Sharnga Guest House

Das Sharnga Guest House ist eines von vielen guest houses in Auroville – und nicht einmal das aussergewöhnlichste. Wer für kürzere oder längere Zeit als Gast in Auroville bleiben möchten, kann zwischen ganz unterschiedlichen Angeboten wählen: von der einfachen Baumhütte – die für mich aus naheliegenden Gründen nicht in Frage kommen – bis zum gediegenen Bungalow in einem japanischen Garten mit sorgfältig angelegten Wasserläufen und Teichen voller Lotusblumen. Mit dem Rollstuhl zugänglich sind allerdings nur wenige, und diese eher per Zufall denn gewollt – so wie das Sharnga Guest House.

Geschichtliches

Dieses war ursprünglich eine Pferderanch, gegründet von zwei Franzosen im Jahr 1976 als Teil von Auroville. Das Gestüt umfasste bis zu vierzig Pferde. Zu jener Zeit war das Gebiet weitgehend öd und unbewaldet. Einzelne Palmen wuchsen zwar in den Himmel. Doch die Sonne verbrannte die Erde, der Monsun wusch sie aus und spülte sie ins nahe Meer.

Anfänge des Sharnga im Jahr 1978

Zunächst wurden Bäume gepflanzt, Hunderttausende auf dem Gebiet von ganz Auroville. Langsam wuchs ein Wald heran, der inzwischen den Boden vor der brennenden Sonne schützt. Gezielt wurden und werden noch heute Rückhaltebecken angelegt, die das viel Wasser während der Monsunzeit sammeln, so dass es bis weit in den Sommer zur Verfügung steht. Auf diese Weise wird auch das Grundwasser angereichert und dessen Spiegel steigt.

Anfang der 1990er Jahre wurden die Stallungen und Ökonomiegebäude in Gästezimmer und -häuschen umgebaut. Zusätzliche kleine Bungalows entstanden, teilweise in Lehmbauweise. Heute ist auf diese Weise ein Komplex mit über zwanzig einfachen Häuschen, einem Office und einem teilweise überdachten Gemeinschaftsbereich entstanden. All dies liegt unter einem geradezu barocken Blätterdach mit teils ausladenden Bäumen, die ihre Kronen hoch über dir ausbreiten, so dass du dich in einer Kathedrale wähnst. Schlingpflanzen haben deren Säulen erobert. Hunderte Lianen hängen von der Decke, und der Boden ist dicht bewachsen. Auch die Häuschen sind fest im Griff von Schlingpflanzen und teilweise so stark überwuchert, dass man sie kaum mehr sieht.

Mitten in der Natur

In einem dieser Häuschen, dem Room Nr. 4, bin ich nun das vierte Mal zuhause. Es besteht aus zwei Räumen und hat im Gegensatz zu den meisten anderen Unterkünften im Sharnga eine eigene Dusche mit WC. Die Fenster sind vergittert und mit moskitosicherem Maschendraht bespannt, so dass die Räume von allen Seiten gut durchlüftet sind – und jedes Geräusch ungehindert eindringen kann. Besonders bei Tagesanbruch um 6 Uhr komme ich so in den ungeschmälerten Genuss eines Vogelkonzerts der besonderen Art. Nicht sanftes, melodiöses Gezwitscher ist es, das mein Herz zu erfreuen sucht, sondern charakterstarke Stimmen wie jene des Pfaus und eines nicht minder aufdringlichen Unbekannten, dessen «Gesang» wohl mit nichts in der Vogelwelt zu vergleichen ist: Einem in die Höhe sich stufenweise aufschwingenden und sogleich wieder abfallenden «Dau-dau-dau-dau …» folgt ein aufsteigend wiederholtes «Pa-pau, Pa-pau, Pa-pau». (Es ist gar nicht so einfach, eine Vogelstimme treffend zu beschreiben.) Je nach Laune des Unbekannten wird dieser Ruf mit mehr oder weniger Inbrunst in die Welt hinausposaunt. Beide Stimmen, der Pfau und der Unbekannte sowie ein paar weitere morgendliche Enthusiasten platzen ungefragt mitten in meine Träume. Inzwischen allerdings brauche ich diesen Weckruf wie andere den Morgenkaffee, damit der Tag auch gut aufgegleist ist und keine Stunde zuviel mit Schlafen vertan wird.

