Was bleibt vier Jahre nach der Protestbewegung 15-M in Spanien?  

Was hat die Bewegung 15-M[1] über die Wochen der Proteste im Sommer 2011 hinaus bewirkt? In welchem Verhältnis steht sie zur neuen Partei Podemos, die aus ihr hervorgegangen ist und zurzeit in Spanien die politischen Karten neu mischt? – Ein Interview mit Amador Fernández-Savater, Journalist und Schriftsteller sowie Aktivist der ersten Stunde. Übersetzung: Walter B.

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In einem Text vom Januar 2012 hast du die Protestbewegung 15-M als «ein Klima» beschrieben. Was heisst das?

Ich glaube, jetzt sehe ich es etwas klarer als damals. Den Begriff hörte ich in einer Versammlung. Jemand sagte: «15-M ist ein Klima, in dem andere Dinge möglich werden.» Und dies schien mir ein angemessenes Bild, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass die Bewegung 15-M über das hinaus ging, was unter dem Etikett 15-M organisiert wurde.

Sechs Monate nach den Besetzungen öffentlicher Plätze sind Tausende in ihren Alltag zurückgekehrt. Aber sie sind durch die Erfahrung auf den Plätzen berührt und verändert worden. Und diese Veränderung nahmen sie mit. Die Metapher des Klimas würde dann eine Veränderung der Sichtweise bedeuten: Was, wenn wir aufhören würden, 15-M nur im Inneren dessen zu suchen, was man als die «Bewegung 15-M» mit all ihren Komissionen, Versammlungen und Koordinationsräumen bezeichnete? Was, wenn wir auch darüber hinaus blicken würden?

Ich glaube wirklich, dass die politischen Möglichkeiten, die sich durch die Besetzungen der öffentlichen Plätze auftaten, sich später jenseits des Etiketts 15-M erneuerten, etwa in den «Mareas»[2], den Bewegungen, die sich gegen den Abbau der öffentlichen Dienste stemmten, oder in der Plattform der Hypothekengeschädigten[3] und in vielen weiteren Erfahrungen, die nicht notwendigerweise sehr sichtbar und bekannt sein müssen.

Welche politischen Möglichkeiten eröffnete 15-M?

Die grundlegendste Erfahrung war nach meinem Dafürhalten, was wir die «Politik von jedermann, von jederfrau» nannten. Das heisst: In unseren westlichen «Demokratien» verstehen die Politiker ihre Politik gemeinhin als «fachgerechtes» Management der «unausweichlichen» Notwendigkeiten des globalen Kapitalismus. Die verheerenden Folgen dessen haben wir, als die Krise kam, mitbekommen. Die Bewegung 15-M hat sich hauptsächlich gegen diese Auffassung und Praxis der Politik gewehrt («Sie vertreten uns nicht.») und etwas anderes an ihre Stelle gesetzt: eine Politik, die allen offensteht, eine Politik als konkrete, praktische Frage an das gemeinschaftliche Leben.

In welchem Sinne siehst du jetzt klarer bezüglich der Bewegung 15-M als «einem Klima»?

Das politische Potenzial von 15-M wurde ansteckend. Das Bild des Klimas wollte diesen «Subjektivierungsprozess»[4] symbolisieren. Was heisst das? Die Art und Weise, wie man die Welt sieht und wie man in ihr lebt, verwandelt sich. Die Wirklichkeit wird neu definiert. Es wird neu geklärt, was man hinzunehmen bereit ist und was nicht, was man sieht und was man nicht sieht, was möglich ist und was nicht, was wichtig und was uns gleichgültig ist. Und so weiter. Ein diffuses, expansives, «klimatisches» Phänomen stellte sich ein, das man in keine Struktur oder Organisation pressen konnte. Mich dünkt, andere Bezeichnungen für 15-M wie «soziale Bewegung», «Zivilgesellschaft», «soziale Mehrheit» usw. neutralisieren dieses ihr Potenzial und ihre Besonderheit.

In welchem Sinne?

Der Ausdruck «soziale Bewegung» verweist, zumindest in seiner gebräuchlichsten Form, auf Militante, ob einzeln oder in Gruppierungen. Doch 15-M war ein für alle offener Raum, in dem die Militanten, die dabei waren, nur ein Teil des Ganzen waren. Und jene, die den Takt bestimmen wollten, scheiterten bald.

Der Begriff «Zivilgesellschaft» deutet in seiner gängigen Form auf eine Gesamtheit von einzelnen Akteuren, die ihre eigenen Interessen verfolgen. Aber 15-M stellte die Frage nach dem Gemeinsamen ins Zentrum, nicht die Verteidigung der Interessen von «Teilen» der Gesellschaft, von bereits entstandenen Identitäten.

Und der Ausdruck «soziale Mehrheit» zielt auf ein quantitatives Phänomen und die öffentliche Meinung, während es in der Bewegung 15-M nicht auf der einen Seite Akteure und auf der anderen Zuschauer gab – auch keine «interaktiven» –, sondern eine gemeinsame und geteilte Betroffenheit unzähliger Personen, eine Betroffenheit in unterschiedlichster Intensität und Form.

Ich würde sagen, dass 15-M weder für militante Gruppen, noch für Teile der Gesellschaft stand oder eine öffentliche Meinung zum Ausdruck brachte, sondern ein offener und expansiver Raum der Politisierung des Lebens war.

War dieses Klima 15-M eine Antwort auf die Krise, auf die Korruption der Politiker, auf den Absturz der Mittelklasse?

Auf keinen Fall eine automatische Antwort auf die Ernsthaftigkeit der Lage und den Legitimitätsverlust der Mächtigen, wie es die Linke zuweilen denkt. Man frage die Italiener, die Franzosen oder die Engländer, die in etwa denselben «objektiven Bedingungen» unterworfen sind, ob es denn einen solchen Automatismus gibt.

Ich glaube, dass die Betroffenheit, mehr noch als das Interesse oder die Identität, der wichtigste Motor jeder Subjektivierung ist. Man empfindet ein Problem als gemeinsames Problem. Man spürt, dass etwas passiert, und es passiert dir. Und man spürt, dass man bezüglich dessen, was passiert, etwas tun muss, um es zu stoppen. Die Betroffenheit ist das Vorzimmer der Aktion. Es gibt nichts Selbstverständliches oder Automatisches in diesem Prozess.

Und wer fühlte sich betroffen? Wer sind die Indignados, die Empörten? [Read more…]

Kulturfest der Enthinderung

Das Festival Wildwuchs macht Behinderungen des Lebens zum Thema.

Alle zwei Jahre herrscht in Basel und Umgebung Wildwuchs – genauer das Festival Wildwuchs. Mit seinen über 40 Produktionen aus Theater, Tanz, Musik, Film, Performance und bildender Kunst bespielt es so unterschiedliche Plätze wie das Kasernenareal und das Männerwohnheim Rheinblick, das Roxy Birsfelden und die Kreativwerkstatt des Bürgerspitals Basel sowie weitere Schauplätze in und um Basel. Im Zentrum stehen körperlich-seelisch-geistige Behinderungen aller Art sowie Flucht und Migration.

Die Idee dahinter: Das Festival «für alle» bietet eine künstlerische Plattform für Themen und Produktionen jenseits des gewöhnlichen, auf Meisterschaft und Perfektion getrimmten Kulturbetriebs. Auch das Sperrige ist willkommen, das Bruchstückhafte, Vorläufige. Statt es auszugrenzen, wird ihm eine Bühne geboten, damit es hervortreten kann, ganz im Sinne der Inklusion, die davon ausgeht, dass erst die Vielfalt – und deren Anerkennung – eine menschliche Gemeinschaft lebendig und stark macht. Das Wildwuchs-Festival will hier Brücken bauen und «kulturelle Zugehörigkeit trotz Verschiedenheit» ermöglichen. Wer nun glaubt, unter einer so offenen Anlage müsse die künstlerische Qualität leiden, kann das gerne am diesjährigen Festival überprüfen. Das Organisationskomitee rund um die künstlerische Leiterin Gunda Zeeb möchte das Gegenteil beweisen.

Verwirrende Vielfalt

Es beginnt mit einem Schwerpunkt zu Flucht und Migration im Theater Roxy. Übers ganze Haus verteilt und während zweier Tage wird dazu ein Feuerwerk mit Bühnenproduktionen und Performances gezündet. Zum Beispiel: Wie fühlt es sich an, wenn man Asyl braucht? Fünf Sans Papiers geben dazu Antworten in Form des Live-Hörspiels «Homeradio wildwuX: Zimmer Frei!». Für einmal müssen sie sich nicht verstecken, sondern zeigen sich, treten auf die Bühne. Mehr noch: Sie sind es, die für einmal die Fragen stellen und entscheiden, wer aufgenommen wird und wer nicht. Denn sie haben in ihrer Wohngemeinschaft ein Zimmer zu vergeben. Das Bühnen-Hör-Stück über Rollentausch und Perspektivenwechsel entstand in Zusammenarbeit mit Radio X, welches das Hörspiel auch ausstrahlen wird.

1-0230 H-A3 - 44Danach verschiebt sich der Schwerpunkt des Festivals zum Thema Be- und Verhinderung – und vom Roxy hin zur Kaserne Basel. Da lässt z.B. der Club Ritalin (s. Abb.) eine energiegeladene Open Air-Performance rund um das Thema ADHS krachen. Das im Volksmund «Zappelphilipp» genannte Syndrom wird mit Hilfe von Tanz, Performance, Sprache und Klangkunst auf seinen Gehalt abgeklopft, und siehe da: ADHS ist die wahre Natur des Menschen, verbindet die Problemjugendlichen mit den Multitasking-erprobten Eliten unseres Landes. Mit solch provokativen Thesen im Hintergrund wird – gleichsam im Hyperaktivitätsmodus – gemeinsam mit dem Publikum ein ADHS-orientiertes Training absolviert. Und am Schluss ist die Frage unausweichlich: Wer ist hier eigentlich gestört: die Betroffenen oder die Gesellschaft – oder alle? Der Club Ritalin entlässt uns ohne Antwort, aber um einige Erfahrungen reicher.

So bunt wie die Themen, so bunt sind auch die Formate zu deren Darstellung. Neben Bühnenproduktionen gibt es Publikumsinterventionen, Podiumsgespräche, eine rollende Wandzeitung, Gesprächsinstallationen etc. … Eine Vielfalt, die geradezu verwirrt. Wildwuchs eben!

Wildwuchs-Festival: Do 4. bis So 14.6, diverse Orte, www.wildwuchs.ch

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Dieser Artikel ist in der Juni-Ausgabe der «ProgrammZeitung» erschienen.

 

Präimplantationsdiagnostik: Unbehagen und Goldgräberstimmung

Die Schweizer Stimmberechtigten entscheiden am 14. Juni 2015 über die Zukunft der Präimplantationsdiagnostik (PID). Die Materie ist komplex, der Entscheid setzt naturwissenschaftlich-medizinische Kenntnisse voraus und hat weitreichende Folgen für die Zukunft der Fortpflanzungsmedizin – und für den künftigen Umgang der Gesellschaft mit unperfektem, versehrtem Leben. Die Schweizer Stimmbevölkerung spielt am 14. Juni gewissermassen Ethikkomission. – Eine Auslegeordnung aus Sicht eines Behinderten und die Suche nach einer angemessenen Antwort.

