Indien-Tagebuchauszug 05.03.2009

Im Februar und März 2009 war ich sechs Wochen in Südindien: ein äusseres wie inneres Abenteuer, aus dem ich gestärkt und verändert zurückkehrte. Während dieser Zeit entstand ein Reisetagebuch, das hier einsehbar ist – leicht überarbeitet und mit Fotos versehen, die mir zu einem guten Teil von Laurent Quere zur Verfügung gestellt wurden. Herzlichen Dank!

Einzelne Ausschnitte des Tagebuchs werden in lockerer Folge als Schmankerl auf der Hauptseite veröffentlicht:

Thanjavur, 05.03.09

Real India – schön und hässlich zugleich! Das dunkle Indien mit seiner weit verbreiteten Armut und seinem bedrückenden Elend ist Sklave der materiellen Versorgung: Nahrung, Unterkunft und Arbeit. Das heisst, ein guter Teil der Menschen lebt in prekären Verhältnissen bis hin zur bittersten Armut und muss den Hauptteil seines Strebens dem Nahrungserwerb opfern. Das dunkle Indien ist anstrengend. Sein Chaos, sein Lärm, sein Gestank – alles dringt in mich ein, berührt, ja beeinträchtigt mich. Es fällt mir schwer, mich davon abzugrenzen. Ich möchte das eigentlich auch nicht. Denn um mich von Indien ergreifen zu lassen, bin ich ja hier. Trotzdem, was mache ich mit den vielen Bettlern, mit der jungen Mutter am Strassenrand, die ihr Kind schlägt, und zwar kräftig? Was mache ich mit den vielen Menschen, die mir ihr Zeug verkaufen wollen, das ich doch nicht brauche? Heute habe ich mich geradezu gezwungen gefühlt, eine Statue zu kaufen. Sie ist bestimmt schön und auch wertvoll. Aber als ich aus dem Laden heraus kam, war ich nicht glücklich, sondern wütend – das erste Mal seit langem.

Dunkel erscheint mir Indien auch wegen seiner uralten Kultur und Religion. Es werden die alten Götter in alten Tempeln angebetet. Hätte ich Auroville nicht kennengelernt, ich hätte den Eindruck, Indien sei stehen geblieben. Nicht dass ich die westliche Moderne als besonders erstrebenswert empfinde – aber ich sehe ausserhalb von Auroville nur wenig Zukunftswille, eher eine Art Flucht in die Vergangenheit. Ich sehe allerdings hier auch ein Dilemma. Denn wo anders soll Indien mit seinem Prekariat in den Zeiten der Globalisierung auch hinstreben als in Richtung westlicher materieller Kultur?

Und das helle Indien – gibt es das auch? Da ist zunächst die aus der Not geborene Bescheidenheit der Menschen und ihre Freundlichkeit. Überall – auch ausserhalb von Auroville – begegnet dir ein Lächeln, wann immer du in die Gesichter schaust. Etwas Kindliches, dir Zugewandtes blickt aus diesen Gesichtern. Da ist auch das trotz seiner Grösse einigermassen funktionierende Indien, das seinen Menschen ein wenn auch prekäres Auskommen bietet. Bei der allgegenwärtigen Religiosität bin ich mir nicht mehr sicher, wie ich sie bewerten soll. Meine Vorstellung vom spirituellen Indien muss ich revidieren. Der Hinduismus in seiner weit verbreiteten Form ist in Bezug auf den spirituellen Gehalt wohl nicht anders als der Katholizismus oder jede andere institutionalisierte Religion. Trotzdem spricht aus ihm ein spiritueller Gehalt, eine Vielfalt an spirituellen Themen, die ihresgleichen sucht, aber nicht leicht erschlossen werden kann und für den heutigen Menschen eher okkult vorhanden ist.

Die Menschen Indiens – ein Bilderbogen

Hier geht es zum Tagebuch: https://walbei.wordpress.com/tagebuch-indien-2009/ – oder einfach oben im Kopfbereich des Blogs auf die Seite “Tagebuch Indien 2009″ klicken.

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