Die Sucht nach schnellen Antworten in der Krise

Prognosen und schnelle Antworten schiessen ins Kraut. Und die Antworten kommen oft, bevor das Problem wirklich erkannt ist. Vielleicht wäre es an der Zeit, mit den Fragen zu leben, die unsere Zeit aufwirft, und statt schnellen Antworten gemeinsam herauszufinden, was für eine Zukunft wir wollen. Dies schlägt die junge spanische Philosophin Sira Abenoza in einer Kolumne vor. – Übersetzung aus dem Spanischen von Walter B.

Die schlimmste Krise seit der Grossen Depression. Länder schotten sich ab und errichten Barrieren. Nationalismus und das Streben nach Autarkie blühen auf. Unsere Bewegungsfreiheit wird beschnitten und wir werden überwacht. Auf einmal leben wir in Kontrollgesellschaften. Gesundheitspässe werden eingeführt und unsere Rechte eingeschränkt. Arbeitslosigkeit, wirtschaftlicher Niedergang und Hoffnungslosigkeit greifen um sich. Milliardenschwere Hilfsfonds werden eingerichtet. Am Horizont taucht der Grosse Bruder auf: Bitte geben Sie acht! Noch mehr Virus. Und noch mehr Einbussen. Noch weniger Bewegungsfreiheit – bis hin zur Ausgangssperre. Noch mehr Arbeitslosigkeit.

Seit Wochen überbieten sich in den Medien die Experten mit ihrer Sicht auf die Dinge: wohin unsere Welt in der Post-Corona-Zeit steuert und wie unser Leben in der neuen Normalität aussehen wird. In den Massenmedien wird ihnen Platz eingeräumt für Ausführungen und Erklärungen am Laufmeter. Und die Experten versuchen sich in Hypothesen, sondern Schlagzeilen ab – und stürzen uns allzu oft in eine grössere Depression.

Das ist unser aller Laster: Wir hören den Experten gerne zu, wenn sie uns erklären, wie die Dinge laufen, und wechseln von der Couch oder vom Auto aus zur Not den Kanal. Wenn wir damit einverstanden sind, schauen wir es uns an – und bleiben in der Show. Und was uns nicht behagt, lehnen wir ab – und zappen weiter. In einem so ungewissen Szenario wie dem heutigen vervielfältigt sich der Wunsch, Antworten zu finden: Bitte, liebe Gelehrte, sagt uns, wie unser Leben morgen sein wird, wie nächste Woche und wie in den kommenden Jahren! Wir malen uns aus, dass uns ihre Antworten, wenn auch nur ansatzweise, in der sich immer schneller drehenden Welt die Angst nehmen und dass wir dann ohne viel Umschweife weitergehen können.

Falsche Lösungen als verpasste Chancen

Bei allem Verständnis für diese Haltung scheint mir das Vorgehen falsch. Die Krise verstärkt unsere Tendenz, nach einer Lösung zu suchen, bevor wir das Problem verstanden haben – eine Gewohnheit, die von verschiedenen Autoren beschrieben und von Beratern und Therapeuten behandelt wird. War es im Buch «Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus» oder einem anderen? Dem Vernehmen nach sei es für Männer wichtig, alles sofort in den Griff zu bekommen, während Frauen oft einfach wünschten, sich auszutauschen und angehört zu werden. Ich weiss nicht, ob es eine Geschlechterfrage ist oder eine des Menschseins. Aber ich weiss, dass Lösungen, die gefunden werden, bevor das Problem erkannt ist, in der Regel ein Irrtum sind, das heisst eine verpasste Chance.

Es gibt unzählige Beispiele für falsche Lösungen oder auch ungeeignete Hilfeleistungen. Etwa im Zusammenhang mit den syrischen Flüchtlingen: Unter Aufbietung des guten Willens aller Welt begannen NGOs, Unternehmen wie auch einzelne Bürgerinnen und Bürger Teddybären und Zehntausende Paar Schuhe für Kinder und Erwachsene zu schicken. Die ganzen Plüschtiere und Schuhe landeten letztlich als Abfall in der Landschaft, als die Flüchtlinge wegzogen. Denn es war nicht das, was sie in dieser Zeit brauchten.

Tatsächlich sind es die Entwicklungsländer leid, Lösungen vorgesetzt zu bekommen, die ihre Probleme nicht lösen, weil sie in den Büros der Ersten Welt ausgeklügelt wurden. Im Rahmen von humanitären Programmen oder aus sozialer Verantwortung haben viele Unternehmen Millionenprojekte auf die Beine gestellt, welche die wirklichen Probleme der vermeintlichen Nutzniesser nicht lösten: Es wurden Schulen gebaut, in die nie SchülerInnen einzogen, Wälder angepflanzt, wo sie fehl am Platz waren, unbequeme Schuhe, wacklige Tische und toxische Spielzeuge verteilt.

Man dachte für andere, statt die anderen zu fragen, was sie brauchen.

Vielleicht ist das der springende Punkt. Vielleicht sollten wir aufhören zu meinen, naheliegende Antworten seien die richtigen. Wir werfen uns wohlfeilen Antworten und schnellen Lösungen in die Arme, weil uns das ein (falsches) Gefühl von Sicherheit gibt.

«Die Fragen selbst liebhaben»

Doch was würde geschehen, wenn wir für einmal nicht voreilig nach Antworten und Prognosen rufen würden? Wie, wenn wir für einmal dem Impuls widerstehen würden und tun, was Rainer Maria Rilke einem jungen Dichter empfohlen hat: «… Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen, und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben …»?

Vieles geschieht zurzeit, das wir nicht verstehen und das uns erstaunen lässt, das uns beunruhigt, ja in Angst versetzt. Wie, wenn wir statt nach schnellen Lösungen zu suchen, das Geschehen zunächst eingehend betrachten, dessen Vorgänge, Umstände, Erscheinungsformen und Hintergründe studieren würden, um die ganze Tragweite auszuloten und die Einzelheiten zu verstehen?

Nebst all den Verheerungen, die der Schwarze Donnerstag des Jahres 1929 und der Zweite Weltkrieg zur Folge hatten, führten sie auch zum Ausbau des Wohlfahrtsstaates und zur Anerkennung neuer Menschenrechte. Wenn dies nach all den Tragödien möglich war, so wohl weniger weil Experten in den Medien Prognosen abgaben, wie furchtbar die Zukunft sein würde. Wenn die Zukunft besser wurde als die Vergangenheit, so eher weil es BürgerInnen, PolitikerInnen und DenkerInnen gab, die sich vorstellten, wie die Welt sein sollte, und dann handelten. Wollen wir von ihnen lernen, so ist heute vielleicht nicht die Zeit der Antworten, sondern die Zeit, die Fragen zu lieben, alle Fragen, die uns in den Sinn kommen. Es ist vor allem an der Zeit, darüber nachzudenken und sich vorzustellen, welche Welt wir uns für morgen wünschen.

Umwälzungen, besonders diese hin zum Guten, die uns zu mehr Rechten und Wohlbefinden verhelfen, ergeben sich nicht aus einer passiven Haltung, indem wir etwa vom Sofa aus die Experten fragen, was wohl als Nächstes kommen wird. Sie geschehen, indem wir uns aktiv und einfallsreich mit dem verbinden, was ist, mit dem, was auf uns zukommt, und mit denen, die leiden. Umbrüche geschehen aus dem Wunsch heraus, darüber nachzudenken, wie die Welt sein soll, und was wir dazu beisteuern können. In den Medien, in Thinktanks, als Politiker, Wissenschaftler, letztlich als Bürgerinnen und Bürger können wir dazu beitragen, dass die Welt so wird, wie wir es uns wünschen. Lasst uns Hauptdarsteller sein, nicht Zuschauer!

Widmen wir doch die zig Zoom-Stunden dem gemeinsamen Ausloten, was wir brauchen und was wir wünschen! Wenn wir unserer Vorstellungskraft Flügel verleihen, wenn wir aus dem mentalen Gefängnis ausbrechen, wenn wir, statt uns zu beklagen, kraftvoll uns etwas besseres vorstellen – und dabei unsere Gegner einbeziehen, damit wir eine Welt haben, die alle einschliesst –, dann erreichen wir vielleicht, dass die Zukunft besser wird als vorhergesagt.


Der Text von Sira Abenoza ist im Original auf eldiario.es erschienen.

Coronäre Haikus

Der (oder das) Haiku war ursprünglich eine traditionelle japanische Gedichtform, ein Naturgedicht, das darstellt, aber nicht interpretiert. Der Haiku sollte inhaltlich so offen sein, dass er erst durch das Erleben des Lesers, der Leserin vollständig und ganz wird. Er gilt als die kürzeste abgeschlossene lyrische Form: siebzehn Silben, verteilt auf drei Zeilen: 5 – 7 – 5.

Heute wird der Haiku auf der ganzen Welt geschrieben. Entsprechend vielfältig sind die Formen und inhaltlichen Regeln – und die Ansprüche der Puristen, die einzig «wahre Haiku-Lehre» zu vertreten. Mich kümmert das wenig. Vielmehr bietet mir die karge Versuchsanordnung Raum für Phantasie. Denn gerade in der Beschränkung wird diese entfesselt. Einer zusätzlichen Regel habe ich mich unterworfen: Irgendwo zwischen Zeile 1, 2 oder 3 soll ein Perspektivwechsel, ein inhaltlicher Sprung stattfinden. Der Rest ist freies Spiel ohne Anspruch auf irgendwas.

Ach ja! Und am Anfang stand der Wunsch, was wir zurzeit erleben, das Coronatrauma, in Haikus zu fassen.

Der Himmel so rein.
Stille rund um die Erde.
In uns Entsetzen.
Coronastillstand,
bezaubernd und gespenstisch.
Was pocht an der Tür?
Schatten an der Wand.
Besorgt betrachten wir sie.
Sie tanzen im Licht.

 

 

Zeit für eine Zivilisationswende

Eine andere Welt ist möglich. Das ist vielleicht unsere wichtigste Erfahrung der letzten Wochen und Monate. Und mit dieser Erfahrung sollte es eigentlich möglich sein, grundlegende Veränderungen hin zu einer enkeltauglichen Gesellschaft anzugehen. Uwe Schneidewind, Professor für Innovationsmanagement und Nachhaltigkeit an der Bergischen Universität Wuppertal, hat dazu eine Art Anleitung verfasst, ein Kursbuch für die «Kunst gesellschaftlichen Wandels». – Die Besprechung eines gewichtigen Buches.

Zugegeben, die Herausforderungen sind gigantisch. In fast allen Bereichen unserer Gesellschaft sind grundlegende Veränderungen nötig, ja überfällig, damit auch die nächsten Generationen noch eine Welt vorfinden, in der ein menschenwürdiges Leben möglich ist. Und auch in der Gegenwart wird weltweit breiten Schichten der Bevölkerung ein Leben in Würde und Sicherheit vorenthalten. Wir müssen anders wirtschaften – aber nicht nur das. Es braucht eine Energiewende – aber nicht nur das. Es braucht einen anderen Umgang mit unseren Ressourcen – aber nicht nur das. Es braucht eine Zivilisationswende, eine grosse Transformation. Sonst können wir das Projekt Menschheit auf dieser Erde vergessen.

Die gute Nachricht ist: Eine solche Wende ist möglich – oder erscheint zumindest nicht ganz unmöglich, wenn man das Buch von Schneidewind gelesen hat. Der Autor benennt aus wissenschaftlicher Sicht die gesellschaftlichen Felder, in denen eine Transformation hin zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft ansteht und oft auch schon angedacht ist, und empfiehlt, sich dabei an den Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen zu orientieren. Diese denken Umwelt und Entwicklung zusammen, indem sie fünf Dimensionen unserer Lebenswelt einbeziehen, die sogenannten «5 Ps»:

  • People: Die Grundbedingungen für ein menschenwürdiges Leben, etwa der Zugang zu Wasser und Strom, zu Bildung und Gesundheit, sind sichergestellt. Armut und Hunger sind beendet.
  • Prosperty: Ein über die Grundbedürfnisse hinausgehender Wohlstands für alle Menschen ist erreicht.
  • Planet: Diese gesellschaftlichen Entwicklungsziele werden mit den ökologischen Notwendigkeiten unseres Planeten verknüpft, mit Klima- und Meeresschutz sowie dem Schutz der Landökosysteme. Ein gutes Leben kann durchaus ressourcenschonend sein.
  • Peace: Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen sind für eine nachhaltige Entwicklung unabdingbar.
  • Partnership: Globale Partnerschaften werden gestärkt.

Die Utopie erhält ein Gesicht

Im Erdzeitalter des Menschen, dem Anthropozän, ist das Schicksal der Erde und damit das Schicksal der Menschheit in unsere Hände gelegt. Wir sind nicht von irgendwelchen ominösen Mächten Getriebene, sondern selber die Gestalter unseres Schicksals – und stehen somit auch in voller Verantwortung. Nichts weniger als ein Zivilisationssprung ist notwendig, damit ein menschenwürdiges und gutes Leben für künftig zehn Milliarden Menschen innerhalb der ökologischen Leitplanken unseres Planeten möglich wird und auch die kommenden Generationen auf ein solches Leben hoffen können. [Read more…]

Lesung «Der Tod in meinem Leben – Eine Annäherung»

Im Rahmen der «Notwendigen KurzGeschichten», einem Ableger des Wildwuchsfestivals, wurde ich um die Lesung eines Textes gebeten – online und coronakonform, wie es sich zurzeit gehört. Et voilà:

Auch die anderen Lesungen sind sehr zu empfehlen.

Und für jene, die nicht gerne YouTube-Filmchen schauen – ich selbst gehöre auch dazu –, hier der Text noch in schriftlicher Form.

Der Tod in meinem Leben – eine Annäherung

Nicht dass ich keine Angst hätte vor dem Sterben. Zweifellos ist es das einschneidendste Ereignis, das einem im Leben widerfahren kann – und die Folgen sind höchst ungewiss. Trotzdem hatte der Tod für mich nie diesen Schrecken, wie für viele meiner Zeitgenossen. Sie reagieren darauf, indem sie das Thema Sterben und Tod so lange verdrängen, wie das nur möglich ist. Ganz so als könnte man den Tod fernhalten, wenn man nur ganz fest die Augen davor verschliesst. Oder als würde allein die gedankliche und gefühlsmässige Beschäftigung mit dem Tod das Leben beeinträchtigen. Meine Erfahrung zeigt: Das Gegenteil ist der Fall. Das Bewusstsein unserer Sterblichkeit kann das Leben bereichern, ja befeuern. Das Wissen um die Möglichkeit, dass der Tod gleich um die Ecke auf uns wartet – bloss um welche Ecke? –, eröffnet ganz neue Perspektiven auf unser Leben und lässt vormals Grosses klein erscheinen – und umgekehrt. Zweifellos trägt dieses Bewusstsein zu einer Verwesentlichung bei – und zu einer Befreiung.

Stufen der Annäherung

Doch wie kam es dazu, dass ich Sterben und Tod nicht wie viele andere als Schreckgespenst empfinde, sondern vielmehr als Warner und Mahner, als Rufer und Deuter, ja, manchmal als freundlicher grosser Bruder? Meine These: Ich hatte das Glück, dass der Tod immer wieder in mein Leben trat, durchaus auch sein Tribut einforderte, aber nie katastrophale Verwüstungen hinterliess. Ich konnte mich von früh auf an seine Anwesenheit gewöhnen.

Das erste Mal war das mit drei Jahren, als ich mit hohem Fieber, erkrankt an Kinderlähmung, im Spitalbett lag. Der Tod stand am Fussende des Kinderbetts und rang mit Ärzten, Krankenschwestern und wohl auch mit mir um mein Leben. Nachdenklich betrachtete er mich eine Weile, sprach dann ein paar beruhigende Worte – und ging unverrichteter Dinge. Ich bin seither im Rollstuhl, aber lebe. Natürlich erinnere ich mich nicht wirklich an jene Begegnung im Kinderspital. Aber ich vermute, dass ich damals mit dem Tod eine Art Freundschaft schloss, zumindest ein Stillhalteabkommen auf Zeit. Vielleicht weil er so beruhigend auf mich einsprach. Bestimmt aber weil er dann doch ging, ohne sein Werk zu vollenden. [Read more…]

Postkarte aus dem Auge des Sturms

Es ist gespenstisch. Während draussen ein Sturm kräftig an der Weltordnung, wie wir sie kennen, rüttelt, herrscht hier drinnen verdichtete Ruhe. Keine Frage! Ich bin im Auge des Sturms. Die Zeit steht still. Ich ducke mich und hoffe, der Sturm zieht ohne mich weiter.

Was wir erleben, habe ich schon öfter gedanklich vorweggenommen: das Ende der alten Weltordnung mit all ihren leeren Versprechungen und ihrem morbiden Glanz. Und nun erlebe ich ihn am eigenen Leibe, den Sturm, der vieles hinwegfegt, und bin hin und her gerissen zwischen Hoffen und Entsetzen, zwischen Faszination und Bangen.

%d Bloggern gefällt das: