Betelnuss, die; -nüsse

So falsch lag ich gar nicht, als ich in jungen Jahren meinte, die Betelnuss sei eine Bettelnuss, eine Nuss, die mit dem Betteln einhergeht. Tatsächlich ist die stimulierende Nuss in Asien und Ostafrika ein Genuss- und Suchtmittel hauptsächlich der ärmeren Bevölkerung. Sie wirkt belebend bis aufputschend und dämpft das Hungergefühl und ist deshalb eines der Schmiermittel der neoliberalen Wirtschaftsordnung, in der gerade in Asien dem arbeitenden Fussvolk Höchstleistungen und lange Arbeitszeiten abverlangt werden. – Eine kleine Recherche und ein Erlebnisbericht aus Indien.

„Areca catechu - Köhler–s Medizinal-Pflanzen-014“ von Franz Eugen Köhler, Köhler's Medizinal-Pflanzen - List of Koehler Images. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Areca_catechu_-_K%C3%B6hler%E2%80%93s_Medizinal-Pflanzen-014.jpg#/media/File:Areca_catechu_-_K%C3%B6hler%E2%80%93s_Medizinal-Pflanzen-014.jpg

Betelnuss: „Areca catechu – Köhler–s Medizinal-Pflanzen-014“ von Franz Eugen Köhler, Köhler’s Medizinal-Pflanzen – List of Koehler Images. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons

 

Die Betelnuss begegnete mir in Indien auf Schritt und Tritt. In der Stadt und auf dem Land wird sie meist in kleinen Buden angeboten. Es reicht ein kleiner Tisch, auf dem die sogenannten Betelbissen vorbereitet werden. Die Nuss wird kleingehackt und in frische, knallgrüne Betelpfeffer-Blätter eingepackt, die meist mit gelöschtem Kalk bestrichen sind. (Der Betelpfeffer ist nicht identisch mit der Betelpalme, von der die Nuss herstammt.) Der Kalk dient dabei als Hilfsmittel, um zusammen mit dem Speichel den Wirkstoff der Betelnuss effizient herauslösen zu können. Das Arecolin, der wichtigste Wirkstoff, wird von der Mundschleimhaut direkt aufgenommen und passiert rasch die Blut-Hirn-Schranke. Das heisst, die Wirkung tritt schnell ein. Da die Betelnuss bitter schmeckt, wird sie mit Gewürzen, Minze oder Zucker vermischt. Oft wird auch Tabak beigegeben.

Betel Nut Seller: von Jonas Merian, CC-Lizenz via flickr

Betel Nut Seller: von Jonas Merian, CC-Lizenz via flickr

 

Unappetitliche Begleiterscheinungen

Und das Geschäft scheint zu florieren. Jedenfalls ist vielenorts in den Städten Indiens der Boden gesprenkelt vom roten Saft, der jeweils ausgespuckt wird, nachdem sich die Wirkung voll entfaltet hat. Und es kommen ganz schöne Mengen zusammen. Denn die Betelnuss regt auch den Speichelfluss an und färbt den Speichel knallrot. So sind die Spuren auf dem Boden deutlich erkennbar, und ich musste sie im Rollstuhl jeweils umfahren, besonders die frischen …

Ich erinnere mich an einen Ladenbesitzer, der, als ich ihn ansprach, nicht antworten konnte. Er hatte den Mund voller Betelsaft und wollte diesen nicht vorzeitig ausspucken – und womöglich auch nicht vor meinen Augen. Etwas hilflos und bedauernd wies er mit einer Geste auf seine Lage hin. Sein Hemd hatte bereits grosse rötliche Flecken, was dem ansonsten respektablen Händler ein etwas verwahrlostes Äusseres verlieh. Auch sonst ist der Anblick einer Person, die regelmässig Betel konsumiert, ästhetisch eine Herausforderung: Der ganze Mund, Zähne und Zahnfleisch, sind dauerhaft rot verfärbt – ein deutliches Zeichen dafür, dass die Betelnuss nicht so sehr ein Genuss-, sondern ein Suchtmittel ist, vergleichbar vielleicht mit dem Tabak im Westen. Der Kalk greift das Zahnfleisch an und lässt es degenerieren. Als Langzeitfolgen des Betelkauens sind Krebs in Mundhöhle und Rachen verbreitet.

