehen lassen. Er ist Balsam für eine suchende Seele in der heutigen Zeit. Denn trotz aller Rationalität, trotz aller Wissenschaft und trotz allem vernunftgesteuerten Handeln steht unsere Kultur an einem Abgrund, der noch nie so tief war und unser Menschsein grundsätzlich in Frage stellt. Gleichzeitig züngeln von überall her religiöse und andere Fundamentalismen als Heilsversprechen und Rettungsanker hervor und versuchen die Menschen in einen Bewusstseinszustand zu versetzen, wie er vor dem geschichtlichen Auftreten der Aufklärung weit verbreitet gewesen sein muss. In diesem Spannungsfeld müssen wir heute – individuell wie kollektiv – einen Weg des Ausgleichs finden, der nicht nur die Argumente der Vernunft, sondern auch die innere Erfahrung der Transzendenz berücksichtigt – und kulturwirksam macht.

Wegmarken im Spannungsfeld zwischen Vernunft und Transzendenz
Harald Walach zeigt in seinem Buch die Wegmarken dazu auf. Und das tut er sehr sorgfältig und dennoch gut verständlich, ja, zuweilen mit ausgesprochenem Witz. Zunächst stellt er seine eigenen Voraussetzungen, seinen kulturellen und Wissenshintergrund dar und klärt grundlegende Begriffe wie Spiritualität, spirituelle Erfahrung, Religiosität, Glaube, Doktrin, Dogma usw. Allein die Reflexion und gegenseitige Abgrenzung dieser Begriffe sind ein kleines Meisterwerk und sorgen für transparente und wasserdichte Grundlagen seiner weiteren Ausführungen. Überhaupt werden durch das ganze Buch viele Begriffe, die dem Leser, der Leserin nicht oder nur vage bekannt sein könnten, an Ort und Stelle oder – etwas ausführlicher – in einem Glossar charakterisiert. Auch das dient einer wohltuend transparenten Gedankenführung.

Danach folgt ein Kapitel zur Geschichte der Wissenschaft und zum folgenreichen Durchbruch der Aufklärung. Diese ist für den Autor nicht ein rein historisches und damit abgeschlossenes Ereignis. Im Gegenteil: «Aufklärung bedeutet immer auch Befreiung von Bevormundung, vor allem von solcher Bevormundung, die sich auf vage Autorität, unvernünftige Systeme und reine Machterhaltung stützt und nicht dem Gemeinwohl dient. In diesem Sinn ist die Aufklärung auch heutzutage noch lange nicht am Ende.»

Hier kommt der Autor auf ein zentrales Missverständnis der Aufklärung zu sprechen: Doktrin und Dogma der damals übermächtigen Religion wurden durch die Aufklärung durchaus zu Recht zurückgedrängt. Beides hat im Licht der Vernunft nichts zu suchen. Doch man meinte, sich damit auch der Spiritualität, also des individuellen Bedürfnisses nach Transzendenz, entledigt zu haben, das sich jenseits von Doktrin und Dogma bewegt und auf individueller Erfahrung beruht. Doch so begriffene Spiritualität ist nichts grundsätzlich Vernunftsfremdes: «Denn Spiritualität als menschliches Grundbedürfnis lässt sich genausowenig wegdiskutieren wie [etwa] Sexualität. [...] Die letzten Dinge – die Frage nach Sinn und Zweck des Lebens, die Frage nach Aufgabe, Werten und ihrer Verfehlung – sie lassen sich nicht verdrängen. Sie kommen in Verkleidungen und Verzerrungen wieder auf uns zu.»

Wissenschaft des Bewusstseins
Walach spricht sich deshalb für eine undogmatische und reflektierte Spiritualität aus – und für eine Wissenschaft, eine Kartografie des Bewusstseins. Was er darunter versteht und wie das in den bestehenden Wissenschaftsbetrieb einfliessen könnte, skizziert er ausführlich in einem zentralen Kapitel des Buches. Eine undogmatische, reflektierte Spiritualität wäre mehr als «eine mögliche Beschäftigungstherapie für existenziell ausgehöhlte und alternde Zeitgenossen». Sie wäre «ein Erkenntnisprogramm, das idealerweise sogar das Erkenntnisprogramm der Wissenschaft im Sinn der Aufklärung ergänzen und erweitern könnte, ja sogar müsste».

