Logbuch Berlin: Dienstag, 28. Juni 2016

Erste, zunächst etwas zaghafte Schritte in Berlin. Die Hobrechtstrasse, an der sich meine Unterkunft befindet, stösst am einen Ende auf den Landwehrkanal, für mich eine wichtige Orientierungslinien quer durch Berlin. Zur Not kann ich mich ans Ufer des Kanals retten und finde so wieder zurück ins Hotel. Am anderen Ende mündet die Hobrechtstrasse in die Karl-Marx-Strasse. Die Geschichte Berlins ist also – zumindest in Form eines klingenden Namens – auch gleich um die Ecke.

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Quartierstrasse in Neukölln. (Bild: Wohnsitz Neukölln von Jörg Kantel, CC-Lizenz via flickr)

Entlang dieser Hobrechtstrasse bewege ich mich zunächst. Sie allein ist schon ein kleiner Kosmos für sich: Graffitis, wohin du schaust. Man könnte stundenlang den Mauern entlang stiefeln und in den Strassen wie in einem Tagebuch über die Befindlichkeit der aufmüpfigen Berliner Jugend lesen. Das Quartier wirkt etwas heruntergekommen, doch ohne mich zu befremden oder gar zu beelenden. Es sind meine Schweizer Sehgewohnheiten, die sich zunächst irritieren lassen. Zugleich fällt mir auf, wie lebendig diese Gegend ist, wie vielfältig die Menschengesichter aus allen erdenklichen Ländern und sozialen Schichten sind. Nun weiss ich, wie das globale Dorf aussieht. An der Ecke Hobrechtstrasse–Hübnerstrasse zeigt sich mir im Laufe der Vormittagsstunden ein Panoptikum der Weltgemeinschaft: Kreativwirtschafterin trifft Turbanträger, slawischer Handorgelmann spielt Schräges für mittellose Punks. Die Stadt erwacht zu bunter Geschäftigkeit. Dann die unzähligen Kneipen und kleinen Läden, die alle improvisiert wirken, etwas Vorläufiges haben, aber Gestaltungswille, Kreativität, so etwas wie Leidenschaft für die Gegenwart ausstrahlen, so dass ich mich gerne mitreissen lasse.

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Der Hof des Hüttenpalastes. (Bild von onnola, CC-Lizenz via flickr)

Auch das Hotel, in dem ich unterkomme, der Hüttenpalast, atmet diesen Geist: Eine ehemalige Gewerbehalle wurde zum Hotel umgebaut, indem ausgediente Wohnwagen und Holzhäuschen hineingestellt wurden und rundherum eine wohnliche Atmosphäre mit Sofaecken, Bücherregalen und Ständelampen geschaffen wurde. Ich selbst bin allerdings in einem «normalen», aber grossen und hübschen Zimmer in einem Nebenbau untergebracht, und das zu einem durchaus zahlbaren Preis. Die Wohnwagen und Hütten sind nicht rollstuhltauglich.

Am frühen Nachmittag ist Berlin angesagt, Restberlin gleichsam, also alles andere als die Hobrechtstrasse. Etwas ziellos machen Urs und ich uns auf den Weg. Zu zweit ziellos unterwegs zu sein, ist eindeutig schwieriger als alleine. Weil es dann zwei Nasen sind, denen man folgt. Ein hoffnungsloses Unterfangen! Zu zweit setzt man sich besser ein gemeinsames Ziel, wenn auch nur ein vorläufiges. Urs gab es vor mit der Hasenheide, einem grossen und recht natürlicher Volkspark nicht allzuweit weg: eine sanfthügelige, etwa fünfzig Hektar, also gut siebzig Fussballfelder weite Wiesenlandschaft, intensiv bestanden mit Baumgruppen, die ihrerseits von Büschen gesäumt sind. Es gibt mehrere breite und geteerte Wege, die den Park durchkreuzen, und unzählige Trampelpfade.

Vielleicht wegen der vielen Baumgruppen, in denen man sich gut verstecken kann, ist der Park offenbar ein Drogenumschlagplatz. So bekundete es jedenfalls Urs. Wir liessen uns auf einer sanften Anhöhe nieder und assen Erdbeeren. In unserem weiten Blickfeld sassen Dunkelhäutige in Gruppen oder einzeln im Gras oder auf Bänken in der Nähe der Bäume. Plötzlich raste ein Polizeiauto, eine Menge Staub aufwirbelnd, durch die Szenerie, was bei den Schwarzen die sofortige Flucht in alle Himmelsrichtungen, immer aber im Schutz der Baumgruppen auslöste. Doch der Wagen preschte einfach vorbei, so dass sich die Lage schnell wieder beruhigte.

