Die Freundschaft und ihre lieben Schwestern – und die Grosstante

Nehmen wir an, Freundschaft, Liebe und Leidenschaft wären Schwestern. Die Freundschaft ist die ältere Schwester der Liebe, und die Leidenschaft ist die jüngste der drei. Das gesetzte Alter der Freundschaft hat ihr Blut beruhigt. Dafür hat sie an Tiefe gewonnen – und an Beständigkeit. Nicht so ihre beiden jüngeren Schwestern, die Liebe und die Leidenschaft, die bei der erstbesten Gelegenheit wild um sich schlagen, nur um wenig später ihr Gegenüber wieder zu umgarnen, als wäre nichts geschehen.

Die Liebe kann grausam sein, und die Leidenschaft schafft Leiden. Beide sind willkürlich wie Despoten – und selbstsüchtig dazu. Und doch wirkt die Freundschaft neben ihren funkelnden Schwestern wie eine graue Maus. Sie ist das Mauerblümchen der drei. Und ihre inneren Werte? Geschenkt! Ihre Beständigkeit? Belanglos!

Es lebe der rasende Tanz der Gefühle! Es lebe der ekstatische Rausch! Auch wenn ihm, als wärs ein Naturgesetz, bald die Ernüchterung folgt. Das Herz ist verglüht. Zurück bleibt eine Leere und Tristesse. Jetzt erst erinnern sich die jüngeren beiden an ihre ältere Schwester. Zerzaust und mit aufgelöstem Haar flüchten sie sich in den Frieden, den diese umgibt. Also beginnt die Freundschaft zu erzählen:

«Unsere Grosstante heisst auch Liebe, so wie du, mein törichtes Schwesterlein. Doch sie hat ganz anderes im Sinn. Sie strebt nach dem Höchsten, zu dem wir Menschen fähig sind: zu Mitgefühl und uneigennütziger, bedingungsloser Liebe gegenüber der gesamten Schöpfung, auch gegenüber unseren Feinden. Sie hat es weit gebracht, unsere Grosstante, und ich bewundere sie dafür.»

Noch ausser Atem, doch schon gefasst, antwortet ihr die Jüngste, die Leidenschaft: «Meine liebe, neunmalkluge Schwester, lieber brenne ich lichterloh und lasse, wenn es sein muss, noch vor der Zeit mein Leben, als wie du langsam hinzuwelken. Wer lässt sich von dir denn noch begeistern? Du verdorrst, noch bevor dein Leben geendet hat. Mich aber durchbebt eine heilige Lust. Bis zur Neige feiere ich mein Leben. Und dann soll es gut sein. Mehr will ich nicht.

Und meine Grosstante habe ich nie gemocht. Sie ist ebenso angegraut wie du und ihr Gesicht welk wie Herbstlaub. Was heisst das schon, nach dem Höheren streben? Oder gar nach dem Höchsten, zu dem wir Menschen fähig sind? Reine Träumerei, ein Gedankenflug in abstrakte Gefilde, in die man sich flüchtet, um der Zumutung des Todes zu trotzen. Nein, das ist mir zu geistesschwer, zu blutleer. Da lobe ich mir das Fleisch und die Lust, die übrigens oft genug Leben spenden.»

Ihr antwortet nun die ältere Schwester: «Leidenschaft und Verstand scheinen sich spinnefeind zu sein. Was weisst du schon vom Leben, du jüngste meiner einfältigen Schwestern? Es reicht nicht, sich am Leben zu berauschen, wenn auch nichts gegen den wunderbaren Tanz des Daseins spricht. Was wäre die Welt ohne Kinder – und ohne Leidenschaft? Doch damit genügen wir der Natur – wie der Wurm auch. Freundschaft und Liebe im Sinne unserer Grosstante macht uns erst zu Menschen. Sie sind eine Kulturleistung, die erst das Überleben der Menschheit auf unserem Planeten ermöglicht. Du bist noch jung, Schwesterlein, kannst noch wachsen.»

Maskenbart und Co. – Betrachtungen zur Ästhetik des Mund-Nasen-Schutzes

Der kometenhafte Aufstieg der Hygienemaske geht einher mit einem brutalen Absturz des ästhetischen Empfindens. Insbesondere die Gesichtspartie des Menschen wird zum Schlachtfeld, wo sich Nachlässigkeit, schlechter Geschmack, der Wunsch aufzufallen und Unverstand in unterschiedlichen Koalitionen gegen die Ausdruckstärke und grundsätzliche Schönheit des Gesichts austoben.

