Stadtwanderer: Im Kreuzgang beim Münster

17072655059_038d09f935_z

Wenn ich den Kreuzgang betrete, so fallen ohne mein Zutun oft Teile meines Alltags-Ichs ab wie die äusserste, brüchig gewordene Schale einer Zwiebel. Und eine Stimmung irgendwo zwischen Ehrfurcht und Staunen, zwischen Scheu und Seligkeit überkommt mich. Grad so als käme ich nach langer Zeit des Umherwanderns und Herumirrens endlich wieder nach Hause. Zugleich bin ich, das sei betont, ein durch und durch säkularer Mensch und nicht gerade fromm. Ein moderner Zeitgenosse halt. Doch woher kommt diese bewegte Stimmung?

Liegt es an den Bodenplatten im Kreuzgang, die über Jahrhunderte vom steten Fluss der vielen Füsse, die sich hier ergingen, ausgewaschen sind? Von den Füssen der Frommen zunächst, später von den Füssen touristischer Gäste. Sie haben an manchen Orten eine deutliche Rinne in den Stein getreten, so als wäre dort über Jahrhunderte Wasser geflossen.

Oder liegt es an der sakralen Architektur? Die spätgotische Netzbogenkonstruktion zieht den Blick unwillkürlich in die Höhe, himmelwärts. Was für eine Kunstfertigkeit bis ins feinste Detail! Was für eine Verspieltheit, gehauen in Stein! Die Reste meines Alltags-Ichs verwehen in diesem Formenrausch.

Ganz bestimmt aber verflüchtigt sich der Alltagsmensch angesichts der vielen Gräber und Grabplatten im Boden und an den Wänden. Mensch, du bist ein hinfälliges Wesen, rufen mir die Wände zu. Bald wirst du dein Gastrecht auf Erden verwirkt haben, so wie all die Notablen, die hier bestattet sind. Die einen Tafeln sind üppig in ihrer Bildsprache, die anderen schlicht, nur mit einer Inschrift versehen. Doch jede einzelne steht für ein Leben, das die Geschichte unserer Stadt geprägt hat.

Im kleineren Kreuzgang ganz hinten gibt es Fenster mit Blick auf den Rhein. Mein Lieblingsplatz. Dort bin ich aufgehoben in der Innigkeit des Kreuzgangs und habe zugleich einen fürstlichen Blick auf den Rhein und das profane Kleinbasel.

Und wenn ich schliesslich wieder auf die Strasse hinaustrete, so dauert es manchmal nur Sekunden, manchmal aber auch Stunden, bis das Alltags-Ich wieder Oberhand gewinnt.


Der «Stadtwanderer» erscheint monatlich als Kolumne in der «ProgrammZeitung».

Bild: Kreuzgang Basler Münster von Lautergold, CC-Lizenz via flickr

Einladung zum Stammtisch Behindertengleichstellung

1. Stammtisch

«100 Tage ohne Fachstelle für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung»

Mittwoch, 13. April 18:00 – 20:00 Uhr

in der Garage der Firma Settelen AG, Türkheimerstrasse 17, 4055 Basel

Chateau_Settelen

Kommen Sie und diskutieren Sie mit!

Diskutieren Sie mit Entscheidungsträgern aus der Verwaltung sowie mit Urs Müller-Walz, Alt-Grossrat BastA!, Patrick Hafner Grossrat SVP, Sarah Wyss Grossrätin SP / AK-Mitglied, Otto Schmid Grossrat SP / AK-Mitglied, Sibylle und Michael Birkenmeier (Theaterkabarett Birkenmeier), Dr. Noortje Vriends (ehemalige Leiterin Fachstelle Förderung und Integration der Volksschule Basel-Stadt, Inés Mateos Expertin für Bildung und Diversität / AK-Mitglied, Xaver Pfister Theologe / AK-Mitglied, Brian McGowan Rollstuhlfahrer Ehemaliger Leiter Fachstelle Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen der Stadt Bern / AK-Mitglied, Maria Müller Rollstuhlfahrerin Kommunikationsdesignerin / AK-Mitglied, Sonja Häsler Rollstuhlfahrerin (2011 Weltmeisterin Rollstuhl-Badminton), Pina Dolce blinde Künstlerin, Traude Loebert Fachfrau für Schriftgutverwaltung.

Kommen Sie und feiern Sie mit uns die Geburt des «Stammtisch Behindertengleichstellung»!

Menschen mit und ohne Behinderung, betroffene Eltern,
PolitikerInnen und Unternehmende nehmen Stellung zur Schliessung der
Fachstelle für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung.

Moderation: Linda Muscheidt Burri,
Kommunikation+coaching
Der Anlass ist barrierefrei
Eintritt frei, Kollekte.

Wer etwas sagen möchte, meldet sich durch Handerheben. Der Stammtisch ist kein Podium,
sondern ein moderiertes Forum, eine moderierte Vollversammlung.

Der Stammtisch Behindertengleichstellung ist Austausch von Menschen
mit und ohne Behinderung und sammelt alle Anliegen, die
Gleichstellung und Nachteilsausgleich einfordern.

Der Stammtisch Behindertengleichstellung wird eine Plattform für
verschiedene Aktionen und Begegnungen zwischen Menschen mit
und ohne Behinderung.

Der Stammtisch Behindertengleichstellung verfolgt mit dem Aktionskomitee
die Ziele der abgeschafften Fachstelle und wird sich bei Verwaltung,
Politik und in der Öffentlichkeit unbequem und lautstark
dafür einsetzen.

Alle Informationen zum Aktionskomitee und zum Stammtisch auf
der Homepage www.ak-behindertengleichstellung.ch

Stadtwanderer: Die Ermitage bei Arlesheim

IMG_0412

Als Stadtwanderer bin ich nicht selten auf dem Land unterwegs. Das ist kein Widerspruch und hat auch mit Fahnenflucht nichts zu tun. Vielmehr geht es gar nicht anders, wenn man als Wandervogel in der kleinräumigen Nordwestschweiz gern mal richtig flott ausschreiten möchte.

Nicht selten verschlägt es mich bei solcher Gelegenheit in die Ermitage zu Arlesheim. Doch durch dieses liebliche Tal am Rande des Dorfs wandert man nicht. Man schreitet nicht aus. Vielleicht spaziert man, oder schlendert, flaniert von mir aus. Oder man durchschreitet den Landschaftsgarten in Form einer Gehmeditation. Aber durchwandern? Wäre das nicht grad so, als wenn man Kaviar mit dem Suppenlöffel essen würde? Man übersähe all die kleinen Bedeutsamkeiten, die den Zauber der Ermitage ausmachen: das schmale Bächlein, das sich kaum sichtbar durchs Gras windet und doch den mittleren, grössten Teich am Leben erhält – immerhin! Oder man überhört das Rascheln der Spitzmaus, die nach langem Schlaf im Unterholz nach dem Frühling schnuppert.

Ich verlangsame also unwillkürlich meinen Schritt, wie ich mich der Ermitage nähere. Müde und durchscheinend liegt das kleine Tal vor mir – wie eine Patientin auf dem Weg zur Genesung. Der Winter hat tiefe Spuren hinterlassen, die der Frühling noch nicht übermalen konnte. Grau noch immer die Bäume, braun das restliche Pflanzenkleid. Von Romantik keine Spur. Eher ist da ein Lauschen, ein Verharren in Erwartung, das an diesem Vorfrühlingsmorgen alle Laute dämpft.

Am liebsten ist mir der hinterste, oberste Weiher, der etwas versteckt unter alten Eichen und Weiden daliegt. Hier ist das Tal besonders eng und drum der Platz ganz schön feucht. Überall Moos. Die Wasseroberfläche ist undurchdringlich, das Wasser dunkel, wie wenn es verwunschen wär – ideal, um seine Träume und sein Sehnen hineintropfen zu lassen. Bald wird der Frühling kommen und die Träume mitnehmen und übers Jahr verteilen. Auch die Romantik kehrt dann wieder zurück, eine Romantik übrigens, die in der Ermitage jeweils hart am Kitsch vorbeischrammt.


Der «Stadtwanderer» erscheint monatlich als Kolumne in der «ProgrammZeitung».

Bild: Der hinterste Weiher in der Ermitage, Walter B

Soziale Inklusion Behinderter – eine radikale Forderung?

469820940_9989bd3fcf_z

Ich musste ja schon leer schlucken, als ich das erste Mal begriff, wie radikal der Inklusionsgedanke wirklich ist. Ich, ein abgebrühter Behinderter – pardon: Mensch mit Behinderung –, seit über fünfzig Jahren im Rollstuhl, im Spital und in Heimen aufgewachsen, später fast schon krankhaft freiheitsliebend und selbständig. Ich also musste leer schlucken, als ich das Credo der Inklusion zur Kenntnis nahm: Keine Sonderlösungen!

Keine Sonderlösungen! So einfach und doch so radikal. So einfach liesse sich Inklusion verwirklichen: Indem man die Sonderlösungen aus der Welt schafft und die gesellschaftlichen Strukturen, die bis heute weitgehend auf Separation ausgelegt sind, so umgestaltet, dass Behinderte selbstverständlicher Teil der Gesellschaft werden können. Einfacher gehts fast nicht. Und doch kann man sich das heute noch kaum vorstellen. Vorbehalte und Zweifel sind schnell zur Hand. Allenfalls ist man bereit, Inklusion als Ideal zu akzeptieren, das – womöglich – irgendwann in einer besseren Zukunft verwirklicht werden kann.

Obschon: Ist das wirklich ein radikales Postulat? Kann man die Forderung, Behinderte müssten ganz normaler, selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft sein, ohne Diskriminierung, ohne gesellschaftliche Nachteile aufgrund ihrer Behinderung, ohne Aussonderung – kann man eine solche Forderung als radikal bezeichnen? Müsste man nicht das Gegenteil, die Separation, die Sonderlösungen als radikalen Eingriff verstehen – und seien die Motive noch so ehrenwert?

Ich selber habe meine Kindheit bis ins Schulalter im Spital verbracht. Das war Anfang der 1960er Jahre. Die ersten paar Monate waren medizinisch begründet. Ich hatte Kinderlähmung gehabt und musste mich von der Infektion und den starken Lähmungen erholen. Die restlichen fünf Jahre waren eine gut gemeinte, aber im Rückblick unnötige Sonderlösung. Man hatte meine Eltern dazu überredet, fast schon dazu gedrängt, mich doch im Spital zu lassen. Dort hätte ich die beste Förderung und Pflege. Zuhause würde ich mit meinen besonderen Bedürfnissen als körperbehindertes Kind die Familienstruktur übermässig durcheinanderbringen. So hat man damals gedacht. Das war nichts Aussergewöhnliches. Und meine Eltern liessen sich überreden …

Später kam ich nahtlos in ein Schulheim für körperbehinderte Kinder. Erst sehr viel später erkannte meine Mutter, wie sehr sie und mein Vater dem Zeitgeist erlegen waren und aus vermeintlich guten Gründen in etwas einwilligten, das ihren innersten Regungen zuwiderlief. Bis ins hohe Alter fragte sie mich immer wieder, ob ich mich nicht von ihnen in Stich gelassen gefühlt hätte – und ob ich ihr verzeihen könne.

Man verstehe mich richtig! Ich hadere nicht mit dem Schicksal. Im Gegenteil! Aber unsere Familiengeschichte erhielt doch eine herbe Note. Nicht so sehr, weil ich nicht zuhause aufwuchs. Sondern weil das alles nicht nötig gewesen wäre.

Dies zur Illustration, wie hemdsärmlig, ja unbedarft, aber durchaus in hehrer Absicht man damals einen so radikalen Eingriff vornahm, der eine Familie auseinanderriss. Womöglich werden auch heutige Sonderlösungen im Rückblick dereinst als hemdsärmlig und letztlich unnötig eingestuft werden müssen, als Auswüchse des Zeitgeistes.

P.S.

Inklusion ist übrigens nicht einfach ein weiterer Anspruch der Menschen mit Behinderung an die Gesellschaft. Inklusion ist nicht bloss der durchaus nachvollziehbare Wunsch, «auch dazugehören zu wollen». Vielmehr ist Inklusion auch im ureigenen Interesse der Gesellschaft selbst. Diese wird nämlich gerade durch Vielfalt und Durchmischung farbiger, kräftiger, lebendiger, ja überlebensfähiger als eine gleichgeschaltete, normierte, grauschwarze Gesellschaft. In der Natur spricht man von Biodiversität als Massstab für deren Gesundheit. In Bezug auf die Gesellschaft kann man in ähnlichem Sinne von Soziodiversität sprechen.


Dieser Text ist im HandicapForum 1/2016 erschienen.

Bild (CC-Lizenz): «qe07 (14)» von KLHint via flickr

Stadtwanderer: Flohmi im Winter

4960862481_8fe6d0282d_b

Wer an einem winterkalten Samstagmorgen den Flohmi auf dem Petersplatz besucht, muss entweder abgebrannt sein, ein Essenzialist – oder Stadtwanderer. Im ersten Fall diktiert der schiere Mangel das Geschehen: Man kauft die gebrauchte Bratpfanne für zwei Franken, weil man sich die neue für zwanzig Franken nicht leisten kann. Das gibt es – und kommt immer öfter vor.

Auch die Verkaufenden können oft nicht auf die kargen, aber regelmässigen Einkünfte verzichten. Was sonst triebe sie an diesem garstigen Wintertag auf den Petersplatz? Da stehen sie fast schon einsam unter den kahlen Bäumen. Hinter ihnen liegt müde das Gras. Oder sie lehnen sich an eine farblose Mauer, in dicke Mäntel und Schals gehüllt, die Hände in der Tasche, vor sich eine üppige, vielleicht auch karge Auslage. Nur wenige Menschen sind in diesen Zeiten auf dem Petersplatz, Kinder schon gar keine. Hier und da sieht man sie im Gespräch. In der stillen Kälte entsteht dabei, von weitem sichtbar, eine feine Atemhauchwolke, gleichsam eine verschwiegene Sprechblase.

Der Essenzialist kommt an diesem Samstagmorgen ganz auf seine Rechnung. Er, der immer auf der Suche nach der Essenz, nach dem Wesen hinter den Erscheinungen ist, glaubt, in dieser winterlichen Szenerie auf dem Petersplatz den Kern des Flohmarktes, womöglich den Kern jeglichen Marktgeschehens vor sich zu haben, befreit von allem Beiwerk. Der Sommerflor ist einer grauen Sachlichkeit gewichen. Es geht einzig noch um das Notwendige: um die Bratpfanne und ihren Preis. Alles andere wird auf den Sommer verschoben: das Lachen, das Gewimmel der Menschen, die knallige Federstola, die Kinder. Der Essenzialist ist nun in seinem Element.

Dann gibt es noch ein paar Unentwegte wie mich, den Stadtwanderer, den es samstags immer wieder und zu jeder Jahreszeit auf den Petersplatz verschlägt, obschon er keine Bratpfanne braucht. Und wir sind gar nicht so wenige. Ich drehe meine Runde, bleibe hier stehen, halte da einen Schwatz ab. – Jedesmal, wenn ich auf den Flohmi komme, ist es ein bisschen, als käme ich heim.

***

Der «Stadtwanderer» erscheint monatlich als Kolumne in der «Programmzeitung».

Bild von Ptqk,  CC-Lizenz via flickr

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 85 Followern an

%d Bloggern gefällt das: