Vypin Island – Das zerbrechliche Paradies

Die letzten Tage in Südindien: Träge ziehen sie dahin, ausgebremst von der feuchten Hitze, die du nur im Schatten erträgst und mit einem kleinen Lüftchen. Ohne Ventilator an der Decke oder eine Meeresbrise beginnst du zu glühen, läufst aus, verschmachtest. Nun kann ich nachempfinden, dass sich die Einheimischen vor der Sonne schützen, als wäre sie ihr Feind, und während der heissesten Zeit in die Häuser zurückziehen. Manche dieser Häuser sind stattlich, gleichen kleinen Palästen. Kommst du aber hinein, meinst du eine Höhle zu betreten und siehst so lange nichts, bis sich die Augen an die träge Dunkelheit gewöhnt haben. Alles ist schwer und düster, alles will deine Bewegungen hemmen, alles ist pure Lethargie. Schwere Vorhänge bannen jeden Sonnenstrahl. 

In den einfacheren Häusern und Hütten gibt es keine Vorhänge – weil es keine Fenster gibt. Manche sind leidlich aus geflochtenen Palmblättern und blauen Plastikplanen zusammengezimmert, andere haben zumindest Seitenmauern. Doch auch die schützen nur dürftig vor dem Wasser, das vielenorts hervorquillt und der Schönheit, die dieser Landschaft auf den ersten Blick eigen ist, etwas Herbes, ja Bedrohliches verleiht. 

Bei näherem Hinschauen entpuppt sich Vypin Island als zerbrechliches Paradies. Es ist vom steigenden Wasser bedroht. Das Wasser ist überall und lässt sich nicht so leicht wie die Sonne verbannen. Das Meer nagt am Strand, frisst sich näher. Seit dem Tsunami vor zehn Jahren wurde, um das Innere der Insel zu schützen, entlang des Strands eine nicht allzu hohen Mauer aus Granitquadern gebaut. Trotzdem wird manchenorts bei hohem Wellengang Sand und angespülter Plastikmüll – zur Hauptsache Plastiksäcke und Schuhsohlen – über die Mauer verfrachtet. Hinzu kommen die unzähligen Wasserläufe, die Kanälchen und offenen Flächen der Backwaters, die hinterrücks die Insel belecken. Auch deren Wasserspiegel kann ansteigen und die Aufschüttungen unterspülen, über welche Wege und teils befahrbare Strässchen führen. Manche dieser Strässchen sind von der Feuchte angefressen und bald nicht mehr befahrbar.



Vypin Island vor Ernakulam



Liebliche Wasserlandschaft …



… geprägt von Kanälen, Palmen …





… und weiten Wasserflächen.



Verlassenes Haus in der gefährdeten Zone



Berge, Dschungel, Tee

Seit gut zehn Tagen bin ich nun bei Gabi und Beat, den Zugvögeln, am Strand von Kuzhupilly (spricht man in etwa so aus: kuhrpli) in Kerala, Südindien. Eine ruhige Zeit der Erholung, wunderbares Essen, Gespräche auf Schweizerdeutsch. Und damit ich in diesem feuchtwarmen Klima nicht allzu faul und träge werde, sind Beat und ich zu einer fünftägigen Reise in die Berge aufgebrochen: ein kleines Abenteuer mit Expeditionscharakter.

Dass ein Schweizer in Indien Auto fährt, ist eher selten. Und dass er den Indern um die Ohren fährt, noch seltener – aber vielleicht die beste Strategie, um in diesem lauten, chaotischen und halsbrecherischen Verkehr überhaupt zu überleben. Beat ist so ein Schweizer. (Zumindest von der Herkunft her. Er kennt allerdings Indien so gut, ist hier so heimisch, dass die südindische Kultur bei ihm tiefe Spuren hinterlassen hat, nicht nur mit Blick auf seinen Fahrstil.) Tatsächlich ist Indiens Strassenverkehr ein Überlebenskampf nach darwinistischem Muster: Der Stärkste überlebt. Und die Stärksten sind nun mal die Lastwagen. Sie haben auch die lauteste Hupe. Wenn vor oder hinter dir ihr Schiffshorn erklingt – nun ja,: es donnert eher, ihr Horn –, gibt es nur eins: Nichts wie weg! Bei kurvenreichen Bergstrecken – und wir fuhren fast nur kurvenreiche Bergstrecken – kann das besonders eindrucksvoll werden: wenn sich zum Beispiel bergauf zwei Lastwagen träge wie Walrösser überholen. Du selber kommst talwärts um die Kurve, und es fehlt einfach eine dritte Spur, um an den beiden dir nebeneinander entgegenkommenden Lastwagen vorbei zu kommen … Wenn du nicht von vornherein auf solche Situationen vorbereitet bist – sei es in der Stadt oder auf dem Land –, hast du dich im indischen Verkehr als nicht überlebenstauglich erwiesen. Pech gehabt! Beat indessen hat uns sicher über diese darwinistische Kampfbahn, genannt Strassenverkehr, geführt. Und zwar während fünf Tagen und über eine Strecke von mehr als 800 Kilometern.



Steiler Abstieg ins Tiefland Tamil Nadus

Ziel waren zunächst die Western Ghats, ein Gebirgszug entlang der indischen Westküste, und insbesondere die Nilgiri-Berge mit Gipfeln bis zu 2’600 Metern. Ich betrachte es als grosses Glück, mit Beat als Selbstfahrer – statt mit einem Taxifahrer – unterwegs zu sein. Ich kann mit seiner Hilfe einen Blick hinter die touristischen Kulissen Indiens tun. Etwa wenn wir unterwegs an einem schattigen Plätzchen in der Natur picknicken können, weil wir eine Küchenkiste mit dem Nötigsten dabei haben. 

Tee …

Die Western Ghats erheben sich recht brüsk aus dem Flachland Tamil Nadus. Entsprechend steil ist der Aufstieg. Während es in den Niederungen Südindiens inzwischen schon fast unerträglich heiss und feucht wird, bringt jeder zusätzliche Meter über Meer Erfrischung. Ab etwa 1’500 Metern Höhe wird es nachts geradezu kühl. Dies ist auch die Höhe, wo in den Western Ghats der Tee wächst, und zwar streckenweise nur Tee, Tee, Tee und nochmals Tee. Ganze Landstriche sind mit Tee verseucht bedeckt: die reinste Monokultur mit fatalen Folgen für Boden und Umwelt – und für die Menschen: Dünger und Pestizide werden meist hemmungslos eingesetzt. Der Tee ist ein Erbe aus der englischen Kolonialzeit. Die Engländer industrialisierten den Anbau beziehungsweise die Weiterverarbeitung des Tees. Das Pflücken selbst liess sich nicht mechanisieren. Das ist und bleibt die Arbeit von Tausenden, Zehntausenden, Hunderttausenden Frauen, die für wenig Geld, für sehr wenig Geld den ganzen Tag über mit einer Art Heckenschere mit Sammelbehälter die Spitzen des Teebusches abschneiden. Ertönt frühmorgens eine Sirene durch die Hügel und Täler – was bei mir jeweils Alarmstimmung auslöste –, bedeutet dies Arbeitsbeginn für die Pflückerinnen. Auch die Mittagspause wird durch das Sirenengeheul angezeigt. Und abends ertönt die Sirene ein letztes Mal: das Signal, dass die Arbeiterinnen ihre Tagesernte in die Fabrik bringen sollen, was sie auch tun, vor Müdigkeit unter den übergrossen, schweren Ballen fast zusammenbrechend.



Pittoresk, aber fatal für Boden und Umwelt: Teelandschaft in der Nähe von Coonoor. (Bild: Driek, CC-Lizenz via flickr)


… Dschungel …

Viele Touristen lieben diese aufgeräumte Teelandschaft. Ich ziehe den Dschungel vor. Er ist weniger säuberlich, er ist dunkel, voller Geheimnisse. Es gibt dort Baumriesen, die in ungewohnter Art wachsen: mit mächtigen Brettwurzeln zum Beispiel, die den hohen, mächtigen Stamm in allen Himmelsrichtungen stützen. Andere Bäume winden sich dem Himmel entgegen, so dass der Stamm wie ein Geschling von Dutzenden Schlangen aussieht – mit einem Gesamtumfang von vielleicht zehn, zwölf Metern oder mehr. 