Ein solcher Angriff gegen die Ästhetik des Gesichts ist zum Beispiel der Maskenbart. Geradezu pandemisch breitet er sich über dem Erdball aus, befördert dadurch dass der Mund-Nasen-Schutz bei Nichtgebrauch ja irgendwo deponiert werden muss, wo er die Trägerin, den Träger nicht stört und doch griffbereit bleibt. Einmal mehr hat die Nützlichkeit über die Schönheit gesiegt. Wen wundert’s, dass die KulturpessimistInnen täglich zahlreicher werden. Man sagt, es gäbe Leute, die nicht mehr auf den Maskenbart verzichten wollen oder können, selbst wenn sich die epidemiologische Situation beruhigen sollte. Auffällig viele darunter haben ein Doppelkinn.

Doch die Gesichtsverschleierung an sich ist nunmal ein ästhetischer Tiefflieger. Gleichen die Menschen nun nicht gesichtslosen Marionetten – oder gar Zombies, die durch den öffentlichen Raum huschen oder hetzen, anonymer und unnahbarer denn je? Das Gesicht, Ausdruck der Seele des Menschen und seines Lebens hier auf Erden, ist bis auf die Augenpartie unkenntlich gemacht. Was mag das für die spontane menschliche Begegnung bedeuten? Was für die Poeten, die von der Beobachtung der Menschen leben und aus ihren Gesichtern Inspiration für ganze Werke schöpfen?

Vorteile der neuen Ästhetik

Hier gilt es nun allerdings auch, die Vorteile der neuen Ästhetik zu erkennen. Wie viel subtiler kann der spontane Austausch werden, wenn er sich auf das Augenspiel beschränkt! Wie viel mehr Aufmerksamkeit schenkt man so dem Gegenüber und bekommt man geschenkt! Man hängt sich nicht mehr gegenseitig an den Lippen. Man blickt sich wieder in die Augen.

Und noch etwas: Die automatische Gesichtserkennung ist bis auf weiteres ausgebootet. Und zwar weltweit! Das ist zwar kein ästhetischer Gewinn im eigentlichen Sinn. Doch eine Güterabwägung empfiehlt dem ästhetischen Gewissen, hier Abstriche zu machen. Die digitale Überwachung des öffentlichen Raums ist um Jahre zurückgeworfen. Auch das Vermummungsverbot ist Makulatur, weil nicht mehr durchsetzbar. Immerhin!

Papageienschnabel und Unterhose fürs Gesicht

Aber auch um die Masken selbst ist ein ästhetischer Wettkampf entbrannt. Hauptsächlich das Modell «Globi» und das Modell «(Wegwerf-)Unterhose fürs Gesicht» stehen hoch im Kurs. Das erstere verleiht den TrägerInnen ein papageienartiges Aussehen, wobei die Farbe des Schnabels frei wählbar ist. Schwarz dominiert allerdings und verleiht dem Gesicht, ob Frau oder Mann, etwas Martialisches. Der Papageienschnabel scheint recht bequem zu sein und verursacht weniger Probleme bei BrillenträgerInnen. Stichwort: beschlagene Scheiben. Als Maskenbart ist er allerdings weniger geeignet, es sei denn, es gilt, ein äusserst üppiges Doppelkinn zu kaschieren.

Übers Modell «Unterhose fürs Gesicht» gibt’s nicht viel zu sagen. Die Bezeichnung selbst spricht Bände. Und wie im richtigen Leben auch verdeckt dieses Modell oft nur das Allernötigste, zuweilen nicht einmal das. Es ist der weitest verbreitete Mund-Nasen-Schutz. Kommt hinzu, dass bei manchen Trägerinnen und Trägern ein Missverständnis vorzuliegen scheint. Das Modell, oft in dezent blauen oder rosa Pastelltönen angeboten, ist zwar ein Einwegmodell und muss deshalb auch als Wegwerfmodell bezeichnet werden. Was allerdings nicht heisst, dass es beliebig und überall weggeworfen werden kann. Biologisch abbaubare Modelle sind meines Wissens noch nicht auf dem Markt. Das wird noch kommen. Aber selbst dann … Das macht einfach keine Falle.