Später in der überraschenden Weite des Tempelhofer Flugfeldes, auch die mitten in Berlin. Unzählige Menschen radeln auf den Pisten des längst geschlossenen Flughafens Berlin-Tempelhof. Andere lagern auf den weiten Wiesenflächen. Fahrzeuge aller Art werden durch das Gelände gelenkt. Verbrennungsmotoren sind allerdings verboten. Deshalb beherrschen Fahrräder die Szenerie, und zwar in allen erdenklichen – und auch unerdenklichen – Ausführungen, etwa mit Segel. Oder dann jenes seltsame Gefährt, das wunderbar in ein Fitnesstudio passen würde, mit dem man aber auch von A nach B turnen kann. Viel Skurilität, viel Humor, viel Freizeit.

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Tempelhofer Flughafen. (Bild: Berlin-005 von Simon, CC-Lizenz via flickr)

Ganz nahe dieser urbanen Ausgelassenheit, jedoch hinter mobilen Sichtschutzwänden leben Flüchtlinge: Ein Teil des monumentalen Tempelhofer Flughafengebäudes wird als Erstaufnahmezentrum für Schutzsuchende genutzt. Ganz schön abgeschottet von der Berliner Freizeitwelt werden hier verlorene Schicksale verwaltet.

Logbuch Berlin: Montag, 27. Juni 2016

Pfeilschnell fliege ich im ICE durch deutsche Lande Richtung Berlin. Im Abteil ebenso wie vor dem Fenster wird mir vorgeführt, dass der Fleiss der Deutschen das Etikett «sprichwörtlich» durchaus verdient. Im Abteil liegen die Laptops aufgeklappt auf den Klapptischchen. Die Tastaturen klappern. – Nein, natürlich nicht. Dazu sind sie zu modern. Aber es wird heftig getippt und lauthals telefoniert – dem Vernehmen nach zur Hauptsache gewichtige Geschäftsangelegenheiten und organisatorische Belange. Rein sozial motivierte Gespräche habe ich keine mithören müssen.

Derweil draussen die deutsche Landschaft vorbeiflattert – auch diese vom Fleiss der Einwohner durch und durch geprägt: In Süddeutschland wirkt die Gegend, als käme sie direkt vom Frisör. Jedes Feld, jeder Schrebergarten ist akkurat bepflanzt und gestriegelt. Jeder Flecken wird genutzt. Die sanften Hügel sind Rebberge, die Flächen davor ein Flickenteppich von Feldern, Äckern und intensiv genutzter Wiesen. Feldwege und Strassen bilden gleichsam den Saum dieses Flickenteppichs.

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Agrarlandschaft in Hessen. (Bild: Samba do Brasil von Lutz Koch, CC-Lizenz via flickr)

Auch die Dörfer zeugen von Fleiss und Rechtschaffenheit ihrer Bewohnerinnen und Bewohner. Häuschen reiht sich an Häuschen, wie aus einem Katalog herausgeschnitten. Die Gärten sind zwar nicht gerade symmetrisch, aber etwas bieder, strotzen dafür nur so vor Fruchtbarkeit. Die Deutschen sind ein fleissiges Völkchen. Warum soll man sich auch darüber lustig machen oder es ihnen gar verübeln, solange sie diesen Ameisenfleiss nicht von anderen Völkchen erzwingen wollen?

Weiter nördlich kommt zu diesem Fleiss, der gleichsam aus dem Boden spriesst, eine gewisse Grandeza. Die Weizenfelder sind nun so weit, dass man sie nur noch mit Grossmaschinen bewirtschaften kann. Hinzu kommen Schlackeberge, die sich wie Vulkane aus der Ebene erheben und vom Kohleabbau erzählen. Ebenso die Städte: grossartig und irgendwie grosstuerisch zugleich, wenn man sie mit Schweizer Augen betrachtet, die ans Kleinliche – pardon: ans weniger Grosse gewöhnt sind. Die Skyline von Frankfurt, wie sie sich dem Zugreisenden darbietet, ähnelt mit ihren Wolkenkratzern aus Stahl und Glas immer mehr den Skylines der Megastädte weltweit. Doch das ist in Basel ja auch nicht anders, bloss geht das hier weniger schnell. Deutschland lebt und entwickelt sich sichtlich in anderen Dimensionen.

