Bernie Sanders – der revolutionäre Sozialdemokrat

Bernie Sanders‘ neu erschienenes Buch «Our Revolution: A Future to Believe in» ist so etwas wie sein politisches Vermächtnis. Der spanische Journalist Ibán García del Blanco hat es gelesen und eine interessante Rezension geschrieben. Übersetzung aus dem Spanischen: Walter B.

Letzte Weihnachten schickte mir ein Bekannter, der mich gut mag, aus dem Land des Brexit das kürzlich erschienene autobiografische Werk von Bernie Sanders: «Our Revolution: A Future to Believe in».[1] Ich gestehe, ich bin kein Anhänger solcher Bücher, die oft statt Ideen zu transportieren andere Ziele anstreben. Nachdem ich das Buch gelesen habe, denke ich, dass es hier anders ist.

Es handelt sich um Neubearbeitungen von Texten, die unabhängig voneinander entstanden sind, was gelegentlich dazu führt, dass sich einzelne Abschnitte wortwörtlich wiederholen. Doch die Texte kommen authentisch daher, zeugen von erfrischendem Humor und helfen zweifellos, die soziologische Wirklichkeit Nordamerikas und das Phänomen Trump zu verstehen.

Erste Lektion: In dieser globalisierten Welt sind sich die Probleme der Demokratien ähnlich. Trotz aller theoretischen Unterschiede der Modelle, stehen die Schwierigkeiten vielenorts im Zusammenhang mit unserem angeschlagenen Wohlfahrtsstaat. Sanders zeigt schön auf, wie sich die Einkommensverteilung zwischen der privilegiertesten Klasse und der ehemals stolzen amerikanischen Mittelklasse entwickelt hat, und führt den Wendepunkt hin zur Ungleichheit auf den Beginn von Reagans Deregulierungen zurück. Weltweit brach der Kapitalismus ab den 1980er Jahren die Vereinbarung mit der Mittelklasse über die Verteilung der Einkommen. Auch der Ökonome Manuel Escudero[2] zeigt das klar auf. Von da an sind wir bis zur heutigen Ungleichheit gelangt, die unsere Institutionen untergräbt und uns in eine Dystopie führt. «Sie machen keine Fehler», sagt Bernie, «der wirtschaftliche Kuchen ist weiter gewachsen. Bloss bleiben den Armen und der Mittelklasse immer kleinere Stücke.»

Es ist erschreckend, dass seine erste Rede für die Primärwahlen im Mai 2015 in Vermont so getreu beschreibt, wo unser Land heute steht. Nach der Einleitung «Heute beginnen wir eine politische Revolution», stellt er die Grundzüge seines Programms vor.