Blick auf den Eingang von Room Nr. 4 …

… und vom Eingang aus.

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Wege – äussere und innere

Eine meditative Plauderei

Es gibt viele Wege hier in Auroville, Fusswege, cycle paths, die auf keiner Landkarte verzeichnet sind. Einige führen an zentrale Orte, so dass man die staubigen Pisten und Strassen mit ihrem lästigen Verkehr meiden kann. Andere führen ins Nirgendwo. Nach vielleicht einer Viertelstunde Weg bist du gezwungen umzukehren, weil er immer schmaler geworden ist und sich schliesslich im Dickicht verliert. Oder du stehst unvermittelt vor einem neu erstellten Zaun, weil die Besitzverhältnisse geändert haben und der Weg sein Daseinsrecht verloren hat und langsam verödet, wie ein Flusslauf, dem das Wasser entzogen wird.

Man müsste wie die Zugvögel ein Navigationssystem haben, damit man sich nicht verliert in diesem grünen Ozean ohne Landmarken. Man müsste sich mit den Bäumen anfreunden, mit jedem einzelnen von ihnen, so dass man sein Ziel findet, indem man von Freund zu Freund weitergereicht wird. Oder man müsste den Gleichmut finden, jedes Ziel, das uns auf dem Weg entgegenkommt, als das richtige anzuerkennen. Und keine Sehnsucht, keine Angst dieser Welt würde daran etwas ändern. Nie mehr würden wir unser Ziel verfehlen – weil es keine Nebenwege mehr gibt, weil wir in Bezug auf unsere Ziele nicht mehr wählerisch sind – weil wir angekommen sind.

Auch unsere inneren Wege sind auf keiner Landkarte verzeichnet. Es gibt keinen Atlas der inneren Welten. Unsere Geistes- und Seelenlandschaft ist weitgehend unerforscht, uns unbekannt. Mehr träumend denn wach wandern wir Tag für Tag durch innere Täler, erklimmen Gipfel, stehen vor Abgründen – oder wir treten an Ort und Stelle. Kein Führer sagt uns, wo es lang geht, kein Gott kann uns weisen. Nur wenige haben diese Kosmos erforscht und kartografiert. Ganze Kontinente liegen im Dunkeln, verborgen vor unserem wachen Blick. Wir sind getrieben von Kräften, die wir kaum kennen. Ängste, Wünsche, Hoffnungen lenken uns, als wären wir die Puppen eines Marionettenspielers, der im Verborgenen und gegen unsere Absicht die Fäden zieht, so dass wir im Leben groteske Bewegungen vollführen, die uns rätselhaft sind. Wir tun, was wir nicht wollen, meiden, was wir uns wünschen, und verzweifeln, wenn uns das Glück mal an der Hand nimmt.

Wie die Seefahrer müssten wir navigieren können, damit wir uns nicht verlieren in diesem Weltall in uns drinnen. Wir müssten uns mit den Sternen anfreunden, mit jedem einzelnen von ihnen, so dass wir mehr und mehr Mensch werden können, indem wir von Stern zu Stern weitergereicht werden. Oder wir müssten die Gelassenheit finden, jedes Hindernis, das uns auf dem Weg entgegenkommt, als das uns gemässe anzuerkennen. Und keine Sehnsucht, keine Angst dieser Welt würde etwas daran ändern. Nie mehr würden wir hadern mit unserem Schicksal – weil es genau das ist, was wir zu unserem Fortkommen brauchen, weil es kein anderes gibt – weil es vollbracht ist.

Ein wunderbares Gefühl, dort angekommen zu sein, wo man ist! Nicht mehr fortzustreben Nicht mehr seine Erfüllung in einer verheissungsvollen Zukunft zu suchen.


Ich wünsche euch alles Gute für das kommende Jahr, viel Freude und Gelassenheit auf euren Wegen.

