Das schmerzliche Aufwachen nach dem langen Schlaf

Als ich Mitte März aus dem Winterschlaf erwachte, wollte ich sogleich wieder zurückkehren in die unbeschwerte Körperlosigkeit des Schlafes. Zu schmerzlich war die Aussicht, meinen Leib wieder durch die Welt befördern und seine Bedürfnisse befriedigen zu müssen. Mühsam und unter Schmerzen bewegte ich meine Glieder. Jedes einzelne Gelenk quälte mich. Erst nach langer Zeit konnte ich mich auf die Bettkante setzen. Dann sah ich mich im düsteren Kellerraum um. Ausser dem Bett, einer Wasserflasche und einem leeren Wandgestell war nichts da. Die kahlen, mächtigen Wände schützten mich vor der allzu lauten Lebendigkeit der Aussenwelt und strahlten eine eigenartige Geborgenheit aus: die Geborgenheit einer Gebärmutter aus Beton und Stahl.

Nach und nach kehrte indessen das Leben zurück. Ich bekam Durst und stillte ihn mit Hilfe einer Flasche Mineralwasser, die ich Anfang Winter, vor dem grossen Schlaf, neben das Bett gestellt hatte. Wieder überwältigte mich die Sehnsucht nach der vom Körper befreiten Wanderschaft durch den weiten Kontinent des Schlafes. Dort waren meine wahren Ziele, dort lag meine eigentliche Bestimmung. Es ekelte mir vor dem Gedanken, etwas essen zu müssen, etwa ein Stück Brot zu einem Brei zu zerkauen, den ich dann gewaltsam in meinen Magen presste. Dort wird er dann mit ätzender Säure vermengt, bevor er im Darm zu brauner, stinkender Schlacke umgewandelt wird. Durch eben diesen Prozess lebte mein Körper … Nein! Im Grunde zog ich die Reinheit des Schlafes vor. Trotzdem hielt ich es bald nicht mehr aus im Kellerraum. Ich wurde hungrig nach Licht, hungrig nach Leben und anderen Menschen. Das konnte nur die Wirkung des getrunkenen Wassers sein. So stieg ich die Treppe nach oben.

In der Küche angelangt, wagte ich es nicht, die Vorhänge zu öffnen. Zu strahlend schien mir das Licht des sonnigen Vorfrühlingstages, dessen Helligkeit sich nur erahnen liess. Argwöhnisch stand ich im Halbdunkel der Küche, hin und her gerissen zwischen dem drängenden Bedürfnis, mich wieder in die Schlafkoje unten im Keller zurückzuziehen, weiterzuschlafen bis an der Welt Ende, und einer zarten Neugier, wie es wohl draussen, hinter den dicken Gardinen aussehen möge. Die Neugier war dann doch stärker. Ich schob den Vorhang ein Stück beiseite, wagte vorsichtig einen ersten Blick hinaus, jederzeit bereit, das gewagte Experiment des Aufwachens ein für allemal abzubrechen und mich endgültig in den Keller und in den langen Schlaf zurückzuziehen.

Mein Blick durchdrang das Glas des Küchenfensters und tastete sich – noch etwas geblendet – durch ein Gewirr von dünnen Ästen, an denen die Knospen schon kräftig anschwollen. Weiter glitt er die Thujahecke entlang, verweilte einen Augenblick beim geschlossenden Gartentor – und zog sich erschrocken wieder zurück. Schnell schloss ich den Vorhang, um mich vor der Heftigkeit des Gesehenen zu schützen. Da draussen war ein Mensch, ein richtiger Mensch, der interessiert in den Garten sah und seinen Blick die Thujahecke entlanggleiten liess. Dieser durchdrang das Astwerk mit den saftigen und rötlich schimmernden Knospen, das Glas des Küchenfensters und kam genau dort zur Ruhe, wo man von draussen zwischen Fensterrahmen und Vorhang einen Schlitz sehen konnte und darin ein die Helligkeit des Tageslichtes noch ungewohntes, scheues Auge: mein Auge. Ich war entdeckt. Nun gab es kein Zurück mehr.

Es liest der Ohrenschützer: Das schmerzliche Aufwachen nach dem langen Schlaf

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