In diesem Kapitel wird auch die spirituelle Praxis – also Konzentrationsübungen bis hin zu Kontemplation und Meditation – (natur-)wissenschaftlich beleuchtet: Was passiert neurologisch und physiologisch bei der Meditation? Lassen sich gesundheitliche Auswirkungen nachweisen? Und was geschieht psychologisch? Verändert sich die Persönlichkeit durch regelmässiges Meditieren? Diese und weitere Fragen werden zwar nicht abschliessend beantwortet. Es werden aber Wege aufgezeigt, wie mit ihnen wissenschaftlich umgegangen werden kann – und auch seit Jahren umgegangen wird. Es gibt also bereits gesicherte und ermutigende Erkenntnisse zur Wirkung von Meditation und spirituellen Übungen auf Körper, Seele und Geist des Menschen.

Da sich Walach einer «undogmatischen, reflektierten» Spiritualität verpflichtet fühlt, darf in diesem Buch ein Kapitel über «Zerrformen, Gefahren und Abgrenzungen» nicht fehlen. Denn zweifellos kommt man schnell auf intellektuelles Glatteis, wenn Spiritualität allzu pauschal abgehandelt wird, ohne den Begriff von Bedeutungszonen abzugrenzen, wo Vereinnahmung und Irrationalität herrschen und die Aufklärung einen schweren Stand hat. Eines der grossen Leistungen des Buches sehe ich gerade darin: Es ist ein verlässlicher, intellektuell redlicher Wegweiser in diesem Spannungsfeld von Irrationalität und individueller Erfahrung von Transzendenz, im Spannungsfeld von doktrinärer Wissenschaftsgläubigkeit und der Evidenz von meditativen Erfahrungen.

Spiritualität als Kulturfaktor
Am Schluss des Buches kommt der Autor auf die Sinnkrise der heutigen Welt zu sprechen, auf die vielfältige Gefahr des Fundamentalismus – und auf die Notwendigkeit, eine zeitgemässe Spiritualität in unserer Kultur zu verankern. Für die unterschiedlichsten Lebensbereiche sieht er darin ein Potenzial zur Bereicherung, ja Gesundung der Verhältnisse. So bringt zum Beispiel echte spirituelle Erfahrung notwendigerweise den Egoismus ins Wanken. Gier und Eigennutz haben keinen Bestand angesichts einer Einheiterfahrung in der Meditation. Das könnte zum Beispiel die Inspirationsquelle für intelligentere Konzepte des Wirtschaftens sein … «Man sollte sich durchaus das Denkexperiment erlauben, zu überlegen, was geschehen würde oder geschehen wäre, wenn ähnlich grosse Ressourcen in die genauere Erforschung des Bewusstseins, seiner Möglichkeiten und Grenzen, in die Bedeutung aussergewöhnlicher Erfahrungen des Bewusstseins und vor allem der spirituellen Einheitserfahrung und ihrer Nutzbarmachung investiert worden wäre. Möglicherweise hätten wir dann heute keine Atombombe, keine Atomkraftwerke, keine Sekundenkleber und Raumschiffe, aber vielleicht ein besseres Sozialgefüge, eine friedlichere Welt und andere Errungenschaften, von denen wir nicht einmal zu träumen wagen.»

Ja, auf dieses Buch habe ich gewartet – lange gewartet. Es zeugt von einem redlichen Erkenntnisbemühen und hinterfrägt Dogmen, die tief in unserer vermeintlich aufgeklärten Kultur verankert sind. Zudem gibt es Orientierungshilfe auf dem Weg zu einer reflektierten Spiritualität.