Blick über den Dschungel bei Oooty. (Bild von Irvin Calicut, CC-Lizenz via Wiki-Commons)


Und es gibt im Dschungel Affen: die weniger scheuen, die sich wie Wegelagerer entlang der Strasse herumtreiben und nur darauf warten, etwas Essbares zu ergattern, das dann und wann aus einem der Touristenbusse geworfen wird. Man sieht ihnen, die mit den Javaneraffen verwandt sein müssen, an, dass ihr Überlebenskampf hart ist. Manchen fehlt ein Stück Schwanz, andere haben Narben im Gesicht. Und im Umgang mit ihnen ist Vorsicht geboten. 



Nicht menschenscheu: Javaneraffen entlang der Strasse.


In den Kronen der Bäume leben Affen, die sind deutlich scheuer. Doch sie sind gut auszumachen, da sie grösser sind und ihr Fell ganz schwarz ist. Sobald die Affen gemerkt haben, dass sie beobachtet werden – und das lässt sich nicht verhindern, wenn man mit dem Auto unterwegs ist –, ziehen sie sich langsam und unaufgeregt in den Wald zurück. Keine halbe Minute später ist nichts mehr von ihnen zu sehen oder zu hören. Sie aber beobachten dich bestimmt aus sicherer Distanz. Denn wenn du aussteigst, hörst du es plötzlich wieder rascheln. Überhaupt die Geräusche! Zum Beispiel das Gezirpe von Zikaden, das eher ein Geschnatter ist. Diese Insekten müssen riesig sein, um einen solches Geräusch hervorzubringen. Dann einzelne Vogelrufe, die aus dem Geschnatter hervortreten, ganz einfach in ihrer Tonalität, aber von weitem hörbar. 

… Berge

In der Gegend von Valparai war es alles andere als einfach, eine geeignete Unterkunft für die erste Nacht zu finden. (Nebenbei: Es ist allgemein äusserst schwierig, eine auch nur einigermassen rollstuhltaugliche Unterkunft zu finden. Eine grosse Herausforderung für mich – und für meinen Begleiter …) Schliesslich landeten wir in einem ehemaligen englischen Landsitz inmitten von Teeplantagen. Wir waren die einzigen Gäste. Das Zimmer war völlig überbezahlt. Dafür stand uns praktisch der ganze Landsitz zur Verfügung – mit Speisezimmer, wo wir zu zweit an einem riesigen runden Tisch unter Lüstern assen, mit Bibliothek und Rauchsalon, die beide in der Kolonialzeit stehen geblieben schienen. Und die ganze Belegschaft des kleinen Hotels stand zu unserer Verfügung, was sich zwischendurch wie eine fürsorgliche Belagerung anfühlte. 

Dafür fanden wir am nächsten Abend in den Nilgiri-Bergen ein kleines Paradies: eine Art Alphütte, die zu einem kleinen, biologisch bewirtschafteten Bauernbetrieb gehörte, dem Acres Wild. Sehr empfehlenswert! Wir blieben gleich drei Nächte und unternahmen von dort aus Tagesausflüge. 



Wie auf der Alp: Blick von unserem Häuschen auf Holstein-Kühe und ein Aussenquartier von Coonoor.


Am fünften Tag kehrten wir wieder in die schwühlheissen Niederungen Keralas und nach Kuzhupilly zurück. Um Coimbatore, eine grosse Stadt auf unserem Rückweg, machten wir einen grossen Bogen, was sich durchaus gelohnt hat, aber streckenweise einer Expedition ins Unbekannte glich – etwa als wir mit dem Auto einen kleinen Fluss durchqueren mussten, um weiterzukommen. Ohne GPS auf meinem iPad, eher zufällig als geplant mit von der Partie, wäre diese kleine Expedition ins Unbekannte nicht möglich gewesen. Ein weiterer Blick hinter die Kulissen Indiens …

Von der Ost- an die Westküste Südindiens in fünf Tagen

Die Strecke zwischen Pondicherry und Cochin – knapp 500 Kilometer Luftlinie – liesse sich im Auto in zwei Tagen zurücklegen. Aber ich bin ja nicht hier, um Strecken zurückzulegen, sondern um Südindien zu erfahren. Drum liessen wir uns, mein Fahrer und ich, fünf Tage Zeit. Und noch das war zu kurz. – Ein Reisebericht.

Erste Station war Chidambaram, ein üppiger Tempel etwa drei Fahrstunden südlich von Pondicherry. Der Reichtum an Abbildungen und Figuren in indischen Tempeln – und in diesem ganz besonders – ist fast nicht zu beschreiben. An der Aussenfassade der Türme zum Beispiel findest du keinen Quadratzentimeter, der nicht bildlich gestaltet ist. In den Hallen gibt es Hunderte von Säulen, von denen jede einzelne ein Wunderwerk der Bildhauerkunst darstellt. Die Wände, die Decke, der Boden unter deinen Füssen: alles ist überbordende Bildlichkeit. Und diese stille Bilderflut geht fast unter in einer Fülle von weiteren Eindrücken: würzige Düfte von Räucherwerk – und von ranziger Butter, mit der die vielen Öllämpchen betrieben werden, die von den Gläubigen an bestimmten Orten angezündet werden; betende TamilInnen, teils still für sich, teils murmelnd, was sich in der Masse anhört wie ein Schwarm grösserer Bienen; dazu die feuchte Kühle der vom Tageslicht weitgehend abgeschotteten Kammern und Hallen im Tempelinnern. Dann ist da noch ein Empfinden, das sich nur schwer beschreiben lässt. Es hat mit dem Alter der Tempelanlage zu tun: etwas Dunkles aus Urzeiten dringt hier ins Licht der Gegenwart, an mich heran, das mich, ohne nun in einen Glauben zu verfallen, mit Ehrfurcht erfüllt.

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Wohin das Auge auch blickt – überall Figuren und Bilder

Thanjavur
Thanjavur, der erste Übernachtungsort, ist nicht wirklich erwähnenswert. Zumindest habe ich nicht viel von dieser Stadt mitbekommen. Mit jedem Tag wird es wärmer in Südindien, Inzwischen steigt die Temperatur gegen 34 Grad. In den Städten ist diese Hitze, zusammen mit der recht hohen Feuchte, fast schon unerträglich. Hinzu kommt der laute, chaotische Verkehr, die schlechte Luft, eine doch recht heruntergekommenen Infrastruktur und die vielen, vielen Menschen. Das ist nicht jedermanns Sache.
Es gibt Touristen, die kommen nur einmal nach Indien und nie wieder. Wer mag es ihnen angesichts solcher Städte wie Thanjavur verdenken? Andere kommen immer wieder. Sie lassen sich auf seltsame Art von manchen Dingen faszinieren, die andere abstossen. Sie erfahren zudem täglich, dass Indien sehr viel mehr ist als durchglühte und aus ihren Nähten platzende Städte, sehr viel mehr als marode Infrastruktur und verbreitete Armut. Sie sehen das Wunder, das Indien in seiner Vielfalt darstellt, dessen reiche, gehaltvolle Kultur. Sie sehen auch, dass Indien nicht bloss irgend ein Land ist oder ein Subkontinent, sondern eine eigene Welt – nun ja, das gilt natürlich für jedes Land – und in gewissem Sinne ein eigener Planet. Zu diesen Menschen gehöre ich.
Doch Thanjavur ist dieses Mal an mir vorbei gegangen. Zu müde war ich, um mich noch ins Getümmel zu stürzen. Das Hotel lag auch nicht gerade günstig, zudem hatte ich meinem Fahrer frei gegeben. Und irgendwann muss ich ja auch noch niederschreiben, was ich gesehen und erlebt habe.

Madurai
In dieser Stadt bin ich zum ersten Mal so richtig auf die Probe gestellt worden. Ich war schon etwas dünnhäutig, als wir nach fast fünf Stunden Fahrt ins Hotel kamen. Das Unterwegssein ist herausfordernder als gedacht. Das hängt damit zusammen, dass meine Selbständigkeit weitgehend eingeschränkt ist und darunter meine Selbstbestimmung leidet – zwischendurch weitergehend, als mir lieb ist … Das wiederum hat damit zu tun, dass praktisch nichts rollstuhlgängig ist, ich mich also, ausser vielleicht im Hotel, oft kaum selbständig bewegen kann. Hinzu kommt – und das ist das Los vieler Touristen, die mit einem Chauffeur unterwegs sind –, dass sich der Fahrer nun mal besser auskennt. Chauffeure verstehen sich immer auch ein wenig als Touristenführer und setzen, wenn man sich nicht kräftig wehrt, bald einmal ihre Vorstellungen um, schleppen dich über die ausgetretensten Touristenpfade, womöglich durch einschlägige Läden und machen am Schluss mit dir, was sie wollen … Natürlich kann man sich wehren. Aber sie sitzen wegen ihres Wissensvorsprungs am längeren Hebel. Bei Rajendran, meinem Fahrer, habe ich schon viel «Erziehungsarbeit» geleistet, aber es ist eine Illusion, diesen Mechanismus vollständig ausser Kraft setzen zu können.

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Die Anlage des Minakshi-Tempel in Madurai aus der Vogelperspektive. Bild: Essaar, CC-Lizenz via Wiki-Commons

Ich war also etwas dünnhäutig, als wir am Nachmittag den Minakshi-Tempel besuchen gingen. Rajendran hatte nach Rücksprache mit mir einen Helfer organisiert. Erst im letzten Augenblick erfuhr ich, dass der iPad im Tempel nicht erlaubt sei und ich den abgeben müsse. Von dieser Neuigkeit war ich alles andere als begeistert, ja, ich war nahe daran, die Übung «Tempel» abzublasen. (Mein iPad mini ist so etwas wie ein kleines Fenster nach zuhause. Und das gebe ich niemandem ab, und sei es der Chief Security Minister of Kerala himself.) Die Tatsache, dass zwar Smartphones erlaubt waren, aber der iPad nicht, machte mich obendrein argwöhnisch. Denn was für eine zusätzliche Gefahr stellt ein iPad gegenüber einem Smartphone dar, so dass eine solche Bestimmung gerechtfertigt wäre? Zudem war plötzlich eine dritte Person hinzugestossen. Ein Angestellter des Tempels, der offenbar wegen meines Rollstuhls zu unserer Begleitung abbestellt worden war. Oder hatte er sich selbst abbestellt? Am Schluss willigte ich dann doch ein, unter der Voraussetzung, dass Rajendran den iPad in unserem Auto diskret deponieren und dann wieder zu uns stossen würde. Ich brauchte ihn, weil er als einziger mit dem Rollstuhl umzugehen wusste. Und es gibt im Minakshi-Tempel ganz schön viele Stufen und Treppen. Als ich schliesslich zu einer Reisegruppe von Rollstuhlfahrern aus Gujarat geschoben wurde, die in einer Schlange anstanden, um durch die gesonderte Sicherheitskontrolle zu gelangen, wäre ich um ein Haar ausgeflippt – und bin es zum Glück nicht … Zunächst verstand ich einfach nicht, weshalb ich mich überrhaupt zu den Rollifahrern einreihen sollte. In einem solchen Fall überkommt mich jeweils ein jähes Bedürfnis nach Abgrenzung. (Warum eigentlich?) Schliesslich empfand ich mich wie ein herumgeschobener Behinderter. Mein Hals wurde dicker und dicker, so dass mir bald wirklich der Kragen platzte. Als ich allerdings entdeckte, dass die meisten dieser Rollifahrer so wie ich Polio gehabt haben mussten, und mir von ihnen ein freundliches Interesse entgegenkam, wurde ich für den Augenblick wach, und der Ärger verflog. Sie sassen in alten, schweren Rollstühlen, teilweise zu zweit, und waren begleitet von ein paar wenigen Fussgängern. Und sie waren um vieles glücklicher und freundlicher, als ich es derzeit war, so dass ich mich für meine nichtige Misslaune furchtbar schämte.
Die Sicherheitskontrolle war dann wirklich rigoros, so dass ich den iPad unmöglich hätte hineinschmuggeln können, wie ich das erwogen hatte – nicht um etwas damit anzustellen, sondern um ihn nicht abgeben zu müssen. Unsere Begleiter verstanden sich bald eher als Touristenführer denn als Helfer, was mich insofern störte, dass sie mir vor einzelnen Figuren eindringlich die Details der indischen Götterwelt näherzubringen versuchten – was mich, ich gestehe es, gar nicht besonders interessierte –, während ich eigentlich nur schauen wollte – und lauschen und riechen … Aber ich konnte sie ja nicht einfach abstellen.
Im Laufe des Nachmittags kam es im Tempel immer wieder zu einzelnen Begegnungen mit den rollstuhlfahrenden Pilgern aus Gujarat. Sie suchten die Begegnung mit mir oder ich suchte sie mit ihren. Oft war auch ein kurzes Gespräch möglich. Die meisten von ihnen hatten wirklich Kinderlähmung gehabt. Sie waren um einiges beweglicher als ich – aber auch viel jünger. (Dies zu meiner Verteidigung …) In Gujarat leben sie gemeinsamen in einem Heim, was in Indien eher die Ausnahme ist. Die Reise nach Südindien verstehen sie als Pilgerreise.

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Schlag gegen die Gleichstellung von Behinderten in der Schweiz

Aus aktuellem Anlass muss ich kurz das Thema wechseln – und Alarm schlagen: In Basel-Stadt wird aus Spargründen die «Fachstelle Gleichstellung für Menschen mit Behinderung» ab Ende 2015 ersatzlos gestrichen. Um jährlich 160’000 Franken zu sparen, wird eine – zumindest aus Sicht der Behinderten – überaus wichtige staatliche Stelle leichtfertig geopfert. – Ein Schlag nicht nur gegen die Behindertengleichstellung in Basel-Stadt, sondern in der ganzen Schweiz!

Denn der Gleichstellungsbeauftragte Martin Haug hat in den zehn Jahren seiner Tätigkeit Pionierarbeit geleistet und das Thema Gleichstellung von Menschen mit Behinderung über unterschiedliche Kanäle und eindringlich ins Bewusstsein von unzähligen Menschen aus Wirtschaft und Gesellschaft, aus Behörde und Politik gerufen – manchmal auch gehämmert. Und er war der einzige seiner Art in der ganzen Schweiz.

Gleichstellung kein Luxusthema

Die Gleichstellung der Behinderten ist wahrlich kein Luxusthema, sondern hat für die Betroffenen existenzielle Bedeutung. Wenn meine Chancen als Gehbehinderter in der Arbeitswelt – womöglich aus ganz banalen Gründen, die sich leicht beseitigen liessen – gegen Null tendieren, so hat das happige Auswirkungen auf mein Leben. Jeder Langzeitarbeitslose kann das bestätigen. Wenn ich als Sehbehinderte die öffentlichen Verkehrsmittel nicht benutzen kann, so muss ich zuhause bleiben. Und wenn geistig Behinderte gesellschaftlich ausgestossen statt willkommen geheissen werden, so hat die Gesellschaft die Barbarei noch nicht wirklich überwunden.
Gleichstellung ist kein Luxusthema. Und der Prozess der Gleichstellung hat eben erst begonnen. Ich höre sie schon, die Unkenrufe: «Was wollen denn die Behinderten noch mehr? Sie haben doch schon alles, was sie brauchen. Wir lassen uns als Gesellschaft wahrlich nicht lumpen.» Tatsächlich brauchen wir nicht noch mehr Sonderlösungen, die viel Geld kosten. – Aber lasst uns auch an die Fleischtöpfe ran! Lasst uns an der Gesellschaft teilhaben! Das kommt euch letztlich günstiger, als uns bloss artgerecht zu halten …