Der Bundesrat ist gefordert

Letzthin hing mitten im Wald, etwa auf Kopfhöhe an einem Ast eine eindeutig gebrauchte Hygienemaske und flatterte im Herbstwind. Zugegeben, als sparsamer Mensch bin ich bei solchen Gelegenheiten jeweils versucht, die Maske an mich zu nehmen, zur Not eine solche gar vom Weg aufzuheben, besonders wenn sie noch unverbraucht wirkt. Locker könnte man sich so den Bedarf für die ganze Pandemiesaison zusammenklauben und einiges an Geld sparen. Einzig hygienische Bedenken hielten mich bisher davon ab. Es fühlt sich an wie bei gebrauchten Unterhosen, die auf der Strasse herumliegen. Auch hier hat man Hemmungen … Übrigens: Liegen gelassene Papageienmasken sieht man weniger. Schade eigentlich!

Damit man mich richtig versteht: Ich zweifle nicht an der Nützlichkeit und Eignung der Hygienemasken, um Schlimmeres zu verhindern. Schade nur, dass in der Hitze des Gefechts die Ästhetik völlig vergessen geht. Ich denke, hier ist der Bundesrat gefordert. Mit einer schweizweiten Verordnung könnte man Abhilfe schaffen und dem Flickenteppich der Kantone in Sachen Schönheitsempfinden entgegenwirken.


Bild von Engin Akyurt auf Pixabay

Charles Eisenstein: Rebellion aus Liebe

Charles Eisenstein ist neben dem kürzlich verstorbenen David Graeber einer der massgeblichen Ideengeber einer «anderen Welt», wie sie seit der Jahrtausendwende von einer erstarkenden Zivilgesellschaft immer lauter gefordert wird. Eines seiner zeitkritischen Essays ist kürzlich auf Deutsch erschienen: «Wut, Mut, Liebe! Politischer Aktivismus und die echte Rebellion». Ein schmales Büchlein mit gewichtigem Inhalt.

«Eine andere Welt ist möglich», diese dreiste Behauptung in einer Welt, die ohne Alternative zum Zivilisationsprojekt der Gegenwart zu sein scheint, bewegt immer breitere Kreise der Menschen, durchaus nicht nur im Westen. Gemeint ist eine Welt, die nicht von Ausbeutung und Konkurrenzdenken geprägt ist, sondern von Sorgfalt und Verbundenheit, gegenüber der Mitwelt ebenso wie gegenüber den Mitmenschen und den kommenden Generationen. Das können wir doch besser: unsere Phantasie, unsere Kreativität und unsere Ressourcen dafür einsetzen, dass ein menschenwürdiges Leben für alle auf unserem Planeten möglich ist, ohne ihn zu zerstören. Wozu sonst soll der Fortschritt gut sein? Erschreckend eigentlich, wie träumerisch und realitätsfern ein solcher Gedanke in der heutigen Zeit anmutet.

Dabei sind es gerade die Leitvorstellungen der heutigen Gesellschaft – und besonders der heutigen Wirtschaft –, die Albträume verursachen und die Lebensnotwendigkeiten von Mensch und Natur in hohem Mass verneinen, also im Grunde realitätsfern sind, weil nicht zukunftstauglich. Immer dringlicher wird die Erkenntnis: Eine andere Welt ist nicht nur möglich, sondern notwendig. Am deutlichsten erkannt wird das heute im Zusammenhang mit der Klimaerhitzung.

Kühne Gedanken

In dieser Stimmungslage liefert Charles Eisenstein in seinem Essay ein paar Denkanstösse, die uns auf dem Weg hin zu einer anderen Welt voranbringen können. Der Haupttitel der deutschen Übersetzung – «Wut, Mut, Liebe!» – mag gewisse LeserInnen abschrecken. Zu Unrecht, enthält doch das Büchlein einige kühne Gedanken jenseits esoterischen Geschwurbels und lauwarmer Gefühlsduselei.

