Ketzerische Fragen zum Begriff der Arbeit

Warum tat der Mensch spätestens seit der industriellen Revolution, aber eigentlich schon vorher, alles, um schwere, schmutzige, repetitive, gefährliche, krankmachende, stupide und mühsame Arbeit mit Hilfe von Werkzeugen und Maschinen zu erleichtern oder gar zu ersetzen? Und nun, wo er darin eine gewisse Meisterschaft erlangt hat, wird ihm das nicht zum Segen, sondern zum Fluch.

Was läuft da falsch? Denn mit Hilfe von Werkzeugen und Maschinen wurde und wird eine unglaubliche Steigerung der wirtschaftlichen Wertschöpfung erreicht. Würde man das ausrechnen, käme man auf eine astronomisch anmutende Zahl allein zum Beispiel in den letzten fünfzig Jahren. Doch dieser „Mehrwert“ ist nur zu einem kleinen Teil dort angekommen, wo er auch geschaffen wurde. Eigentlich sind es nur ein paar Brosamen, gerade genug, um die Mäuler zu stopfen und Murren zu verhindern, und oft genug reicht es nicht einmal dafür. Der ganze astronomische Rest floss auf die Konten von relativ wenigen, die zur rechten Zeit auf den 1.-Klass-Zug der grenzenlosen Bereicherung aufgesprungen sind.

Doch der astronomische Mehrwert, der geschaffen wurde und wird, ist auch die Gewähr, dass es für alle Menschen genug hat – zwar nicht für ihre Gier, aber für ihre Bedürfnisse (Mahatma Gandhi). Weltuntergangsphantasien (zur Dezimierung der Weltbevölkerung) und Überbevölkerungs-Scheinargumente halte ich deshalb für Augenwischerei – im besten Falle. Denn solche Phantasien und falschen Argumente entbinden den Menschen quasi automatisch von der Verantwortung für menschlichere Verhältnisse und Strukturen. Und das ist das letzte, was wir brauchen können.

Ist es nicht so, dass sich Lohnarbeit von Sklavenarbeit nur in Nuancen unterscheidet, aber nicht dem Wesen nach?

Und solange Tätigkeit (Arbeit) und Einkommen nicht voneinander getrennt sind, wird sich daran nichts ändern. Denn der Mensch braucht Einkommen, weil er materielle Bedürfnisse hat, die er nicht ignorieren kann. Ohne diese wäre die Freiheit des Menschen ein Pappenstiel. Die Verknüpfung von Arbeit und Einkommen macht ihn zum Sklaven dieses Umstands – und damit zum Sklaven derjenigen, die ja eigentlich froh sein müssten, dass es Menschen gibt, die ihr Talent und ihre Schaffenskraft in den Dienst ihrer Projekte stellen. Im Westen ist das Sklaventum der Lohnarbeiter (noch) mit einem gewissen Wohlstand und Versatzstücken politischer Freiheit übertüncht, im ganzen Rest der Welt ist das Sklaventum breiter Bevölkerungsschichten offenbar, ja schreiend.

Dass das Verhältnis zwischen den sogenannten Arbeitgebern und Arbeitnehmern ein gegenseitiges Geben und Nehmen ist (und deshalb die Bezeichnung „Arbeitgeber“ und „Arbeitnehmer“ auch höchst irreführend), ist eine alltägliche Erfahrung. Man stelle sich nur vor, die sogenannten Arbeitgeber müssten die Arbeit selber ausführen, weil sie niemanden finden, der sich ihrer erbarmt … Es ist deshalb nicht einzusehen, weshalb – von der Sache her – zwischen beiden nicht ein freies Verhältnis auf gleicher Augenhöhe herrschen soll. Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde dazu bestimmt etwas beitragen.

Und wer behauptet, der Mensch leiste nur etwas, wenn er bezahlt wird, vergisst den riesigen Beitrag der Freiwilligenarbeit ans Funktionieren des Experiments Menschheit. Die rein wirtschaftliche Tätigkeit (gegen Lohn oder Bezahlung) nimmt sich dagegen höchstwahrscheinlich wie ein Klacks aus.

Geht uns wirklich die Arbeit aus?

Wenn ich mich umschaue, so entdecke ich an allen Ecken und Enden die Notwendigkeit, dass Menschen anpacken und sich engagieren. Und die Möglichkeiten dazu sind riesig, eigentlich unbegrenzt. Man stelle sich nur mal vor, das eigene wirtschaftliche Auskommen sei gesichert (z.B. durch ein bedingungsloses Grundeinkommen) und man suche eine Tätigkeit, die einem entspricht! Unter dieser Voraussetzung könnte man aus dem Vollen schöpfen. Man mache die Probe auf Exempel:

Angebote für Freiwilligenarbeit in Deutschland: http://bagfa.de/

Angebote für Freiwilligenarbeit in der Schweiz: http://www.freiwilligenjob.ch/

Angebote für Freiwilligenarbeit in Österreich: http://www.ulf-ooe.at/node4,17,links.html/

Selbstverständlich: Diese Arbeit, die früher von Menschenhand getan wurde und heute von Maschinen erledigt wird, diese Arbeit geht uns aus. Wen wunderts? Ist ja klar – und seit Menschengedenken so gewollt. Dass aber immer mehr produziert und konsumiert werden soll, damit neue Arbeitsplätze geschaffen werden, halte ich für einen überdrehten Wahn. Und es wundert mich, wie viele in diesem Wahn gefangen sind. In der sogenannt Dritten Welt (die ja Teil unserer einen Welt ist) sieht das alles natürlich etwas anders aus. Doch das wäre dann wieder ein eigenes Thema.

Braucht, wer arbeitet, eine Entschädigung?

Der Lohn einer Tätigkeit wird oft als Entschädigung angeschaut. Wie wenn, wer arbeitet, einen Schaden hätte! Ein sehr viel sinnvolleres Konzept ist für mich das der Freistellung: Wenn ich eine (berufliche) Tätigkeit ausübe, so ist es sinnvoll, dass ich nicht gleichzeitig oder in meiner Freizeit auch noch Kartoffeln pflanzen, meine Schuhe reparieren und womöglich noch ein Dach über den Kopf bauen muss. Das Einkommen, ob bedingungslos oder nicht, muss mir deshalb den Rücken freihalten, damit ich mich überhaupt der beruflichen Tätigkeit widmen kann. Ich werde durch das Einkommen freigestellt, das zu tun, was ich am besten kann.

Ist Arbeit eine Ware?

Wenn ich nur schon das Wort „Arbeitsmarkt“ höre, dreht sich mir der Magen um und wie ein Echo klingt „Sklavenmarkt“ in meinen Ohren nach. Arbeit ist keine Ware, ebensowenig wie Boden eine Ware ist. Beides kann nicht konsumiert werden. Und es ist eigentlich unlogisch, unsachgemäss, wenn beides wie eine Ware behandelt wird – und natürlich Grund für unendliches Elend und Leid der Menschen. Arbeit und Einkommen neu zu denken, ist deshalb dringend notwendig und womöglich eine Frage des Überlebens der Menschheit. Das bedingungslose Grundeinkommen ist dazu ein wichtiger Schritt.

Siehe auch: Arbeit nur gegen Geld?

Comments

  1. Hallo Walter,

    danke für die Links. Ich hab mir unterdessen den Film- Essay angeschaut. Zusammenfassend muss ich über diesen Film sagen: grosse Rhetorik, inhaltliche Leere. Kurzum: Propaganda. Gerade von einem Film- Essay hätte ich mehr Facetten/ Blickwinkel erwartet.

    Ich habe mir vom Film Antworten auf grundlegende Fragen erhofft; mehr Tiefe, Substanz und Kritik. Leider wurde ich enttäuscht und stattdessen entpuppt sich das ganze als eindimensionaler Werbefilm für das bedingungslose Grundeinkommen (bGE), als Wiederkäuen des stetig gepredigten – daher Propaganda.

    Die elementarste Frage des bGE ist doch, wie hoch ist dieses Einkommen? Ohne diese Frage zu beantworten braucht man gar nicht erst über eine Einführung nachzudenken. Im Film wird leider stets mit Grundbeträgen gerechnet, die je nach Situation dazu ‚auserwählt‘ sind – nach dem Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht.
    Aber das bGE kann keine fixe Grösse sein, da die Lebenshaltungskosten keine fixe Grösse sind. Dies wird kein einziges Mal erwähnt. Allein da scheitert die Idee des bGE.
    Soll der Mensch von der Arbeit befreit sein, dann muss folgendes gedeckt sein: Wohnung, Nahrung, Wasser, Energie, Kleidung, Medikamente!, Mobilität und Versicherungen (hab ich noch was vergessen?). All diese Kosten sind ‚variabel‘, da sie vom jeweiligen Lebensstandard, LebensEINSTELLUNG, Gesundheitszustand und Wohnort abhängen. Selbst bei Menschen mit gleichem Einkommen weichen die einzelnen Kosten stark voneinander ab. Energie, Wasser, Mobilität und Kleidung variieren von Monat zu Monat. Regionale Preisunterschied kommen dazu. Das wichtigste Versprechen des bGE, die Befreiung des Menschen vom Lohnzwang, kann nicht gehalten werden. Es sei denn, das bGE richtet sich nach dem Menschen mit den höchsten Lebenshaltungskosten in der Gesellschaft.
    Oder: Die Fixierung der Kosten geht über den Zwang. Jeder wohnt in einer gleich teuren Wohnung mit Energie-, Wasser-, Nahrungskontingent etc. Die vielversprochene Freiheit des Menschen ist soeben dahingeschmolzen und bleibt leider Utopie. Auch ein Bürokratieabbau wird dadurch leeres versprechen.

    Die Berechnungen im Film sind übrigens komplett falsch und halten selbst unter heutigen Umständen nicht dicht. Alleine die Aussage, dass immer und genügend konsumiert wird, ist langfristig nicht haltbar (siehe US- Konsum). Der grösste Lohnanteil wird heute zur Deckung der Grundbedürfnisse ausgegeben. Aber genau jene sind durch das bGE von der Steuer ‚befreit‘. Bei den Berechnungen wird auch davon ausgegangen, dass sämtliches Mehreinkommen von freiwillig erwerbstätigen Lohnempfängern stets konsumiert wird. Wer also CHF 8000 zusätzlich verdient, konsumiert auch für CHF 8000! und zahlt darauf die vollen Steuern und unterstützt so die Sicherung des bGE – eindeutig ein Trugschluss. Die Konsumsteuereinnahmen würden real also dramatisch einbrechen.
    Auch die anderen Berechnungsbeispiele sind kompletter Humbug. Dazu gehe ich gerne ein, falls dies wünschenswert ist.

    Der Film zeigt hingegen sehr schön auf, wie der Staat mit seinen Steuern die Leistungsgesellschaft untergräbt. Statt die Lösung aber darin zu sehen, die Leistungsgesellschaft wieder zu stärken, durch Staats- und Steuerabbau, setzt das bGE genau bei den selben Steuern in der selben Höhe wieder an – ein Logikfehler. Man kann einen Brand nicht mit Benzin löschen.

    Zudem wird im Film davon ausgegangen, dass in Zukunft immer weniger bezahlte Arbeit zur Verfügung stehen wird. Wer soll das bGE also dann noch sichern? Rationalisierung wird dafür verantwortlich gemacht. Ich erlaube mir den folgenden ketzerischen Gedanken: Ein Mindestlohn und die Steuerlast macht die Maschine (Rationalisierung) erst konkurrenzfähig.