 

Harald Walach
«Spiritualität – Warum wir die Aufklärung weiterführen müssen»

288 Seiten, Pappband mit Schutzumschlag
Drachen Verlag, Klein Jasedow 2011
ISBN: 978-3-927369-56-6

wildwuchs – das Kulturfestival für solche und andere

Vom 27. Mai bis 5. Juni 2011 findet in Basel das wildwuchs-Festival statt, ein zehntägiges Kulturfest von und mit Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen. Mit Hilfe von Theater, Musik, Tanz, Malerei, Fotografie, Film und Literatur wird ein besonderer und vielfältiger Begegnungsraum geschaffen, “abseits der Norm und des politisch Korrekten, völlig daneben und doch mittendrin”. – Einige grundsätzliche Überlegungen und eine herzliche Empfehlung.

Wenn Menschen mit Behinderung künstlerisch tätig sind, hat das nicht selten den Ruch von therapeutischen Bemühungen – mit Betonung auf Bemühungen … Es ehrt zwar das Therapiekonzept, wenn das Künstlerische einbezogen ist. Doch kann die Kunst darunter leiden. Sie wird zum Instrument und ist nicht selten eher Ausdruck der Therapieform – oder der Therapeutin, des Therapeuten – denn des Therapierten selbst. Es kann indes durchaus vorkommen, dass im Fortgang der Therapie die betroffene Person zu einem echten, ureigenen künstlerischen Ausdruck kommt, so dass nicht nur therapeutisch, sondern auch künstlerisch einiges gewonnen ist.

Hier, wo die authentischen Kunst beginnt, setzt wildwuchs, das Kulturfestival für solche und andere, an – und geht weit darüber hinaus: KünstlerInnen aus aller Welt zeigen ihre teils skurrilen, teils poetischen Tanz- und Theaterproduktionen, Musikensembles konzertieren, so dass man bald kaum mehr still sitzen kann. Zirkus, Bilderausstellung, Lesungen – das Angebot in diesen zehn Tagen ist schier unendlich und garantiert fernab des Mainstreams.

Hier eine kleine Auswahl in Bildern:

∘∘∘

Jinenjo Club, Tsukuba City (J)

Dengaku Mai (Tanz im Reisfeld)

Die Tänzer und Tänzerinnen kommen aus Japan. Dort leben sie zusammen, malen, tanzen und pflanzen Reis. Sie tanzen für uns japanisch und trommeln wild dazu.


Compagnie Beau Geste, Val de Reuil (F)

Transports Exceptionnels

Ein Bagger und ein Mensch tanzen miteinander. Eine Liebesgeschichte!


Créahm Région Wallonne, Liège (B)

Le Cirque Ouille

Die Clowns machen Kunststücke. Sie jonglieren und zaubern. Sie reden mit Gesicht und Händen. Verrückt und witzig!


Fotos: © Dominik Labhardt

∘∘∘

Neben den internationalen, renommierten Produktionen gibt es im Rahmen des Schaugartens eine Art Förderprogramm für “Theaterensembles, Chöre und Bands, die innerhalb von Institutionen oder als freie Ensembles eine kontinuierliche künstlerische Arbeit mit Solchen und Anderen leisten und sich dabei stetig weiterentwickeln”. All diese Projekte stammen aus der näheren und weiteren Umgebung von Basel und sind einem inklusiven Impuls verpflichtet, streben also nach einer möglichst uneingeschränkten Teilhabe der Menschen mit Behinderung (besser: mit besonderen Bedürfnissen) an der Gesellschaft – eben zum Beispiel mit den Mitteln der Kunst.

Doch nicht genug! Unter dem Namen Die Baustelle gibt es auf dem Basler Kasernenareal eine Art Marktplatz der unverhofften Begegnungen und des Zusammenseins mit Bistro und Bar, mit offenen Ateliers und Räumen des Gesprächs, zum Beispiel der Artbox, die zugleich künstlerische Installation, Kleingalerie und Raum für Gespräche am runden Tisch ist. Wichtige Aussagen dieser Gespräche erscheinen aussen, an der Fassade, als Schriftzug, und an der Box angebrachte Ohren fordern dazu auf, von aussen hineinzulauschen.