  • Wirtschaft, Einkommen und Ungleichheit. Es liegt etwas äusserst Unheilvolles in der Tatsache, dass ein Prozent der Bevölkerung der USA fast so viel besitzt wie neunzig Prozent – oder dass 99 Prozent der neuen Einkommen direkt diesem einen Prozent der Privilegierten zufliessen.
    Die Botschaft Sanders an die Millionäre: Ihr könnt nicht alles haben. Ihr könnt nicht weiterhin von Steuervergünstigungen profitieren, während es Kinder gibt, die Hunger leiden. Ihr könnt nicht weiterhin eure Gewinne auf den Kaimaninseln verstecken, während an allen Ecken und Enden unseres Landes grosse Bedürftigkeit herrscht. Eure Habsucht muss ein Ende haben. Ihr könnt nicht weiterhin von allen Vorteilen profitieren, ohne jegliche Verantwortung zu übernehmen. Die Vereinigten Staaten brauchen ein gerechtes und fortschrittliches Steuersystem.
    Trotz der technologischen Explosion und der rasanten Produktivitätssteigerung ist das mittlere Jahreseinkommen einer Familie 5’000 Dollar tiefer als noch 1999. Die offizielle Arbeitslosenquote widerspiegelt in keiner Weise die Anzahl der Menschen, die bereits vom System abgekoppelt sind. Sie widerspiegelt nicht die 17 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, die unter den Schwarzen noch viel höher liegt, oder die 45 Millionen Personen, die in Armut leben. Viele davon arbeiten, aber mit nicht existenzsichernden Löhnen.
  • Die Macht der Lobbys über die Institutionen. In der Folge eines Urteils des Obersten Gerichtshofs wurden die Grenzen für Wahlkampfspenden aufgehoben. Damit öffnet sich ein weites Feld uneingeschränkter Einflussnahme der grossen Multis auf die KandidatInnen. Im Gegensatz zu nationalistischen Bewegungen, die vorgeben, dieselben Prinzipien zu verteidigen, stellt sich Sanders seltsamerweise nicht grundsätzlich gegen die Wahlkampffinanzierung, sondern plädiert für eine öffentliche, angemessene und egalitäre Finanzierung, um so der Korruption entgegenzuwirken.
  • Klimawandel. Die wissenschaftliche Gemeinde ist sich einig: Der Klimawandel hat bereits heute verheerende Folgen für die Welt. Wenn wir unsere Energieversorgung nicht mutig transformieren, wird es zu Katastrophen kommen, zu Hungersnöten, Überschwemmungen, Epidemien, zur Übersäuerung der Ozeane. Und diesen Kampf müssen die USA anführen.
  • Arbeit, Arbeit, Arbeit. Ein keynesianischer Sanders setzt auf einen neuen New Deal: ein massives Programm zur Erneuerung und Reparatur der landesweiten Infrastruktur, das bis zu 13 Millionen Arbeitsstellen schaffen kann. Trump nimmt diese Idee in sein Programm auf, allerdings mit Änderungen.
  • Handel. Keine weiteren Freihandelsabkommen. Seltsam, wie die diesbezüglichen Ängste von ausserhalb nun in die USA zurückschwappen und Sanders, Clinton und sogar Trump vereinen. Wie wir gesehen haben, löst Letzterer sogar Verträge auf, die bereits unterzeichnet waren.
  • Löhne. Der landesweite Mindestlohn von 7,25 Dollar pro Stunde reicht nicht zum Leben. Er soll innerhalb von fünf Jahren auf 15 Dollar angehoben werden. Die Stadt Los Angeles hat eine solche Erhöhung des Mindestlohnes bereits vorgenommen. Eine Kuriosität in den USA. Das Ziel der Nation soll es sein, dass ein Vollzeitarbeiter von seiner Lohn leben kann. Nicht wirklich revolutionär. Oder? Ausserdem schlägt Sanders Massnahmen vor, um die Lohngleichheit zwischen Mann und Frau zu erreichen. Die Frauen verdienen für dieselbe Arbeit 78 Cents pro Dollar eines Mannes.
  • Wall Street reformieren. Die Wall Street darf nicht weiter eine Insel sein, auf der mit riskanten Anlagen Milliarden verspielt werden, während zugleich auf Rettung durch den öffentlichen Sektor gehofft wird. Wenn eine Bank zu gross ist, um unterzugehen, ist sie auch zu gross, um zu existieren. Nordamerika braucht Banken, die Teil der Realwirtschaft sind.
  • Öffentliches Gesundheitswesen für alle, Schutz für die Verletzlichsten. Was Sanders in seinem Buch über die medizinische Versorgung schreibt, lässt einen die Haare zu Berg stehen. Paradoxerweise ist die Situation ausgerechnet in jenen Staaten deutlich schlechter, die mehrheitlich republikanisch wählen. Anderseits ist dort die Wahlbeteiligung auch am tiefsten. Sanders setzt sich für ein noch ambitionierteres System als Obamacare ein: für ein landesweites Programm zum Schutz der Kinder.
  • Ausbildung für alle. Grundbildung mit einem Minimum an Qualität, bezahlbare Universitäten und ein Ende der Studiendarlehen, welche die Studenten für Jahrzehnte belasten.
  • Krieg und Frieden. Wir leben in einer komplexen Welt, und es gibt sehr wohl Bedrohungen. Doch die USA müssen verantwortlich handeln: Keine Abenteuer wie im Irak mehr! Wir müssen den IS rigoros bekämpfen. Aber nicht nur. Es muss eine internationale Koalition unter der Führung von moslemischen Staaten gebildet werden, die nicht nur den Terrorismus besiegt, sondern auch Bedingungen für einen anhaltenden Frieden schafft.

Dies ist keine abschliessende Liste aller Ideen Sanders. Es gibt viele weitere, etwa zur Situation der Minderheiten, zum Kampf gegen den Diskurs des Hasses, zum Schutz der Diversität, zu einer fortschrittlichen Migrationspolitik. Einige dieser Ideen sind ausführlicher ausgearbeitet, andere nur angedeutet. Und dann gibt es auch solche, über die man diskutieren kann. Insgesamt ist nichts Revolutionäres an Sanders Programm, der sich offen zur Sozialdemokratie und zum Erbe von Franklin D. Roosevelt bekennt. Heutzutage ist es schon revolutionär, ein Sozialdemokrat zu sein. Die Wurzeln des klassischen demokratischen Sozialismus wiederzuentdecken, ist in Zeiten der Trockenlegung ideologischer Räume geradezu ein Bannfluch gegen den ungezähmten Kapitalismus von heute.

Es hat auch nichts Überraschendes, dass ein Senator von 73 Jahren es geschafft hat, um seine Person eine Welle von Begeisterung und demokratischer Teilhabe zu verbreiten und Millionen von jungen Menschen zu politisieren. Er ist schlicht der einzige, der den Mut gehabt hat zu sagen, dass es nun genug sei. Zudem sei der König nackt.[3] (Tatsächlich sind es Tausende von Kindern in den ärmsten Elendsvierteln.) Das Establishment der Demokraten lag falsch, als es mit allen Mitteln den Sieg von Hillary Clinton anstrebte, während die massive Mobilisierung rund um Sanders ganz andere Signale aussandte. Für mich ist klar, dass Sanders heute Präsident wäre, wenn es zu einer Ausmarchung zwischen ihm und Trump gekommen wäre. Keine Frage, dass sich viele fortschrittliche Amerikaner ins eigene Bein geschossen haben, als sie in dummerweise Clinton angriffen. Ebenso gewiss ist es auch, dass ein ausgeprägteres politisches Bewusstsein vorausgesehen hätte, dass passieren würde, was passiert ist.

Schulz in Deutschland hat verstanden: Die Sozialdemokratie ist entweder links oder sie ist gar nicht mehr. Es geht nicht mehr um die Alternative zwischen «Verantwortung» oder «Chaos», sondern um jene zwischen Neoliberalismus oder Wandel. Und wenn die Sozialdemokratie nicht den Wandel verkörpert und am Schluss der Wandel auch kommt, wird es Chaos geben.


Anmerkungen:

[1] Erscheint in deutscher Übersetzung im Juni 2017 bei Ullstein: Bernie Sanders, «Unsere Revolution. Wir brauchen eine gerechte Gesellschaft» (ISBN-13 9783550050077)

[2] Spanischer Ökonome und Sondergesandter des United Nations Global Compact, einem weltweiten Pakt, der wischen der UNO und immer mehr Unternehmen geschlossen wird, um die Globalisierung sozialer und ökologischer zu gestalten.

[3] Der Autor bezieht sich hier auf das Märchen «Des Kaisers neue Kleider» von Hans Christian Andersen, in dem betrügerische Weber einem Kaiser vorgaukeln, sie hätten ihm ein edles Kleid gewoben, das nur von Leuten gesehen werden könne, «die ihres Amtes würdig und nicht dumm» seien. Dabei ist der König nackt, was allerdings weder er noch das Volk zugeben wollen.

Bild: Phil Roeder, CC-Lizenz via flickr.

Das Original der Buchrezension von Ibán García del Blanco ist auf dem Blog Tribuna Abierta bei eldario.es erschienen.

Nach dem langen Schweigen

Mein letzter Eintrag auf diesem Blog ist lange her und wurde noch in Südindien geschrieben. – Ich lebe noch und bin inzwischen wohlbehalten in die Schweiz zurückgekehrt. Dies zu eurer Beruhigung. Ja, und es war wunderbar: zwei Monate Sonnenschein mit Temperaturen um die dreissig Grad. Dieser Winter war für mich also durchaus erträglich. Dem Vernehmen nach soll er in Europa bitterkalt gewesen sein.

Doch das ist nur die eine, eher oberflächliche Seite meiner Indienreise. Unter der Oberfläche wurde ich – wie immer in Indien – an meine Grenzen geführt, als Rollifahrer und als Mensch – was ja auch dasselbe ist. Nicht in Auroville, wo ich die ersten vier Wochen verbrachte, wurden mir die Schranken, die sich für einen Rollstuhlfahrer in Indien ergeben, um die Ohren gehauen – dort bewege ich mich inzwischen wie ein Fisch im Wasser –, sondern im zweiten Teil der Reise, wo wir viel unterwegs waren. (Ich habe davon berichtet). Auf unserer Reise durch Südindien musste ich weitgehend auf meine Selbständigkeit verzichten. Denn Rollstuhlfahrer sind in der indischen Lebenswelt nicht vorgesehen – und selbständige Rollifahrer schon gar nicht. Der öffentliche Raum in den Städten ist zuweilen selbst für Fussgänger eine Zumutung. Und auch die Häuser sind kaum zugänglich. Und wenn sie es sind, dann eher zufälligerweise. Das heisst zum Beispiel, dass ich unterwegs je nach Unterkunft nicht selbständig ins Badezimmer komme, weil die Schwelle zu hoch ist. Oder ich kann nicht alleine nach draussen gehen. Da wird es schwierig, seine eigenen Wege zu gehen …

Doch gerade dies, eigene Wege zu gehen, ist inzwischen «mein liebstes Hobby» geworden. Es geht gar nicht mehr ohne. Und nun musste ich also fast einen Monat lang darauf verzichten, mehr noch: meine heiss geliebte Autonomie aufgeben. Das kam mir schräg rüber, emotional schräg rüber: Mein Selbstvertrauen schwand mit jedem Hindernis, das sich mir in den Weg stellte. Und es gab fast nur Hindernisse unterwegs in Südindien.

Das kannte ich ja bereits; bin nicht das erste Mal nach Indien gereist. Und doch wurde ich von der Vehemenz des Erlebten überrascht. Das Selbstvertrauen schwand und machte einem untergründigen Selbsthass Platz. Oder war es Selbstmitleid? Oder beides? Oder ist beides dasselbe, wenn man mit zugekniffenen Augen darauf schaut? Jedenfalls litt mein Selbstverständnis übers Mass. (Zur Entlastung meiner Mitreisenden sei hier angefügt, dass mein innerlich angeschlagener Zustand, den sie womöglich gar nicht bemerkt haben, nichts mit ihrem Verhalten zu tun hatte. Meinen Autonomieverlust konnten sie unmöglich wettmachen.)

Zurück in der Schweiz

Auch der Einstieg hier, zurück in der Schweiz, war nicht einfach. Wie eine lähmende Provokation stand während Wochen die Frage im Raum: «Und was nun?» Das Buch war geschrieben. Ein nächstes ist nicht in Sicht. Die eine oder andere Aufgabe ist zwar noch unerledigt. Zugegeben! Doch wenn ich mich frage, was mir noch unter den Nägeln brennt, was noch unbedingt in diesem Leben getan werden möchte, so komme ich gegenwärtig in Verlegenheit, weiss keine Antwort und wage doch nicht zu antworten: Nichts!

Vielleicht deshalb auch mein längeres Schweigen hier auf dem Blog. Ich war so etwas von uninspiriert. Und bin es noch. «Wird schon wieder kommen», kann ich mir sagen. «So lehrt es die Erfahrung.» Und ich komme ja auch langsam wieder in die Gänge. Ideen tauchen auf am Horizont – auch die Lust, sie zu verwirklichen. Zwar verfliegen damit nicht einfach meine Selbstzweifel. Doch sie werfen nicht mehr gar so lange Schatten.

Einen neuen Wind brachte auch der Bescheid des Verlages zu den Verkaufszahlen meines Buches: Bis Ende 2016 wurden knapp 1’100 Exemplare verkauft. Eine Zahl, die – es ist nicht zu leugnen – zu meiner inneren Gesundung beiträgt …

Das also zu meiner Befindlichkeit nach meinem langen Schweigen. Nun aber genug der Nabelschau. Bald soll es in diesem Blog wieder um ganz andere Dinge gehen.

Auf den Spuren hinduistischer Pilger

Dann hiess es Abschiednehmen von Auroville, Abschiednehmen vom ewigen roten Staub, der dich bis ins Innerste deiner Seele einpudert – naja, nicht ganz bis ins innerste Heiligtum der Seele, aber fast –, es hiess Abschied nehmen von Kuyilappalayam, dem einzigen tamilischen Dorf, das ich wirklich kennen gelernt habe, und es hiess natürlich Abschiednehmen von Murugan and family

Von nun an ist real India angesagt: das Indien, an das man sich als Europäer nicht so leicht gewöhnt, das einen aber, hat man sich denn daran gewöhnt, nicht mehr so leicht loslässt. Wobei anzumerken ist, dass es – bei der Grösse des Landes wenig verwunderlich – ganz viele verschiedene Indien gibt. Und Tamil Nadu und Kerala, von denen hier die Rede ist, sind nur zwei von 29 Bundesstaaten, die allesamt unterschiedlicher nicht sein könnten. Auch Tamil Nadu und Kerala unterscheiden sich in ihrem Charakter, in ihrer Landschaft, den Menschen, der Sprache, der Kultur und Geschichte, ja, im Entwicklungsgrad wie Tag und Nacht.

Wir sind zu viert im Auto unterwegs: Beat und Gabi, Eric und ich. Im Auto zu reisen, ist in Indien für mich als Rollstuhlfahrer die komfortabelste Art – um nicht zu sagen, die einzig sinnvolle. Natürlich ist das etwas anderes, als im überfüllten Bus durchs Land zu bolzen, und selbstverständlich entgehen einen dadurch ein paar typische Erfahrungen von Indienreisenden, Erfahrungen, von denen mir allerdings nicht klar ist, ob ich sie in aller Ausführlichkeit wirklich haben möchte … Ich bin’s also ganz zufrieden, wie wir reisen, zumal wir Selbstfahrer sind, also nicht mit einem Taxifahrer unterwegs sind, was uns viele Freiheiten beschert, etwa dass wir unterwegs picknicken können.

Trichy

Erste Übernachtung ist in Tiruchirapally, kurz Trichy, der fünftgrössten Stadt Tamil Nadus mit 850`000 EinwohnerInnen. Die Stadt steuern wir an, weil sie auf halbem Weg Richtung Rameswaram liegt, dem vielleicht wichtigsten Ziel unserer Reise durch Südindien. Im Norden von Trichy gibt es auf einer Flussinsel die Tempelstadt Srirangam mit dem gleichnamigen Tempel, einer quadratischen Anlage von fast einem Kilometer Seitenlänge. Je tiefer wir ins Innere dieses Tempelgevierts vordringen, umso mehr Menschen sind unterwegs. Es wird ganz schön eng. Ab einem gewissen Punkt haben Nichthindus keinen Zugang mehr. 

Es wird eng auf dem Weg zum Srirangam-Tempel.


Schon mehrfach habe ich Tempelbesuche beschrieben – und was sie mit mir machen. In grossen Tempeln lebt eine unglaubliche Fülle: an Düften, an Formen, an Farben, auch an verschiedensten Menschen – an Leben überhaupt. Natürlich gibt es auch andächtige Orte und Momente, Augenblicke der Stille und Meditation. Doch daneben schwelgt das diesseitige Leben in einer unglaublichen Überfülle. Dort wird gehandelt und gefeilscht, gebettelt und wohl auch geflucht. Das Leben in all seinen Facetten ist willkommen. Erstaunlich für eine Religion, die in ihrer Essenz doch stark aufs Jenseitige verweist und das Diesseitige eher flieht! 

Rameswaram

Zwischen Südindien und Sri Lanka muss es einst eine Landbrücke gegeben haben. Auf deren Überresten, eine dem Festland vorgelagerten Insel, liegt Rameswaram. Schon geografisch ist das ein höchst interessanter Ort, spitzt sich die Insel doch Richtung Sri Lanka zu einer äusserst schlanken Nadel zu, die bis zur Spitze befahren werden kann, die letzten Kilometer allerdings nur in dafür bereitgestellten Bussen. Dort, an der äussersten Spitze der Insel, liegt die verlassene Ortschaft Dhanushkodi. Ein Wirbelsturm zerstörte vor bald siebzig Jahren den Ort fast vollständig. Die wenigen intakt gebliebenen Gebäude, darunter eine Kirche, bilden heute eine Touristenattraktion.

Die Insel ist über die Pamban-Brücke mit dem Festland verbunden. Auf der zweispurigen Brücke herrscht so etwas wie ein Halteverbot – und alle halten an und steigen aus, um vor der Weite des offenen Meeres ein Selfie zu knipsen. Dazwischen einzelne Polizisten, die das dadurch entstehende Chaos auf der Brücke zu entschärfen versuchen.

Die über 2 km lange Pamban-Brücke (Bild CC-Lizenz via Wikipedia: Clt13

Rameswaram ist auch ein heiliger Ort und deshalb voller Pilger, die hier den Tempel besuchen und verschiedene rituelle Waschungen vornehmen, ebenso im Tempel wie im Meer. Die meisten sind in schwarze Tücher gehüllt. Man erkennt sie deshalb leicht. Sie kommen zu Tausenden in Bussen und Sammeltaxis, vereinzelt auch zu Fuss. Viele sind euphorisch, weil sie nach einer langen Reise endlich hier in Rameswaram, dem heiligen Ort, angelangt sind. Rund um die Pilger ist ein vielfältiges Gewerbe entstanden, das industrielle Züge trägt. Die vielen Pilger müssen ernährt, untergebracht und oft auch neu eingekleidet werden, weil sie ihre alten Kleider, sinnbildlich für ihr altes Leben, ins Meer werfen.

Kanyakumari
Dritte Station ist das südliche Ende Indiens. Wild brandet das Meer ans Kap Komorin, dem Südzipfel Südindiens. Es ist deutlich wärmer geworden. Die Fahrt hierhin dauerte über sechs Stunden und führte durch trockene, ärmliche Gegenden, weiter durch ein Gebiet, wo Salz angebaut wird – ja, angebaut: In Meeresnähe wird in flache, rechteckige Becken, den sogenannten Salzgärten, Salzwasser gepumpt, das dann verdunstet. Mit der Zeit blüht das Salz aus und wird geerntet. Soweit so gut und bekannt. Erstaunlich ist nun die Ausdehnung dieser Salzgärten rund um die Städte Thoothukudi und Tiruchendur. Bestimmt eine Stunde, wenn nicht länger fuhren wir durch eine Gegend, die von der Salzwirtschaft geprägt war. Von oben sieht das so aus:

Gleich an diese «Salzgegend» schloss – in ihrer Dimension nicht weniger beeindruckend – die Muppandal Windfarm an mit Tausenden – ja, Tausenden – recht modernen Windrädern. Laut walkthroughindia.com erzeugt dieser Windpark mit 1’500 MW indienweit die höchste Leistung. 

Ein kleiner Teil des Windparks von Muppandal (Quelle: http://www.gineersnow.com)


Auch in Kanyakumari gibt es unzählige Pilger – und ein entsprechendes Gewerbe, etwa einen Markt entlang der Promenade, an dem von unzähligen Händlern im Wesentlichen dieselben Dinge verkauft werden: billige Kleider, Reisetaschen, chinesischer Plastikramsch. Hier ein Stimmungsbild davon kurz nach dem Eindunkeln:

Auf den vorgelagerten Felsen stehen Denkmäler, die für einmal nicht indischen Politikern oder Gottheiten gewidmet sind, sondern Dichtern und Philosophen. Bemerkenswert! Die riesige Statue stellt den tamilischen Dichter Tiruvalluvar dar. Das Monument links davon ist dem indischen Philosophen Vivekananda gewidmet.