    Argumente für ein bGE sind oft moralischer Natur. Inwieweit ist es moralisch seinen EIGENEN Lebensstil, oder Lebensstandard von anderen finanzieren zu lassen? Ich bezweifle auch, dass Bequemlichkeit die Kreativität oder Freiwilligenarbeit fördert.
    Zudem ist doch leistungsbezogene Bezahlung ein Verständnis von Recht und Gerechtigkeit. Wer möchte in einer Gesellschaft leben, in der z. B. das Strafmass vom Tatbestand entkoppelt ist? Mit anderen Worten: Egal wie viel man stiehlt, die Strafe bleibt dieselbe. Kleine Verbrechen lohnen sich nicht mehr, dafür die grossen umso mehr. So verhält es sich mit dem bGE – leistungsbezogene Arbeit lohnt nicht im Vergleich zu Bequemlichkeit (Bequemlichkeit ist nicht mit Faulheit zu verwechseln). Man kann diese Tatsache noch lange wegdiskutieren oder mit der Kurzsichtigkeit, Dummheit und Ignoranz der Gegner abtun, aber als Argument kann diese Rhetorik nicht gelten.

    Es gibt auch beim bGE eine Rentabilitätsschwelle – das wird von allen Seiten ignoriert. Wenn Demographie und wirtschaftliche Bedingungen ändern, und die ändern sich bestimmt, kann diese Schwelle leicht überschritten werden. Diese Tatsache wird auch im Film verschwiegen.
    Es wird oft von Sklaven (des Einkommens) gesprochen. Früher hielten sich Reiche und Mächtige Sklaven. Das bGE wird dieses Verhältnis einfach umdrehen – ändern wird sich aber nichts. Jeder der einer bezahlten Arbeit nach geht um das System des bGE zu gewährleisten wird als Sklave jener dienen, die davon profitieren. Geht niemand mehr einer bezahlten Arbeit nach, die ‚Sklaverei‘ ist gänzlich abgeschafft, wird auch dieses System kollabieren. Das ist ein unumstrittener Fakt – oder kann mir jemand das Gegenteil beweisen?

    Eines ist unbestritten: Auch dieses Gesellschaftssystem lebt nur von jenen die einer leistungsbezahlten Arbeit nachgehen und das System so durch die Steuerabgaben auf ihren Lohn stützen. Die Form der Steuererhebung ändert nichts an dieser Tatsache.
    Das bGE streut vielen Sand in die Augen und ist geradezu eine heuchlerische Art, den Menschen die Hoffnung zu geben, sie vom Lohnzwang zu befreien.

    Naja, ich könnte womöglich ein Buch füllen…

    Liebe grüsse und vielleicht erhalte ich ein paar Antworten auf meine ketzerischen Fragen.
    Dave

    • Hallo Dave

      Schön, dass du dir den Film angeschaut hast! Dass du ihn als reines Machwerk und Propaganda betrachtest, finde ich natürlich weniger schön. Ich kann es aber nicht ändern. Offenbar ist, was deiner Grundüberzeugung widerspricht, Propaganda und heuchlerisch. Und deine Überzeugung ist nun mal die, dass nur wer leistet zu einem Einkommen berechtigt sein soll (du nennst es Lohnzwang). In Klammer: Ich hoffe, du erachtest zumindest Kinder, SeniorInnen und Menschen, die krankheits- oder behinderungsbedingt nicht die nötige Leistung erbringen können, als vom Lohnzwang befreit.

      Schade! Ich strecke die Waffen – nicht weil ich keine Argumente mehr habe (sie sind im Wesentlichen bereits gesagt), sondern weil meine Argumente an deinen Überzeugungen abperlen wie an einer Teflonschicht …

      Mit freundlichem Gruss
      Walter

      • Guten Abend Walter,

        es geht mir nicht um meine, oder gar deine Überzeugung. Es geht um die Wahrheit. Du erwähnst, dass alle Argumente bereits gesagt wurden. Viele meiner Fragen bleiben unbeantwortet und sind für die Wahrheitssuche wichtig. Ich dachte übrigens, wir hätten hauptsächlich ‚ketzerische‘ Fragen und Gedanken aufgeworfen um der Wahrheit näher zu kommen und philosophieren über das Thema. Aber wenn die mögliche Einführung des bGE die einzige Frage ist die geklärt werden muss, dann kann ich dir zustimmen. Das Grundeinkommen ist politisch durchführbar. Mich interessiert aber, ob die versprochenen Verbesserungen haltbar sind – alles andere ist zweitrangig.

        Den Film empfinde ich als Propaganda, weil in 100 Minuten nur eine einzige kritische Stimme zu Wort kommt (von einem Strassenpassanten der die typisch spontanen Fragen stellt!). Zudem werden im Film mögliche Kritiker mit der gleichen Taktik erniedrigt, wie du es gerade getan hast. Man verweist auf ihre Ignoranz und vergleicht sie zusätzlich mit jenen die an ein geozentrisches Weltbild glauben, oder an die Erde als Scheibe. Solche ‚Argumente‘ sind typisch für Propaganda.
        Ich muss mich ehrlich fragen, wer von uns beiden an irgendeiner Überzeugung festhält? Jener der kritische Fragen stellt, oder jener der alles bedingungslos akzeptiert? Jener der weiterhin darüber philosophiert, oder jener der bereits aufgehört hat? Jener der an der Wahrheit interessiert ist, oder jener der an der politischen Durchführbarkeit interessiert ist? Jener der weiter sucht, oder jener der aufgehört hat? Wer von uns hat seine Überzeugung bereits gefunden?

        Schade das meine Fragen und Anregungen unbeantwortet bleiben, da sie offensichtlich als unwichtig angesehen werden und ich als nicht würdig diese zu stellen. So jedenfalls kommt es mir vor.

        Trotzdem einen schönen Abend
        Dave

        • Hallo Dave

          Wenn du meine letzte Antwort als erniedrigend erlebt hast, so bitte ich um Entschuldigung. So war sie keinenfalls gemeint. Sie war eher Ausdruck davon, dass ich mit der reinen Argumentiererei, so wie sie sich in den letzten Tagen entwickelt hat, an eine Grenze gestossen bin, die mir nicht mehr fruchtbar erscheint und die ich in dieser Art nicht mehr weiterführen mag, schon aus zeitlichen Gründen. Wenn du wirklich noch unbeantwortete Fragen bezüglich des Grundeinkommens hast, so steht dir das ganze weite Web offen, wo die Diskussion ja sehr rege geführt wird.

          Mit Behauptungen zu meiner Person bitte ich dich vorsichtig umzugehen; ich bin da (auch) ziemlich empfindlich.

          Mit freundlichem Gruss
          Walter

  2. Lieber Walter, dein Beitrag ist wirklich interessant. Aber ich habe auch einige ketzerische Fragen und Bemerkungen.

    Die Frage ist doch, warum werden nur die Konten einiger weniger gefüllt?
    Nun, wie viele von uns sind bereit ein unternehmerische Risiko einzugehen und setzen dabei nicht nur ihr gesamtes Vermögen, sondern auch ihre gesamte Leidenschaft und ihr gesamtes ‚Leben‘ (gesellschaftlicher Status) auf’s Spiel?
    Es sind dies eben nur einige wenige in unserer Gesellschaft. Und von diesen wenigen bleiben zum Schluss nochmals nur einige wenige übrig, die tatsächlich für ihre Idee, ihren Mut sehr gut belohnt werden.
    Das gros der Menschen ist nicht bereit, selbst ein solches Risiko zu tragen und lässt sich deshalb lieber irgendwo anstellen – natürlich stellen diese Menschen ihren Dienst dann in die Projekte dieser Risikoträger.

    Selbstverständlich kann man sich als Sklave der Lohnarbeit sehen. Wie würde sich dies ändern mit einem Grundeinkommen? Wäre man dann nicht einfach ein Sklave des Grundeinkommens?
    Das die Produktivität in einer Welt der Umverteilung mit Grundeinkommen bald zusammenbrechen würde, versteht sich von selbst und zwar aus zwei Gründen:

    1. Der Anreiz zur Übernahme von Risiko würde deutlich schwinden und demzufolge die Produktivität. Das System der UdSSR brauche ich nicht mehr zu erörtern.
    2. Der Anreiz die Situation eines Grundeinkommens auszunutzen wäre erheblich und die Produktivität würde noch mehr sinken.
    Das Resultat ist klar. Die Produktivität würde dermassen zusammenbrechen, dass ein Grundeinkommen nicht mehr gesichert werden könnte. Schattenwirtschaft und Korruption wären an der Tagesordnung.

    Lohnarbeit wird auf freiwilliger Basis entrichtet, was sie von Sklavenarbeit grundsätzlich unterscheidet. Es wird heutzutage NOCH niemand gezwungen, irgend eine Arbeit anzunehmen, für die er/ sie weder qualifiziert ist, noch die nötige Motivation besitzt. Es steht auch jedem frei Freiwilligenarbeit zu leisten, Lohnarbeit hin oder her.
    Ein Arbeitgeber der keinen angemessenen Lohn zahlt, wird früher oder später seine Arbeit tatsächlich selbst entrichten müssen.

    Zudem gehst du mit der Theorie des Grundeinkommens davon aus, dass wir eine kollektivistische Gesellschaft sind und nicht eine Gesellschaft bestehend aus Individuen.
    Nicht jeder von uns hat die selben Vorstellungen einer Unterkunft, von Transportmobilität, Ernährung, Freizeit, Hobbies etc. etc. etc.
    Mit einem Grundeinkommen müsste man also einen Mindeststandard definieren, den es zu decken gilt. Allein diese Aufgabe scheint nicht gerecht zu bewerkstelligen sein.

    Zudem missachtest du grundlegende Gesetzmässigkeiten der ‚Ökonomie‘. Ich werde es überspitzt darstellen:
    Wenn die Verteilung eines Grundeinkommens zu mehr Wohlstand, Zufriedenheit und Freiheit führt, dann könnte man gleich jedem eine Million Euro auszahlen. Wenn dies heute Abend geschehen würde, dann würden wir morgen früh für unseren Frühstückskaffee €100.- bezahlen. Die Wohnungsmiete, die Fahrkarte usw. würde ein vielfaches von heute betragen. Man nennt dieses Phänomen Inflation. Das Grundeinkommen als Geldbetrag ausbezahlt ist de facto nichts mehr Wert. Und wenn man es in materiellen Gütern ‚ausbezaht‘, dann braucht man den Sozialismus in seiner reinsten From – diese Einbahnstrasse kennen wir aber bereits.

    Es grüsst
    Dave

    • Lieber Dave
      Besten Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, den Text genau zu lesen und so ausführlich zu kommentieren! Deine Kommentare und Bemerkungen fordern allerdings eine deutliche Entgegnung, gerade weil sie von einem Menschenbild und einem Wirtschaftsverständnis zeugen, das, wie ich hoffe, irgendwann (eigentlich möglichst bald) überwunden sein wird.

      Du siehst die hohen Einkünfte gewisser Menschen darin begründet und gerechtfertigt, dass nur sie bereit seien, ein hohes (unternehmerisches) Risiko einzugehen. Alle andern, hauptsächlich die Angestellten, hätten nicht den nötigen Schneid und Mut dazu, was ihr Leben in eher bescheidenen (oder womöglich armen) Verhältnissen rechtfertigt. So verstehe ich jedenfalls dein Votum, dass die Risikofreudigen und Mutigen auch fürstlich belohnt werden sollen. Nur in Klammer sei bemerkt: Gerade die letzten Jahre haben gezeigt, dass Risikofreude zwar sehr wohl zu hohen Gewinnen führen kann, das Risiko aber dann letztlich doch von der Allgemeinheit getrage werden muss. Was du hier ausbreitest, ist Sozialdarwinismus der neoliberalen Prägung, nämlich dass die wirtschaftlich Erfolgreichsten überleben sollen, und der Rest soll schauen, wo er bleibt. Und das ist das Gegenteil von dem, was ich als sachlich richtig und zeitgemäss erachte.

