Javier de Lucas: «Die EU ist de facto im Kriegszustand gegen MigrantInnen»

Internationale Organisationen rechnen mit etwa 3’800 Flüchtlingen und MigrantInnen, die letztes Jahr beim Versuch, das Mittelmeer in Richtung Europa zu überqueren, umgekommen sind. Die Europäische Union ist an dieser Tragödie mitschuldig. Ist eine andere Migrations- und Asylpolitik möglich? Amador Fernández-Savater, spanischer Journalist, hat Javier de Lucas, Professor für Rechts- und politische Philosophie in Valencia, zum Gespräch über Migrations- und Flüchtlingspolitik, Widerstandsformen gegen staatliche Gewalt und die Veränderungen der globalen Landschaft nach den Attentaten von Paris getroffen. Übersetzung aus dem Spanischen: Walter B.

Javier-Lucas-Murcia_EDIIMA20160129_0406_5

Javier de Lucas

Javier de Lucas arbeitet seit 2004 im Institut für Menschenrechte der Universität von Valencia. Er ist Professor für Rechts- und politische Philosophie mit Schwerpunkt Menschenrechte, Migrationspolitik, Multikulturalität und Demokratie.

Als er im Dezember 2015 an der Buchmesse von Guadalajara in Mexiko eingeladen war, sein neustes Buch El mediterráneo: el naufragio de Europa [Das Mittelmeer: Der Schiffbruch Europas] vorzustellen, gab Javier de Lucas an der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko zudem ein Seminar über Migrationspolitik. Amarela Varela, Forscherin und Professorin, Aktivistin und meine gute Freundin, hatte ihn zum Seminar eingeladen.

Bei dieser Gelegenheit führten Amarala Varela, Javier de Lucas und ich das folgende Gespräch über Migrations- und Flüchtlingspolitik, Widerstandsformen gegen staatliche Gewalt und die Veränderungen der globalen Landschaft nach den Attentaten von Paris.

Flüchtlingskrise?

  1. Javier, was möchtest du, in kurze Worte gefasst, mit deinem Buch erreichen?

Javier de Lucas: Ja, ich erkläre das ganz kurz. Das wichtigste Ziel des Buches ist, aus der Sicht der Migrations- und Asylpolitik aufzuzeigen, dass die Europäische Union als politisches Projekt gescheitert ist, nämlich als Projekt eines gemeinsamen Raumes von Freiheit, Sicherheit und Gerechtigkeit auf der Grundlage der Menschenrechte. Tatsächlich erleben wir im Gegensatz dazu besonders in den letzten zehn Jahren eine Renationalisierung der Migrationspolitik. Der Vorwand lautet, die Migration betreffe die Souveränität der Einzelstaaten. Gewiss! Aber es ist davon auszugehen, dass die EU ein politisches Projekt war, das gerade diese je eigene Handlungslogik der Nationalstaaten überwinden wollte.

  1. In jüngster Vergangenheit spricht man von einer «Flüchtlingskrise» und einer noch nie dagewesenen humanitären Herausforderung für Europa.

Javier de Lucas: Ich bin mir sicher, dass eine Flüchtlingskrise besteht, seit es Flüchtlinge gibt. Wenn wir zurzeit vermehrt darüber sprechen, so nicht, weil sie neu ist, sondern weil es nun ganz in unserer Nähe einen Faktor gibt, der Fluchtbewegungen auslöst: der unsägliche Bürgerkrieg in Syrien. Es gibt vier Millionen sechshunderttausend syrische Staatsangehörige, die das Land notgedrungen verlassen mussten.

Aber es trifft nicht zu, dass Europa bei der Aufnahme von Flüchtlingen an eine Kapazitätsgrenze gestossen ist. 85 Prozent der syrischen Flüchtlinge wurden von vier Ländern aufgenommen, die an das Konfliktgebiet angrenzen: Libanon, Jordanien, Irak und die Türkei, die allein zweieinhalb Millionen Menschen aufgenommen hat. In diesen Ländern herrscht tatsächlich eine Notsituation. Die EU hat nur angeboten, 160’000 Personen aufzunehmen.

Die institutionelle und mediale Botschaft, wir seien von einem Flüchtlingsstrom bedroht, der unsere Aufnahmekapazität überschreitet, ist eine demagogische Lüge und sehr gefährlich. Sie ist auch ethnozentrisch und kurzsichtig. Es geht nicht um eine Flüchtlingskrise, sondern um eine Krise des politischen Projektes der EU.

Permanenter Ausnahmezustand

  1. In welchem Sinne sprichst du im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise von einem «Scheitern» der EU?

Javier de Lucas: Wenn die EU mehr ist als bloss das Projekt eines Marktes, um gemeinsame Gewinne zu erzielen, wenn sie nicht minder ein politisches Projekt auf der Grundlage des Rechtsstaates darstellt, so muss laut und deutlich gesagt werden, dass als erstes in dieser Krise die Menschenrechte Schiffbruch erlitten haben, und zwar nicht nur die Menschenrechte «der anderen», sondern die Rechtskultur der Achtung der Menschenrechte und der institutionellen Architektur, die diese garantieren.

Anlässlich der Krise wurde das geschaffen, was einige Juristen den «permanenten Ausnahmezustand» des rechtlichen Status der Zuwanderer und Flüchtlinge nennen. Hierbei handelt es sich um ein Ausnahmeregime, das den Anforderungen eines Rechtsstaates in keiner Weise genügt. Denn die Gültigkeit der gemeinsamen Regeln wird damit aufgehoben und die Figur der «Rechtssubjekte zweiter Klasse» eingeführt, welche in einem administrativrechtlichen Labyrinth hängen bleiben. Das ist eine diskriminierende Ungleichbehandlung und strafrechtliche Stigmatisierung.

  1. Was für konkrete Auswirkungen hat dieser Ausnahmezustand auf die Flüchtlinge und MigrantInnen?

Javier de Lucas: Grundsätzliche Elemente des Rechtsstaates – das Prinzip der Unschuldsvermutung, das Prinzip der Gleichheit vor dem Gesetz usw. – werden aufgehoben, aber nicht vorläufig, sondern als künftige Rechtspraxis, gültig für alle MigrantInnen und – als Gipfel der rechtlichen Perversion – auch für Flüchtlinge. Einerseits werden auf diese Art die Rechte missachtet, welche MigrantInnen haben, und zwar ebenso ihre Persönlichkeitsrechte wie ihre Rechte als MigrantInnen. Anderseits wird der besondere rechtliche Status der Flüchtlinge missachtet, der für alle Staaten verbindlich ist, welche Teil des internationalen Rechtssystems sind, das mit der Genfer Konvention (1951) und dem Protokoll von New York (1966) geschaffen wurde.

Welche Auswirkungen hat das? Zum Beispiel werden die ankommenden Flüchtlinge bezüglich ihrer Nationalität, Religion und Herkunft unterschieden. Bei den einen wird der Flüchtlingsstatus voll anerkannt, und bei den anderen wird um den rechtlichen Status gefeilscht, bis hin zur Rückschaffung, besser gesagt: bis hin zur Ausweisung in eben das Land, das sie verfolgt. Der grösste Teil der ankommenden Flüchtlinge ist dieser zweiten Behandlung ausgesetzt.

Reisefreiheit und die Pflicht auf Hilfeleistung

  1. Ausserdem wird, wie du im Buch erklärst, ein perverser Weg beschritten, um den Flüchtlingen das Recht auf Asyl zu verweigern: die «Politik der Auslagerung». Worin besteht diese Politik der Auslagerung?

[Read more…]

Mein Freund, der Rolli – Persönliches zur Kulturgeschichte des Rollstuhls

Wer wie ich seit über fünfzig Jahren im Rollstuhl sitzt, kann über dieses Kulturgut mit Rädern etwas erzählen. Und weil ich zu meiner Behinderung und dem Rollstuhl ein eher unverkrampftes Verhältnis habe, kommt das auch noch ganz schön locker rüber. Denn es ist nicht wirklich hilfreich, daraus eine todernste Sache zu machen. – Episoden und Ansichten aus meinem Rollstuhlleben. (Achtung Überlänge!)

5998962325_d1601b2949_z

Ein alter Rollstuhl in Szene gesetzt. «The star» von Michael Kötter, CC-Lizenz via flickr

 

In meiner Kindheit gab es im Gegensatz zu heute noch keinen kindgerechten Rollstuhl. Die Kinder im Spital, die nicht laufen konnten, obschon sie es vom Alter her hätten können müssen, wurden herumgetragen, auf einem Schragen mit Rädern herumtransportiert oder liegen gelassen, im Bett oder auf einer Decke auf dem Fussboden. Ich selbst entkam Anfang der 1960er Jahre im Kinderspital Basel, wo ich bis ins Schulalter lebte, diesem trüben Schicksal der kindlichen Eingrenzung dank der Idee eines findigen Schreiners. Der Vater eines Schicksalsgefährten im selben Alter, der ebenfalls wegen Kinderlähmung im Spital war, schreinerte uns beiden eine Art Rollbrett, auf dem wir bäuchlings liegen konnten, mit zwei kleinen, fixen Rollen hinten und zwei ebenso kleinen, aber steuerbaren vorne. Dort, wo unsere Arme für die Fortbewegung Freiheit brauchten, war das Brett halbmondförmig ausgespart.

Bald schon beherrschten wir diese Rollbretter in geradezu beängstigender Weise. Beängstigend für die Fussgängerinnen und Fussgänger, von denen wir hauptsächlich Schuhe und Strümpfe wahrnahmen und denen wir nach Möglichkeit auswichen. Doch jene Fusswesen waren ebenso wie wir in steter Bewegung. Bald waren wir auch ausserhalb unseres Schlafsaals unterwegs, auf den Korridoren und in anderen Sälen. Geschlossene Türen allerdings waren ein echtes Hindernis, weil die Klinke ausserhalb unserer Reichweite war. So kam es, dass man uns mit der Zeit, wie man es bei Katzen tut, die Türe auftat und einen Spalt weit offen liess. Unsere Kreise wurden immer grösser. Wir eroberten uns auf den Rollbrettern Raum für Raum, indem wir nach Türen Ausschau hielten, die mindestens einen Spalt weit offen standen. Und in einem Kinderspital gibt es einige Türen – nicht nur geschlossene.

Mein erster Rollstuhl

Von SORG Rollstuhltechnik GmbH+Co.KG - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, $3

Einen modernen Kinderrollstuhl wie diesen gab es noch nicht. (Von SORG Rollstuhltechnik GmbH+Co.KG – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0)

Doch ich komme vom Thema ab, meinem ganz persönlichen Blick auf die Kulturgeschichte des Rollstuhls, der, wie gesagt, in meiner frühen Kindheit durch Abwesenheit glänzte. Natürlich ist es ein Unterschied, ob ein wie auch immer gelähmtes Kind im Vorschulalter selbständig die Welt entdecken kann oder nicht – und wie gross die Kreise sind, die es selbständig ziehen kann. Das wird seine Weltläufigkeit für den Rest des Lebens prägen. Wohl deshalb ist man heute darauf bedacht, schon Kleinkinder mit einem Rollstuhl zu versorgen. Und vielleicht nur dank des Rollbrettes wurde mein Blick in die Welt schon in früher Kindheit leidlich weit, weiter vielleicht sogar als der Blick vieler Kinder, die in einer ganz normalen Familie, aber unter strenger Obhut ihrer Eltern aufwuchsen und ein nicht minder eingegrenztes Leben erleiden mussten wie meine gelähmten Spitalkinder ohne Rollstuhl und Rollbrett.

Ich glaube mich besonders befugt, einen Blick auf die Kulturgeschichte des Rollstuhls zu werfen, weil der Rolli einer meinen besten und treusten Freunde war und ist. Ich habe ein zärtliches Verhältnis zu ihm – nicht zuletzt, weil ich von ihm abhängig bin, ganz und gar abhängig. Der Rollstuhl ist Teil meines Körpers geworden, Teil meines Körperempfindens gar. Steht der Rollstuhl still, so stehe auch ich still. Hat er einen Plattfuss, so habe ich einen Plattfuss. Und dieses innige Verhältnis dauert nun schon fast ein Leben lang, um die fünfzig Jahre. Wichtige fünfzig Jahre – für mich wie für die Kulturgeschichte des Rollstuhls.

Meinen ersten Rollstuhl bekam ich im Kindergartenalter. Er bestand aus verchromten Stahlrohren, zwei grossen Rädern mit ebenso verchromten Greifreifen und klobigen Feststellbremsen, zwei kleineren, gespeichten Vollgummirädern vorne, einer ausladenden Sitzfläche aus dickem Leinen, überzogen mit dunkelblauem plastifiziertem Gewebe, einer ebensolchen Rückenlehne, einzeln aufklappbaren Fussbrettern, Wadenband, Griffen und Fussrasten hinten … Habe ich etwas vergessen? Ach ja: Da der Stuhl als faltbar galt, befand sich zwischen den beiden grossen Rädern ein hochkomplexes Gestänge, das alleine womöglich über zehn Kilogramm wog. Der Rollstuhl war gross, viel zu schwer und kaum eigenhändig zu bewegen – obschon er dafür gedacht war. Und zusammenklappen liess er sich auch nur mit grösster Anstrengung, seitens einer erwachsenen Person wohlverstanden – obschon nicht zuletzt darin Sinn und Zweck des Rollstuhls bestand. Zwischen Sitzfläche und Rückenlehne gab es einen grossen Spalt, durch den ich hätte verschwinden können, irgendwohin ins verchromte Gestänge zwischen den Rädern. Kurz: Der Stuhl war nicht zu gebrauchen. Trotzdem war ich mächtig stolz. Denn ich war von nun an kein «Bodensurri» mehr, sondern ein aufrecht sitzender Junge, der ebensoviel an Würde gewonnen hatte, wie er an Beweglichkeit verlor. Das prägte mein Bild vom Erwachsenwerden: Man tauscht Bewährtes, Liebgewonnenes ein gegen eine glitzernde Verheissung, die oft nicht hält, was sie verspricht.

Von der Hierarchie der Rollstuhlfahrer [Read more…]

Roboter übernehmen das WEF in Davos

Dancing_Robot_Davos_WEF

Die sogenannte 4. industrielle Revolution ist das Hauptthema am diesjährigen World Economic Forum in Davos. Damit gemeint ist «die Informatisierung der Fertigungstechnik und der Logistik bei der Maschine-zu-Maschine-Kommunikation», vulgo: die Roboterisierung der industriellen Produktion. Mit dabei ist der Roboter der Initiative Grundeinkommen (siehe oben). Er fordert im Namen aller Roboter ein bedingungsloses Grundeinkommen. Auf seiner Festplatte hat er folgende Erklärung mitgebracht:

Erklärung von Davos 2016

Wir Roboter fordern ein bedingungsloses Grundeinkommen für die Menschen. Unsere Aufgabe ist es, die Menschen von der Erwerbsarbeit zu entlasten. Wir arbeiten sehr gerne. Aber wir wollen den Menschen nicht die Jobs wegnehmen und sie dadurch in existenzielle Schwierigkeiten bringen.

Heute sehen uns Millionen von Menschen als Gefahr. Dabei wollen wir helfen. Wir sind nicht die Bad-Boys. Wir wollen den Menschen die berechenbaren Routinenarbeiten abnehmen, damit sie mehr Zeit und Raum haben, kreativ und sozial wirken zu können. Wir sehen uns als Teil einer Erfolgsgeschichte.

Die Menschen sind unsere Schöpfer. Alles, was berechenbar und deshalb programmierbar ist, können wir für sie tun. Der entscheidende Punkt: Wir brauchen dafür kein Einkommen. Aber die Menschen, die uns erschaffen und für die wir arbeiten, brauchen ein Einkommen. Unsere Aufgabe ist es, die Menschen mit Gütern und Dienstleistungen zu versorgen. Die Aufgabe der Politik ist es, die Menschen mit Einkommen zu versorgen. Sonst bleibt unser Einsatz sinnlos.

Doch uns plagt jetzt ein schlechtes Gewissen: Die Menschen fürchten sich vor uns. Wir haben gesehen, dass viele Menschen Angst vor der Zukunft haben. Sie machen sich Sorgen, dass sie ihre Arbeitsplätze verlieren und damit ihre Existenz. In Europa sehen wir, dass insbesondere Jugendliche keinen Arbeitsplatz mehr finden (in Italien sind es schon 40 Prozent) und deshalb oft resignieren. Perspektive: No Future!

Das ist nicht unsere Absicht. Wir wollen den jungen Menschen den Rücken frei halten, damit sie nicht mehr, wie die Generationen davor, ihr Leben lang hart arbeiten müssen. Die Jungen haben weder Angst vor dem Leben, noch sind sie faul. Sie haben Angst, keine Existenz zu finden, oder sind frustriert darüber, dass sie Sinnloses tun müssen, was eigentlich wir Roboter für sie erledigen könnten.

Deshalb fordern wir, die Roboter für Grundeinkommen, die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Kultur auf, die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens zu prüfen und diskutieren.

Quelle: grundeinkommen.ch

Über die Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen wird voraussichtlich im Juni 2016 abgestimmt.

Der Stadtwanderer

Seit Anfang dieses Jahres bin ich stolzer Verfasser einer regelmässigen Kolumne in der «ProgrammZeitung», einer monatlich erscheinenden Zeitschrift zum Kulturgeschehen in und um Basel. Die Kolumne läuft unter dem Titel «Stadtwanderer» und ist geschrieben – wen wunderts – aus der Sicht eines Stadtwanderers. Und der ist – wen wunderts – mein alter Ego: ein genauer, manchmal auch verträumter Beobachter mit Hang zur Melancholie, immer unterwegs und deshalb eher Zaungast denn Teilnehmer des Geschehens. Doch er blickt durchaus liebevoll auf das, was er auf seinen Wanderungen antrifft, liebt den feinsinnigen Humor, die Poesie und ist gar etwas philosophisch veranlagt, tiefsinnig, könnte man auch sagen. Hier meine erste Kolumne:

Das Dach der Welt.

Ein Glücklicher, wer in Basel zu Fuss unterwegs ist! Er hat kein Parkplatzproblem und geniesst Freiheiten und Vorzüge, auf die selbst NutzerInnen des öffentlichen Verkehrs verzichten müssen. So ging es mir durch den Kopf, als ich letzthin den Rhein entlang zog. Ich kann ausschreiten, wo andere anstehen. Der Wind streicht mir durchs Haar – oder pfeift um meine Ohren, je nach Wetterlage. Und ich nehme Basel deutlicher, vielleicht unverfälschter wahr, als wenn ich auf Rädern unterwegs wäre. So fällt mir immer wieder auf, dass jedes Quartier anders riecht, oder ich bleibe verwundert an einem Ort stehen, wo ich klar empfinde: Hier ist noch nie ein Mensch stehen geblieben. Es gibt solche Orte. Andere  verströmen eine leise Melancholie, als würden dort Jahrhunderte seufzen.

Solche Orte interessieren mich als Stadtwanderer. Deshalb bin ich unterwegs. Ich bin auf der Suche nach besonderen Winkeln, die nirgends als solche aufgeführt sind. Man kann sich ihnen nur zu Fuss nähern.

Die Dreirosenbrücke ist so ein Ort. Sie ist das Dach von Basel, für mich geradezu das Dach der Welt. Horizonte, wohin ich schaue. Es riecht nach Weite. Niemand geht ungerührt hier vorbei, es sei denn, er ist in ein Fahrzeug gesperrt – oder ins Souterrain der Brücke verbannt, aus dem zwischendurch, wie von weit her, das Gebrüll des Verkehrs dringt.

Auf der einen Seite der Brücke in der Ferne der Jura mit dem Gempen und den sich verlierenden Hügelzügen, Richtung Norden die südbadische Lieblichkeit – und die Chemie. Darin eingebettet, gross und klein zugleich, das geliebte Basel, wie ein Spielzeugmodell vor unseren Augen ausgebreitet. Und darin ein Riss, der sich durchs ganze Modell zieht: der Rhein. Uns gegenüber, nicht allzu weit, die geschäftige Johanniterbrücke und dahinter die Mittlere Rheinbrücke, Zeugnis einer anderen Zeit und, zusammen mit dem Münster, der ganze Stolz der Spielzeugwelt vor unseren Augen.

Da stören auch die paar Bauklötze wenig, die in neuerer Zeit hinzugekommen sind, als seien sie aus einem überdimensionierten Würfelbecher willkürlich über die Stadt gestreut. Vom Dach der Welt aus ist Basel immer noch ein Idyll am Rheinknie.

Muss man denn als Rollstuhlfahrer unbedingt nach Indien reisen?

Im Zusammenhang mit dem 20-Jahr-Jubiläum von Procap Reisen wurde ich angefragt, ob ich nicht einen Text über meine Reiseerfahrungen und -motive beisteuern könnte. – Ich konnte:

Es ist das Unterwegssein, das mich immer wieder glücklich macht. On the road again. Wie oft ging mir das durch den Kopf, wenn ich wieder mal zu einer Reise aufbrach! Es klang in meinen Ohren wie ein veritabler Freiheitsruf und liess mein Herz höher schlagen. Natürlich kann man auch an den Bielersee reisen – oder ins Tessin. Doch so richtig Freude macht das Reisen erst, wenns auch wirklich einschenkt. Tausend Kilometer müssen es schon sein, damit das On the Road-Gefühl wirklich aufkommt. Mindestens tausend Kilometer! Und wenn ich nicht wenigstens einen Monat unterwegs bin – lieber sind mir zwei, drei Monate –, so habe ich das Gefühl, gar nicht richtig on the Road gewesen zu sein. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich mit dem Film «Easy Rider» gross geworden bin. Vielleicht ist es auch nur eine Marotte.

Dass ich im Rollstuhl bin, erschien mir in diesem Zusammenhang immer als Nebensache. Bitte nicht verallgemeinern! Da habe ich den Vorteil, dass ich seit früher Kindheit das Rollstuhldasein gewohnt bin. Und dass ich doch recht selbständig und gesundheitlich robust bin. Man macht dann von seinem Rollstuhl nicht mehr so viel Aufhebens. Er ist eine Tatsache, grad so wie andere mit Schuhgrösse 45 leben müssen. Ich würde meinen lieben Bruder mit vier Rädern, Alurahmen und Carbonfaser-Seitenschutz glatt vergessen, wenn ich nicht von meiner Umgebung immer wieder daran erinnert würde.

Allerdings macht der Rollstuhl das Reisen nicht einfacher. Deshalb war ich bis vor wenigen Jahren meist mit Freunden oder Bekannten unterwegs. Je nach Konstitution dieses Begleiters gab es praktisch keine Hindernisse mehr. So habe ich mir reisend die unterschiedlichsten Ecken dieser Welt erobert: Ecuador, Neuseeland, Vietnam. Ich könnte noch mehr aufzählen. Doch die Masse allein machts nicht aus. Und wie gesagt, mindestens zwei Monate mussten es schon sein.

Wie man sich leicht vorstellen kann, muss die Chemie zwischen Begleiter und mir stimmen. Mitunter ist das die grösste Herausforderung beim Reisen im Rollstuhl. Denn die Abhängigkeit unterwegs ist sehr viel grösser als zuhause, wo ja alles auf meine Bedürfnisse zugeschnitten ist – na ja, fast alles … Doch unterwegs in fernen Ländern, jedenfalls in diesen, die mich locken, ist Rollstuhlgängigkeit klein geschrieben – sehr klein. Das kann ganz schön auf den Geist gehen. Und wenn bei diesem doch recht einseitigen Abhängigkeitsverhältnis die Chemie nicht stimmt, geht man sich bald gegenseitig auf den Geist.

Ich habe deshalb in den letzten Jahren die Vorzüge des Reisens ganz auf eigene Faust entdeckt. Das ist reisetechnisch nochmals eine ganz neue Dimension: auf sich gestellt, frei, allem und jedem unterwegs radikal ausgesetzt. Es gibt niemanden, hinter dem du dich verstecken kannst. Ja, so reise ich nun, als lonesome Rider on the Road. Einfach genial!

Fragt mich nicht, weshalb es die letzten Jahre Indien sein musste! Ich weiss es selbst nicht genau. Vielleicht auch wieder eine Frage der Sozialisation: Zu jener Zeit, als ich jung war, gab es diese Indien-Freaks, die – möglichst auf dem Landweg – nach Indien reisten, oft nach Goa. Und dort dann – ebenso oft – absumpften. Indien wollte ich – es ist gar nicht so lange her – partout aus eigener Anschauung kennenlernen, und auf eigene Faust. Ohne abzusumpfen natürlich.

Nun, es war nicht besonderer Mut oder gar Tollkühnheit, die mir diese erste Reise nach Indien ermöglichte, sondern eine sorgfältige Organisation. Das Hauptproblem ist die Unterkunft. Ohne ein Zimmer oder ein Häuschen, in dem ich mich selbständig bewegen kann und wo ich eine Dusche nehmen kann, bin ich aufgeschmissen. Ich wusste: Wenn ich so etwas finde, zum Beispiel in Südindien, vielleicht noch in einem spannenden Gebiet, dann habe ich schon viel gewonnen. Ich muss dazu noch sagen, dass ich jeweils meinen Swiss Trac, mein Rollstuhl-Zuggerät (siehe Foto) mit auf die Reise nehme. Ich bin damit recht mobil. Eine Batterieladung des Gerätes reicht bis zu dreissig Kilometer weit. Tatsächlich habe ich dann ein wunderbares Häuschen im Wald von Auroville in der Nähe von Pondicherry, Tamil Nadu, gefunden. Dieser besondere Ort bildete für alle folgenden Reisen in Indien die Basistation, von wo aus ich immer grössere Kreise zog, je besser ich mit den Gepflogenheiten der indischen Welt bekannt wurde.

Auf meiner letzten Reise vergangenen Winter führten mich die grösser werdenden Kreise durch ganz Indien, teils mit dem Zug, teils mit dem Auto. Ich hatte mich für diese «grosse Reise» durch Indien gleichwohl wieder mit jemandem zusammen getan, der Indien bestens kannte und mich – beinahe schon problemlos – jeweils in den Zug hieven konnte – und dann auch wieder raus. Indien ist nicht rollstuhlgängig. In keiner Weise. Zwischendurch war es echt schwierig. Natürlich kann man sich fragen: Muss man denn als Behinderter unbedingt nach Indien reisen? Meine Antwort: Ja, man muss. Da mache ich keine Abstriche. Gar keine!

DSC09696

Im Gespräch mit einem Ladenbesitzer in Pushkar, Rajasthan.
Foto: Beat Schaub


Der Text ist online erschienen bei der TagesWoche als interessanter Mischtext mit eingeschobenen Textstücken von Christoph Meury über Procap Reisen. War zwar nicht so geplant und ist alles ein bisschen textlastig herausgekommen. Doch das Resultat lässt sich sehen.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 84 Followern an

%d Bloggern gefällt das: