Im Lügenpalast

Manchmal geniesse ich es richtig, im Lügenpalast zu wohnen. Es hat dort verlockend weiche Sessel. Die Betten sind sauber. Und erst das Essen, es ist reichhaltig und schmeckt phantastisch. Die Ideale zählen zwar nicht viel, dafür kann man sich beim Glück einkaufen. Ein schöner Vorhang mit allerlei Bildchen drauf verhindert die Sicht auf die wirkliche Welt. Wenn man trotzdem einen Blick aus dem Fenster gewagt hat, kann man sich beruhigen, indem man etwas Geld auf ein frei wählbares Konto einzahlt. Ja, so ist es im Lügenpalast.

Doch ab und zu packt mich eine riesige Wut gegen dieses noble Getue, während draussen Tausende an Hunger sterben oder so lange gefoltert werden, bis ihr Verlangen nach dem Tod übergross wird. Im Fernsehen erfahren wir, die wir im Palast wohnen, dass es irgendwo und einmal mehr Hungertote und Folteropfer gegeben habe. Eine neue Tasse Kaffee wird eingeschenkt. Mit Spannung erwartet man die Sportresultate. Ja, so ist es im Lügenpalast. Ab und zu reisse ich den Vorhang auf und presse einen stummen Schrei an die Fensterscheibe.

Dieser Text wurde ein erstes Mal im Forum Literarchie veröffentlicht.
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Comments

  1. Sali Walter

    Ja, der Lügenpalast. Eigentlich sitzt jeder darin, solange man Mensch ist. Wir, die Reicheren, stecken voll im Zentrum, die Aermeren Gegenden in dieser Welt sind auch im Lügenpalast wohl eher am Rande, haben noch mehr Kontakt mit der relativen Wahrheit.

    Wie dem auch sei, das Wesentliche scheint mir primär nicht, dass wir aus diesem Lügenpalast heraus kommen, sondern, dass wir tolerant sind, vor allem gegenüber den Schwächeren. Auch als Mensch, der halt nun mal im Lügenpalast wohnt, kann man Rücksicht, Respekt, Wohlwollen walten lassen.

    Wenn wir dann irgendwann mal auch noch aus dem Lügenpalast heraus kommen sollten (kommt vielleicht jeder irgend wann einmal … ) ist dies ein Super Bonus, aber nicht Voraussetzung für eine bessere Welt.

    So sehe ich es.

    Alles ist Lüge, nichts ist Lüge, alleine die Relation macht ob etwas Lüge ist.

    Gruss und bis später
    frosch🙂

    • Ja, Frosch, was soll ich da sagen?
      Mein Text ist eher ein Stimmungsbild denn eine Analyse. Und ob es objektive Wahrheit gibt, die Lüge also letztlich entlarvt werden kann, oder nicht, darüber lässt sich natürlich streiten. Das mag ich jetzt nicht …

      Die Frage ist einfach wie gross, wie krass eine Lüge ist. Und gegen die grossen Lügen sollte mensch sich schon wehren, ganz klar, und sei es nur in der Form, dass er die Wahrheit zunächst denkt.

      Danke für den Denkanstoss
      Walter

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