Varkala

Als letzte Station vor Kuzzhupilly steuern wir den Touristenstrand Varkala an. Hier gibt es keine Pilger mehr, dafür einige westliche Touristen. Über einem nicht allzu weitläufigen Strand liegt ein fast überhängendes Kliff voller Restaurants, Shops und kleiner Hotels. Die von westlichen Indienfreaks und Backpackers geprägte Vergangenheit ist hier noch deutlich spürbar.

Zwei Touristen über dem Strand von Varkala.

Warum es mich immer wieder nach Südindien zieht

Liebe Barbara

Du fragst mich, was es denn sei, das mich immer wieder nach Südindien zieht. Dir dafür handfeste, belastbare Gründe zu nennen, die auch morgen noch gelten, ist gar nicht so einfach. Ist es der Duft von Jasmin, der frühmorgens durchs offene Fenster in mein Zimmer dringt, mich aus dem Schlaf küsst und gleich zu Beginn mit dem Tag versöhnt, auch wenn ich die Traumwelt nur äusserst ungern verlasse? Oder sind es die Klänge einer mir fremden Musik, die der Wind beim Eindunkeln jeweils heranträgt, mal betörend sanft, als käme die Musik aus anderen Sphären auf unsere Erde nieder und verzauberte sie, dann wieder aufdringlich scheppernd, als stünden nicht allzu weit entfernt ein paar altersschwache Lautsprecher, die ihr Bestes geben. Beides, der Jasminhauch am Morgen und die verstörend-betörenden Klänge bekommen jedoch erst durch die südliche Wärme ihre Kraft, ihren Charme. Eine milde Wärme, die dich umschmeichelt und das Sein erleichtert.

Bild: Market Scene in Mysore, von Rainer Voegeli, CC-Lizenz via flickr

Bedenkt man die viele Widersprüche hier in Indien, das Unzulängliche vielenorts, bedenkt man auch das echt Beklagenswerte, das einen vielenorts entgegenspringt, könnte man an Indien verzweifeln und ihm den Rücken kehren. Bei mir ist das Gegenteil der Fall. Und da komme ich in echte Erklärungsnot. Die indischen Zumutungen faszinieren mich. Oder vielmehr: Wie die Menschen hier mit den Zumutungen ihres Alltags umgehen, ist schlicht grandios. 

Ein Beispiel: Im November 2016 wurde über Nacht in ganz Indien ein guter Teil des Bargelds für ungültig erklärt und durch neue Noten ersetzt, angeblich um gegen das viele Schwarzgeld vorzugehen. Ausgerechnet! Die informelle Wirtschaft läuft ausschliesslich über Bargeld und macht in Indien den grössten Teil der Gesamtwirtschaft aus. Den einfachen Leuten wurde förmlich der Teppich unter den Füssen weggezogen. Ihre Reaktion: Sie stehen geduldig bei den Geldautomaten an, um sich neue, gültige Noten abzuholen. Wo ein Automat solche ausspuckt, bilden sich lange Schlangen bis auf die Strasse hinaus. Kurze Zeit später ist er leer. Kein Murren, keine Proteste. Vielmehr schickt man sich ins scheinbar Unvermeintliche. Schliesslich tragen alle dasselbe Schicksal – und tun es in Würde. 

Ich kann mir nicht helfen: Das Leben scheint mir hier echter, grundsätzlicher, wesentlicher. Es ist, wie wenn Indien am Anfang eines Prozesses stünde – trotz seiner Kultur, die direkt an Urzeiten anknüpft –, den Europa bereits hinter sich gebracht hat und nun an dessen Ende steht. Das gilt natürlich auch für die wirtschaftliche Entwicklung – aber nicht nur. Und die Menschen können strahlen und lachen, dass einen das Herz aufgeht. Man nimmt sich wahr, man kümmert sich. Das ist keine Absage an Europa. Das ist ein Plädoyer für Indien. 

Du siehst, liebe Barbara, es gibt ganz unterschiedliche Gründe und Motive, weshalb ich immer wieder hier in Südindien lande. Ein wichtiger Grund ist natürlich auch Auroville. Ohne diesen wunderbaren Ort der Ruhe und des Strebens, des Suchens und des Aufbruchs wäre ich wohl nie nach Südindien gekommen. Auroville bietet mir Schutz und einen gewissen Komfort. Ich kann mich hier im Rollstuhl weitgehend selbständig bewegen. Und die Umgebung, der Spirit des Ortes, regt mich auch zur inneren Suche an.


Bild: Unterwegs in Auroville

Zum Jahresende: Wort und Bild aus Südindien



Der Wald der tausend Wege

Auroville ist neben vielem anderen auch einfach ein grosser Wald, durchkreuzt von ein paar wenigen befestigten Strassen und einige Sandpisten. Was ihn besonders macht, diesen Wald, sind die Tausenden Wege und Pfade, die ihn als feines Netz durchziehen. Dieses feingesponnene Netz könnte Ausdruck einer Verbindung und einer Verbindlichkeit im Sozialen sein, die dem allgegenwärtigen Konkurrenzdenken diametral entgegensteht. Aurovilles Wald als Auffangnetz der im freien Fall befindlichen Gegenwart?  Übertrieben, bestimmt! Aber ein Lichtblick ist Auroville allemal.

Bilder- und Götterflut

Hinduistische Tempel bilden nichts weniger als den gesamten Kosmos ab. So jedenfalls der Anspruch. Deshalb ist deren Bilderflut geradezu überwältigend. Sie sind eine opulente Graphic Novel der Götterwelt in 3D, ein üppiger göttlicher Comic, der auch von Menschen gelesen werden kann, die nie zur Schule gingen. Bei hinduistischen Tempeln geht es nicht um Dekoration. Es geht um Illustration.

Bettlerin an der Tempelmauer in Tiruvannamalay

Tempel sind auch Zonen, wo BettlerInnen wohlgelitten sind und wohl auch ein besseres Auskommen haben. Im und um den Tempel fallen besonders viele Brosamen vom Tisch, weil sich an diesem Ort, unter dem unmittelbaren und strengen Blick der Götter das Karma der SpenderInnen besonders wirksam verbessern lässt. 

TempelbesucherInnen

Keine Bettler, sondern wir: Eric, Murugan, Muthulakshmi (hintere Reihe) und ich, Walter. Ja, auch wir haben unser Karma im Tempel von Tiruvannamalay mit Hilfe der BettlerInnen aufbessern können … (Ist jetzt nicht so zynisch gemeint, wie es daherkommt. Doch es gibt nunmal Bettler in Indien. Und wir sind nunmal in Indien. Und man ist als Indienreisender gezwungen, immer wieder von neuem gezwungen, zu Armut und Bettelwesen Stellung zu nehmen – nicht verbal und auch nicht intellektuell, sondern in seinem Tun. Eine Herausforderung, der man in Indien nicht ausweichen kann, Es sei denn, man meidet Indien – aber auch viele andere Länder. Eigentlich die meisten Länder dieser Erde.)

Fischerboote am Strand von Periyarmudaliarchavadi

Unweit von Auroville liegt an der Küste ein ärmliches Fischerdorf mit obigem Namen. Jeweils frühmorgens fahren die Fischer aufs Meer hinaus und kehren nach Tagesanbruch wieder zurück. Die Fischgründe sind dem Vernehmen nach recht gut, verhelfen den meisten Fischern und ihren Familien aber nicht aus der Kargheit ihres Lebens. Unbill droht vom Meer, das immer hemmungsloser an der Küste nagt, Strände frisst und schon manchen Bewohner gezwungen hat, sein Haus aufzugeben, das zu nahe am gefrässigen Meer gebaut war. 

Fledermausohraffe

Auf unserer Fahrt nach Tiruvannamalai eine neue Affenart entdeckt: den Fledermausohraffen. Er hält sich bevorzugt in leicht erhöhten Lagen auf und zeichnet sich durch seine besondere Neugierde aus – und durch seine grossen, durchscheinenden Lauscher. Keine Frage: Er muss mit dem Menschen und der Fledermaus verwandt sein. Wobei letztere Verwandschaft mittels DNA-Analyse noch bestätigt werden muss. 

Alles Liebe und Gute im neuen Jahr!

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