Das weisse, unbeschriebene Blatt

Das weisse, unbeschriebene Blatt als Faszinosum, als offenes Fenster hinaus auf eine Landschaft, die erst noch entstehen muss und die es genau so noch nie gegeben hat. Mit dem ersten Wort, dem ersten Satz gebe ich dieser Landschaft eine Farbe, setze vielleicht ein paar dunkle Steine auf einen Talboden, nicht kantig, sondern vom Wasser über Jahrtausende gerundet. Liegen die ersten Steine, folgt in einer gewissen Logik der Wasserlauf, der sich zwar immer wieder neue Wege bahnt, aber im Talboden gefangen bleibt und nicht bergauf fliessen wird. Dann die Bergflanken, steil und scheckig mit saftigen Wiesen und schwarzen Waldpartien, aufstrebend bis zu den baumlosen Gipfeln. Irgendwo tost ein Wasserfall, der nicht zu sehen ist. Mit ein paar kräftigen Sätzen sind auch die Bewohnerinnen und Bewohner dieser zeitlosen Landschaft eingeführt: Nachfahren von Bauernfamilien, die vor Jahrhunderten in sicherem Abstand zum Bergbach ein kleines Dorf gegründet hatten, das heute nicht viel grösser ist als zu jener Zeit. Damals wie heute haben das raue Klima und die steilen Hänge die Gesichter der Dorfbewohner geformt, ihre Rücken gebeugt und die Hände schrundig werden lassen.

Es war nicht der erste Fremde, der sich in dieses Hochtal verirrte. Doch sein Erscheinen und vor allem sein Bleiben sollten die Dorfgemeinschaft in ihrer über Jahrhunderte gewachsenen Grundfeste erschüttern. Der Fremde tauchte ein erstes Mal an einem jener Herbsttage auf, wo tiefe Wolkenfetzen den grauen Bergflanken entlang strichen und der Ruf des Steinadlers für lange Zeit ein letztes Mal zu hören war. Einer der Dorfbewohner gab später zu Protokoll, er habe an eben jenem Tag zuoberst im Tal ein Wolfsrudel gesichtet, was jahrzehntelang nicht mehr vorgekommen war.

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Die ersten Pinselstriche auf dem weissen Blatt sind also getan. Aus der unendlich vielgestaltigen Leere ist eine neue Welt geboren, grob skizziert zunächst. Und noch ist unklar, ob daraus wirklich eine Erzählung wird – oder ein Roman. Oder ob das Blatt, wie so manches vor ihm, in einer meiner geduldigen Schubladen landen und dort verblassen wird. Ein neues weisses, unbeschriebenes Blatt liegt jedenfalls schon bereit.

Bild: «Outflow» von Jim O’Neil, CC-Lizenz via flickr

Gedanklich entfliegen

Den ganzen Tag über gelesen, geschrieben, gelesen, geschrieben, bis mir die Augen weh taten. Beim Lesen wie beim Schreiben vergesse ich zuweilen die Zeit – und mich selbst. Bin nur noch Text, Zusammenhang, Ausdruck, völlig konzentriert, völlig selbstvergessen. Keine Einsamkeit, kein Bedürfnis nach irgend etwas. Selbst zu trinken vergesse ich. Wenn ich dann wieder auftauche aus dem Sprachland, fühle ich mich erst etwas verloren in einer mir fremd gewordenen Welt und möchte am liebsten wieder zurückweichen in die reinen Gefilde der Sprache, wo ich nichts brauche als Worte, Gedanken, Zusammenhänge und Phantasien. Schon als Kind bin ich durch die Seiten eines aufgeschlagenen Bilderbuches wie durch ein offenes Fenster gedanklich entflogen, habe meinen kleinen Körper einfach liegen gelassen. Die anderen sollen sich darum kümmern. Ich bin dann mal weg. Was man einem Kinde verzeihen mag, kann für einen Erwachsenen ungesund werden, wenn er sich auf diese Art zunehmend der Realität verweigert und in Phantasiewelten entflieht. Nur die banale, schmutzige, schmerzliche Wirklichkeit nicht zu nahe kommen lassen. Das war schon als Kind die Devise.


Bild: the sea [iii] von … storrao …, CC-Lizenz via flickr

Der Aufstieg der Hassprediger westlicher Prägung

Wie Pilze schiessen sie aus dem Boden, die rechtsnationalen Populisten, und peitschen ihre destruktive Botschaft immer breiteren Bevölkerungsschichten ein. Zur besten Sendezeit im Fernsehen schütten sie ihr Gemisch aus Angstmache und Menschenverachtung über die ZuschauerInnen. Und auf Facebook und Co. sorgen ganze Stosstrupps dafür, dass sich ihre Lügen und Hassbotschaften wie ein Lauffeuer verbreiten. Ihren islamistischen Brüdern im Geiste stehen die Hassprediger westlicher Prägung in nichts nach.

Doch sie sind keine Prediger im eigentlichen Sinne, sondern Politiker, oft gar Spitzenpolitiker, die kaum mehr Hemmungen kennen und das gesellschaftliche Klima vergiften, wo sie nur können. Sie hetzen gegen das Fremde, gegen MigrantInnen und Ausländer, gegen offene Grenzen, gegen Abtreibung, gegen Homosexualität – gegen alles, was eine offene, inklusive Gesellschaft ausmacht und in den letzten fünfzig Jahren errungen wurde. Das Rad der Zeit soll zurückgedreht werden. Das Eigene kommt vor dem Rest der Welt, das Nationale vor dem Übernationalen, die abgestandene vor der frischen Luft. Man flüchtet sich zurück in den eigenen Saft. – Wie konnte es soweit kommen?

Vom Kapitalismus zum Turbokapitalismus

Alles begann vor dreissig Jahren, als die Berliner Mauer fiel, die Sowjetunion sich auflöste und der Kommunismus als Gesellschaftsmodell sang- und klanglos unterging. Der Kapitalismus hatte gesiegt und schickte sich an, zum Turbokapitalismus zu mutieren, der alles plattmacht, was sich ihm in den Weg stellt. Ernüchtert stellen wir fest, dass die übernationalen Unternehmen immer grösser und mächtiger werden, ihre Gewinne in astronomische Höhen steigern, während die Angestellten, welche ebendiese Gewinne durch ihrer Hände Arbeit erzielen, zunehmend als Kostenfaktor betrachtet werden, den es zu minimieren gilt. All das wird als wirtschaftliche Notwendigkeit verkauft. Doch es ist keine Naturgewalt, die sich hier auslebt, sondern schlicht Macht- und Profitstreben, unterfüttert mit wirtschaftspolitischer Ideologie. Das Erfolgsmodell der Nachkriegszeit, die «Soziale Marktwirtschaft», wurde nach und nach demontiert, die staatlichen Leistungen wurden zurückgefahren, die sozialen Auffangnetze abgebaut. Alle Ziele werden dem Wachstumsdogma untergeordnet.

In dieser Grosswetterlage verschob sich der politische Diskurs in Europa zunächst schleichend und dann immer deutlicher nach rechts, also von einem emanzipatorischen Nach-68er- hin zu einem restaurativen Impuls, der Altes wiederaufleben lassen wollte und Neuerungen skeptisch gegenüberstand. Man gewann in jener Zeit der 1990er Jahre den Eindruck, dass zunächst die Zeit stehen blieb und später der Rückwärtsgang eingelegt wurde: Es gab wieder Krieg in Europa (Jugoslawien), der Staat als zentraler Akteur wurde kleingeredet, und statt an einer besseren Welt zu bauen, galt es immer mehr, Rückschritte zu verhindern.

Blaupause für den Populismus von rechts

Gut erinnere ich mich an jene Zeit der 1990er Jahren, als sich in der Schweiz die Firmen für den internationalen Wettbewerb fit trimmten, «überflüssige» Arbeitskräfte abbauten, kleinere Firmen hinzukauften und dem Aktionariat zu huldigen begannen. Die Arbeitslosenrate stieg an. Auch für Nischenarbeitsplätze, etwa für Menschen mit Behinderung, gab es kaum mehr Spielraum. Die Arbeitswelt wurde anonymer, der Angestellte zum Zahnrad in einer Maschinerie, das jederzeit ausgetauscht werden konnte.

Gleichzeitig trat mit Christoph Blocher einer der ersten Populisten der Gegenwart in Erscheinung und schwor seine Schweizerische Volkspartei (SVP) auf einen strammen Rechtskurs ein. Er ist wohl der Wegbereiter des europäischen rechten Populismus, indem er diesen nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und den Nazigreueln wieder salonfähig machte und als Teil der bürgerlichen Reaktion auf 1968 verstand. Charakteristisch an seinem Populismus ist die erneute Orientierung an der Nation – als Gegenreaktion auf die Globalisierung –, die Verteufelung der EU und des Fremden ganz allgemein, seien es kulturelle Einflüsse von aussen oder MigrantInnen, oder seien es übernationale Zusammenschlüsse wie der EWR, die UNO und ihre Sonderorganisationen. Gleichzeitig ist er aber als Unternehmer dank internationaler Beziehungen und Verflechtungen gross geworden und stellt das aktuelle Wirtschaftssystem, den Neoliberalismus, nicht in Frage.

Über Jahrzehnte prägte die SVP mit ihrem Schirmherrn Christoph Blocher aus einer oppositionellen Position heraus den politischen Diskurs in der Schweiz und liess diesen von der sozialliberalen Mitte über die bürgerliche, dann rechtsbürgerlichen Mitte in Richtung rechtsnationalen Abgrund driften. Gleichzeitig gewann die Partei massiv an Wählerstimmen, von 11,9 Prozent im Jahr 1991 bis zu einem Anteil von 29,4 Prozent der WählerInnenstimmen im Jahr 2015. Christoph Blocher und seine SVP kann mit Fug und Recht als Blaupause für den modernen rechtsnationalen Populismus angesehen werden, wenn auch dabei die länderspezifischen Eigenheiten und die je eigene Persönlichkeit der populistischen Führer nicht ausgeblendet werden dürfen.

Verzweiflung und Wut bewirtschaften

Der wirtschaftliche Abstieg vieler Menschen in die Prekarität – oder auch nur die Angst davor – erzeugt Verzweiflung und Wut. Diese destruktiven Gefühle werden von den rechten Populisten aufgegriffen und bewirtschaftet, ja weiter befeuert. Und sie werden in Bahnen gelenkt, die ihrem Machstreben dienlich sind. Die Wut soll sich nicht gegen das Wirtschaftssystem richten, das die Umverteilung von unten nach oben befördert und die Entmenschlichung der Arbeitswelt vorantreibt – und schon gar nicht gegen die Gewinner dieses Systems. Die Wut wird – gleichsam als Selbstschutz – gegen das Fremde, das Andere, das Schwächere gelenkt, das mit den Absteigern um die letzten verbliebenen Fleischtöpfe konkurriert. Es geht ums Überleben und um Menschenwürde, was dem Geschehen jene Vehemenz verleiht, die wir zurzeit erleben.

Der rechte Populismus ist weit davon entfernt, Lösungen für die Probleme von heute anzubieten. Stattdessen sät er Hass und hetzt gegen Andersdenkende, AusländerInnen und emanzipatorische Bewegungen, als wären diese am Abstieg breiter Bevölkerungsschichten Schuld. Ein Ablenkungsmanöver. Statt die Systemfrage zu stellen, beschwört der Populismus von rechts die Vergangenheit. Seine Kraft schöpft er aus der Perspektivelosigkeit vieler Menschen – und am fehlenden Mut von uns allen, das System, das so viele Verlierer hervorbringt, in Frage zu stellen.


Zu den Bildern:

Die Bilder stammen von der Kunstaktion «Die Wölfe sind zurück» am Hauptbahnhof Berlin gegen den wiedererstarkenden Nationalismus. Fotos: Leif Hinrichsen, CC-Lizenz via flickr.

Vom Loslassen und anderen Zumutungen

Das Leben hat mich loslassen gelehrt. Gnadenlos hat es darauf bestanden, dass in manchen entscheidenden Situationen Loslassen das einzig Richtige ist, geradezu eine Notwendigkeit, der mein kleiner Wille nur Trotz entgegensetzen konnte, aber keine schlagenden Argumente. Was für eine Lehre, die schmerzlich und immer wieder mein Leben heimsuchte! Alles begann mit der Puppe meiner Schwester, die ich haben wollte, aber nunmal die Puppe meiner Schwester war. Quengeln half nichts, Tränen halfen nichts, Drohungen schon gar nicht. Standhaft weigerte sich meine ältere Schwester, auch nur einen Zentimeter nachzugeben. Erschöpft und verzweifelt musste ich loslassen und eingestehen, dass nichts zu machen war. Das war wohl Lektion eins im Crash-Kurs «Wie lerne ich loslassen?» Gut möglich, dass es zuvor schon eine Lektion null gegeben hat. Doch erinnern kann ich mich nicht.

Später kamen weitere Lektionen hinzu, jede einzelne so schmerzhaft, als würde mir ein Dorn mit Widerhaken aus der Seele gerissen oder als wollte mich das Schicksal ein für alle Mal brechen: die Eltern, die mir wegsterben, die Geliebte, die mich verlässt, Lebenskräfte, die mich zunehmend im Stich lassen. Die Liste könnte fortgesetzt werden. Mein Leben war und ist ein einziger Lehrgang im Abschiednehmen, im mich Bescheiden – im Loslassen. Und die Königsdisziplin dieses Lehrgangs, das Sterben, steht ja erst noch bevor. Dann gilt es, alles loszulassen, was ich habe und was ich bin. Die reinste Zumutung!

Trotzdem bin ich nicht unglücklich geworden. Im Gegenteil: Der Lehrgang hat mir im Grunde ganz gut getan – zumindest im Rückblick gesehen. Ich bin um vieles erleichtert. Denn Loslassen ist alles andere als Resignieren. Loslassen fordert meine Zustimmung, meine Einsicht, oft genug meinen ganzen Willen. Zunächst sträubt sich jede Fasern meines Körpers, jede Regung meiner Seele. Wer lässt schon freiwillig los? Es tut echt weh. Doch wenn es gelingt – und die Lage ist nicht aussichtslos –, erlebt man es als Befreiung. Loslassen ist so gesehen ein therapeutischer Prozess zur Überwindung des Egos. Man übt ein Leben lang. Und niemand wird verschont. Doch mit jeder Lektion, die man hinter sich gebracht hat, bekommt man ein Stück Freiheit geschenkt. Loslassen ist ein emanzipatorischer Prozess. Ich befreie mich von der Knute meines Egos, meiner Wunschnatur und werde dadurch freier und weniger manipulierbar. Mein Ego verglüht, indem ich loslassen lerne.

Nicht zu vergessen die Liebe, die in ihrer edelsten Form ganz Loslassen ist, nichts als Loslassen. Denn was wir nicht loslassen können, weil wir es brauchen, weil wir es unbedingt brauchen, das können wir nicht lieben, so Erich Fromm in seiner «Kunst des Liebens». Echt lieben heisst loslassen können. Auch das hat mich mein Leben gelehrt. Gnadenlos hat es darauf bestanden, dass auch hier Loslassen das einzig Richtige ist.


Der Text ist ein erstes Mal im «Zeitpunkt» erschienen.

Bild: «Losgelassen» von Kai C. Schwarzer, CC-Lizenz via flickr

Geigenspieler und Seifenblasenmann

Der Tag begann neblig. Dann setzte sich mehr und mehr die Sonne durch. Es wurde ein strahlender und warmer Frühlingstag. Als ich am frühen Nachmittag in die Stadt kam, fiel mir ihre hektische Oberflächlichkeit auf. Die Geschäftigkeit in ihren Strassen erschien mir als Lüge, als vergeblicher Versuch, die Verunsicherung unserer Gegenwart zu übertünchen. Auch ich lasse mich belügen, laufe irgendwelchen Dingen hinterher, die mich kurzzeitig befriedigen, kaufe hier etwas, das ich scheinbar brauche, tausche da meine Sehnsucht nach einem erfüllten Leben gegen ein Buch ein, das diese Erfüllung verspricht.

Dann beim Basler Münster vor der Galluspforte ein Geigenspieler. Innig und mit musikalischer Tiefe spielt er eine Partita von Bach. Zweifellos ein Berufsmusiker, ein Geigenvirtuose, aber ohne Schlips und Kragen. Vielmehr im bunten Wollpullover und mit langem, dünnen Haar. Gross und hager steht er da, leicht gekrümmt und verschmolzen mit seinem Instrument. In diesem Augenblick verkörpert er reine Musikalität, vorgetragen ohne jegliche Allüren. Die Musik dringt direkt in mein Herz. Die Touristen stören nur wenig.

Und schon ist sie da, die Erfüllung. An diesem Frühlingsnachmittag in der Stadt erlebe ich einen langen Augenblick der Poesie. Unweit des Musikers hält ein älterer Mann mit wildem Haar und weissem Vollbart seine Seifenblasen feil. Die Kinder tanzen um ihn, jagen den schillernden Kugeln nach, um sie zum Platzen zu bringen. Einzelne dieser Luftschiffe überleben den Tanz, schmiegen sich in den warmen Wind, nur um einen Augenblick später zu vergehen. Mein Tag ist gerettet.


Bild: Bubble – Seifenblase von Dörk_Hö , CC-Lizenz via flickr

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