Von Krisen umzingelt – und doch …

Wir sind von Krisen umzingelt: Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Staatsschuldenkrise, soziale Krise – so lässt sich die Metamorphose der aktuellen ökonomischen Krise kennzeichnen. Und die Umzingelung wird immer enger: Zunächst waren es ja hauptsächlich Zahlen, Indizes, die ins Bodenlose stürzten. Bald sind es soziale Netze, die zerreissen – und Menschen, die fallen. Und dann ist die Krise ganz bei uns angekommen, klopft an unsere Haustüre, tritt ein ins Wohnzimmer. Hallo, ungebetener Gast! Du bist falsch hier. Geh zum Nachbarn! Bitte nicht bei mir!

ABC der Krise

Doch das ist ja nur die eine, die wirtschaftliche Seite. Hinzu kommt die Umweltkrise, zurzeit drastisch vor unsere Augen geführt im Golf von Mexiko, wo seit Wochen Rohöl unaufhaltsam in den Ozean fliesst. Auch in diesem Bereich wird die Umzingelung enger: Die oft recht abstrakten Formen der ökologischen Bedrohung – zum Beispiel des Klimas durch die Erwärmung um mehrere Grade im Lauf der nächsten Jahrzehnte – werden auch hier anschaulicher, unübersehbar, brutal. An allen Enden und Ecken wird unser System ad absurdum geführt. Problemlos liesse sich ein ABC der Krise erstellen: von der Krise der Arbeit über die Krise der Beziehungen (der Geschlechter) bis zur Krise der Zeitungen.

Kulmination einer langen Entwicklung

Nicht dass die Entwicklung neu wäre. Das Ungleichgewicht, die Vereinseitigung wurde schon vor Jahrzehnten diagnostiziert – und seit langem von vielen Menschen schmerzlich empfunden. Das legendäre 1968 war zum Beispiel so ein Aufbegehren gegen das quadratische Denken, das dumpfe Fühlen und das blinde Handeln. Und viele weitere Revolten und Rebelliönchen folgten, verzweifelte Versuche, der wütenden Einverleibung der Welt und unserer selbst durch die Logik des Marktes und des herzlosen Fortschritts etwas entgegenzusetzen. Die Entwicklung hat sich beschleunigt; insbesondere seit 1989 ist sie in ihre Turbophase eingetreten. Und inzwischen sind wir Menschen zu Konsumenten degradiert und nur noch ein Mittel zum Zweck. Die Wirtschaftszahlen entscheiden über unser Sein oder Nichtsein.

Unsere Verantwortung

Doch wir liessen das auch einfach geschehen, haben brav mitgemacht, wollüstig zuweilen und in gemeinsamer Raserei. Wir haben zugelassen, dass man uns auf unsere leiblichen Bedürfnisse reduziert, haben mit der Zeit selbst geglaubt, was uns PR und Werbung vorgaukeln. Wir haben uns kaufen lassen – aus Trägheit, aus Mangel an Lebendigkeit und selbständigem Denken, aus fehlendem Verantwortungsbewusstsein auch. Wir haben uns vom Wesentlichen ablenken lassen, sind mit sattem Bauch vor dem Fernseher eingedöst. Selber schuld! Wir hätten es anders haben können.

Gefahren beim Aufwachen

Und nun schrecken wir aus dem Dauerschlaf. Und das ist gut so. Erwachen ist unsere einzige Chance. Und es schadet nichts, dass wir durchgeschüttelt werden. Das gehört zum Aufwachen – und hilft, dass wir nicht so schnell wieder einschlafen und ins Alte zurückfallen. Denn das ist eine der grössten Gefahren: nichts aus der Krise gelernt zu haben, mechanisch, ja autistisch immer wieder dieselben Rezepte anzuwenden – wie wenn es nicht gerade diese gewesen wären, die an den Abgrund geführt hatten.

Eine andere Gefahr: Untergangspropheten, Verschwörungstheoretiker, Heilsprediger. Erstaunlich, wie schnell diese Verführer der Vernunft in den Startlöchern stehen, wenn die Angst umgeht! Mit ihren Drohungen und Halbwahrheiten, ihren Lügen und Schmeicheleien versuchen sie die Menschen in eine Richtung zu biegen, die ihnen genehm ist. Doch eigentlich lassen sich diese Krisengewinnler schnell erkennen: an ihrem quadratischen Denken und der notorischen Abwesenheit von Fragen.