Hinzu kommen Workshops, ein Podiumsgespräch, Stadtrundgänge zum Thema Behinderung (Stolpersteine – Streifzug Behinderung), eine Disco und, und, und … Zum 10-Jahr-Jubiläum haben die Veranstalter keinen Aufwand gescheut und ein vielfältiges, äusserst farbiges Programm zusammengestellt. Doch das wichtigste: Es wird ein grosser, vielfältiger Raum für Begegnungen geschaffen – für Begegnungen für solche und andere.

∘∘∘

Für weitere Informationen, das genaue Programm und Ticket-Reservierungen einfach auf untenstehendes Signet klicken:

Interkultur statt Multikulti

Die Globalisierung ist eine Tatsache. Und damit auch die gegenseitige Durchdringung der Völker und Kulturen. Es ist deshalb ein Gebot der Sachlichkeit – und der Menschlichkeit, vor diesen Tatsachen nicht die Augen zu verschliessen. Die Gegenwart fordert neue Konzepte des Miteinanders der Kulturen. – Der Versuch einer Klärung.

Bis heute ist es in manchen Bevölkerungskreisen chic, für ein friedliches Nebeneinander von Bevölkerungsgruppen und Kulturen zu sein. Multikulti macht das Leben bunter und sorgt für kulinarische Vielfalt. Man pflegt an Stadtteilfesten die Verständigung zwischen den Kulturen und lässt sich ansonsten mehr oder weniger in Ruhe. Denn schliesslich sind die Zugewanderten fleissige Arbeitskräfte, tun die ungeliebte Arbeit im Niedriglohnsektor, leben ansonsten einigermassen bescheiden unter ihresgleichen und sind gleichzeitig mit einem guten Teil ihrer Seele dem Herkunftsland zugetan.

Gehässige Integrationsdebatte
Doch nicht erst als der Begriff der Leitkultur auftauchte, bekam diese traditionelle Rollenverteilung zwischen Einheimischen und Zugewanderten erhebliche Risse, und inzwischen wird die Integrationsdebatte mit so gehässigen Worten geführt, dass man ernsthafte Zweifel daran haben muss, ob diese Menschen „mit Migrationshintergrund“ überhaupt noch bei uns willkommen sind, auch wenn sie schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten hier leben. Irgendwie erinnert das an die Vertreibung der Juden aus dem Spanien des 13. Jahrhunderts. Damals mussten alle Juden gehen – oder wurden umgebracht –, wenn sie nicht zum Christentum konvertierten.[i]

Doch, Hand aufs Herz, ist nicht bereits das Konzept der Multikulturalität Ausdruck einer Art Überheblichkeit der eigenen Kultur gegenüber der „Fremdkultur“, indem zwar ein Nebeneinander der Kulturen akzeptiert wird, nicht aber ein wirkliches Miteinander? Dies kommt etwa zum Ausdruck, indem die ZuwandererInnen zwar sehr wohl hier arbeiten und auch Steuern bezahlen dürfen, von der politischen Mitbestimmung aber weitgehend ausgeschlossen sind. Sie sind trotz allen guten Willens ein unterprivilegierter Teil der gemeinsamen Kultur.

Klärung der Begriffe
Das Konzept der Interkulturalität geht hier einen Schritt weiter. Während bei der Multikulturalität davon ausgegangen wird, „dass es nicht zur Verschmelzung der verschiedenen Kulturen kommt, sondern dass sie nebeneinander bestehen“, versteht man „unter Interkulturalität das Aufeinandertreffen von zwei oder mehr Kulturen, bei dem es trotz kultureller Unterschiede zur gegenseitigen Beeinflussung kommt“.[ii]

Und gerade in dieser gegenseitigen Beeinflussung, in dieser Begegnung auf Augenhöhe sehe ich eine grosse Chance für unsere heutige Gesellschaft, ja die notwendige Voraussetzung für eine moderne, menschengemässe Gesellschaft in einer globalisierten Welt. Der kulturelle Horizont einer Gesellschaft erweitert sich deutlich, und Interkultur beugt auch einer globalisierten Einheitskultur vor, wie sie sich zum Beispiel im Ausdruck der McDonaldisierung der Gesellschaft[iii] ausspricht.

