Zurück aus Indien – Eine Nachlese

Seit zwei Wochen bin ich nun zurück. Und schon verblasst die Erinnerung an die wunderbare Zeit in Indien, an eine Zeit, die sich doch, wie ich gemeint hatte, mit einer gewissen Vehemenz in mein Gedächtnis eingebrannt hatte. Nein! Es ist, als würde ich aus einem seltsamen und doch berührenden Traum aufwachen. Verwundert blicke ich darauf zurück und versuche, möglichst viele Bilder festzuhalten, bevor der Traum vollends verklingt. ­– Hier ein paar davon.

Shiva ist überall
Schöpferische Zerstörung um mich her. Oder ist es blanke Zerstörung – ohne das Schöpferische? Die Einfallstrasse nach Pondicherry sieht jedenfalls so aus, wie wenn eine Bombe eingeschlagen wäre. Am Strassenrand Gräben, daneben aufgehäufte Erde und Kies. Die Fussgänger weichen auf die Fahrbahn aus – was lebensgefährlich sein kann. Ein Lastwagen steht quer auf der Strasse und lädt umständlich Kies ab, während sich die Autos und Busse in beiden Richtungen stauen. Kein Polizist weit und breit. Durch die dabei entstehende Staubwolke kämpfen sich Motorräder. Es werden immer mehr. Ganze Schwärme von knatternden, zweirädrigen Insekten werden aus der Staubwolke geboren und strömen mir entgegen. Staubgeruch und Dieselwolken, Hupen und Motorengebrüll hüllen mich vollends ein. – Bis es ganz still wird und nur noch ein leises, inneres Vibrieren mich daran erinnert, dass ich noch am Leben bin. Nun ist es Jasminduft, der mich erfrischt, und zarter himmlischer Gesang um mich her. Nun weiss ich, dass genau diese Sphärenharmonie in jenem Höllenlärm steckt. Und dahinter ist Stille, unendliche Stille und Freude …

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Im Raumschiff
Im Zentrum von Auroville steht ein Raumschiff: der Matrimandir. Zwar hat ihn noch niemand wirklich fliegen gesehen. Doch keine Frage: Dieses seltsame und erstaunliche Gebilde transportiert die Menschen hin zum Kosmos und den Kosmos hin zu den Menschen. Wie das? Ich habe es selbst erlebt: Auf einem weissen Stuhl mit Tragestangen wurde ich von vier jungen Einheimischen in die kreisrunde Meditationshalle getragen. (Der Matrimandir ist alles andere als rollstuhlgängig.)

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Die Halle misst etwa fünfundzwanzig Meter im Durchmesser und ist ganz in einem crèmefarbenen Weiss gehalten. Darüber eine Kuppel, durch die am Zenit ein gebündelter Sonnenstrahl senkrecht herunterfällt. Auf einem Metallgestell am Boden steht eine Glaskugel (Ø = 70 cm), die diesen Sonnenstrahl auffängt beziehungsweise weiter nach unten leitet, durch den ganzen Baukörper des Matrimandir hindurch, also durch die ganze, leicht abgeflachte Kugel, die die Aussenhülle darstellt. Und unter dieser Kugel befindet sich ein kleiner Teich, leicht trichterförmig gebaut und mit Lotusblütenblättern aus Marmor belegt, die wie Dachziegel angeordnet sind. Über diese Lotusblätter gleitet von der Peripherie her eine dünne Schicht Wasser bis zum Zentrum. Dort steht wieder eine, aber deutlich kleinere Glaskugel, auf die der gebündelte Sonnenstrahl letztlich trifft. (Zur Verdeutlichung siehe Querschnittzeichnung des Matrimandir.)

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Der Kosmos kommt im Matrimandir also via Sonnenlicht zum Menschen. Und wie kommt der Mensch im Matrimandir hin zum Kosmos? Durch die Kraft der Konzentration und der Gedankenruhe. Ich habe es selbst erlebt.

Du sollst dir kein Bildnis machen …
Der indische Götterglaube hat etwas Diesseitsorientiertes, Lebensfrohes, zuweilen geradezu rauschhaft Massloses. Er stellt sich so dem manchmal rigorosen Entsagungseifer der monotheistischen Religionen deutlich gegenüber. Als Beispiel hier der Bilderrausch an der Fassade des Minakshi-Tempels in Madurai, Südindien. (Foto: Hector Garcia via flickr.)

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Was ist

Ich sitze am Schreibtisch, wie immer ein bisschen schräg. Rund um mich Bücher, Musiknoten, einzelne Blätter – und was sonst so auf einen Schreibtisch gehört: Bleistifte, Kugelschreiber, Füller in einem Becher, viele von ihnen seit Jahren nicht mehr gebraucht – und wohl auch nicht mehr brauchbar. Ein Kerzenständer, die Kerze fast heruntergebrannt. Dann gibt es auf dem Pult noch einen Zettelkasten mit einer Reserve an Klebezetteln. Ob die noch kleben? Und schliesslich der kleine Altar, bestehend aus einer handgemalten Karte, eine grosse Sonne in einem noch grösseren Himmel darstellend. An die Karte angelehnt ein Wollezwerg, wie ihn die Anthroposophen lieben, und ein paar Halbedelsteine, teils geschliffen, teils roh, zum Beispiel ein Lapislazuli. Auf diesem rohen Lapislazuli-Bruchstück steht ein kleiner Engel aus Ton. Die ganze Pultszenerie ist beleuchtet von einer Arbeitsleuchte, denn es ist zwar noch nicht spät, aber doch schon dunkel.

Ferner ist da mein Inneres, das die kleine, beleuchtete Welt betrachtet, etwas zweifelnd, auch ein bisschen unzufrieden. Vielleicht weil es sich nach einer grösseren Welt sehnt, nach erhabenen Gedanken – und Taten. Statt sich über ein Blatt Papier zu beugen und zwischendurch die gemalte Sonne anzuschauen, wünscht sich mein Inneres die tiefe Verbeugung vor dem Wesentlichen – oder dass es von der Sonne verbrannt werde.

Foto (CC-Lizenz): hdhkay, Quelle: piqs.de

Traurigkeit

Die Bäume stehen herum wie stramme Soldaten vor der Schlacht, während die müden Wolken am dunstigen Himmel ihre Kreise ziehen. Das graue Gras liegt müde und seufzend um die Bäume.

Sonne, glitzere mir die Traurigkeit aus den Augen! Oder verbrenne mich, dass ich zu dir aufsteigen kann!

Foto von Alexander Vollmer (cc-Lizenz)

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Älteres: Höhenflug

Unter dem Etikett “Älteres” werde ich hier in loser Folge Texte veröffentlichen, die vor einiger Zeit entstanden sind – manche vor atemberaubend “einiger” Zeit – und doch überdauert haben – wie mich dünkt mehr oder weniger unbeschadet. Die anderen, “beschadeteren” Texte behalte ich schön für mich …

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Höhenflug

Ich halte mich an Gedanken fest und fliege mit ihnen davon. Ich fliege über die Dächer der Stadt hinweg. Die Gärten der Vorstädte lasse ich hinter mir. Herr Meier erscheint mir noch als schwarzer Punkt. Ich überfliege Felder und Wälder. Bald erscheinen sie mir bloss noch als unterschiedlich grüne Farbflecken. Ich verlasse die Erde und steige der Sonne entgegen. Bin ich dort angelangt, klappe ich mein Notizbuch mit einem tiefen Seufzer zu.

Foto: Last Hero

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April, April!

Das weisse Licht der Aprilsonne scheint – nicht warm, nicht kalt – auf eine Natur, die nicht mehr wintertot ist, aber auch noch nicht lebendig. Ich stehe daneben und betrachte das Spiel, nicht ohne Hoffnung, aber ohne Freude.

Foto: Max Henckel

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