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Skyline von Frankfurt. (Bild: Frank Friedrichs, CC-Lizenz via flickr)

Schliesslich Ankunft in Berlin. Wie in indischen Städten fährst du zunächst lange Zeit durch einen Gürtel, der bereits Berlin heisst, bevor du ins Innere der Stadt und dann ins Zentrum vorstösst. Ganz so lange wie in Indien dauert es allerdings nicht – nicht weil Berlin kleiner wäre als die meisten indischen Städte, sondern weil der Zug schneller unterwegs ist.

Auf dem Bahnsteig erwartet mich Urs, ein Freund. Vielleicht nur wegen ihm bin ich in Berlin. Städtereisen gehören nicht eigentlich zu meinem Repertoire. Doch dass er mir «sein» Berlin zeigen will, ist Grund genug, mich auf dieses Abenteuer einzulassen. Er hat sich «anerboten» – tatsächlich habe ich ihn inständig darum gebeten –, mich durchs Labyrinth der Berliner U-Bahnen zu meinem Hotel in Neukölln zu lotsen, mich, dem ohne Plan vor Augen selbst ein mittleres Dorf zum Labyrinth wird, in dem ich mich heillos verirre.

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Berlin Hauptbahnhof. (Bild: Alexander Meijer, CC-Lizenz via flickr)

Stadtwanderer: Basels Grillmeile

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Das Kleinbasler Rheinufer zwischen Kaserne und Dreirosenbrücke wird als «die Grillmeile» in die Lokalgeschichte des 21. Jahrhunderts eingehen. Ich verlangsame jeweils meinen Gang, wenn ich im Sommer nachmittags oder abends hier vorübergehe. Etwas wehmütig schiele ich auf das bierselige Beisammensein, das mir in dieser Art, wohl aus Altersgründen, längst fremd geworden ist – was ich zuweilen bedauere. Als Zaungast blicke ich auf die Lagerfeuerromantik, die rund um die unzähligen Einweggrills und Sixpacks entsteht.

Hier ist Basel eine unkomplizierte Weltgemeinschaft. Familien, Clans, ja Völker treffen sich zum allabendlichen Fest. Sie feiern den Sommer in Ausgelassenheit, überbordend manchmal, sind laut, lebenshungrig. Es riecht abwechselnd nach Anzündwürfeln, verglühendem Marihuana und grilliertem Fleisch. Alle paar Meter wird eine andere Sprache gesprochen. Basel ist hier mindestens so global wie am Messeplatz. Aber deutlich familiärer.

Zuweilen sitzen in diesem Trubel ganz still auf einer Bank, möglichst unauffällig, so dass es schon wieder auffällt, einzelne junge Männer, meist dunkler Hautfarbe – vielleicht sind sie auch zu zweit –, die, ebenso wie der Stadtwanderer, das Geschehen als Zaungäste verfolgen. Es müssen Sans-Papiers sein, Heimat- und Papierlose, die sich im Schutz der Partymeile etwas unbeschwerter als sonst in der Öffentlichkeit bewegen können. Auch sie sind Wanderer, Grenzgänger des Lebens, nirgends und überall zuhause. Auch sie haben die Suche nach Heimat längst aufgegeben – weil es Heimat nicht mehr gibt, jedenfalls nicht als geografischer Ort. Ihnen gehört meine ganze Sympathie. Ihnen fühle ich mich als rastloser Stadtwanderer verwandt. –

Andere Male beschleunige ich meinen Schritt, wenn ich an der Grillmeile vorübergehe – oder ich wechsle ans andere Rheinufer. Der Trubel ist mir dann zu viel und die würzige Luft bedrängt mich ebenso wie die grelle Geselligkeit. Mit wehmütigem Blick auf den abendlichen Rhein sinniere ich dann über die Vorzüge des Einzelgängertums – und über Heimat und wie sie in modernem Sinn wiederzugewinnen wäre.


Der «Stadtwanderer» erscheint monatlich als Kolumne in der «ProgrammZeitung».

Bild: Grill von Juha Haataja, CC-Lizenz via flickr

Stadtwanderer: Stadteinsamkeit beim Rheinhafen

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Manche Wanderer lieben das Alleinsein. Was gibt es Schöneres, als in der Bergeinsamkeit unterwegs zu sein und seinen Gedanken nachzuhängen, die bald ebenso weit werden wie der Horizont mit all seinen Schneegipfeln? Oder in der Waldeinsamkeit: Man trällert ein Lied aus tiefstem Herzen – aber mit falscher Stimme. Kein Problem, denn niemand hört zu!

Wenn ich als Stadtwanderer das Alleinsein, die städtische Einsamkeit suche, so lenke ich meine Schritte hin zum Kleinhüninger Rheinhafen. Sobald ich von der Stadt her kommend die <Wiese> hinter mir lasse – gemeint ist das Flüsschen, das unweit von dort in den Rhein mündet –, so ist es, als träte ich in eine andere Welt: Eine weite Hafenlandschaft träumt vor sich hin und vibriert selbst an Werktagen vor Stille – na ja, vom Strassenverkehr mal abgesehen. Wie ein Rieseninsekt beugt sich der Hafenkran über ein Rheinschiff und schiebt träge seinen Rüssel ins Innere des Frachtraums. Mächtig ragen Lager- und Silogebäude in den grauen Himmel. Rundum frühindustrielle Ästhetik, wie man sie von englischen Industriegebieten her kennt: protzig und irgendwie düster.

Mich zieht es in den hinteren, verschwiegenen Teil des Hafens am Ostquai. Ein Bahngleis weist mir den Weg. Es riecht nach abgestandener Siloluft. Die Stille hat sich hier längst eingenistet. Nichts, aber auch gar nichts weist auf Geschäftigkeit hin. Nur die Sprayereien an den windschiefen Holztoren sind neueren Datums: der Einbruch einer aufmüpfigen Lebendigkeit in diese vergessene Welt. Ansonsten dicker Staub auf den Abfüllstutzen und Metallstreben. Neben dem Gleis liegt eine tote Taube. Die Stadteinsamkeit ist nun perfekt. Genüsslich lasse ich meine Melancholie, meinen Weltschmerz ins Kraut schiessen und schlendere weiter den blassen Mauern entlang.

Keine Frage, in absehbarer Zeit wird diese zweifelhafte Romantik verschwunden sein, vertrieben durch das postmoderne Effizienzstreben. Weltschmerz und Sehnsucht werden in Kisten gesperrt und in eine andere Welt ausgelagert sein. Keine toten Tauben mehr. Keine Stadteinsamkeit. Stattdessen Container aus aller Welt, computergestützt hier zwischengelagert. Ich werde mir andere stille Orte suchen müssen.


Der «Stadtwanderer» erscheint monatlich als Kolumne in der «ProgrammZeitung».

Bild: Rheinhafen Basel von Thomas Schaller, CC-Lizenz via flickr

Der Durchbruch

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In den Tiefen eines jeden Menschen schlummert Ungeahntes, teilweise Ungeheuerliches, das plötzlich – hervorgerufen durch einen äusseren Umstand oder durch ein lange andauerndes und oft schmerzliches, aber unbewusstes Sehnen der Seele – an die Oberfläche des Bewusstseins durchbrechen kann. Was der einzelne Mensch mit dieser Macht anfängt, ist ganz unterschiedlich und nicht zuletzt eine Frage seines Charakters und seines Schicksals. Der eine drängt sie mit aller Gewalt wieder zurück in den riesigen Kosmos des Unbewussten, damit sie ihn und seine Umgebung nicht beunruhige. Der andere heisst das Neue willkommen und erfährt dadurch eine tiefgreifende Verwandlung, ja, oft genug geradezu eine Art Umstülpung.

Ein solcher Mensch war Sascha, von Beruf Dekorateur in einer grossen Warenhauskette und 33 Jahre alt. Zwar empfand Sascha seinen Beruf nicht als besonders sinnvoll – wie könnte man auch eine Tätigkeit sinnvoll finden, bei der Waren, die der Käufer meist in keiner Weise benötigt, nach ästhetischen Gesichtspunkten so angeordnet und dekoriert werden, dass der Kunde sie trotzdem kauft? Dennoch war Sascha leidlich zufrieden mit sich und der Welt. Er hatte mehr als zehn Jahre auf seinem Beruf und in demselben Warenhaus gearbeitet und war lediger Vater einer Tochter, die allerdings bei der Mutter wohnte, von der Sascha sich vor zwei Jahren getrennt hatte. Er hatte ein ansehnliches Einkommen, so dass er sich, selbst nach Abzug der Unterhaltszahlungen für seine Tochter, manche Annehmlichkeiten wie ein sportliches Auto, eine grosszügige Wohnung und so weiter leisten konnte. Zudem war er als Nachfolger für den Chefdekorateur vorgesehen, wenn dieser in drei Jahren in Pension gehen würde.

Alles war in geregelten Bahnen und hatte seine Ordnung, als Sascha an einem Freitag Morgen den Auftrag erhielt, ein Schaufenster zum Thema Hochzeit zu gestalten. Dieses Hochzeits-Schaufenster sollte ganz in Weiss gehalten sein: bleiche Schaufensterpuppe, weiblich, in üppigem, weissem Hochzeitskleid, auf einem weissen Stuhl sitzend, daneben weisser runder Tisch mit künstlichen weissen Rosen in weisser Vase und so weiter. Sascha war eben damit beschäftigt, das Kleid an der Puppe zurechtzurücken, als er sich an der Kante einer Schleife einen Schnitt an einem Finger zuzog. Der Schnitt war so tief, dass sogleich kräftig Blut aus der Wunde hervorquoll. Ohne dass er es gemerkt hatte, waren ein paar Tropfen auf das Brustteil des Kleides gefallen und bildeten dort einen wohltuenden Kontrapunkt zum ganzen Rest des Schaufensters, sinnigerweise auf der linken Seite, der Herzseite der Braut.

Genau dies war der Augenblick, in dem bei Sascha, veranlasst durch eine Nebensächlichkeit, das Ungeahnte hervorbrach und nie mehr aus seinem Leben weichen sollte. Zunächst stieg Ärger auf über sein Missgeschick. Bis zum Abend konnte er nun unmöglich fertig werden mit dem Schaufenster. Er stellte sich vor, wie er in der Damenabteilung nach einem zweiten Hochzeitskleid fragen und sich erklären musste. Der Abteilungsleiter würde die Hände verwerfen und ihm bestimmt den Verlust vorrechnen, der durch sein Missgeschick entstanden ist.

Plötzlich sah er sich selbst ganz klein und weit unten im Schaufenster stehen, sah, wie er unentschlossen vor der Schaufensterpuppe stand, und er wurde sich der Lächerlichkeit, der Kleinheit seines Tuns bewusst. Es kamen ihm all die Menschen in den Sinn, die tagtäglich vor wirklichen Problemen, vor existenziellen Abgründen standen, und er begann sie zu beneiden, wurde sich aber gleichzeitig bewusst, wie dumm dieser Neid war. Unterschiedlichste Gefühle und Vorstellungen begannen sich wie in einem saugenden Wirbel immer schneller zu drehen, von dem er bestimmt mitgerissen worden wäre, wenn nicht plötzlich tief aus seinem Innern eine Entschlossenheit, verbunden mit einer unumstösslichen Gelassenheit, aufgestiegen wäre und den Strudel angehalten hätte. All das war in wenigen Augenblicken geschehen. Und nun wusste er, was zu tun sei.

Anstatt sich darum zu bemühen, den Schaden zu begrenzen – eben indem er sich ein neues, präsentierbares Hochzeitskleid besorgte und das alte in die Reinigung gab sowie seine Arbeit wie vorgesehen zu aller Zufriedenheit beendete –, ging er, von einem merkwürdigen Tatendrang getrieben, aber in Vollbesitz seiner Urteilsfähigkeit, ins Lager, besorgte sich rote Farbe – möglichst dunkel, blutrot sollte sie sein – und ein paar Pinsel. Wie in einem Fieber begann er alsbald, die Einöde in Weiss gezielt mit roten Pinselstrichen zu beleben. Zunächst hielt er sich trotz des inneren Drängens zurück, versah die weissen Rosen mit einem feinen Geäder, setzte hier einen Akzent, dort einen roten Tupfer. Doch bald nahm er den breiteren Pinsel und erging sich geradezu in einer Orgie in Rot, getrieben von einem beinahe wütenden Gestaltungswillen, der in all den Jahren des Gefangenseins im engen Rahmen der seichten Warenhausästhetik zu kurz gekommen war und sich nun den Weg in die Freiheit bahnte. In ihm erwachte ein Künstler, weitaus grösser und leidenschaftlicher als der Dekorateur, der er war.

Als Sascha bemerkte, dass sich vor dem Schaufenster eine Schar Schaulustiger versammelt hatte, die einen entsetzt, die andern belustigt, dritte einfach nur neugierig, begann er kurzerhand, die Schaufensterscheibe von innen her mit roter Farbe zuzupinseln. Zuschauer konnte er bei diesem Befreiungsakt nicht gebrauchen. Und um einen solchen handelte es sich – nicht um eine kundenorientierte Performance zur Verkaufsförderung.

Nach kurzer Zeit tauchte der Chefdekorateur auf, entsetzt und bleich im Gesicht, und forderte ihn zuerst höflich, dann aber streng auf, mit ihm zu kommen. Sascha war klar, dass das seine letzte Tätigkeit in diesem Warenhaus gewesen war, ja sein letzter Tag als Dekorateur überhaupt. «Ja, Chef, ich komme gleich», sagte er mit ruhiger Stimme und einem freundlichen Lächeln im Gesicht.


Bild: Rising Sun von Sara, CC-Lizenz via flickr

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