Web-Tipp: Literarchie – das Forum für literarische Freaks

Es muss ja ein eigenes Völkchen sein, das sich in Internetforen tummelt und Stunden, ja Tage vor dem Bildschirm verbringt. Wer mag sich schon freiwillig zum bleichen Grottenolm, zum Nerd entwickeln und sein soziales Wesen über die Tastatur ausleben – nur  über die Tastatur? Welch seltsames Wesen verbringt nicht nur den Winter – was man ja noch halbwegs verstehen kann –, sondern auch den Frühling und den Sommer torkelnd im digitalen All, statt durch Wiesen zu stapfen, durch Wälder zu streifen oder sonstwie kräftig am irdischen Leben zu schlürfen?

Unter diesem Völkchen gibt es ein noch eigeneres: die Nutzer von literarischen Foren. Denn sie verbinden ihr globalisiertes Mitteilungsbedürfnis, erzeugt aus einer gewissen Einsamkeit, mit einem kulturellen Anspruch. Ihre verbalen Aussonderungen sind Literatur – oder wollen es sein. Und sie würden ihr Leben dafür hergeben, wenn auch nur einer ihrer Sätze sagen wir täglich tausendmal angeklickt oder von Blog zu Blog weiterverlinkt und so in den digitalen Olymp gehievt würde.

Doch das eigenste Völkchen unter dem Forenpublikum sind die Mitglieder von Literarchie. Sie schreiben, weil sie nicht anders können, weil ihr Leben unerträglich ist und ihr Schreiben zwar nicht Heilung, aber Linderung verspricht. Die LiterarchInnen schreiben, um dem Leser den Teppich unter den Füssen wegzuziehen und den Fallenden sogleich in ihren Armen aufzufangen – oder auch nicht. Sie schreiben ganz ohne Ambitionen – und wollen so die Welt verändern …

Verschroben, schräg, gewöhnungsbedürftig und dann wieder genial sind die Texte, die man sich gegenseitig an den Kopf wirft, eine Zumutung zuweilen und dann wieder Balsam für eine Seele, die mit Konventionen imprägniert, mit Benimmregeln gezüchtigt und im Lauf des Lebens nachhaltig von sich selbst entfremdet wurde. Man findet unter den über 20’000 Beiträgen (zwanzigtausend!) Perlen, Rohdiamanten – aber auch Trash (Abfall), mit und ohne Charme. Nur das Gewöhnliche, Durchschnittliche muss man suchen.

Literarchie ist ein recht kleines Forum „von und für Autorinnen und Autoren, die ihren eigenen Kopf haben“ mit etwa 75 Mitgliedern (zum Vergleich: Die Leselupe weist derzeit knapp 4’000 Mitglieder aus, ist aber meines Wissens eines der grössten deutschsprachigen literarischen Foren). Doch Literarchie bietet alles, was man sich wünschen kann: Foren zu allen möglichen Textsorten, vom Aphorismus bis zur Fortsetzungsgeschichte, vom hochkunstvollen Haiku bis zur hochkunstvollen Trashlyrik. Hinzu kommen immer wieder Wettbewerbe (zum Beispiel zum Thema: die schlechteste Geschichte), eine Werkstatt, wo nichtöffentliche Textarbeit stattfinden kann, und als Besonderheit ein Zweig mit Hörtexten, die nicht einfach nur gut vorgelesen sind, sondern für sich kleine (oder auch grosse), eigenständige Hörstücke darstellen. Literarchie ist aber vor allem eines: lebendig.

Literarchie macht süchtig.

Comments

  1. das ist ein hammer auf den vollen kopf, lieber Walter🙂
    das ist der kopf unter dem vollen hammer, lieber Walter🙂
    das ist, ohne frage, genau treffend über literarchie bemerkt, lieber Walter – und so bin ich dir gleich bis nach Indien gefolgt🙂

    l.gr.v.
    Michael

    • Lieber Michy

      Danke für die Würdigung! Leider stehen mir hier viel zu wenige Smilies und Emoticons zur Verfügung, um genau auszudrücken, was ich empfinde.

  2. da schlafen mir ja die füsse ein …
    etwas oberflächlich und geschönt deine betrachtung, finde ich.

    • Du hast völlig recht, Bon. Mein Web-Tipp ist weit davon entfernt, eine umfassende, tiefgehende Rezension zu sein. Und sie wird dem Forum Literarchie auch nicht im Entferntesten irgendwie gerecht. Die Web-Empfehlung ist einzig aus dem Grund entstanden, etwas mehr Interesse und damit Klickverkehr für meinen Blog zu erzeugen, was mir offenbar gelungen ist. Danke fürs Mitmachen!😉

      Wenn ich irgendwann etwas dazu beitragen kann, damit deine Füsse wieder aufwachen, so will ich es gerne tun.

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