Doch was heisst das konkret? Zunächst muss – endlich – anerkannt werden, dass wir in Mitteleuropa eine Einwanderungsgesellschaft sind – ja, dadurch geradezu an Dynamik gewinnen – und dass der alte Begriff der Kultur, wie er noch in vielen Köpfen herumgeistert, nämlich als Einheit von Rasse, Land, Volk, Tradition, Sprache, Werten und Normen sowie Staat, längst mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun hat. Kultur ist nicht ein Statisches, zu Bewahrendes, sondern war und wird immer ein Prozess sein, eine Entwicklung, eine Lebenswirklichkeit. Und es ist höchste Zeit, dass wir das aktiv und bewusst gestalten. Interkulturalität entsteht jedoch nur, wenn wir entsprechend kompetent werden, etwa unsere kulturelle Vorläufigkeit akzeptieren und die Potenziale der anwesenden Kulturen zu nutzen bereit sind.

„Ein Theater für alle“
Was das bei der Theaterarbeit bedeuten kann, zeigt Milo Rau in seinem Artikel „Ein Theater für alle“ in der Wochenzeitung vom 5. Februar 2011. Er fordert dort mit spitzer Feder eine „Kunst- und Politikpraxis, die nicht von der Integration Ankommender ausgeht, sondern von der Mitbestimmung aller Anwesenden“. Gerade beim Theaterbetrieb zeige sich, dass in städtischen und staatlich subventionierten Theatern Tradition und Wirklichkeit weit auseinanderklafften. Die AusländerInnen – in St. Gallen zum Beispiel immerhin ein Drittel der Bevölkerung – kämen dort überhaupt nicht zu Wort. Ihre Kultur werde konstant ausgeblendet – oder allenfalls „mit Ehrenmordsoaps“ abgehandelt, mit „gewaltthematisch angereicherten Rapworkshops und auf der GMX-Startseite recherchierten Multikultidebatten“. Ein Drittel der Bevölkerung, in manchen Gemeinden gar die Hälfte, sei somit „politisch nicht mehr repräsentiert und kulturell auf eine geradezu gespenstische Weise auf Klischees reduziert worden“. Es sei doch ganz einfach die Frage, „ob man immer mehr Menschen gegen ihren Willen und gegen die Verfassung in eine Zweiklassengesellschaft und ihre überholten Mythen integrieren oder die Demokratie und mit ihr die reale Schweiz zur Entfaltung bringen will. Ob man gegen oder mit der Bevölkerung Kunst, Theater, Politik machen will.“

Recht hat er. Und er fordert fürs Theater, was man in ähnlicher Weise für den politischen Betrieb fordern muss: Beide Veranstaltungen müssen die Bevölkerung in ihrer Heterogenität abbilden. In beiden Bereichen ist nicht mehr „von Ankommenden und ihrer Integration“ auszugehen, sondern „von den Anwesenden und ihrer Mitbestimmung“.

***

Das Theater St. Gallen organisiert vom 20. Mai bis 3. Juni unter der künstlerischen Leitung von Milo Rau zwei Aktionswochen zum Thema „Kunst und Politik im Zeitalter der Interkultur“.[iv]

________________________

Fussnoten:

[i] Siehe dazu: Das Alhambra-Verdikt
[ii] Zitiert nach dem Glossar des Instituts für interkulturelle Kompetenz & Didaktik
[iii] Der Begriff wurde vom US-amerikanischen Soziologen George Ritzer geprägt.
[iv] Siehe dazu die Vorankündigung auf der Webseite des Theaters St. Gallen.

Weiterführende Links:

Die Idee der sozialen Dreigliederung

Sinnbild für freie Lehre und Forschung: Die Schule von Athen, Fresko von Raffael, 1510 – 1511

* * *

Angesichts des totalitären Anspruchs des heutigen Wirtschaftssystems und der Perspektivenlosigkeit vieler Politiker ist es als Zeitgenossen nicht einfach, sich der Beklemmung der Gegenwart zu entziehen. Gibt es Antworten auf die drängende Frage nach einer sinnvollen, zukunftsfähigen Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens auf lokaler wie auf globaler Ebene? Gibt es einen Ausweg aus der Vereinseitigung von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, eine Vereinseitigung, die nach dem Empfinden vieler geradezu apokalyptische Ausmasse angenommen hat? Die Idee der sozialen Dreigliederung hat das Potential, Perspektiven aufzuzeigen, ohne der Wirklichkeit ein weiteres ideologisches System überzustülpen. Es sei hier versucht, die Idee in kurzen Worten zu charakterisieren.

Die Grundidee der sozialen Dreigliederung ist einfach und geht von der Beobachtung der Wirklichkeit aus: Das Soziale besteht im Wesentlichen aus drei Bereichen: aus der Kultur, der Politik und der Wirtschaft. Diese drei Glieder des Sozialen müssen – und das ist der zentrale Gedanke – in einer gewissen Autonomie und Selbstverwaltung nebeneinander bestehen können, ohne dass der eine Bereich den anderen dominieren kann oder dessen Aufgaben übernehmen will. Nur so kann das gesamte menschliche Potential, nur so können alle Fähigkeiten des Menschen ungehindert in die Gestaltung des sozialen Raumes einfliessen.

Die drei Bereiche des Sozialen

Die drei Glieder des Sozialen können wie folgt kurz charakterisiert werden:

Die Kultur umfasst neben dem eigentlichen Kulturleben auch das Bildungswesen und die wissenschaftliche Forschung. Wo immer der Mensch aus seinen individuellen Fähigkeiten heraus handelt, ist er Teil des Kultur- oder Geisteslebens. Hier ist deshalb auch die Heimat und die Geburtsstätte von Ideen, von Sinnstiftung und Ethik. Die Schlüsselinstitution dieses Bereichs ist die Zivilgesellschaft.

Die Politik ist zuständig für Gerechtigkeit und Sicherheit in allen Bereichen menschlicher Beziehungen. Der Staat ist die zentrale Institution dieses sozialen Gliedes. Er schützt die Menschen vor Willkür und Machtmissbrauch, indem er Verfassung und Rechtsnormen durchsetzt.

Die Wirtschaft ist die Sphäre der Warenproduktion, des Angebots von Dienstleistungen sowie der Verteilung und des Konsums von Waren und Diensleistungen. Hier werden die menschlichen Bedürfnisse befriedigt. Die zentrale Institution ist hier der Markt, wo sich Angebot und Nachfrage treffen.

Es ist leicht einsehbar, dass die Charakterisierung der drei sozialen Kernbereiche – so holzschnittartig sie wegen der gebotenen Kürze auch sein mag – unsere tägliche Erfahrung widerspiegelt und wenig umstritten sein dürfte. Ihre Autonomie und Selbstverwaltung ist indessen heute alles andere als gegeben. Die Sphäre der Wirtschaft dominiert offenkundig die anderen Bereiche. Politik und Wirtschaft sind alles ander als autonom voneinander; vielmehr sind sie miteinander in höchstem Masse verfilzt. Und der Staat wie die Wirtschaft versuchen, die Kultur, das Geistesleben zu kontrollieren, was ein hervorstechendes Merkmal totalitärer Gesellschaften ist.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Zur Idee der sozialen Dreigliederung gehört, dass die drei Kernbereiche nach folgenden Prinzipien organisiert sein sollen:

Die Freiheit im Kulturleben
Wo der Mensch aus seinen individuellen Fähigkeiten heraus handelt, soll das Prinzip der Freiheit verwirklicht werden. Nur so kann sich diese Fähigkeit voll entfalten. Bildung, Wissenschaft und Ideen können nur in einer Atmosphäre der Freiheit gedeihen. Wo diese instrumentalisiert werden, wird ihr Potential nicht ausgeschöpft, was einer Schwächung des ganzen sozialen Organismus gleichkommt. Die individuelle Freiheit – eine der Prinzipien der Französischen Revolution und damit der Aufklärung – ist deshalb dem Geistesleben ureigen.