Morgenröte in Auroville

Was für ein Ankommen in Auroville! Der Abflug in Frankfurt hatte sich um zwei Stunden verzögert. Technische Gründe. Auf dem Flughafen von Chennai kamen weitere zwei Stunden Verzögerung hinzu, und zwar weil der indische Staat, vertreten durch einen durchaus adretten und freundlichen Beamten, meinen Swiss-Trac nicht einreisen lassen wollten, ohne ihn sicherheitstechnisch zu untersuchen und durch einen monströsen Scanner zu lassen – bei der Einreise nach Indien notabene und nicht beim Verlad in ein Flugzeug … Der Scannvorgang dauert vielleicht zwanzig Sekunden, die Vorbereitung lange zwei Stunden: Entlang der Hierarchiestufen und in Übereinstimmung mit allen Bestimmungen und wohl auch in Übereinstimmung mit einigen ungeschriebenen Gesetzen muss der zuständige Beamte aufgeboten werden. Unmöglich, eine Stufe zu überspringen! Unmöglich, ein Gesetz zu ignorieren, und sei es noch so ungeschrieben!

Zu dumm nur, dass draussen unser Taxi wartet – wenn es denn noch wartet … Es ist drei Uhr morgens, als wir das Flughafengebäude verlassen. Meinem Swiss-Trac wurde schliesslich die Einreise erlaubt. Und es ist kurz vor dem Morgengrauen, als wir im Sharnga Guesthouse, Auroville, ankommen. Ja, Morgengrauen, nicht Morgenröte erwartet uns in Auroville. Dies ist einem Zyklon zu verdanken, der – allerdings sehr viel weiter nördlich – die Bucht von Bengalen durchkreuzt und feuchte Luft an die südlicher gelegene Küste schaufelt.

Alles ist feucht und etwas klamm, die Luft neblig, aber voller Vogelstimmen. An Schlafen ist nicht zu denken. Zu aufgekratzt bin ich. Zudem lockt mich eine ferne Tempelmusik nach draussen: eine jubilierende Frauenstimme, begleitet von Tablas, allerdings wiedergegeben durch Lautsprecher, die sich überschlagen, dafür die ganze Gegend beschallen. Ich folge dem stimmungsvollen Geplärre und lasse mich unter einem Baum mit Blick auf ein weites offenes Gelände nieder. Ich bin ganz Empfindung, ganz auf Empfang gepolt.

Und für einmal ist es nicht der Himmel, der in Morgenrot getaucht ist, sondern die Erde. Der Himmel ist immer noch grau, und unscheinbar geht hinter einem Palmenhain die Sonne auf, wie eine bleiche Mandarine. Aurovilles Boden hingegen leuchtet rot wie zerbrochener Ziegelstein. Mein Morgenrot für heute.

«Verschwörung!» Oder: Von der Fragmentierung der Gesellschaft

Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur. Das lässt sich bis ins persönliche Umfeld feststellen: Bekannte, die sich neuerdings ins Thema «9/11» verbeissen, als wär’s ihr Herzensanliegen. Andere finden die Chemtrail-These zumindest bedenkenswert. Gleichzeitig werden immer weniger grundsätzliche Fragen zu den gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen der Gegenwart gestellt, zumindest nicht in einer breiten Öffentlichkeit. Was drückt sich darin aus? – Ein Versuch zu verstehen und eine Buchempfehlung.

Beim Thema Verschwörungstheorien begibt man sich schnell auf dünnes Eis, und zwar als Verfechter von Verschwörungstheorien ebenso wie als Verschwörungsskeptiker. Der Verschwörungstheoretiker, heutzutage eine abwertende Bezeichnung, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, mit einfachen, monokausalen Erklärungen vorlieb zu nehmen und gegen gute Argumente resistent zu sein. Der Verschwörungsskeptiker wiederum muss sich davor hüten, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Denn Verschwörungen hat es in der Geschichte der Menschheit tatsächlich gegeben. Nicht jede Verschwörungstheorie ist von vornherein falsch. Vielmehr bedarf es einer redlichen Auseinandersetzung – von beiden Seiten.

Dazu gehört, dass die Begriffe geklärt werden. Schon die Bezeichnung «Verschwörungstheorie» ist irreführend, da es sich oft nicht um eine Theorie im wissenschaftlichen Sinne handelt. Eine solche wissenschaftliche Theorie würde sich der rationalen Auseinandersetzung ohne Wenn und Aber stellen und fallen gelassen, sobald sie widerlegt ist. Man könnte in diesem Fall von einer Verschwörungsthese sprechen, die sich der echten Prüfung stellt.