Faszination Betelpalme

Trotzdem handelt es sich bei der Betelnuss nicht um ein Rauschmittel im eigentlichen Sinn. Sie wirkt nicht bewusstseinsverändernd. Vielmehr wird das Wohlbefinden gesteigert und die Stimmung aufgehellt, bis hin zu leichter Euphorie. Auch die Leistungsfähigkeit und -bereitschaft nimmt zu – eine durchaus willkommene Wirkung im wirtschaftlich boomenden Asien.

Ich selber habe die Wirkung der Betelnuss nie ausprobiert, zu abstossend empfand ich das ganze Drumherum. Und auch geschmacklich versprach ich mir nicht allzu viel davon … Zudem hatte ich auch nie das Bedürfnis nach zusätzlicher Anregung in Indien. Der indische Alltag war mir immer Kick genug.

Fasziniert hingegen war ich von der Betelpalme, die mit einem äusserst schlanken Stamm bis zu 25 Meter in den Himmel ragt. Zuoberst – und nur dort – gibt es ein paar Fiederblätter, die, gemessen an der Höhe der Palme, geradezu karg anmuten. Im Süden Indiens werden die Betelpalmen wie viele andere Palmenarten auch in Plantagen angebaut.

Betel Nut Trees von PhBasumata, CC-Lizenz via flickr

Betel Nut Trees von PhBasumata, CC-Lizenz via flickr

Der Norden Indiens: Delhi

Inzwischen bin ich wieder zurück in der Schweiz. Und das ist gut so. Die letzten zwei Wochen meiner Reise waren sehr spannend – und sehr anstrengend. Sie haben mein Bild von diesem Subkontinent deutlich verändert. Es hat an Farben gewonnen, wobei auch dunklere, düstere Farben hinzu gekommen sind. – Ein nachdenklicher Reisebericht in mehreren Teilen.

Allein Delhi war eine Reise Wert. Noch nie habe ich eine so grosse Stadt so intensiv wahrgenommen: ihre überraschende Weltgängigkeit, ihre Monstrosität … Nähert man sich von Varanasi her kommend mit dem Zug von Südosten her der Hauptstadt Indiens, erscheinen am Horizont als erstes – man befindet sich noch auf ländlichem Gebiet, wo die Zeit irgendwo zwischen Vorzeit und Moderne still gestanden zu sein scheint – dunkle Silhouetten von Trabantenstädten: gigantische Bauprojekte mit riesigen, eng aneinander gefügten Hochhäusern, die schwarz und bedrohlich wie Schmeissfliegen am Horizont auftauchen. Ein paar Kilometer weiter hockt schon ein Dutzend dieser Schmeissfliegen am Horizont. Und die meisten der Trabantenstädte sind noch im Bau. Dazwischen Brachland – Niemandsland. Und ein paar zusammengezimmerte Hütten oder eingezäuntes, parzelliertes Land. Bei diesem Anblick überfällt mich eine Trauer über die Entwicklung der Menschheit. Sollen hier dereinst Menschen leben? Ist in dieser apokalyptischen Megawelt menschliches Leben, eine menschliche Entwicklung hin zu mehr innerer Freiheit überhaupt möglich?

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Entlang der Gleise

Längst sind die Vorstädte rund um Delhi mit der Hauptstadt zu einer Megacity von gegen hundert Kilometern Durchmesser zusammengewachsen – mit einer Bevölkerung von knapp 26 Millionen Menschen.[1] Die Einfahrt von der Peripherie her zur zentralen New Delhi Railway Station dauert zwei Stunden. Es ist Morgen. Der Zug hat vier Stunden Verspätung. Ein Vorteil, denn so fahren wir bei Tageslicht in Delhi ein. Überall in der Landschaft und auf den Gleisen sehe ich Männer in der Hocke. Sie verrichten unbekümmert ihr morgendliches Geschäft. Etwas, das in dieser Art den Frauen verwehrt ist. Die müssen das diskreter und in der Nacht erledigen – und setzen sich so zusätzlich der Gefahr von Übergriffen aus. Entlang der Gleise werden nun ärmliche, improvisierte Siedlungen sichtbar: Neuankömmlinge, die hier Zwischenstation machen, um weiter in die viel verheissende Stadt vorzudringen – oder auch vollends Gestrandete, denen die Aussicht auf ein besseres Leben abhanden gekommen ist. Und die Elendssiedlungen werden immer zahlreicher.

Delhi selbst gibt sich weltläufig. Das eigentliche Stadtgebiet ist durchsetzt von grossen Parks und Freiflächen – und reich an touristischen Sehenswürdigkeiten. Ein riesiger städtischer Wald fungiert als urbane Lunge. Tatsächlich war die Luft, als wir dort waren, im Gegensatz zu anderen Städten, etwa Varanasi, problemlos zu atmen. Das mag der Wetterlage geschuldet sein. Doch die Stadtverwaltung hat in den letzten Jahren einige Schutzmassnahmen zugunsten der Umwelt umgesetzt: alte Autos aus dem Verkehr gezogen, Taxis und Autorikschas, die einen beachtlichen Teil des Verkehrs ausmachen, auf Erdgas umstellen lassen und den öffentlichen Verkehr, insbesondere die Metro, massiv ausgebaut.

Wo real India ausgesperrt ist

In Delhi gibt es auch einige geschützte grossflächige Quartiere, in denen real India ausgesperrt ist: eine Art gated communities mit Villen und kleinen Palästen, jeweils mit Wärterhäuschen und mindestens einem gelangweilten Wärter davor, der – als Höhepunkt seines Arbeitstages – mit dem Schäferhund des Herrn ums Viereck laufen darf. Das Quartier selbst ist von einer hohen Mauer umschlossen, die Eingänge sind mit Toren versehen, die allerdings meist offen stehen. Hier sind die Reichen unter sich, die Gärten sind lieblich oder prunkvoll, mit viel englischem Rasen. Doch jenseits der Mauern begegnen dir – neben der grossstädtischen Aura Delhis – Armut, Elend und Bitternis auf Schritt und Tritt. Die Ankömmlinge aus dem ländlichen Indien arbeiten sich nach und nach vom äussersten Rand der Stadt ins Zentrum vor. Und wenn du aufmerksam bist, siehst du sie überall, stets darum bemüht, irgendwelche Brosamen des Wohlstand zu ergattern.


Anmerkungen:

[1] Thomas Brinkhoff: Die größten Agglomerationen der Welt, http://www.citypopulation.de

Foto: Westdelhi von Jean-Etienne Minh-Duy Poirrier (CC-Lizenz via flickr)

Varanasi

Nach etwas über fünfzig Stunden Zugfahrt in vier Tagen haben wir Varanasi erreicht, die heilige Stadt am Ganges. Seit ich mir Indien vorstellen kann, seit ich Indien denken kann, wollte ich diese Stadt kennenlernen. Nun sind wir in Varanasi. – Und was ich sehe, was mir hier begegnet, ist so heftig, so intensiv, dass es einem Schock gleichkommt.

Indien ist nicht Indien. Indien sind viele Indien: Reiche und arme, hässliche und bezaubernde, einschmeichelnde und schockierende Indien sind Indien – und noch viele mehr … Und in Varanasi wird Indien noch auf die Spitze getrieben. Nirgendwo erlebe ich Gegensätze so nahe beieinander – und so krass wie in Varanasi. Eben noch roch es nach menschlichen Fäkalien; doch nun ist die Luft von Jasminduft erfüllt. An der Umfriedung eines Palastes, dessen Gelände ein ganzes Quartier umfasst, lehnt eine primitive Hütte, das Dach aus Fetzen von Plastikplanen zusammengebaut. Darin lebt eine ganze Familie. Oder auch das: Auf der Fahrradrikscha eines überschlanken Fahrers sitzen drei (!) wohlbeleibte bessere Herren, die sich angeregt unterhalten, während dem Fahrer fast der Schnauf ausgeht. Zugegeben: Es ist auch nicht die beste Idee, während des Strampelns ein Zigarette zu rauchen. 