Die Gleichheit im Rechtsleben
Vor dem Gesetz steht jeder dem anderen als Gleicher gegenüber. In dieser sozialen Sphäre hat jeder Mensch eine Stimme. Nicht die individuellen Fähigkeiten sind hier ausschlaggebend, sondern der Umstand, dass jeder Mensch ein Recht auf Leben, auf Würde und auf Selbstbestimmung hat, allein dadurch, dass er in diese Welt hinein geboren wurde. Daraus folgt auch, dass das Rechtsleben Gegenstand eines demokratischen Prozesses sein muss, ausgehend von der (gleichberechtigten) Stimme jedes einzelnen.

Die Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben
Die heutige Wirklichkeit, in welcher der Egoismus und das Recht des Stärkeren oberstes Prinzip des Wirtschaftens darstellen, steht diesem Organisationsprinzip der sozialen Dreigliederung diametral entgegen. Doch der blinde Markt führt sich zunehmend selbst ad absurdum, und der faire Handel, der im gegenseitigen Interesse langfristige Verträge aushandelt und sich durch Rücksichtnahme auszeichnet, wird der Wirklichkeit aller Beteiligter deutlich gerechter. Schon heute ist die Brüderlichkeit ein etwas versteckter, aber zentraler Impuls in der Realwirtschaft, indem etwa im Gewerbe ein Dienstleister oder ein Produzent seine ganzen Fähigkeiten in den Dienst seiner Kunden stellt. Erst anlässlich der Bezahlung dieser Dienstleistung oder des Produktes öffnet sich ein Raum, wo der Egoismus ins Spiel kommen kann.

Von der instinktiven zur bewussten Dreigliederung

Bereits heute ist die soziale Dreigliederung eine Tatsache. Die drei zentralen Bereiche des Sozialen bestehen nebeneinander, seit es eine Menschheit gibt. Bloss ist das Verhältnis der Bereiche zueinander bis jetzt das Ergebnis unbewusster Vorgänge. Und nur selten und per Zufall standen die sozialen Glieder in einem sinnvollen, ausgewogenen Verhältnis. Mal war es der Einheitsstaat, der die anderen Bereiche überwucherte, heute ist es die Wirtschaft, die die anderen sozialen Sektoren beherrscht.

Auch die Gestaltungsprinzipien waren und sind in den drei Bereichen willkürlich wirksam. So erweist es sich zum Beispiel als höchst fatal, dass in der heutigen Art des Wirtschaftens die Freiheit – und nicht die Solidarität – zum höchsten Prinzip erkoren wurde. Und in den ehemaligen kommunistischen Staaten war eines der grossen Irrtümer, dass die Gleichheit ein zentrales Gestaltungsprinzip war – ausser in der Rechtssetzung, wo sie eigentlich hingehört.

Es ist höchste Zeit, die instinktiven Kräfte im Sozialen zu überwinden und das Soziale aus dem unbefangenen Bewusstsein heraus zu gestalten. Die soziale Dreigliederung bietet dazu einen Ansatz, der den Erfordernissen der Gegenwart entspricht. Und vor allem: mit der Umsetzung kann noch heute begonnen werden – indem zunächst die Zusammenhänge neu gedacht werden. Das ist eine Kulturleistung und damit prioritäre Aufgabe der Zivilgesellschaft.

Die soziale Dreigliederung wurde ein erstes Mal um 1920 von Rudolf Steiner beschrieben.

__________________________________

Weiterführende Links:

Indien-Tagebuchauszug 05.03.2009

Im Februar und März 2009 war ich sechs Wochen in Südindien: ein äusseres wie inneres Abenteuer, aus dem ich gestärkt und verändert zurückkehrte. Während dieser Zeit entstand ein Reisetagebuch, das hier einsehbar ist – leicht überarbeitet und mit Fotos versehen, die mir zu einem guten Teil von Laurent Quere zur Verfügung gestellt wurden. Herzlichen Dank!

Einzelne Ausschnitte des Tagebuchs werden in lockerer Folge als Schmankerl auf der Hauptseite veröffentlicht:

Thanjavur, 05.03.09

Real India – schön und hässlich zugleich! Das dunkle Indien mit seiner weit verbreiteten Armut und seinem bedrückenden Elend ist Sklave der materiellen Versorgung: Nahrung, Unterkunft und Arbeit. Das heisst, ein guter Teil der Menschen lebt in prekären Verhältnissen bis hin zur bittersten Armut und muss den Hauptteil seines Strebens dem Nahrungserwerb opfern. Das dunkle Indien ist anstrengend. Sein Chaos, sein Lärm, sein Gestank – alles dringt in mich ein, berührt, ja beeinträchtigt mich. Es fällt mir schwer, mich davon abzugrenzen. Ich möchte das eigentlich auch nicht. Denn um mich von Indien ergreifen zu lassen, bin ich ja hier. Trotzdem, was mache ich mit den vielen Bettlern, mit der jungen Mutter am Strassenrand, die ihr Kind schlägt, und zwar kräftig? Was mache ich mit den vielen Menschen, die mir ihr Zeug verkaufen wollen, das ich doch nicht brauche? Heute habe ich mich geradezu gezwungen gefühlt, eine Statue zu kaufen. Sie ist bestimmt schön und auch wertvoll. Aber als ich aus dem Laden heraus kam, war ich nicht glücklich, sondern wütend – das erste Mal seit langem.

Dunkel erscheint mir Indien auch wegen seiner uralten Kultur und Religion. Es werden die alten Götter in alten Tempeln angebetet. Hätte ich Auroville nicht kennengelernt, ich hätte den Eindruck, Indien sei stehen geblieben. Nicht dass ich die westliche Moderne als besonders erstrebenswert empfinde – aber ich sehe ausserhalb von Auroville nur wenig Zukunftswille, eher eine Art Flucht in die Vergangenheit. Ich sehe allerdings hier auch ein Dilemma. Denn wo anders soll Indien mit seinem Prekariat in den Zeiten der Globalisierung auch hinstreben als in Richtung westlicher materieller Kultur?

Und das helle Indien – gibt es das auch? Da ist zunächst die aus der Not geborene Bescheidenheit der Menschen und ihre Freundlichkeit. Überall – auch ausserhalb von Auroville – begegnet dir ein Lächeln, wann immer du in die Gesichter schaust. Etwas Kindliches, dir Zugewandtes blickt aus diesen Gesichtern. Da ist auch das trotz seiner Grösse einigermassen funktionierende Indien, das seinen Menschen ein wenn auch prekäres Auskommen bietet. Bei der allgegenwärtigen Religiosität bin ich mir nicht mehr sicher, wie ich sie bewerten soll. Meine Vorstellung vom spirituellen Indien muss ich revidieren. Der Hinduismus in seiner weit verbreiteten Form ist in Bezug auf den spirituellen Gehalt wohl nicht anders als der Katholizismus oder jede andere institutionalisierte Religion. Trotzdem spricht aus ihm ein spiritueller Gehalt, eine Vielfalt an spirituellen Themen, die ihresgleichen sucht, aber nicht leicht erschlossen werden kann und für den heutigen Menschen eher okkult vorhanden ist.

Die Menschen Indiens – ein Bilderbogen

Hier geht es zum Tagebuch: http://walbei.wordpress.com/tagebuch-indien-2009/ – oder einfach oben im Kopfbereich des Blogs auf die Seite “Tagebuch Indien 2009″ klicken.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 56 Followern an