Indien-Tagebuchauszug 21.02.2009

Im Februar und März 2009 war ich sechs Wochen in Südindien: ein äusseres wie inneres Abenteuer, aus dem ich gestärkt und verändert zurückkehrte. Während dieser Zeit entstand ein Reisetagebuch, das hier einsehbar ist – leicht überarbeitet und mit Fotos versehen, die mir zu einem guten Teil von Laurent Quere zur Verfügung gestellt wurden. Herzlichen Dank!

Einzelne Ausschnitte des Tagebuchs werden in lockerer Folge als Schmankerl auf der Hauptseite veröffentlicht:

Auroville, 21.02.09

Nun beginne ich Auroville zu spüren, es einzuatmen – zusammen mit dem rötlichen Staub entlang den grösseren Strassen. Es ist ein friedlicher Fleck, fast ein Paradies, experimentierfreudig und unfertig. Die Menschen sind friedfertig, überall begegnet dir ein Lächeln auch von jungen Frauen. Ich spüre viel Wohlwollen, viel Interesse auch, hauptsächlich allerdings von den Einheimischen, den Tamileninnen und Tamilen. Sie bilden überhaupt in ihrer Mehrzahl eine eigene soziale Schicht im Gegensatz zu den „Internationalen“, den Residents und den Gästen. Hauptsächlich sind jene zudienend tätig, während sich die Residents um das Organisatorische, die Realisierung von Projekten kümmern. Das ist vielleicht ein natürlicher Prozess, denn die Tamilen kommen aus einem völlig anderen Hintergrund (sozial, Bildung, Lebensziele usw.) als die Westler, und es ist nicht so, dass die Einheimischen keine Chancen haben aufzusteigen, im Gegenteil: Sie werden gefördert, zum Beispiel, indem alle Kinder die Möglichkeit haben, zur Schule zu gehen. Ich glaube und hoffe nicht, dass es in Auroville einen unterschwelligen Rassismus gibt; trotzdem sind die Rassenunterschiede eine Tatsache.

* * *

Das Schwierigste ist, das Richtige und als notwendig Erkannte in Bezug auf das spirituelle Leben zu verwirklichen und in den Alltag zu bringen. Das ist harte Knochenarbeit. Immer und immer wieder muss ich umfallen und straucheln, und es ist mir klar, dass ich erst am Anfang stehe. Schnelle Erfolge sind keine in Sicht. Und dabei sind hier in Auroville die Umstände noch sehr günstig: Ich habe viel Zeit, mich um mein inneres Leben zu kümmern, und die Übungen, das Lesen und die Meditationen schränken das äussere Leben kaum ein (wenn denn überhaupt von Einschränkungen gesprochen werden kann). Die Schwierigkeiten im Schweizer Alltag kenne ich ja schon zur Genüge. Dennoch, kleine Fortschritte kann ich durchaus sehen. So fällt es mir zum Beispiel inzwischen deutlich leichter, konzentrierte Gedanken auch über längere Zeit zu haben. Zuweilen fällt mir deutlich auf, wie die Gedanken zappeln, ungeführt und rein assoziativ im normalen „Denken“. Und ich empfinde es als Wohltat, wenn es mir gelingt, einen ruhigeren, zusammenhängenden Gedankenstrom zu erzeugen, was oft äusserste Konzentration erfordert. Das ist wohl die Vorstufe zur Gedankenruhe, die mir nur für kurze Augenblicke gelingt. Die Willensübung, die ich allerdings erst vor zehn Tagen begonnen habe, fällt mir sehr schwer. Hier sind besondere Anstrengungen nötig, um weiterzukommen. Doch vielleicht ist es falsch, bei den Übungen auf den (schnellen) Erfolg zu schielen. Vielleicht sollte ich mehr Vertrauen haben, dass sich der Erfolg einstellen wird, wenn ich mich redlich bemühe. Vielleicht sollte ich den Fortschritt auch eher als eine Gnade anschauen denn als ein Zweck des Übens. Doch für harte Knochenarbeit muss man schon irgendwoher Motivation holen.

Auf die Meditationen freue ich mich richtiggehend, am Abend hauptsächlich darauf, mein Bewusstsein aus dem Alltag zu heben. Die Konzentration fällt mir allerdings auch hier schwer. Morgens hat die Meditation eine andere Qualität. Hier muss ich das Bewusstsein zügeln, weil es in den Tag galoppieren möchte. Abends ist die Müdigkeit eher das Problem und die Übersättigung des Bewusstseins durch das Tagesgeschehen. Gute Erfahrungen mache ich mit der Tagesrückschau. Der Tag rundet sich damit besser ab, und im Gegensatz zu früheren Erfahrungen bereitet sie mich gut für den Schlaf vor. Früher habe ich sie als weckend empfunden.

Hier geht es zum Tagebuch: https://walbei.wordpress.com/tagebuch-indien-2009/ – oder einfach oben im Kopfbereich des Blogs auf die Seite “Tagebuch Indien 2009″ klicken.

Comments

  1. Gefällt mir gut. Sehr an-schau-lich be-schrieb’n. Macht wirklich Lust. Alles sehr,sehr dar-ge-stellt aus einem Guss. Nach-voll-zoieh-bar…ja so muss Indien 2009 wohl sein.

    Lieber Gruß/ss,
    möcht‘ gern mehr Lesen…!!

    C. c. Elste

    • Danke für den Zuspruch!

      Mehr lesen? Kein Problem! Mein ganzer Blog steht zu deiner freien Verfügung. Ganz oben im Kopfbereich des Blogs gehts direkt zum ganzen Indientagebuch mit Bildern. Dort kannst du über „Indien 2009“ lesen bis deine Ohren wackeln, oder besser: bis deine Augenlider flattern.

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