Wie eine Halluzination

Varanasi ist schmutzig, sehr schmutzig. Der Staub hängt über der Stadt wie eine Drohung, als würde ihn einzig der unerträgliche Lärm daran hindern, ganz und gar und auf einmal auf die Menschen niederzufallen und sie so endgültig zu begraben. Vielleicht wird es deshalb nie still in dieser Stadt. Der Verkehr brüllt wie ein wildes Tier in Not. Zu jeder Tag- und Nachtzeit ist zudem mit Feuerwerk und lauten, wirklich lauten Knallern zu rechnen. Oder es nähert sich – es ist zwei Uhr morgens, du hast schon drei Stunden geschlafen – ein Trupp trommelnder Männer, von weit her hörbar. Ihr vorwärts treibender Rhythmus wird immer lauter und umgarnt dich im Halbschlaf. Hinzu kommt ein unbestimmtes Summen wie von grossen Bienen. Auch das rhythmisch erzeugt. Zwischendurch aufgeregtes Rufen. Und auf einmal – der Trupp ist nun unter deinem Fenster – hast du das Gefühl, in eine andere Welt zu gleiten, in eine Parallelwelt zur sogenannten Wirklichkeit, grad so als hättest du LSD geschluckt und verlörest dich nun in Halluzinationen. Doch du bist nüchtern, liegst im Bett, bist inzwischen ganz wach und hoffst, der Rhythmus, der dich in Trance versetzt, höre nie wieder auf.

Du bist in Varanasi, der heiligen Stadt am Ganges. Viele Hindus kommen nach Varanasi, um hier zu sterben. Ich habe einen Sterbenden gesehen. Er lag im Strassengraben, auf Abfall gebettet. Er lebte noch, doch die Fliegen hatten bereits von ihm Besitz ergriffen. Woran er starb, war nicht zu erkennen, dass er starb, hingegen schon. Und die Menschen nahmen kaum Notiz davon … Sind sie so verroht, fragte ich mich, so ausschliesslich mit dem eigenen Überleben beschäftigt, dass sie sich nicht einmal mehr um einen Sterbenden kümmern können? Oder bin ich voreingenommen, schaue mit allzu westlichen Augen auf ein Geschehen, das seinen natürlichen Lauf geht, das genau so seine Richtigkeit hat? Ich bin verwirrt, weiss nicht mehr, was vorne und hinten ist.

Wo die Toten verbrannt werden

Am «Burnig Ghat» werden die Toten verbrannt – Tag und Nacht. Auf Bahren und eingehüllt in rote und golden glänzende Tücher werden sie auf Kopfhöhe durch die Gassen der Altstadt getragen, nur von wenigen Männern begleitet, die fast rennen und einen rhythmischen Sprechgesang vollführen. Rund um das «Burning Ghat» sind die Holzhändler angesiedelt, das wichtigste Gewerbe hier. Kunstvoll schichten Sie das wertvolle Brennmaterial auf. Pro Toten braucht es mehr als eine halbe Tonne gutes Brennholz, je nach Körpergewicht und Grösse des Verstorbenen. Nach der Verbrennung wird die Asche mit Hilfe von dicken Schläuchen und viel Wasser in den Ganges gespült. Die Treppenstufen und der ganze Uferbereich des Ganges sind schwarz.

Varanasi ist voller hinduistischer Mönche und Saddhus, voller abenteuerlicher Figuren, die hier ihr Auskommen oder ihre Erleuchtung suchen. In all dem schmutzigen Chaos entdeckst du plötzlich eine Gestalt in tiefer Versenkung, daneben und unter deren Schutz ein Kind, das sich auf dem Boden zum Schlafen eingerollt hat. Die Strassen sind voller Kühe, Bullen und Wasserbüffel – und voller Kuhfladen. Im Gegensatz zu den Hunden sind die Kühe wohlgenährt und wohlgelitten. Die Strassenhunde hingegen haben ein schweres Dasein. Manche sind bis auf die Haut abgemagert und voller Räude, so dass kaum mehr Fell vorhanden ist. Und die Hunde werden geschlagen und vertrieben. Sie sind unter den Strassentieren die Dalits, die Unberührbaren der untersten Kaste: ungeliebt und ohne Daseinsberechtigung …

Varanasi ist eine Pilgerstadt, das Mekka der Hindus. Wer hier gewesen ist, kann mit göttlichem Wohlwollen rechnen. Wer hier stirbt, hat karmisch aufgeholt und muss nicht mehr so oft zur Welt kommen. Scharenweise und ganz aufgeregt rennen die Pilger die langen und breiten Treppen zum Ganges hinunter und nehmen ein rituelles Bad. Danach geht es zum Tempel, von denen es in Varanasi nur so wimmelt. Die Pilger sind besonders gefährdet, in die Hände von Dieben und Betrügern zu geraten, die ihnen ihr weniges Geld stehlen oder abknüpfen. Nie wurde ich so oft vor Dieben und Halunken gewarnt wie in Varanasi. Ausgerechnet in dieser heiligen Stadt! 