Zunächst geht es um einen Satz in der Bundesverfassung, genauer um den Artikel 119 BV. Dort sind die Bedingungen festgelegt, unter denen eine menschliche Eizelle ausserhalb des Körpers der Frau – in vitro, im Reagenzglas – befruchtet und somit ein Embryo erzeugt werden darf. Bis jetzt durften nur so viele Embryonen entwickelt werden, wie unmittelbar eingepflanzt werden können. Neu sollen so viele entwickelt werden können, «wie es die vorgesehene Behandlung erfordert». Erst diese Umformulierung des Artikels 119 BV ermöglicht überhaupt die PID – weil sie ja nur Sinn gibt, wenn auch Embryonen vor der Einpflanzung ausgeschieden werden können, also mehr Embryonen erzeugt als dann schliesslich eingepflanzt werden. PID war bisher schon aufgrund dieses Verfassungsartikels ausgeschlossen.

Verfassungsstufe und Gesetzesebene

Es wird am 14. Juni also darüber – und nur darüber – abgestimmt, ob die PID grundsätzlich und auf Verfassungsebene ermöglicht werden soll oder nicht. Unter welchen Bedingungen die Präimplantationsdiagnostik – nach einem allfälligen Ja zur Verfassungsänderung – durchgeführt werden darf, regelt das ebenfalls überarbeitete Fortpflanzungsmedizingesetz (FMedG), über das allerdings erst in einem nächsten Schritt abgestimmt werden kann, vorausgesetzt das Referendum dagegen kommt zustande.

Und das Referendum ist bereits angekündet. Denn das FMedG öffnet die Tür Richtung PID deutlich weiter, als vom Bundesrat ursprünglich vorgeschlagen. Neben der Untersuchung der Embryonen auf schwerwiegende vererbbare Krankheiten (Vorschlag Bundesrat) – um es Eltern mit der Anlage zu solchen Krankheiten zu ermöglichen, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen – sieht das überarbeitete Gesetz vor, dass die Embryonen auch auf Chromosomenanomalien geprüft werden können. Damit können gewisse Krankheiten und Behinderungen, zum Beispiel Trisomie 21, das Down-Syndrom, erkannt und verhindert werden. Diese Erweiterung der Diagnosemöglichkeiten hat das Parlament ins FMedG eingefügt.

Hier nun setzen die Bedenken vieler Behindertenorganisationen ein. Gewisse Behinderungsarten könnten in Zukunft als vermeidbar gelten, weil sie noch vor der Einsetzung des Embryos in den Uterus der Mutter erkannt werden können. Und in der Folge könnte Druck ausgeübt werden, solche Kinder – die ja heute schon im Mutterbauch mittels Pränataldiagnostik erkannt werden können – nicht zur Welt kommen zu lassen, zum Beispiel indem bei ihnen – ganz im Sinne des Verursacherprinzips – der Krankenversicherungsschutz eingeschränkt wird. Spätestens dann wären wir bei der Eugenik angelangt, dem Bestreben, «den Anteil negativ bewerteter Erbanlagen zu verringern» (Wikipedia).

Behindertenorganisationen uneinig

Auch die gesellschaftliche Akzeptanz von Behinderung im Allgemeinen – und der Behinderten – sehen die entsprechenden Verbände bei einer Annahme der PID in Frage gestellt. Was kommt einem Kind oder Erwachsenen etwa mit Down-Syndrom gesellschaftlich entgegen, wenn man weiss, dass diese Behinderung im Grunde vermeidbar ist, das heisst bei In-vitro-Fertilisation Embryonen mit dieser Chromosomenveränderung frühzeitig aussortiert und verworfen werden können? (Auch bei der Pränataldiagnostik im Mutterleib, die immer zuverlässiger und unproblematischer wird, können Behinderungen wie das Down-Syndrom frühzeitig erkannt werden. Der Schritt zur Abtreibung ist aber deutlich schwerwiegender als die Aussortierung im Reagenzglas.)

Es ist also mehr als Unbehagen, das von dieser Seite zur PID geäussert wird. Trotzdem sind sich selbst die Behindertenorganisationen nicht einig. Manche sagen klar Nein zur Verfassungsänderung – unter anderem mit dem Argument, der PID müsse ein möglichst enger Rahmen auf Verfassungsstufe gesetzt werden. Ansonsten öffne man eine Büchse der Pandora, und je nach politischer und gesellschaftlicher Grosswetterlage werde der Rahmen scheibchenweise durch relativ einfache Gesetzesänderungen – im Gegensatz zur aufwändigeren Verfassungsänderung – erweitert.

Andere Behindertenorganisationen sagen – wohl mit einigen Vorbehalten – Ja zur Verfassungsänderung, aber Nein zum Gesetz. Sie würden sich also nach der grundsätzlichen Annahme der PID für ein Referendum gegen das Fortpflanzungsmedizingesetz stark machen. Um im Bild zu bleiben: Die Büchse der Pandora wird im Vertrauen darauf geöffnet, dass man im FMedG ein geeignetes Instrument zu Zähmung der so gerufenen Geister hat.

Das Leiden kinderloser Paare als Wirtschaftsfaktor

Die Befürworter der PID stellen das Leiden kinderloser Paare in den Mittelpunkt. Warum sollen angesichts dieser Leiden die Möglichkeiten der modernen Medizin ungenutzt bleiben? Um diesem Argument Gewicht zu verleihen, wird allerdings dieses Leiden meines Erachtens etwas sehr aufgebauscht. Ist es denn in der heutigen Zeit so wichtig, auf Teufel komm raus eigene Kinder zu zeugen, um den Stammbaum fortzuführen? Wäre für solche Paare nicht eine Adoption denkbar, statt mit der medizinischen Brechstange eigene Kinder im biologistischen Sinne zu ermöglichen?

Der wirtschaftliche Faktor wird in der Diskussion gemeinhin unterschätzt. Es besteht seitens der spezialisierten Kliniken ein handfestes Interesse, den Personenkreis, der für eine PID in Frage kommt, möglichst weit zu fassen. Nicht ausgeschlossen, dass ihr Lobbying im Parlament entscheidend war. Der restriktivere Vorschlag des Bundesrates hätte fünfzig bis hundert Paaren pro Jahr ermöglicht[1], trotz ihrer erblichen Belastung dank PID ein gesundes Kind zur Welt zu bringen. Der durch das Parlament erweiterte Rahmen entspricht dem Bedürfnis von schätzungsweise 6’000 Paaren pro Jahr[2]. Bei durchschnittlichen Kosten von 15’000 Franken pro Behandlungszyklus (5’000.– für die In-vitro-Fertilisation [IVF] und 10’000.– für die PID) kann man selber ausrechnen, wie handfest die Interessen der IVF-Kliniken sind. Kein Wunder, kommt da Goldgräberstimmung auf!

Fazit

Mein Unbehagen gegenüber der Logik der Selektion, die bereits im Reagenzglas beginnen soll, hat sich im Lauf der Auseinandersetzung mit dem Thema vertieft, so dass ich ein Nein zur Präimplantationsdiagnostik einlegen werde. Die Argumente der PID-Befürworter, insbesondere die starke Gewichtung des Leids kinderloser Paare, haben mich nicht überzeugt. Sie bekommen angesichts der wirtschaftlichen Interessen der IVF-Kliniken gar einen etwas schalen Geschmack. Und die Aussicht, dass der Rahmen, innerhalb dessen die PID erlaubt sein soll, mit der Zeit tendenziell erweitert werden wird, hat etwas Beklemmendes. Dass die PID wohl kaum aufzuhalten ist, da sie ganz und gar dem Trend der Zeit entspricht, nehme ich eher trotzig zur Kenntnis, als dass ich mich durch einen falsch verstandenen Pragmatismus zu einem halbherzigen Ja verleiten lasse.


Anmerkungen:

[1] Botschaft des Bundesrats vom 7.6.2013 zur Änderung der Verfassungsbestimmung zur Fortpflanzungsmedizin und Gentechnologie im Humanbereich (Art. 119 BV) sowie des Fortpflanzungsmedizingesetzes (S. 5855).

[2] Die Zahl wurde in den Debatten im Parlament genannt. Siehe Statistik über die medizinisch unterstützte Fortpflanzung des BFS 2013: http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/14/02/03/key/02.html

Quelle: Argumentarium «Nein zur PID»

Indien wie im Märchen: Rajasthan

Natürlich ist Rajasthan Teil des heutigen Indien. Und das heutige Indien ist alles andere als märchenhaft. Die diesjährige Reise durch real India hat bei mir diesbezüglich für einige Ernüchterung gesorgt. Trotzdem fühlte ich mich in Rajasthan, das wir für einige wenige Tage besuchten, wie im Märchen – oder genauer: als bewegten wir uns vor den Kulissen einer Märchenwelt. – Indien-Reisetagebuch, letzter Teil.

Wenn man von Delhi Richtung Südwesten reist, wird die Landschaft immer trockener und dürrer. Gleichzeitig werden die Kleider der Frauen immer farbiger, besonders ihre Kopftücher. Ist man in Rajasthan angelangt, sind diese Farben so satt, dass sie in den Augen einen leisen Schmerz verursachen. Rot und Gelb herrschen vor – und alle Farben dazwischen. Es ist, als trotzten die Frauen mit dieser überbordenden Farbigkeit dem unbarmherzigen Sonnenlicht und der Lebensfeindlichkeit der ausgedörrten Landschaft. Es ist, als setzten sie einen Kontrapunkt.

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Bild: Pushkar, India, von PnP!, CC-Lizenz via flickrDas männliche Pendent dazu ist der Turban, auch dieser oft in satten Farben – oder in Weiss. Allein in Rajasthan soll es um die fünfzig verschiedene Arten geben, wie der Turban gewickelt wird. Bis zu dreissig Meter lang ist das dafür verwendete Tuch. Am Turban lässt sich Herkunft und Stand seines Trägers erkennen. In Pushkar, wo wir ein paar Tage verbrachten, ist die luftige, an ein Korbgeflecht erinnernde Bindeart verbreitet. Turban und das bunte Kopftuch der Frauen sind zwei der Elemente, die mich zuweilen vergessen liessen, dass wir uns in real India befanden, dem Indien der weit verbreiteten Armut und des Überlebenskampfs nach darwinistischem Muster.

Paläste und Kamele

Zwei weitere Elemente der märchenhaften Kulisse Rajasthans sind die Architektur und die Kamele. Es fing damit an, dass wir am Rande von Pushkar in einem Palast wohnten. (Soweit zur Stellung der westlichen Touristen im indischen Überlebenskampf.) In Pushkar wimmelt es von grösseren und kleineren Palästen. Die noble Unterkunft war in keiner Weise rollstuhlgängig. Trotzdem liess ich mich darauf ein, da Rollstuhlgerechtigkeit im Indien der Gegenwart sowieso eine Illusion ist und der Zauber der Umgebung die Nachteile bei weitem aufwog. (Und es waren meine letzten Tage in Indien. Bald würde das Leben wieder ganz anders – auch wieder selbstbestimmter.) Typisch für die märchenhafte Architektur in Rajasthan sind die vielen Erker und die kleinen, durch Säulen getragenen Kuppeln. Typisch auch die ebenmässigen Wand- und Deckenmalereien, meist Blumengirlanden in üppigen Farben, die von Hand in Feinstarbeit aufgebracht werden. Was für eine Geduld und Ausdauer, was für ein Fleiss auch braucht es, um diese Malereien anzufertigen! Das sah in unserem Zimmer dann etwa so aus. Und der Palast besass an die dreissig solche Zimmer.

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Die Kamele respektive Dromedare sind selbstverständlicher Teil des öffentlichen Raums in Rajasthan. Sie werden als Reittiere wie als Zugtiere eingesetzt. Ihr Gesicht hat etwas Stolzes, das sich mit Ironie vermischt. Gerade so als würden sie sich über die Menschen ganz schön lustig machen. Dabei haben sie selbst nicht viel zu lachen, nicht nur in Rajasthan. Doch nur hier habe ich gesehen, dass den Kamelen ein dünner Stab durch die Nüstern getrieben wird, damit sie einfacher zu lenken sind. Dem Vernehmen nach haben sie etwas Störrisches, einen ausgeprägten eigenen Willen. Auch dies ist in ihr seltsames Gesicht geschrieben.

Der Palast der Winde

Danach Jaipur, die Hauptstadt von Rajasthan: malerische Altstadt, Palast der Winde – die Touristenattraktion. Reisecarweise werden die fotografierenden Zaungäste herangekarrt, so dass beim Palast der Winde der Verkehr immer wieder ins Stocken gerät, nachdem ein Car seine bunte Fracht entlassen hat. Natürlich ist der Palast eindrücklich in seiner Bauart. Eindrücklicher noch ist aber sein ursprünglicher Zweck: Er wurde Ende des 18. Jahrhunderts vom damaligen Maharaja erbaut, um seinen unzähligen Haremsdamen, die sich nicht unters gemeine Volk mischen durften, einen Ausblick auf die Festumzüge zu Ehren ebendieses ihres Herrn zu ermöglichen, ohne dass sie selbst gesehen wurden. Die Beobachtungsposten waren so konstruiert, dass ein steter Wind für etwas Abkühlung sorgte. – Immerhin!

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Bildnachweis: Die beiden oberen Bilder: Pushkar, India, von PnP!, CC-Lizenz via flickr; die beiden unteren: Beat Schaub

Betelnuss, die; -nüsse

So falsch lag ich gar nicht, als ich in jungen Jahren meinte, die Betelnuss sei eine Bettelnuss, eine Nuss, die mit dem Betteln einhergeht. Tatsächlich ist die stimulierende Nuss in Asien und Ostafrika ein Genuss- und Suchtmittel hauptsächlich der ärmeren Bevölkerung. Sie wirkt belebend bis aufputschend und dämpft das Hungergefühl und ist deshalb eines der Schmiermittel der neoliberalen Wirtschaftsordnung, in der gerade in Asien dem arbeitenden Fussvolk Höchstleistungen und lange Arbeitszeiten abverlangt werden. – Eine kleine Recherche und ein Erlebnisbericht aus Indien.

„Areca catechu - Köhler–s Medizinal-Pflanzen-014“ von Franz Eugen Köhler, Köhler's Medizinal-Pflanzen - List of Koehler Images. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Areca_catechu_-_K%C3%B6hler%E2%80%93s_Medizinal-Pflanzen-014.jpg#/media/File:Areca_catechu_-_K%C3%B6hler%E2%80%93s_Medizinal-Pflanzen-014.jpg

Betelnuss: „Areca catechu – Köhler–s Medizinal-Pflanzen-014“ von Franz Eugen Köhler, Köhler’s Medizinal-Pflanzen – List of Koehler Images. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons

 

Die Betelnuss begegnete mir in Indien auf Schritt und Tritt. In der Stadt und auf dem Land wird sie meist in kleinen Buden angeboten. Es reicht ein kleiner Tisch, auf dem die sogenannten Betelbissen vorbereitet werden. Die Nuss wird kleingehackt und in frische, knallgrüne Betelpfeffer-Blätter eingepackt, die meist mit gelöschtem Kalk bestrichen sind. (Der Betelpfeffer ist nicht identisch mit der Betelpalme, von der die Nuss herstammt.) Der Kalk dient dabei als Hilfsmittel, um zusammen mit dem Speichel den Wirkstoff der Betelnuss effizient herauslösen zu können. Das Arecolin, der wichtigste Wirkstoff, wird von der Mundschleimhaut direkt aufgenommen und passiert rasch die Blut-Hirn-Schranke. Das heisst, die Wirkung tritt schnell ein. Da die Betelnuss bitter schmeckt, wird sie mit Gewürzen, Minze oder Zucker vermischt. Oft wird auch Tabak beigegeben.

Betel Nut Seller: von Jonas Merian, CC-Lizenz via flickr

Betel Nut Seller: von Jonas Merian, CC-Lizenz via flickr

 

Unappetitliche Begleiterscheinungen

Und das Geschäft scheint zu florieren. Jedenfalls ist vielenorts in den Städten Indiens der Boden gesprenkelt vom roten Saft, der jeweils ausgespuckt wird, nachdem sich die Wirkung voll entfaltet hat. Und es kommen ganz schöne Mengen zusammen. Denn die Betelnuss regt auch den Speichelfluss an und färbt den Speichel knallrot. So sind die Spuren auf dem Boden deutlich erkennbar, und ich musste sie im Rollstuhl jeweils umfahren, besonders die frischen …

Ich erinnere mich an einen Ladenbesitzer, der, als ich ihn ansprach, nicht antworten konnte. Er hatte den Mund voller Betelsaft und wollte diesen nicht vorzeitig ausspucken – und womöglich auch nicht vor meinen Augen. Etwas hilflos und bedauernd wies er mit einer Geste auf seine Lage hin. Sein Hemd hatte bereits grosse rötliche Flecken, was dem ansonsten respektablen Händler ein etwas verwahrlostes Äusseres verlieh. Auch sonst ist der Anblick einer Person, die regelmässig Betel konsumiert, ästhetisch eine Herausforderung: Der ganze Mund, Zähne und Zahnfleisch, sind dauerhaft rot verfärbt – ein deutliches Zeichen dafür, dass die Betelnuss nicht so sehr ein Genuss-, sondern ein Suchtmittel ist, vergleichbar vielleicht mit dem Tabak im Westen. Der Kalk greift das Zahnfleisch an und lässt es degenerieren. Als Langzeitfolgen des Betelkauens sind Krebs in Mundhöhle und Rachen verbreitet.

Faszination Betelpalme

Trotzdem handelt es sich bei der Betelnuss nicht um ein Rauschmittel im eigentlichen Sinn. Sie wirkt nicht bewusstseinsverändernd. Vielmehr wird das Wohlbefinden gesteigert und die Stimmung aufgehellt, bis hin zu leichter Euphorie. Auch die Leistungsfähigkeit und -bereitschaft nimmt zu – eine durchaus willkommene Wirkung im wirtschaftlich boomenden Asien.

Ich selber habe die Wirkung der Betelnuss nie ausprobiert, zu abstossend empfand ich das ganze Drumherum. Und auch geschmacklich versprach ich mir nicht allzu viel davon … Zudem hatte ich auch nie das Bedürfnis nach zusätzlicher Anregung in Indien. Der indische Alltag war mir immer Kick genug.

Fasziniert hingegen war ich von der Betelpalme, die mit einem äusserst schlanken Stamm bis zu 25 Meter in den Himmel ragt. Zuoberst – und nur dort – gibt es ein paar Fiederblätter, die, gemessen an der Höhe der Palme, geradezu karg anmuten. Im Süden Indiens werden die Betelpalmen wie viele andere Palmenarten auch in Plantagen angebaut.

Betel Nut Trees von PhBasumata, CC-Lizenz via flickr

Betel Nut Trees von PhBasumata, CC-Lizenz via flickr

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