Die Sprache der Gesichter

Heute über den Flohmarkt spaziert und trotz schönem Wetter viele traurige und aufgewühlte Gesichter gesehen. Sie erzählten Berührendes vom Rande – der Gesellschaft ebenso wie der Existenz. Das eine, von Einsamkeit zerfurcht, sprach vom langsamen Abschied von dieser Welt. Nichts hielt die Frau mehr hier im Leben. Das war deutlich zu sehen. Und sie verkaufte ihr Letztes, um die Nachwelt nicht auch noch mit ihrem Plunder zu belasten. Ich sah sie an und wusste, dass ich sie nicht zurückhalten konnte. Eben hatte sie ihren Kerzenständer aus Messing verkauft. Den brauchte sie nicht mehr.

Ein anderes Gesicht erzählte vom entschlossenen Kampf gegen … Ja, wogegen eigentlich? Ganz gleich! Hauptsache Kampf – und Hauptsache: gegen … Die Augen waren tief in den Schädel zurückgesunken, als sässen sie dort auf der Lauer. Und das Gesicht hatte etwas Manisches, Irres. Entsprechend waren die Gegenstände, die der wilde Mann verkaufte: ein riesiges Joch aus Holz für zwei Ochsen, wurmstichig und bleich, eine Holzsäge für zwei Mann, mit groben Zähnen und viel Rost. Kein trauriges, ein geradezu brachial lebendiges Gesicht sah mich herausfordernd an. Sein Angebot, das Doppeljoch für siebzig Franken zu kaufen, lehnte ich freundlich, aber bestimmt ab. Auf Diskussionen liess ich mich nicht ein …

Natürlich sah ich noch manch andere Gesichter: bleiche, verschreckte, sanft lächelnde, grobschlächtige, maskenartige, vom Leben zerwühlte. Und viele gewährten Einblick in ihr Leben, in ihr Schicksal, verhalten und leise die einen, ganz offenbar die anderen. Selbst manche Kindergesichter erzählen schon, allerdings nicht alle. Doch während die Gesichter von Erwachsenen vom Vergangenen erzählen, ist es bei Kindern die Gegenwart, ihre Gegenwart, die uns entgegenleuchtet.

Comments

  1. haxtholm says:

    Vielleicht ist es bei den Kindern noch mehr als die Gegenwart, nämlich der -unbewusste- Glaube und die Hoffnung auf den Tag, den Verheissungsvollen. (Sicherlich nicht bei allen Kindern, Kinder, die täglich gequält werden, werden wohl schon früh das auch in ihren Gesichtern wiedergeben.) Doch vor einiger Zeit sah ich auf einem Parkplatz ein Kind aus dem Auto springen, dass einen so starken, glücklichen Gesichtsausdruck hatte, dass mir beinah die Tränen kamen – das kleine Mädchen, das so ungefähr 6 Jahre alt war, war dabei aber nicht „überdreht“, es war einfach nur glücklich und erwartete einfach nur Gutes, Schönes. Das klingt vielleicht naiv – aber vielleicht können wir von dieser Naivität etwas lernen. Ich würde gerne dieses Gesicht noch einmal- nein- noch oft sehen. Solche bedeutsamen Eindrücke werden ja immer wieder vom „Alltag“ verdrängt. Und die Hoffnung auf das Kommen guter Dinge zu bewahren – das ist wohl die hohe Kunst, die es für die „Erwachsenen“ -und eben auch für mich- noch zu erlernen gilt…

    • Ja, die offene Gegenwärtigkeit von Kindern ist schön zu beobachten. Besonders die kleineren strahlen oft etwas aus, das nicht von dieser Welt ist.

      Frage mich gerade, ob es überhaupt möglich ist, die „Hoffnung auf das Kommen guter Dinge“ zu erlernen, oder ob das eine Gabe, vielleicht ein Geschenk ist, das ganz tief in einem drinnen lebt – oder eben auch nicht. Dieses Vertrauen auf das Gute kann erschüttert, sogar verschüttet werden. Aber kann es zerstört werden, wenn es mal – ganz tief drinnen und wohl in der Kindheit – angelegt wurde? Und kann es erschaffen werden, wenn es nicht vorhanden ist?

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