Und doch hüte ich mich davor, die heftige Stadt zu verurteilen. Sie ist, wie sie ist. Es gibt hier nicht mehr Halunken als in jeder anderen Stadt – und auch nicht mehr Heilige. Varanasi ist wohl nicht besser und nicht schlechter als jede andere Stadt. Varanasi ist vielleicht bloss ehrlicher.

Vypin Island – Das zerbrechliche Paradies

Die letzten Tage in Südindien: Träge ziehen sie dahin, ausgebremst von der feuchten Hitze, die du nur im Schatten erträgst und mit einem kleinen Lüftchen. Ohne Ventilator an der Decke oder eine Meeresbrise beginnst du zu glühen, läufst aus, verschmachtest. Nun kann ich nachempfinden, dass sich die Einheimischen vor der Sonne schützen, als wäre sie ihr Feind, und während der heissesten Zeit in die Häuser zurückziehen. Manche dieser Häuser sind stattlich, gleichen kleinen Palästen. Kommst du aber hinein, meinst du eine Höhle zu betreten und siehst so lange nichts, bis sich die Augen an die träge Dunkelheit gewöhnt haben. Alles ist schwer und düster, alles will deine Bewegungen hemmen, alles ist pure Lethargie. Schwere Vorhänge bannen jeden Sonnenstrahl.

In den einfacheren Häusern und Hütten gibt es keine Vorhänge – weil es keine Fenster gibt. Manche sind leidlich aus geflochtenen Palmblättern und blauen Plastikplanen zusammengezimmert, andere haben zumindest Seitenmauern. Doch auch die schützen nur dürftig vor dem Wasser, das vielenorts hervorquillt und der Schönheit, die dieser Landschaft auf den ersten Blick eigen ist, etwas Herbes, ja Bedrohliches verleiht.

Bei näherem Hinschauen entpuppt sich Vypin Island als zerbrechliches Paradies. Es ist vom steigenden Wasser bedroht. Das Wasser ist überall und lässt sich nicht so leicht wie die Sonne verbannen. Das Meer nagt am Strand, frisst sich näher. Seit dem Tsunami vor zehn Jahren wurde, um das Innere der Insel zu schützen, entlang des Strands eine nicht allzu hohen Mauer aus Granitquadern gebaut. Trotzdem wird manchenorts bei hohem Wellengang Sand und angespülter Plastikmüll – zur Hauptsache Plastiksäcke und Schuhsohlen – über die Mauer verfrachtet. Hinzu kommen die unzähligen Wasserläufe, die Kanälchen und offenen Flächen der Backwaters, die hinterrücks die Insel belecken. Auch deren Wasserspiegel kann ansteigen und die Aufschüttungen unterspülen, über welche Wege und teils befahrbare Strässchen führen. Manche dieser Strässchen sind von der Feuchte angefressen und bald nicht mehr befahrbar.

Vypin Island vor Ernakulam

Liebliche Wasserlandschaft …

… geprägt von Kanälen, Palmen …

… und weiten Wasserflächen.

Verlassenes Haus in der gefährdeten Zone

Berge, Dschungel, Tee

Seit gut zehn Tagen bin ich nun bei Gabi und Beat, den Zugvögeln, am Strand von Kuzhupilly (spricht man in etwa so aus: kuhrpli) in Kerala, Südindien. Eine ruhige Zeit der Erholung, wunderbares Essen, Gespräche auf Schweizerdeutsch. Und damit ich in diesem feuchtwarmen Klima nicht allzu faul und träge werde, sind Beat und ich zu einer fünftägigen Reise in die Berge aufgebrochen: ein kleines Abenteuer mit Expeditionscharakter.

Dass ein Schweizer in Indien Auto fährt, ist eher selten. Und dass er den Indern um die Ohren fährt, noch seltener – aber vielleicht die beste Strategie, um in diesem lauten, chaotischen und halsbrecherischen Verkehr überhaupt zu überleben. Beat ist so ein Schweizer. (Zumindest von der Herkunft her. Er kennt allerdings Indien so gut, ist hier so heimisch, dass die südindische Kultur bei ihm tiefe Spuren hinterlassen hat, nicht nur mit Blick auf seinen Fahrstil.) Tatsächlich ist Indiens Strassenverkehr ein Überlebenskampf nach darwinistischem Muster: Der Stärkste überlebt. Und die Stärksten sind nun mal die Lastwagen. Sie haben auch die lauteste Hupe. Wenn vor oder hinter dir ihr Schiffshorn erklingt – nun ja,: es donnert eher, ihr Horn –, gibt es nur eins: Nichts wie weg! Bei kurvenreichen Bergstrecken – und wir fuhren fast nur kurvenreiche Bergstrecken – kann das besonders eindrucksvoll werden: wenn sich zum Beispiel bergauf zwei Lastwagen träge wie Walrösser überholen. Du selber kommst talwärts um die Kurve, und es fehlt einfach eine dritte Spur, um an den beiden dir nebeneinander entgegenkommenden Lastwagen vorbei zu kommen … Wenn du nicht von vornherein auf solche Situationen vorbereitet bist – sei es in der Stadt oder auf dem Land –, hast du dich im indischen Verkehr als nicht überlebenstauglich erwiesen. Pech gehabt! Beat indessen hat uns sicher über diese darwinistische Kampfbahn, genannt Strassenverkehr, geführt. Und zwar während fünf Tagen und über eine Strecke von mehr als 800 Kilometern.



Steiler Abstieg ins Tiefland Tamil Nadus

Ziel waren zunächst die Western Ghats, ein Gebirgszug entlang der indischen Westküste, und insbesondere die Nilgiri-Berge mit Gipfeln bis zu 2’600 Metern. Ich betrachte es als grosses Glück, mit Beat als Selbstfahrer – statt mit einem Taxifahrer – unterwegs zu sein. Ich kann mit seiner Hilfe einen Blick hinter die touristischen Kulissen Indiens tun. Etwa wenn wir unterwegs an einem schattigen Plätzchen in der Natur picknicken können, weil wir eine Küchenkiste mit dem Nötigsten dabei haben. 

Tee …

Die Western Ghats erheben sich recht brüsk aus dem Flachland Tamil Nadus. Entsprechend steil ist der Aufstieg. Während es in den Niederungen Südindiens inzwischen schon fast unerträglich heiss und feucht wird, bringt jeder zusätzliche Meter über Meer Erfrischung. Ab etwa 1’500 Metern Höhe wird es nachts geradezu kühl. Dies ist auch die Höhe, wo in den Western Ghats der Tee wächst, und zwar streckenweise nur Tee, Tee, Tee und nochmals Tee. Ganze Landstriche sind mit Tee verseucht bedeckt: die reinste Monokultur mit fatalen Folgen für Boden und Umwelt – und für die Menschen: Dünger und Pestizide werden meist hemmungslos eingesetzt. Der Tee ist ein Erbe aus der englischen Kolonialzeit. Die Engländer industrialisierten den Anbau beziehungsweise die Weiterverarbeitung des Tees. Das Pflücken selbst liess sich nicht mechanisieren. Das ist und bleibt die Arbeit von Tausenden, Zehntausenden, Hunderttausenden Frauen, die für wenig Geld, für sehr wenig Geld den ganzen Tag über mit einer Art Heckenschere mit Sammelbehälter die Spitzen des Teebusches abschneiden. Ertönt frühmorgens eine Sirene durch die Hügel und Täler – was bei mir jeweils Alarmstimmung auslöste –, bedeutet dies Arbeitsbeginn für die Pflückerinnen. Auch die Mittagspause wird durch das Sirenengeheul angezeigt. Und abends ertönt die Sirene ein letztes Mal: das Signal, dass die Arbeiterinnen ihre Tagesernte in die Fabrik bringen sollen, was sie auch tun, vor Müdigkeit unter den übergrossen, schweren Ballen fast zusammenbrechend.



Pittoresk, aber fatal für Boden und Umwelt: Teelandschaft in der Nähe von Coonoor. (Bild: Driek, CC-Lizenz via flickr)


… Dschungel …

Viele Touristen lieben diese aufgeräumte Teelandschaft. Ich ziehe den Dschungel vor. Er ist weniger säuberlich, er ist dunkel, voller Geheimnisse. Es gibt dort Baumriesen, die in ungewohnter Art wachsen: mit mächtigen Brettwurzeln zum Beispiel, die den hohen, mächtigen Stamm in allen Himmelsrichtungen stützen. Andere Bäume winden sich dem Himmel entgegen, so dass der Stamm wie ein Geschling von Dutzenden Schlangen aussieht – mit einem Gesamtumfang von vielleicht zehn, zwölf Metern oder mehr. 





Blick über den Dschungel bei Oooty. (Bild von Irvin Calicut, CC-Lizenz via Wiki-Commons)


Und es gibt im Dschungel Affen: die weniger scheuen, die sich wie Wegelagerer entlang der Strasse herumtreiben und nur darauf warten, etwas Essbares zu ergattern, das dann und wann aus einem der Touristenbusse geworfen wird. Man sieht ihnen, die mit den Javaneraffen verwandt sein müssen, an, dass ihr Überlebenskampf hart ist. Manchen fehlt ein Stück Schwanz, andere haben Narben im Gesicht. Und im Umgang mit ihnen ist Vorsicht geboten. 



Nicht menschenscheu: Javaneraffen entlang der Strasse.


In den Kronen der Bäume leben Affen, die sind deutlich scheuer. Doch sie sind gut auszumachen, da sie grösser sind und ihr Fell ganz schwarz ist. Sobald die Affen gemerkt haben, dass sie beobachtet werden – und das lässt sich nicht verhindern, wenn man mit dem Auto unterwegs ist –, ziehen sie sich langsam und unaufgeregt in den Wald zurück. Keine halbe Minute später ist nichts mehr von ihnen zu sehen oder zu hören. Sie aber beobachten dich bestimmt aus sicherer Distanz. Denn wenn du aussteigst, hörst du es plötzlich wieder rascheln. Überhaupt die Geräusche! Zum Beispiel das Gezirpe von Zikaden, das eher ein Geschnatter ist. Diese Insekten müssen riesig sein, um einen solches Geräusch hervorzubringen. Dann einzelne Vogelrufe, die aus dem Geschnatter hervortreten, ganz einfach in ihrer Tonalität, aber von weitem hörbar. 

… Berge

In der Gegend von Valparai war es alles andere als einfach, eine geeignete Unterkunft für die erste Nacht zu finden. (Nebenbei: Es ist allgemein äusserst schwierig, eine auch nur einigermassen rollstuhltaugliche Unterkunft zu finden. Eine grosse Herausforderung für mich – und für meinen Begleiter …) Schliesslich landeten wir in einem ehemaligen englischen Landsitz inmitten von Teeplantagen. Wir waren die einzigen Gäste. Das Zimmer war völlig überbezahlt. Dafür stand uns praktisch der ganze Landsitz zur Verfügung – mit Speisezimmer, wo wir zu zweit an einem riesigen runden Tisch unter Lüstern assen, mit Bibliothek und Rauchsalon, die beide in der Kolonialzeit stehen geblieben schienen. Und die ganze Belegschaft des kleinen Hotels stand zu unserer Verfügung, was sich zwischendurch wie eine fürsorgliche Belagerung anfühlte. 

Dafür fanden wir am nächsten Abend in den Nilgiri-Bergen ein kleines Paradies: eine Art Alphütte, die zu einem kleinen, biologisch bewirtschafteten Bauernbetrieb gehörte, dem Acres Wild. Sehr empfehlenswert! Wir blieben gleich drei Nächte und unternahmen von dort aus Tagesausflüge. 



Wie auf der Alp: Blick von unserem Häuschen auf Holstein-Kühe und ein Aussenquartier von Coonoor.


Am fünften Tag kehrten wir wieder in die schwühlheissen Niederungen Keralas und nach Kuzhupilly zurück. Um Coimbatore, eine grosse Stadt auf unserem Rückweg, machten wir einen grossen Bogen, was sich durchaus gelohnt hat, aber streckenweise einer Expedition ins Unbekannte glich – etwa als wir mit dem Auto einen kleinen Fluss durchqueren mussten, um weiterzukommen. Ohne GPS auf meinem iPad, eher zufällig als geplant mit von der Partie, wäre diese kleine Expedition ins Unbekannte nicht möglich gewesen. Ein weiterer Blick hinter die Kulissen Indiens …

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