Der Autor schreibt zunächst gegen das vorherrschende geomechanische Weltbild an. Als wäre die Erde ein riesiger Motor, der ins Stottern geraten ist, setzt man sich zum Ziel, einige Stellschrauben zu justieren, etwa den CO2-Ausstoss. Ist der erst mal im Griff, so meint man, kann weitergewurstelt werden wie bisher. Doch die Erde ist kein Maschine. Die Erde ist ein lebendiger Organismus. Und dieser lebendige Organismus ist ernsthaft krank: «Die tatsächliche Bedrohung der Biosphäre ist viel größer, als die meisten Menschen selbst in der linken Szene begreifen. Sie umfasst das Klima, geht aber bei weitem darüber hinaus. (…) Der Erde droht Tod durch multiples Organversagen.» (S. 29)

Viele Ökosysteme der Erde – ihre Organe – sind angeschlagen, schwer geschädigt oder ganz zerstört. Ein derart geschwächter Organismus ist wenig widerstandsfähig. Seine Resilienz ist angeschlagen. Eisenstein schlägt deshalb umweltpolitische Prioritäten vor, die von jenen des konventionellen Klimadiskurses abweichen. Er wendet sich damit direkt an die Klimabewegung und insbesondere an Extinction Rebellion.

Schutz des Lebens

Die höchste Priorität fordert er für den «Schutz aller verbliebenen Urwälder und anderer noch nicht geschädigten Ökosysteme». «Jedes intakte Ökosystem ist ein kostbarer Schatz, ein Hort der Artenvielfalt, ein Refugium für die Regeneration des Lebens. In ihnen ist jene tiefe Intelligenz der Erde noch lebendig, ohne die eine vollständige Heilung nicht möglich sein wird. In ihnen ist die Erinnerung des Lebendigen Planeten an seine Gesundheit noch da.» (S. 32) Ein solcher Schutz lässt sich unverzüglich umsetzen, ist zum Teil längst gesetzlich festgeschrieben. Bloss wird er vom entfesselten Raubtierkapitalismus missachtet und verhöhnt, wie das Beispiel des heutigen Amazonas-Regenwaldes zeigt. Hier ist zusätzliches zivilgesellschaftliches Engagement gefordert.

Erst an vierter Stelle der umweltpolitischen Prioritätenliste Eisensteins steht die Reduktion von Treibhausgasen in der Atmosphäre, auf die alle Welt schaut und die auch im Zentrum des Übereinkommens von Paris des Jahres 2015 steht. Der effektive Schutz (erste Priorität) und die Regeneration von geschädigten Ökosystemen (zweite Priorität) sowie der rigorose Stopp der weiteren Vergiftung der Erde (dritte Priorität) tragen für sich schon Wesentliches zur Verminderung von Treibhausgasen bei. Viele der notwendigen Massnahmen lassen sich ohne Verzögerung verwirklichen, vorausgesetzt, der gesellschaftliche Wille ist vorhanden.

Revolution der Liebe

Doch Eisenstein wird noch grundsätzlicher. Er sieht beim Klimawandel und der Umweltzerstörung dieselben tieferen Ursachen wie bei Gewalt und Ungerechtigkeit, nämlich das menschheitsgeschichtliche Narrativ der Separation, «eine Geschichte, die mich getrennt von Dir verortet, die Menschheit getrennt von der Natur, den Geist von der Materie und die Seele vom Fleisch». (S. 20) Dieses tiefe Empfinden des Getrenntseins prägt unsere Zivilisation seit undenkbarer Zeit, ebenso wie unser Wirtschaftssystem, den Kapitalismus. Wobei Eisenstein anmerkt: «(…) die früheren sozialistischen Länder verhielten sich genauso räuberisch wie die kapitalistischen Länder (…)». (S. 20)

Unweigerlich führt dieses Grundgefühl des Getrennstseins zur Polarisierung, wie wir sie – auf die Spitze getrieben – heute erleben. Und sie führt zum «Kriegsdenken», dem wir praktisch alle unterworfen sind. «Wenn Ihr glaubt, die Menschen auf der anderen Seite stünden moralisch, ethisch, in Sachen Bewusstsein oder spirituell auf einer niedrigeren Stufe als Ihr, dann steht Ihr schon an der Schwelle zum Krieg. Also, ja, stellt die Handlungen bloß, die die Welt töten. Aber macht nicht die vermeintliche Schlechtigkeit der Handelnden dafür verantwortlich, und bildet Euch nicht ein, dass sich die Rollen ändern, wenn Ihr die Schauspieler feuert.» (S. 44)

Die aktuelle Krise fordert nichts weniger als eine zivilisatorische Transformation, «eine Initiation in eine neue Art von Zivilisation». (S. 21) Sie fordert eine Revolution der Liebe, eine Revolution, die nicht von Wut und Konfrontation ausgeht, sondern von Verbundenheit und Ehrfurcht vor dem Leben und allen Wesen. Wie viele Revolutionen aus Wut haben wir schon gesehen? Und was haben sie gebracht? Laut Eisenstein muss dieser Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt, von Sieg und Niederlage durch einen Paradigmenwechsel unterbrochen werden – durch die Überwindung des Wahns des Getrenntseins, durch die Verbundenheit mit dem Lebendigen. Durch die Liebe zu allem, was der Heilung bedarf.

Diese Feststellung mag naiv erscheinen, unrealistisch und aus der Zeit gefallen. Und doch übersetzt Eisenstein damit die Essenz unterschiedlichster Kulturen in die Sprache der heutigen Welt. Jeder noch so kleine Schritt in diese Richtung ist Balsam für Mensch und Welt und trägt zur Heilung bei.

Charles Eisenstein

Wut, Mut Liebe!

Politischer Aktivismus und die echte Rebellion

66 Seiten
Europa Verlag
Zürich 2020

ISBN 978-3-95890- 324-1

 

 

 

 

 

 

 


Das englische Original und die deutsche Übersetzung des Essays sind auf der Webseite des Autors abrufbar. Die Seitenangaben beziehen sich auf die Buchausgabe des Europa Verlags.

Hymne an eine Sonnenblume

Wie erhaben du bist, wenn du alleine im Winde stehst! Einer Königin gleich, stolz und schön, blickst du auf die Erde, das gekrönte Haupt leicht gesenkt. Grosse Blätter tanzen um deinen Leib, grüne Herzen um eine schlanke Säule, die fest in der Erde verankert ist und mit der Sonne in Verbindung steht.

Welch ein Bild, welche Symbolkraft bietet uns die Sonnenblume, bedenkt man, wie viel Schönes und Fruchtbringendes der Verbindung zwischen Himmel und Erde entspringt! Der Sonnenkranz umschliesst einen Korb künftiger Samen, die, würden alle aufkeimen, die Erde in kürzester Zeit zum Planeten der Sonnenblumen machen würden. Stattdessen ernähren sich Spatzen und Menschen, Hamster und Krähen von dieser Fülle an Pracht und Fruchtbarkeit. Nichts weniger als Poesie und Lebenstüchtigkeit geben sich in dir die Hand. Leise wiegt dein Haupt im Wind, als träumtest du von einer fernen Welt, als wärest du nicht ganz von dieser Erde, der du ja doch entstammst.

Blicke ich ins Feuerrad deiner Blüte, wird mir ganz schwindelig. Tausend sich kreuzende Spiralen ziehen meinen Blick in die Tiefe des Blütengrundes. Und wäre ich nicht Mensch, würde ich mich verlieren und nie mehr zurückkehren wollen aus dieser üppigen Rosette. Mit Wonne würde ich in dieser Sonne verglühen, Königin meiner Träume.

Soldatin hingegen bist du, wenn du dicht an dicht mit anderen im Felde stehst. Alle Köpfe blicken in dieselbe Richtung. Ihr gleicht nun Automaten, von der Sonne ferngesteuert. Was für ein Hohn! Was für eine Erniedrigung! Die Fruchtbarkeit ist zur Ertragskraft verkommen. Die Poesie zur Farce. Zwar trägt die Königin noch eine Krone, doch ist sie Sklavin geworden, ist ins Heer der gekrönten Sklavinnen eingegangen, die im Herbst abgemäht und der Verwertung zugeführt werden.

Doch ich werde nicht ruhen. Nachts, wenn der Spätsommermond über dem Wald steht, treibe ich mich in den Feldern um, reisse euch eigenhändig aus der Ackererde, um euch zu befreien. Reihe für Reihe vollende ich meine Erlösungstat. Dein Haupt bette ich aufs Gras, um dir die königliche Würde zurückzugeben.