Petition zum Erhalt der Fachstelle

Der Gleichstellungsbeauftragte hat gerade hier seine wichtigste Funktion: Missverständnisse auszuräumen, zu sensibilisieren, Bewusstsein zu schaffen – und die Teilhabe, die Partizipation von Behinderten in den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft zu befördern. Wird der einzige kantonale Gleichstellungsbeauftragte in der Schweiz nun abgeschafft, so hat das eine fatale Signalwirkung schweizweit und die Gleichstellung der Behinderten insgesamt wird deutlich geschwächt. Ein happiger Rückschritt für den fast schon lächerlich zu bezeichnenden Spareffekt von 160’000 Franken jährlich.
Es ist deshalb wichtig, ein Zeichen zu setzen. Ob Jung, ob Alt, ob Basler oder Berner, ob Schweizer oder Weltbürger: Hier könnt ihr mit eurer Unterschrift die Petition zum «Erhalt Fachstelle Gleichstellung für Menschen mit Behinderung Basel» unterstützen:

http://www.petitionen24.com/erhalt_fachstelle_gleichstellung_fur_menschen_mit_behinderung_bs

Die Petition ist zwar rechtlich nicht bindend. Kommt aber eine beachtliche Anzahl Unterschriften zusammen, kann sie doch politische Auswirkungen haben.

Danke für eure Unterstützung und Solidarität!

Pessoa in Südindien

In dieser sommerlich farbigen Welt, die Südindien für mich darstellt – laut, manchmal überlaut, ganz ins äussere Leben und in den Alltag ausgegossen, ja, sich im Äusseren erschöpfend –, zieht es mich hin zur Innerlichkeit Pessoas. Vielleicht um mich auszuruhen, für den grellen Alltag zu stärken, vielleicht um meinem aufgescheuchten Geist eine Richtung zu geben. Vielleicht auch bloss um mich an Pessoas Poesie zu erfreuen: Wie unter Droge stehe ich, wenn ich im «Buch der Unruhe» lese, aufgewühlt von Sätzen wie diesen:

Ich lehne mich an meinen Schreibtisch wie an ein Bollwerk gegen das Leben. Ich empfinde Zärtlichkeit, bis hin zu Tränen, für meine Geschäftsbücher, in die ich schreibe, für das alte Tintenfass, dessen ich mich bediene, für den gebeugten Rücken Sérgios, der ein Stück von mir entfernt Warenbegleitpapiere ausfertigt. Ich liebe all dies, vielleicht weil ich sonst nichts zum Lieben habe – oder vielleicht auch deshalb, weil nichts die Liebe einer Seele wert ist und wir diese Liebe, sofern wir sie aus Sentimentalität dennoch geben wollen, ebensogut meinem kleinen Tintenfass zuteil werden lassen können wie der grossen Gleichgültigkeit der Sterne.

(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, Kapitel 6, aus dem Portugiesischen von Inés Koebel, Fischer E-Books)

Man muss dazu wissen, dass Pessoas Hauptwerk erst nach seinem Tode in einer Truhe aufgefunden wurde und vor der Veröffentlichung teils mühsam entziffert werden musste. Erst viele Jahre später konnte es deshalb veröffentlicht werden – und wurde sogleich Teil der Weltliteratur. «Das Buch der Unruhe» ist eine Sammlung oft scheinbar unzusammenhängender Kurz- bis Kürzesttexte: die Aufzeichnungen des völlig ambitionslosen Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, der zu tiefer Traurigkeit, ja zum Nihilismus hinneigt und in seiner monotonen Tätigkeit als Hilfsbuchhalter Schutz und Halt findet gegenüber den Abgründen seiner Seele, denen er nachts in Form von wunderbarer, teils geradezu erschütternder Poesie Ausdruck verleiht. «Das Buch der Unruhe» ist ein eigener literarischer Kontinent, den zu durchwandern ein langer Atem braucht – und eine gewisse seelische Robustheit, damit man nicht in die Abgründe des Inneren mitgerissen wird. Bringt man beides, langer Atem und Robustheit mit, so entdeckt man poetisches Neuland der wunderbarsten Art. – Oder einfach verblüffende Sätze wie diesen:

Vielleicht ist es mein Schicksal, ewig Buchhalter zu bleiben, und Dichtung und Literatur sind nur ein Schmetterling, der sich auf meinen Kopf niedersetzt und mich umso lächerlicher erscheinen läßt, je grösser seine Schönheit ist.

(Ebenda, Kapitel 18)

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