Unausgeschöpftes Potenzial

Und eben dieses einseitige, quadratische Denken, die geradezu barbarische Verengung unseres Menschen- und Weltbildes steckt meines Erachtens hinter all den krisenhaften Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte. Ausgerechnet heute, wo wir als Menschheit noch nie so reich waren – an Bewusstsein und Erkenntnissen, an Verbindungen zueinander, an Gütern des Lebensbedarfs, an Geld, ja, auch das … –, ausgerechnet heute handeln wir, als wären wir Barbaren in einer kulturellen Wüste. Wir schöpfen unser Potenzial bei weitem nicht aus.

Und das ist zugleich meine Hoffnung: Wir Menschen, du und ich, haben wirklich ein wundervolles Potenzial – der Herzlichkeit, der Intelligenz, der Phantasie, der Liebe gar. Auch wenn dieses Potenzial unter Bergen von Ängsten und Egoismen verschüttet ist, kaum mehr sichtbar vor lauter Enttäuschung, Verzweiflung und Schmerz, brauche ich nur einen Menschen unbefangen anzusehen, um zu erahnen, dass sehr viel mehr in ihm steckt, als er augenblicklich zum Ausdruck bringt. Und wenn ich ein paar Worte mit ihm wechsle, ihm auch nur ein Minimum an Wertschätzung entgegenbringe, wird diese Ahnung zur Gewissheit: Mit dir zusammen schaffen wir es. Und wenn wir wirklich wach werden, kann gar nichts mehr schief gehen.

Comments

  1. Hallo Walter,
    das Herz ist das einzige Organ, welches nicht vom Krebs befallen werden kann. Ich denke, es ist Zeit, sich daran zu erinnern. Und jeder von uns, ob er nun will oder nicht, besitzt ein solches.
    Gern gelesen.
    Gruß von
    Klaus

    • Zwei schöne Erkenntnisse, und für mich so explizit neu:

        das Herz kann nicht vom Krebs befallen werden: das muss mit den Kräften zusammenhängen, die man ihm zuschreibt;
        jeder besitzt ein Herz, ob er will oder nicht: es gibt also gar kein Entrinnen …😉

      Danke, Klaus, für den Hinweis!

  2. Ein schöner Text, Walter! Dein ABC der Krisen hat es mir angetan – und die Hoffnung in Deiner Botschaft. Hoffen wir, dass sie ankommt!

  3. Hallo Walter,
    es ist nicht übertrieben wenn ich sage, Du schreibst mir von der Seele. Es macht mir Mut und gibt mir Hoffnung zu sehen dass es Menschen gibt die ähnliche denken oder fühlen wie ich. Ein wirklich gelungener Beitrag.
    Vielen Dank
    Christian

  4. Ob1w4an says:

    Lieber Walter
    Danke für diesen tollen Artikel!
    War letztens einkaufen & hatte gerade noch 10 Euro in der Tasche & da ist mir ein Mann aufgefallen der nicht in unsere sogenannte „Norm“ passte! Sah sehr arm & heruntergekommen aus. Er tat mir sehr leid & ich hab kurz nachgedacht & ihm dann die 10 Euro in die Hand gedrückt & gesagt ich möchte ihm die 10 Euro schenken.
    Er sagte, vielen Dank.
    Bin dann an die Kasse & hab mit Karte bezahlt.
    Finde die Menschen sollten mehr aufeinander eingehen & mit Respekt behandeln!
    Alles gute, Heiko

    • @heiko
      Finde die Menschen sollten mehr aufeinander eingehen & einander mit Respekt behandeln!

      Genau da fängts an.

      @Christian + Heiko

      Danke euch beiden für den Zuspruch! Es freut mich sehr, wirklich sehr, festzustellen, dass mein Text die Leserin, den Leser offensichtlich berührt. Dabei habe ich nur geschrieben, was mich selber berührt und umtreibt …

  5. Julie says:

    Lieber Walter, das Kompliment habe ich Dir sehr gerne gemacht. Da hast Du wirklich eine tollen Artikel geschrieben. Schön, dass Du eine CC Lizenz hast, ich habe den Text eben bei mir eingestellt.

    Mach weiter so !

  6. Julie says:

    Es ist lange her, dass ich etwas gelesen habe, das mich innerlich so stark berührt hat.

    Dankeschön, Walter !

    • Danke, Julie, für das schöne Kompliment! Mit diesem Text habe ich tatsächlich ziemlich gerungen, bis ich ihn veröffentlichen konnte.

      Es steht dir frei, den Text auf deinem Blog zu veröffentlichen. er steht unter einer Creativ-Common-Lizenz (siehe Impressum).

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