      Zitat: Selbstverständlich kann man sich als Sklave der Lohnarbeit sehen. Wie würde sich dies ändern mit einem Grundeinkommen? Wäre man dann nicht einfach ein Sklave des Grundeinkommens?

      Das bedingungslose Grundeinkommen würde sehr wohl und faktisch jedem einzelnen ein Stück Freiheit und vor allem etwas Würde zurückgeben. Dass diese Menschen dann einfach Sklaven des bedingungslosen Grundeinkommens wären, kann ich nur als Wortspielerei betrachten.

      Zitat: Dass die Produktivität in einer Welt der Umverteilung mit Grundeinkommen bald zusammenbrechen würde, versteht sich von selbst ...

      Du glaubst womöglich, der Mensch sei nur produktiv, wenn er entweder vom Wunsch, sich zu bereichern getrieben ist oder von der Not. Ich glaube hingegen, am produktivsten ist der Mensch, wenn er aus Freude und in Freiheit etwas tut (siehe dazu meine Randnotiz auf diesem Blog: Arbeit nur gegen Geld?) Das mag idealistisch klingen, entspricht aber meiner ureigenen Erfahrung.

      Etwas enttäuschen tut mich das Totschlagargument des Kommunismus („Das System der UdSSR …“), mit dem jegliche Kritik am Kapitalismus niedergeknüppelt werden kann, ohne sachbezogen argumentieren zu müssen. Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommen ist gerade klassenübergreifend, indem es auch dem Wohlhabenden zusteht (ja, wirklich!), und damit per definitionem nicht kommunistisch oder sozialistisch sein kann (im Sinne eines Kampfes der unteren Klassse gegen die obere). Beim Grundeinkommen geht es nicht darum, jemanden zu bekämpfen, sondern die Menschen zu ermächtigen.

      Zitat: Schattenwirtschaft und Korruption wären an der Tagesordnung.

      Schattenwirtschaft und Korruption sind an der Tagesordnung …

      Zitat: Lohnarbeit wird auf freiwilliger Basis entrichtet, was sie von Sklavenarbeit grundsätzlich unterscheidet. Es wird heutzutage NOCH niemand gezwungen, irgend eine Arbeit anzunehmen, für die er/ sie weder qualifiziert ist, noch die nötige Motivation besitzt.

      Natürlich ist wirkliche Sklavenarbeit noch etwas anderes als Lohnarbeit. Allerdings ist gerade im Niedriglohnbereich der Übergang fliessend, und man braucht nicht auf China zu blicken, um sich vom Menschenverachtenden des bestehenden Systems „Lohnarbeit“ überzeugen zu lassen. Die breiten Massen an missbrauchten Menschen, zum Beispiel in Südspanien bei der Gemüseernte, zum Beispiel als Anhängsel von Maschinen in den Fabriken Nordmexikos sind nur extremste Beispiele einer Denkart, die bis in unsere nächste Nähe wirkt – bis in unsere Köpfe … Und wirklich freiwillig ist Arbeit nur dort, wo ich auch Nein dazu sagen kann, ohne damit meine Existenz und die meiner Familie aufs Spiel zu setzen.

      Zitat: Zudem gehst du mit der Theorie des Grundeinkommens davon aus, dass wir eine kollektivistische Gesellschaft sind und nicht eine Gesellschaft bestehend aus Individuen.

      Ich breite in meinem Artikel keine Theorie aus, sondern stelle Fragen …

      Und gerade das Individuelle soll durch ein bedingungsloses Grundeinkommen Raum zum Blühen erhalten. Das Kollektivistische ist bei weitem nicht von Sozialismus und Kommunismus gepachtet, sondern feiert auch im Kapitalismus Urstände, zum Beispiel im Massenkonsum.

      Zitat: Zudem missachtest du grundlegende Gesetzmässigkeiten der ‘Ökonomie’.

      Die Gesetzmässigkeiten der Ökonomie sind keine Naturgesetze, denen wir ausgeliefert sind, sondern die Wirtschaft ist vom Menschen gestaltet. Zum Glück! Denn dadurch können wir sie auch verändern, verbessern.

      Mit freundlichem Gruss
      Walter

      • Lieber Walter, vielen Dank für die Freischaltung meiner ‚ketzerischen‘ Gedanken und danke für deine interessanten Antworten/ Anregungen.

        Leider kann ich nicht auf all deine neuen ‚ketzerischen‘ Fragen/ Antworten eingehen, da dies den Rahmen deines tollen Blog sprengen würde. Trotzdem werde ich kurz auf die wichtigsten neu aufgeworfenen Fragen und Anregungen eingehen. Ich nehme dabei absichtlich einen gewissen ‚Mut zur Lücke‘ in kauf, da ich nicht all meine Gedanken, aus Gründen der Beitragslänge, von A – Z aufzeigen kann. Aber gerne kann ich spezifisch auf die eine oder andere Frage/ Antwort detailliert eingehen, falls du dies wünschst und mir mitteilst.
        Zudem hätte ich gerne die Diskussion erweitert und darum werde ich in einem zweiten Teil den Themenkreis erweitern.

        Ich war NIE dafür, dass man die hohe Risikobereitschaft der Banker (überhaupt jegliches unternehmerische Risiko) durch die Allgemeinheit der Steuerzahler absichert. Die Banken haben hoch gepokert (hohes Risiko) und VERLOREN. Die Zeit in Luxus sollte für sie vorbei sein, doch leider haben sämtliche Regierungen dieser Welt entschieden die Party weiter zu finanzieren.

        Es geht nicht darum, dass nur die wirtschaftlich Erfolgreichen überleben sollen, sondern dass den Risikobereiten bei Erfolg die höheren Erträge gegönnt sein mögen.

        Ich glaube nicht, dass ein Mensch seine Würde zurück erhält, wenn er auf ein Grundeinkommen angewiesen ist. Aber gewiss wenn er ein Risiko eingeht und durch sein eigenes Handeln zum Erfolg gelangt (Erfolg ist übrigens subjektiv). Und auch wenn er davor fünf Mal scheitert – wenn er sein ‚Ziel‘ erreicht, dann soll ihm ein würdiger Verdienst gegönnt sein.

        Ein Mensch wird von Motivation getrieben. Der Verdienst ist dabei nur Mittel zum Zweck.
        Aber ich stimme dir vollkommen zu. Wer mit Leidenschaft und Freude bei der Sache ist, wird bessere Resultate erzielen als die meisten seiner Mitmenschen die nur ihre Arbeitszeit absitzen wollen. Ein Koch ist nicht gleich ein Koch. Obwohl beide Köche vielleicht das selbe Diplom an der Wand hängen haben. Das hat eben viel mit der Motivation zutun.
        Nur wer sich zu Motivieren vermag, ausserordentliches zu erreichen kann auch ausserordentliches Leisten. Das Grundeinkommen tut dabei nichts zur Sache.

        Inflation mag kein Naturgesetz im klassischen Sinne sein. Es hat eher mit Massenpsychologie zutun als mit einem mathematischen Gesetz. Doch werde ich dazu ein bildliches Beispiel aufzeigen:
        Nehmen wir an, dass jeder Mensch auf dieser Welt einen Apfelbaum besitzt der seinen gesamten Jahresbedarf an Äpfeln deckt.
        Nun möchte ich von meinem Nachbarn einen tollen Zuchtstier erwerben und biete ihm dafür eine Jahresernte meiner Äpfel (ich habe leider nichts anderes zu bieten als Äpfel). Was wird der Nachbar tun? Natürlich wird er den Deal abschlagen, da er ja selbst genügend Äpfel besitzt und sowieso nicht mehr Äpfel verputzen kann, als sein eigener Baum hergibt. Zudem, wem soll er die zusätzlichen Äpfel unterbreiten um vielleicht dafür ein anderes Gut zu erwerben? Er wird ebenfalls kaum jemanden finden, der ein Geschäft mit den zusätzlichen Äpfeln eingeht.
        Das Beispiel soll aufzeigen, dass wenn jede und jeder genügend von einem ‚Gut‘ besitzt, dieses sehr schnell an Wert verliert, wenn nicht gleich ‚wertlos‘ wird.
        Und dazu muss ich kein Prophet sein, wenn ich folgendes vorhersage: Nach wenigen Jahren oder Jahrzehnten werden 20% der Menschen kein Apfelbäumchen mehr besitzen. Sie haben es verzockt, aus Mangel an botanischen Kentnissen zu Grunde gehen lassen, aus Desinteresse verkümmern lassen, haben es überstrapaziert etc. 60% werden zwar immer noch ein Bäumchen haben, welches aber sehr unterschiedlich Früchte tragen wird. 18% werden mehr Bäumchen haben und können mit den zusätzlichen Äpfeln die unregelmässigen Erträge der anderen auffangen und diese beliefern. 2% werden etwas neues aus ihren Äpfeln kreiert haben. Neue Sorten, neue Rohstoffe daraus entwickelt, neue Anwendungen erschlossen usw.

        Und das bringt mich zum zweiten Teil. Nehmen wir an, dass mein Gleichnis mit den Apfelbäumen nicht nur Teilweise , sondern komplett falsch ist. Mit anderen Worten, das Grundeinkommen erfüllt seinen Zweck zur Deckung der Grundbedürfnisse. Wie entwickelt sich eine solche Gesellschaft, die ein Grundeinkommen erhält? Wie entwickelt sich eine Jugend langfristig, die sich der grundlegenden Verantwortung der Selbstversorgung entziehen kann? Wie sieht die Arbeitswelt aus? Wie verändert sich das Arbeitsverhältnis? Wie viele Menschen werden sich mit dem Grundeinkommen zufrieden geben und sich dann jeglicher gesellschaftlichen Verantwortung zum Erhalt dieses Einkommens entziehen? Wird man trotzdem 30, 40 oder 50 Stunden pro Woche arbeiten, um mit dem zusätzlichen Einkommen noch mehr zu konsumieren? Wird die Gesellschaft noch mehr von ‚Langeweile‘ geplagt sein und von sinnlosen Verbrechen aus diesen Umständen heraus?

        Diese Fragen sind von grösster Wichtigkeit und ehrlich zu Beantworten, bevor man überhaupt an die Umsetzung eines Grundeinkommens denken mag. Zudem muss man eingestehen, dass die Idee des Grundeinkommens blosse Theorie ist – und in der Theorie funktioniert bekanntlich alles. Darum sind die Fragen so wichtig, sie beziehen sich auf die Praxis.

        Grüsse
        Dave

        • Hallo Dave

          Ich denke, unsere Auffassungen sind gar nicht so weit auseinander. Und dass du nicht einfach ideologische Schubladen auf und zu machst, sondern echte Fragen hast, rechne ich dir hoch an.

          Unterschiedlich sind wir in der grundsätzlichen Einschätzung des Menschen, in unserem Menschenbild. Während ich an das Potential des Menschen glaube (Zitat meiner selbst: Ich glaube an die Herzlichkeit der Menschen, wo immer sie würdige Lebensbedingungen finden.), also ein unheilbarer Philantrop bin – ich gebe zu, der Blick in die Welt ermuntert nicht gerade zu einer solchen Haltung –, bist du wohl eher ein Menschenskeptiker, um nicht zu sagen, ein Misanthrop, der das Gefühl hat, der freie, unbeaufsichtigte Mensch werde zum verantwortungslosen Schmarotzer, zum Egomanen, und der wirtschaftliche Druck diszipliniere ihn dazu, Verantwortung zu übernehmen. Bitte korrigiere mich, wenn ich das falsch sehe!

          Noch etwas anderes möchte ich zu bedenken geben: Jeder Mensch, der geboren wird, hat meines Erachtens grundsätzlich ein Anrecht auf Existenz, also auf genügend Nahrung, ein Dach über dem Kopf und alles andere, was zu einem menschenwürdigen Dasein gehört. Und das bedingungslose Grundeinkommen ist Ausdruck dieses Grundrechts der Existenz. Dies ist übrigens – zumindest in Europa und den USA – auch unbestritten: Wenn alle Stricke reissen, wenn Arbeitslosigkeit, Krankheit oder soziale Zerrüttung die wirtschaftliche Existenz eines Menschen in Frage stellen, springt der Staat ein und garantiert das Existenzminimum. Allerdings ist dieses „Grundeinkommen“ nicht bedingungslos, sondern ein ganzer Behördenapparat (der übrigens viel Geld verschlingt) überprüft die Berechtigung auf die Auszahlung des Existenzminimums, und ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt, das entwürdigend ist und letztlich nur Verlierer hinterlässt.

          Natürlich löst das bedingungslose Grundeinkommen nicht alle Probleme. Und natürlich lässt es sich nicht einfach und auf die Schnelle flächendeckend einführen, schon gar nicht weltweit. Doch ein Versuch ist es allemal Wert. Und Versuche können auch im Kleinen gemacht werden – und werden auch gemacht: Siehe zum Beispiel weiterführende Informationen zum Basic Income Project in Namibia!

          Herzliche Grüsse
          Walter

          • Hallo Walter,

            vorab möchte ich betonen, dass der Gedanke an ein Grundeinkommen auch für mich verlockend ist. Und gerade deswegen ist es sehr schwer diesem Thema objektiv zu begegnen. Wer möchte nicht die Armut der Welt bekämpfen?

            Ich sehe mich nicht als Misanthrop und glaube auch nicht, dass der Mensch durch wirtschaftlichen Druck zu disziplinieren ist. Im Gegenteil, ich möchte dem Menschen die grösstmögliche Freiheit zugestehen. Aber individuelle Freiheit bedeutet auch die Verantwortung für sich SELBST und sein Handeln zu übernehmen. In diesem Sinne könnte man sagen, dass Verantwortung disziplinarisch wirkt, nicht aber der wirtschaftliche Druck. Das Übernehmen der Verantwortung über sich selbst und sein Leben stärkt das Verantwortungsbewusstsein und schränkt gleichzeitig die persönliche Freiheit in ’natürlichem‘ Masse ein. Mit anderen Worten: Aus uns werden nicht nur Bankräuber mit Freibrief aus dem Knast. Und deshalb scheint es so, dass das einzig wirksame Mittel zur ‚Disziplinierung‘ (man sollte eher von Verantwortungsbewusstsein sprechen) des Menschen über die Verantwortung führt. Es wäre eine Illusion zu glauben, der Mensch könne in Freiheit leben und gleichzeitig grosse Teile der Verantwortung aus der eigenen Hand zu geben. Das ist ein Widerspruch in sich.

            Der Preis der Freiheit ist also die Verantwortung. Wie soll man als Kind Verantwortung erfahren, wenn es keine zu übernehmen gibt? Wissen wir nicht erst wie kostbar ein Menschenleben ist, gerade weil wir die Verantwortung für unser eigenes Leben tragen müssen und dabei die Schwierigkeiten des Lebens selbst erfahren?

            Die Machbarkeit, oder Einführung eines Grundeinkommens ist das geringste Problem. Die langfristige Finanzierung sehe ich aber nicht. Doch die zentrale Frage ist eben folgende: Wie entwickelt sich eine Welt/ ein Staat mit einem Grundeinkommen?
            Wir reden alle aus dem Blickpunkt von Erwachsenen, die die Verantwortung über unser Leben bereits übernommen haben – wir kennen nichts anderes und glauben trotzdem zu wissen, wie wir uns mit Grundeinkommen entwickelt hätten. Wie entwickelt sich aber ein Kind unter den Umständen des Grundeinkommens? Sprich, wie ändern sich die Erziehungsmassnahmen? Und welchen Einfluss hat dies auf die Gesellschaft der Zukunft?

            Wäre ich Astronaut geworden, hätte ich (und meine Eltern) ein Grundeinkommen gehabt? Leider kaum. Vielleicht hätte ich mir die Freiheit genommen und wäre überhaupt nicht zur Schule gegangen. Wozu denn auch? Ich gebe zu das ist ein Extremfall. Aber nach mehreren Generation mit Grundeinkommen vielleicht doch nicht ganz so absurd.

            Es mag zwar sein, dass ein Grundeinkommen für miserable Sänger, hässliche Models, unsportliche Astronauten, untalentierte Schauspieler und Künstler usw. tatsächlich mehr Freiheit bedeuten würde. Sie können sich ein leben lang diesem Traum widem, ohne sich nur einen Tag darüber gedanken zu machen, wie man tatsächlich einen PRODUKTIVEN Beitrag an diese Gesellschaft leisten kann – sei es nur die Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen und diese Kosten nicht anderen aufzubürden. Der Preis für die ‚Freiheit‘ solcher Individuen geht leider zu Lasten der Freiheit aller anderen.
            Der Preis der Freiheit der verantwortungslosen Banker geht leider auch zu Lasten uns aller. Und die Kosten sind ENORM. Man muss bei solchen Theorien den Gesamtkontext betracht. Des einen Freud kann des anderen Leid bedeuten.
            Die Banker sind übrigens ein gutes Beispiel dafür, wie sich eine Gesellschaft verhält, die die Grundlegende Verantwortung für eigenes Handeln abgeben kann. Eine ‚Disziplinierung‘ durch Verantwortung konnte deshalb nie stattfinden. Natürlich kam dies nicht von heute auf morgen und man hat auch lange von diesen Bankern profitiert, aber langfristig…

            Mutieren wir also dann möglicherweise zu einer Gesellschaft von möchtegern Künstlern, Astronauten und Oberärzten, Zockern, Aktienspekulanten, Konsumjunkies etc.? Ach ja, und die Finanzierung soll ja auch über den Konsum geschehen. Eine Gesellschaft die am Konsum gescheitert ist will sich eine Zukunft auf der Grundlage des Konsums aufbauen?

            Zum Leben gehört leider auch Glück, Begabung und Talent. Dies kann uns kein Grundeinkommen bieten.

            Die Gesellschaft wird sich sehr schnell an die Gegebenheiten des Grundeinkommens anpassen. Davon bin ich überzeugt und das bezweifle ich nicht im geringsten. Sie wird sich aber leider nicht so verhalten, wie man das gerne hätte und wie man sich das vorstellt, denn sie besteht nicht nur aus Idealisten und Modellmenschen. Es sei denn die Menschen werden von oben herab dazu GEZWUNGEN. Aber wo bleibt dann die versprochene Freiheit?
            Bald werden die ‚Schlupflöcher‘ dieser Gesellschaftsform ausgenutzt, wodurch einige wenige profitieren werden. Die Leidtragenden sind natürlich die grossen, manipulierten Massen die bis zum Kollaps ehrlich genug sind (oder nicht skrupellos genug um selbst zu Ausbeutern zu werden) und mit ihrem letzten Hemd für die unmögliche Finanzierung bürgen werden.

            Vielleicht liege ich mit meinen ketzerischen Fragen, Antworten und Anregungen falsch. Aber selbst wenn ich nur in einigen wenigen Teilen ‚recht‘ haben sollte, wäre eine langfristig erfolgreiche Einführung des Grundeinkommens nicht realistisch und würde nicht also neues Gesellschaftssystem taugen.

            Aber wer weiss, in weiteren 200’000 Jahren Menschheitsgeschichte…

            Frohe Ostern
            Dave

            • Lieber Dave

              Soeben habe ich gelesen, dass nächste Woche der Dalai Lama in die Schweiz kommt, hauptsächlich um an einer dreitägigen Konferenz in Zürich teilzunehmen – zur Frage ob es in produktiven Wirtschaftssystemen Platz für Altruismus und Mitgefühl gibt ((Link nicht mehr verfügbar)). Ist das nicht eine der Kernfragen, die wir hier diskutieren? Und ist die Tatsache, dass diese Frage von Professoren der Wirtschafs- und Neurowissenschaften, der Psychologie und der Philosophie sowie von Geistesgrössen der Gegenwart erörtert und diskutiert wird, nicht ein Hinweis darauf, dass es darauf keine einfache Antworten gibt?

              Ferner möchte ich dir das Film-Essay von Daniel Häni und Enno Schmidt ans Herz legen (siehe Hauptseite). Der Film ist ausgezeichnet gemacht und beleuchtet unvoreingenommen viele Fragen im Zusammenhang mit dem bedingungslosen Grundeinkommen. Wenn du die Möglichkeit hast, ihn dir anzusehen, so tue es!

              Herzliche Grüsse und auch dir schöne Ostern
              Walter

  3. Hallo Walter, möchte mich mal hier zu Wort melden, da ich deinen Beitrag im Forum bisher unkommentiert gelassen habe. Ich stimme mit dir in jedem Punkt überein. Mir wars für die Diskussion bloß zu philosophisch. Und dann lief die Sache sowieso völlig aus dem Ruder… na ja.

    Der Gedanke der „Entlastung“ von Reproduktionsaufgaben ist glaub ich schon relativ alt… entspricht in etwa dem Kibbuzz-Konzept. Auf alle Fälle erfordert es wohl sowas wie gemeinsame Interessen eines Kollektivs.

    Was dem widerspricht ist wohl die unüberschaubare Größe unserer Gesellschaft. Heute gefunden, guck mal:
    http://www.cracked.com/article_14990_what-monkeysphere.html
    (Falls du englisch liest. Falls nicht… übersetz ich es dir via Google ins Französische, dann hast du was zu lachen. ;))

    • Ja Mel, meistens ziehe ich das Philosophische dem Politischen vor, vielleicht um nicht dem unhinterfragten Aktivismus zu verfallen, vielleicht aber auch einfach, um nicht Nägel mit Köpfen machen zu müssen und immer ein paar Meter über dem Boden zu schweben, weil man dort weniger schmutzig wird …

      Dass die Diskussion im Forum Literarchie über das bedingungslose Grundeinkommen so schnell (und so nachhaltig) entglitt, fand ich sehr schade, und ich überlegte mir, ob ich sie nicht in einem separaten Thread nochmals lancieren sollte, entschied mich aber dafür, zunächst den „Emo“-Sturm abziehen zu lassen.

      Was du genau mit dem Hinweis auf die „Entlastung“ von Reproduktionsaufgaben ansprechen möchtest, habe ich nicht verstanden.

Trackbacks

  1. […] kommt ja das Grundeinkommen doch noch, das würde irgendwie zu mir und meinem Begriff von „Arbeit“ […]

  2. […] [1] Siehe Kurzbericht 2009 zu den Milleniums-Entwicklungszielen, S. 1. (PDF – 57 KB) [2] Siehe zum Thema „Arbeit und Einkommen“ auch meinen Artikel Ketzerische Fragen zum Begriff der Arbeit. […]

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