Oft genug aber stellt eine Verschwörungstheorie im herkömmlichen – und durchaus auch abwertend gemeinten – Sinne ein abgeschlossenes Denkgebäude dar, das mit Händen und Füssen gegen jede Infragestellung verteidigt wird. Skeptiker oder Gegner werden als Leichtgläubige oder Verführte dargestellt, wenn nicht gar als Teil der Verschwörung selbst. In einem solchen Fall wäre «Verschwörungsideologie» eine treffendere Bezeichnung. Die Meinung ist gemacht, die Welt erklärt.

Anstelle eines politischen Diskurses

Es sind diese Verschwörungsideologien, die sich in den Köpfen mancher ZeitgenossInnen festsetzen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Die Welt ist kompliziert geworden, undurchschaubar und komplex. Gleichzeitig ist sie näher gerückt, fast schon zu nah. An allen Ecken und Enden lauern schier unlösbare Probleme. Vieles ist brüchiger geworden, spürbar brüchiger für viele Menschen. Gewonnen Geglaubtes führt sich selbst ad absurdum.

Gleichzeitig ist auf politisch-gesellschaftlicher Ebene zu beobachten, dass grundsätzliche Systemkritik etwa am neoliberalen Credo oder am Dogma der Notwendigkeit wirtschaftlichen Wachstums praktisch nicht mehr vorkommt oder zumindest den politischen Diskurs kaum mehr prägt. Die politische Vorstellungskraft wirkt heute seltsam steril. Der gesellschaftspolitische Mist scheint geführt zu sein. Es gibt keine konkurrierende Modelle mehr. Damit verbunden ist eine tiefe Resignation. Man glaubt nicht mehr an einen grundsätzlichen Wandel aufgrund gemeinsamen Handelns. Selbst der Glaube an die Demokratie geht uns verloren. Stattdessen übt man mehr oder weniger diffuse Kritik an irgendwelchen Eliten – ohne die grundsätzliche Systemfrage zu stellen. In diese Lücke sickern Verschwörungsideologien, machen sich «vage Überzeugungen breit, unsere Gesellschaft werde in Wirklichkeit durch eine kleine Gruppe schattenhafter Eliten gesteuert, die uns gemeinsam mit linientreuen Medien das Theater der Demokratie vorspielen». Solche Überzeugungen tragen eher zur Stützung des Systems bei, als dieses in Frage zu stellen. [Read more…]

Mit Emmanuel Mbolela auf Lesereise durch Italien

Anlässlich der Herausgabe der italienischen Übersetzung seines Buches «Mein Weg von Kongo nach Europa» haben wir den kongolesischen Autor Emmanuel Mbolela auf seiner Lesereise durch Italien begleitet – durch ein Italien, das in rechtspopulistischer Manier umgepflügt wird, so dass die humanitären Prinzipien auf der Strecke zu bleiben drohen, insbesondere gegenüber Flüchtlingen und Farbigen. – Übersetzung aus dem Französischen: Walter B.

Es ist dem Zufall geschuldet, dass die italienische Übersetzung des Buches zu einem für Italien politisch so heiklen Zeitpunkt herauskam. Die letzten Wahlen haben eine Koalition zwischen der alten sezessionistischen, inzwischen «identitären», aber schon immer rassistischen Lega Nord und der Fünf-Sterne-Bewegung an die Macht gebracht, einer jungen politischen Gruppierung um den ehemaligen Komiker Peppe Grillo, der in populistischer Manier gegen PolitikerInnen wettert, indem er ihnen zum Beispiel vorwirft, sie repräsentierten «das Volk» nicht mehr.

Die beiden Kräfte, die auf den ersten Blick völlig unterschiedliche politische Diskurse zu führen scheinen, haben einen beachtlichen Pragmatismus an den Tag gelegt, um die Macht zu erobern. Sie haben noch vor der Wahl des Ministerpräsidenten einen «offiziellen Regierungsvertrag» unterzeichnet, was ihnen ermöglichte, ihre Handlungsschwerpunkte und Wahlversprechen – hauptsächlich der Kampf gegen Migration und die Beseitigung von politischen Privilegien – im Gegenzug zum Vertrauen des Parlaments weiterzuverfolgen.