Bild: sunflower von stretta, CC-Lizenz via flickr

Die Sucht nach schnellen Antworten in der Krise

Prognosen und schnelle Antworten schiessen ins Kraut. Und die Antworten kommen oft, bevor das Problem wirklich erkannt ist. Vielleicht wäre es an der Zeit, mit den Fragen zu leben, die unsere Zeit aufwirft, und statt schnellen Antworten gemeinsam herauszufinden, was für eine Zukunft wir wollen. Dies schlägt die junge spanische Philosophin Sira Abenoza in einer Kolumne vor. – Übersetzung aus dem Spanischen von Walter B.

Die schlimmste Krise seit der Grossen Depression. Länder schotten sich ab und errichten Barrieren. Nationalismus und das Streben nach Autarkie blühen auf. Unsere Bewegungsfreiheit wird beschnitten und wir werden überwacht. Auf einmal leben wir in Kontrollgesellschaften. Gesundheitspässe werden eingeführt und unsere Rechte eingeschränkt. Arbeitslosigkeit, wirtschaftlicher Niedergang und Hoffnungslosigkeit greifen um sich. Milliardenschwere Hilfsfonds werden eingerichtet. Am Horizont taucht der Grosse Bruder auf: Bitte geben Sie acht! Noch mehr Virus. Und noch mehr Einbussen. Noch weniger Bewegungsfreiheit – bis hin zur Ausgangssperre. Noch mehr Arbeitslosigkeit.

Seit Wochen überbieten sich in den Medien die Experten mit ihrer Sicht auf die Dinge: wohin unsere Welt in der Post-Corona-Zeit steuert und wie unser Leben in der neuen Normalität aussehen wird. In den Massenmedien wird ihnen Platz eingeräumt für Ausführungen und Erklärungen am Laufmeter. Und die Experten versuchen sich in Hypothesen, sondern Schlagzeilen ab – und stürzen uns allzu oft in eine grössere Depression.

Das ist unser aller Laster: Wir hören den Experten gerne zu, wenn sie uns erklären, wie die Dinge laufen, und wechseln von der Couch oder vom Auto aus zur Not den Kanal. Wenn wir damit einverstanden sind, schauen wir es uns an – und bleiben in der Show. Und was uns nicht behagt, lehnen wir ab – und zappen weiter. In einem so ungewissen Szenario wie dem heutigen vervielfältigt sich der Wunsch, Antworten zu finden: Bitte, liebe Gelehrte, sagt uns, wie unser Leben morgen sein wird, wie nächste Woche und wie in den kommenden Jahren! Wir malen uns aus, dass uns ihre Antworten, wenn auch nur ansatzweise, in der sich immer schneller drehenden Welt die Angst nehmen und dass wir dann ohne viel Umschweife weitergehen können.

Falsche Lösungen als verpasste Chancen

Bei allem Verständnis für diese Haltung scheint mir das Vorgehen falsch. Die Krise verstärkt unsere Tendenz, nach einer Lösung zu suchen, bevor wir das Problem verstanden haben – eine Gewohnheit, die von verschiedenen Autoren beschrieben und von Beratern und Therapeuten behandelt wird. War es im Buch «Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus» oder einem anderen? Dem Vernehmen nach sei es für Männer wichtig, alles sofort in den Griff zu bekommen, während Frauen oft einfach wünschten, sich auszutauschen und angehört zu werden. Ich weiss nicht, ob es eine Geschlechterfrage ist oder eine des Menschseins. Aber ich weiss, dass Lösungen, die gefunden werden, bevor das Problem erkannt ist, in der Regel ein Irrtum sind, das heisst eine verpasste Chance.

Es gibt unzählige Beispiele für falsche Lösungen oder auch ungeeignete Hilfeleistungen. Etwa im Zusammenhang mit den syrischen Flüchtlingen: Unter Aufbietung des guten Willens aller Welt begannen NGOs, Unternehmen wie auch einzelne Bürgerinnen und Bürger Teddybären und Zehntausende Paar Schuhe für Kinder und Erwachsene zu schicken. Die ganzen Plüschtiere und Schuhe landeten letztlich als Abfall in der Landschaft, als die Flüchtlinge wegzogen. Denn es war nicht das, was sie in dieser Zeit brauchten.

Tatsächlich sind es die Entwicklungsländer leid, Lösungen vorgesetzt zu bekommen, die ihre Probleme nicht lösen, weil sie in den Büros der Ersten Welt ausgeklügelt wurden. Im Rahmen von humanitären Programmen oder aus sozialer Verantwortung haben viele Unternehmen Millionenprojekte auf die Beine gestellt, welche die wirklichen Probleme der vermeintlichen Nutzniesser nicht lösten: Es wurden Schulen gebaut, in die nie SchülerInnen einzogen, Wälder angepflanzt, wo sie fehl am Platz waren, unbequeme Schuhe, wacklige Tische und toxische Spielzeuge verteilt.

Man dachte für andere, statt die anderen zu fragen, was sie brauchen.

Vielleicht ist das der springende Punkt. Vielleicht sollten wir aufhören zu meinen, naheliegende Antworten seien die richtigen. Wir werfen uns wohlfeilen Antworten und schnellen Lösungen in die Arme, weil uns das ein (falsches) Gefühl von Sicherheit gibt.

«Die Fragen selbst liebhaben»

Doch was würde geschehen, wenn wir für einmal nicht voreilig nach Antworten und Prognosen rufen würden? Wie, wenn wir für einmal dem Impuls widerstehen würden und tun, was Rainer Maria Rilke einem jungen Dichter empfohlen hat: «… Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen, und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben …»?

Vieles geschieht zurzeit, das wir nicht verstehen und das uns erstaunen lässt, das uns beunruhigt, ja in Angst versetzt. Wie, wenn wir statt nach schnellen Lösungen zu suchen, das Geschehen zunächst eingehend betrachten, dessen Vorgänge, Umstände, Erscheinungsformen und Hintergründe studieren würden, um die ganze Tragweite auszuloten und die Einzelheiten zu verstehen?

Nebst all den Verheerungen, die der Schwarze Donnerstag des Jahres 1929 und der Zweite Weltkrieg zur Folge hatten, führten sie auch zum Ausbau des Wohlfahrtsstaates und zur Anerkennung neuer Menschenrechte. Wenn dies nach all den Tragödien möglich war, so wohl weniger weil Experten in den Medien Prognosen abgaben, wie furchtbar die Zukunft sein würde. Wenn die Zukunft besser wurde als die Vergangenheit, so eher weil es BürgerInnen, PolitikerInnen und DenkerInnen gab, die sich vorstellten, wie die Welt sein sollte, und dann handelten. Wollen wir von ihnen lernen, so ist heute vielleicht nicht die Zeit der Antworten, sondern die Zeit, die Fragen zu lieben, alle Fragen, die uns in den Sinn kommen. Es ist vor allem an der Zeit, darüber nachzudenken und sich vorzustellen, welche Welt wir uns für morgen wünschen.

Umwälzungen, besonders diese hin zum Guten, die uns zu mehr Rechten und Wohlbefinden verhelfen, ergeben sich nicht aus einer passiven Haltung, indem wir etwa vom Sofa aus die Experten fragen, was wohl als Nächstes kommen wird. Sie geschehen, indem wir uns aktiv und einfallsreich mit dem verbinden, was ist, mit dem, was auf uns zukommt, und mit denen, die leiden. Umbrüche geschehen aus dem Wunsch heraus, darüber nachzudenken, wie die Welt sein soll, und was wir dazu beisteuern können. In den Medien, in Thinktanks, als Politiker, Wissenschaftler, letztlich als Bürgerinnen und Bürger können wir dazu beitragen, dass die Welt so wird, wie wir es uns wünschen. Lasst uns Hauptdarsteller sein, nicht Zuschauer!

Widmen wir doch die zig Zoom-Stunden dem gemeinsamen Ausloten, was wir brauchen und was wir wünschen! Wenn wir unserer Vorstellungskraft Flügel verleihen, wenn wir aus dem mentalen Gefängnis ausbrechen, wenn wir, statt uns zu beklagen, kraftvoll uns etwas besseres vorstellen – und dabei unsere Gegner einbeziehen, damit wir eine Welt haben, die alle einschliesst –, dann erreichen wir vielleicht, dass die Zukunft besser wird als vorhergesagt.


Der Text von Sira Abenoza ist im Original auf eldiario.es erschienen.

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