Bis hierhin also nichts Neues in einem Land, in dem seit sechzig Jahren die Verteilung der Machtpositionen zwischen Parteien und politischen Strömungen zur Norm geworden ist – nichts Neues also ausser einem Protagonisten: Salvini, der Leader der Lega, der zum Vizeministerpräsidenten und Innenminister ernannt wurde, nachdem er eine Wahlkampagne geführt hatte, die auf der Kriminalisierung der Migration und der Solidarität basiert und stark fremdenfeindliche Züge und neofaschistisches Gehabe aufwies.

Am Rande sei bemerkt, dass Salvini das Schicksal einer Partei, der Lega Nord, neu ausrichten konnte, die nach einer langen Teilhabe an der Macht zusammen mit Berlusconi geschwächt war und ihre systemkritischen Kräfte in den nördlichen Regionen eingebüsst hatte. Salvini ist es betrüblicherweise gelungen, das Vertrauen der Basis wiederzuerlangen, indem er stramm auf trivialste Parolen setzte: Nein zu Romalagern in den Städten. Nein zu all den Schwarzen vor den Bahnhöfen. Nein zu Europa, das uns verrät, bestiehlt und mit Flüchtlingen flutet.

Propaganda mit Fake News

Es fällt nicht leicht, sich all die Fake News zu vergegenwärtigen, die er verwendet, um Angst zu schüren, sowie sein rassistisches Gehabe und die Teilnahme an neofaschistischen – pardon: «identitären» Kampagnen. Doch Salvini wird als erster echter Politiker Italiens «der neuen Generation» angesehen. Und er sieht sich selbst auch so. Er wird unterstütz von einem äusserst soliden New-Media-Team, das eine eigene Propagandamaschinerie unterhält – eine weit verbreitete und umjubelte Propaganda, die ausgerechnet in einem historischen Moment verfängt, wo sich aus dem Osten ein Wind des Hasses erhebt und durch die Strassen und Netze Europas fegt. Eine Propaganda auch, die jenen Teil der italienischen Bevölkerung anzusprechen weiss, der verarmt und verängstigt ist, sich in sozialen Netzwerken aufhält und mit dem demokratischen Spiel keine Hoffnungen mehr verbindet. Salvini übermittelt ihnen das Bild des starken Mannes – jenes starken Mannes, nach dem sich ein Teil der ItalienerInnen zurücksehnt. Und das ist gefährlich.

Man muss wissen, dass die fremdenfeindliche und nationalistische Propaganda, die auf die Verantwortlichen der EU zielt, durchaus konkrete Gründe hat: Die Verwerfungen wegen der Dublin-Verträge, die Schliessung der Binnengrenzen, die Frankreich und Österreich in die Tat umgesetzt haben, und die – durchaus relative – Zunahme der Zuwanderung haben die mangelhafte Vorbereitung der Aufnahme von Flüchtlingen und deren Management nur noch sichtbarer gemacht, ganz abgesehen von der Korruption im Inneren des Empfangs- und Identifikationssystems für Flüchtlinge in Italien.

Eine der Folgen war, dass tausende MigrantInnen auf italienischem Boden festsassen, so dass sie sich entweder der für das Land so typischen schleppenden Bürokratie unterwerfen mussten oder mangels Papieren oder wegen eines Nichteintretensbescheids marginalisiert und illegalisiert wurden. Ein gefundenes Fressen für ihre Ausbeutung, der nächsten Etappe ihres Weges.

Niedergang des Wohlfahrtsstaates

Die sozialen Verhältnisse in Italien wurden in Folge dieser Politik zusätzlich belastet – neben der allgemeinen Wirtschaftskrise und dem qualitativen wie quantitativen Niedergang des Wohlfahrtsstaats. Auf diese Weise sind Fremdenhass und der damit verbundene üble Nationalismus an die Macht gelangt. In letzter Zeit wurden wir Zeugen von zahlreichen fremdenfeindlichen Terrorakten in Italien, ganz zu schweigen von der Verharmlosung solcher Sätze, wie wir sie täglich in den Strassen oder den Zügen hören: «Es sind einfach zu viele hier.» Und: «Sollen sie doch nach Hause gehen!»

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