Die Zivilgesellschaft als dritte globale Kraft

Seit dem Scheitern der WTO-Konferenz des Jahres 1999 in Seattle ist deutlich, dass die Zivilgesellschaft eine globale Kraft geworden ist, die von den Mächtigen in Wirtschaft und Politik nicht mehr ignoriert werden kann. Die Bedeutung dieser dritten, korrigierenden Macht kann kaum überbewertet werden. Eine Würdigung.

Die Frage nach der gerechten Verteilung von Gütern und nach einem faktischen Lebensrecht in Würde für alle Menschen dieser Erde ist nach wie vor unbeantwortet. Sind wir diesem Ziel in den letzen Jahren – global gesehen – näher gekommen oder haben wir uns nicht vielmehr in Riesenschritten davon entfernt? Bis in die Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit im Wesentlichen zwischen Kapitalisten und Kommunisten ausgefochten. Was sich wie zwei Gegenpole in Szene setzte, schuf allerdings auf je eigene Art nur mehr Ungerechtigkeit und trug wenig zur Lösung bei. Auf beiden Seiten blieben grosse Teile der Bevölkerung auf der Verliererseite und büssten ihre Würde ein. Allerdings milderte in den westlichen Ländern der enorme wirtschaftliche Aufschwung diese Tatsache – weniger im Sinne einer umfassenden Emanzipation der Menschen, sondern eher indem ihnen grosszügig Zugang zu den Fleischtöpfen gewährt wurde.

Der Kapitalismus als Sieger?

Dann fiel der Kommunismus in sich zusammen. Der Kapitalismus schien alternativlos dazustehen und plusterte sich deutlich auf. Er wurde zum allein selig machenden Konzept und überstrahlte jegliche Alternativen. Der technische Fortschritt und der wirtschaftliche Boom, hauptsächlich in der Finanzwirtschaft, gaben ihm zusätzlichen Rückenwind. Ein Gewinntaumel ungekannten Ausmasses setzte ein, und gleichzeitig öffnete sich die Schere zwischen Arm und Reich in einem solchen Mass, dass man, ohne zu übertreiben, von einem neuen Feudalismus sprechen muss. Parallel dazu stieg die Zahl der hungernden Menschen – im Jahr 2009 auf über eine Milliarde.[1]

Offensichtlich ist der Kapitalismus in der heutigen Form ein Auslaufmodell, das sich zunehmend ad absurdum führt und auf die drängende Frage nach würdigen Lebensbedingungen nicht wirklich eine Antwort weiss. Mehr noch: Er entwürdigt mit seinem Gesetz des Stärkeren, mit seinem Konkurrenzprinzip die Mehrzahl der Menschen, sei es subtil, indem er zum Beispiel die Lohnabhängigen in Arbeitsverhältnisse zwingt, die sich von der Sklaverei nur unwesentlich unterscheiden, oder sei es ganz unverhohlen, wenn zum Beispiel Menschen aus Landstrichen vertrieben werden, die industriell genutzt werden sollen.[2]

Neue Perspektiven

Wie weiter? Diese Frage muss sich jeder wache Mensch der Gegenwart stellen. Wo gibt es Ideen und Ansätze, die zu gedeihlicheren Lebensbedingungen breiter Bevölkerungskreise führen – gerade in den Ländern des Südens, aber nicht nur dort? Dabei kann es nicht ausschliesslich um eine bessere Verteilung des Wohlstands gehen. Dies wäre eindimensional gedacht und reduziert den Menschen auf die Rolle des Konsumenten, ganz wie es der Zeitgeist vorgibt. Vielmehr geht es um die Emanzipation breiter Bevölkerungskreise, um ihre Ermächtigung, damit sie ihr Leben in die Hand nehmen können und nicht Spielball ihres sozialen Schicksals oder gar Almosenempfänger bleiben.

Ein Lob der Zivilgesellschaft

Gerade hier zeichnet sich in den letzten Jahren eine Entwicklung ab, die zuversichtlich stimmt: Es entsteht neben dem Wirtschaftssektor und der politischen Macht eine dritte Kraft: die Zivilgesellschaft. Diese bezieht ihre Wirkmacht hauptsächlich aus dem selbstverantwortlichen Individuum. Der einzelne Mensch ist die tragende Kraft der zivilgesellschaftlichen Organisationen, weshalb diese sich auch nicht so leicht in ein Programm pressen lassen und der Hierarchiebildung eher widerstreben. Die Zivilgesellschaft kann mit Recht als aufstrebende Kulturkraft angesehen werden. Sie macht sich im Weltgeschehen immer deutlicher bemerkbar: zunächst mit Nadelstichen gegen die elitäre Globalisierung, welche die Menschen nur mehr als Ausgangsmaterial zur Verwirklichung ihrer Ziele betrachtet, immer mehr aber auch als eigentliche kulturbildende Kraft, die von den Mächtigen in Politik und Wirtschaft nicht mehr ungestraft übersehen werden kann. Und die Zivilgesellschaft ist zwar lokal verankert, aber immer mehr international vernetzt und macht den Weltwirtschaftsführern und Staatsoberhäuptern zunehmend ihr Monopol streitig, über das Schicksal von uns allen zu entscheiden.

Zivilgesellschaft als Kulturkraft

Wichtig ist festzuhalten, dass sich die Zivilgesellschaft nicht einfach in die Parteienlandschaft einfügen wird oder nach sozialem Unternehmertum strebt. Natürlich ist sie nicht gefeit gegen Vereinnahmung von Politik und Wirtschaft. Aber ihrem Wesen nach ist sie eindeutig dem Kulturellen zuzuordnen, indem sie Werte und Ideen verteidigt, die Teil der kulturellen Substanz einer Gesellschaft sind. Ethik, Identität, Phantasie und Sinn – das ist unter anderem die Substanz der aufstrebenden Zivilgesellschaft, ihr Treib- und auch ihr Zündstoff. Und indem sie diese Substanz verteidigt, ja in die Globalisierung einbringt, öffnen sich Perspektiven, wo noch bis vor kurzem Ratlosigkeit herrschte.

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Fussnoten:
[1] http://news.bbc.co.uk/2/hi/europe/8109698.stm
[2] z.B. in Indien: http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Indien/naxaliten6.html

Weiterführender Link: Institut für soziale Dreigliederung

Comments

  1. haxtholm says:

    Nachdem Du Deinem -übrigens hervorragendem- Beitrag die Überschrift „Zivilgesellschaft als dritte globale Kraft“ gabst, hast Du damit schon eine gewisse Richtung vorgegeben, von der Du scheinbar auch nicht abweichen möchtest. Dass der Islam ein religiös-politisches Gebilde ist, ist aber nun mal Tatsache, denn der Islam versteht sich als solches Gebilde und benötigt dazu auch nicht den Fundamentalismus. Ich will damit keineswegs Islamophobie betreiben und spreche ja auch nicht von einer Bedrohung, sondern von einer Herausforderung. Also es gibt durchaus noch andere globale Kräfte – das „Institut für Dreigliederung“ gehört wohl eher nicht dazu, denn dies Institut ist eben auch nur „eine Episode in der Geschichte“, wie Du Dich ausdrücktest.

    Und zu meinem Menschenbild – ich geb ja gerne zu, dass ich Misanthrop bin. Und Du wirst mich wohl auch nicht mit Deinen Gegenbeispielen bekehren können.

    Aber diese moralisierende Frage am Anfang Deines zweiten Absatzes hat mich dann schon verdutzt : soll ich mich jetzt in die Ecke stellen und schämen müssen wie in den Walldorf-Schulen praktiziert ?

    Ich hätte erst gar nichts zu diesem Thema schreiben sollen- und Du kannst auch gerne meine Kommentare dazu löschen, Walter, auch diesen Kommentar. Ich wär Dir bestimmt nicht bös deswegen…

    • Pardon, Haxtholm! Wollte dich nicht zurechtweisen wegen deines Menschenbildes. Das ist natürlich deine Sache. Es ist nur so, dass ich mich selbst als Mensch betrachte, der mir am nächsten steht, als derjenige, über den ich am ehesten Bescheid weiss. Und wenn ich eine Aussage über „den Menschen“ (im Allgemeinen) mache oder eine Vorstellung über diesen habe, so frage ich mich natürlich ganz zuerst, inwiefern trifft das auf mich selbst zu. Und wenn da ein auffallender Unterschied besteht zwischen der Aussage über den Menschen im Allgemeinen und der Einschätzung meiner selbst, so schrillen die Alarmglocken … Ich stelle mir halt vor, dass ein Misanthrop von sich selbst auch keine gute Meinung haben kann. Vielleicht deshalb bin ich eine Art Philanthrop …

  2. cristiano safado says:

    Als erstes einmal, ein sehr guter Artikel von Walter. Was die Schweiz betrifft, auch sie rührt sich langsam. Die Opposition gegen die Mächtigen wurde in vergangener Zeit – nicht zuletzt durch diverse Ereignisse – immer lauter. Mit lauter meine ich nicht in Form lautstarker Demonstrationen linksgerichteter Kreise, sondern unzufriedene Bürger, die sich bald täglich über ein neues Verbot, über eine behördliche Unfähigkeit, über eine Anmassung gewisser Wirtschaftskreise, Parteien und „interessierte Kreise“ aufregen. Erkennbar ist dies immer mehr in Leserkommentaren auf Online-Medien, wobei zu beachten ist, dass viele solche Kommentare ausgefiltert werden. Die Medien selbst, schaffen nämlich selbst eine eigene politisch Kraft, die allerdings ebenfalls nicht die Meinung des grössten Teils der Schweizer vertreten. Hierbei ist insbesondere die TAMEDIA mit ihrem „Newsnetz“ zu nennen, deren Macht auch die WEKO nicht gelang zu berechen. In diese Bresche soll im Laufe des kommenden Jahres „resistence“ springen, das über das hinausgeht, was heute Medien, Foren und Vertretung der Volksinteressen gemeinsam sind.

    • Besten Dank, cristiano safado, für das Kompliment zu meinem Artikel! Darin geht es mir nicht primär darum, gegen die Mächtigen von Politik und Wirtschaft pauschal zu wettern oder einer Mehrheitsmeinung das Wort zu reden. Gerade die SVP ist ja Meisterin darin, das Unbehagen der Bevölkerung für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Vielmehr ist mir wichtig, die korrigierende Kulturkraft der Zivilgesellschaft in ihrer ganzen Vielfalt hervorzuheben: vom Quartierverein, der sich für eine menschliche Entwicklung des Quartiers einsetzt, bis z.B. Amnesty International, das zum Global Player in Sachen Menschenrechte geworden ist. Mit der Zivilgesellschaft zieht eben eine neue Qualität ein in die Auseinandersetzung um die Zukunft der Menschen und der Erde: Phantasie statt Verbissenheit, Solidarität statt Eigennutz, Witz statt Zweckoptimismus. Ich bin mir bewusst, dass ich etwas idealisiere; doch vom Wesen her ist die Zivilgesellschaft einfach anders, rund statt eckig, oder so …

      Was meinst du mit „resistence“, das in die Bresche springen wir im Lauf des kommenden Jahres? Noch nie davon gehört. Und in welche Bresche soll „resistence“ springen?

      • haxtholm says:

        Walter, Du hast vergessen, diejenigen Kräfte zu erwähnen, die sich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus neu formiert haben. Der Islam ist trotz aller friedlichen Beteuerungen seiner Anhänger ein religiös-politisches Gebilde, das dem Materialismus des Westens und dem Werteverfall etwas entgegenstellen möchte. Er ist patriarchalisch-autoritär organisiert und versucht sich auch so zu verbreiten – durch Terror oder durch Propaganda. Leider hat der Okzident und das sogenannte Christentum diesen Predigern einer neu-alten Moral kaum etwas entgegenzustellen, weil bei uns fast alles schon bis aufs Äusserste ausgehöhlt und zur Phrase geworden ist. Also es kommt noch ein Kampf von Kulturen hinzu und wenn das ein Schachspiel wäre, so hätten wir da vielleicht ganz schlechte Karten – ein unparteiischer Schiedsrichter würde aber gewiss auch im Islam einen Materialismus entlarven, den „normale“ Menschen nicht herbeiphantasieren könnten – ich denke da nur an den immensen Reichtum, den manche Magnaten in Saudi-Arabien oder anderswo auf Bank-Konten anhäuften. Wahrscheinlich ist ja auch der schlichte Mann aus Teheran (Präsident Ahmadinejad), der ja immer noch den Holocaust läugnet, nur eine uns vorgezauberte Täuschung.

        Und dann noch etwas zu der Zivilgesellschaft: Sie formiert sich wohl, wirkt momentan noch wie eine ausserparlamentarische Opposition und könnte vielleicht demnächst wirklich mächtiger werden.

        Aber vergess bitte nicht: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Vielleicht müssen wir diesen Satz Brechts heute auch noch etwas umformulieren: Erst kommt das Fressen und dann das Fernsehprogramm oder so.

        Ich bin jedenfalls mal gespannt auf die weiteren Kommentare und hoffe nicht zu arg dazwischen-gefunkt zu haben…

        • Da machst du es dir jetzt aber etwas einfach mit dem Islam als Bedrohung des Westens, Haxholm. Der Islam ist bei weitem nicht ein so einheitliches Gebilde, wie du ihn darstellst. Und die Fundamentalisten missbrauchen die Religion für ihre eigenen (machtpolitischen) Interessen, wie es Fundamentalisten jeglichen Couleurs tun. Sie schliessen sich in ihr (Glaubens-)System ab und sind alleine schon dadurch nur eine Episode in der Geschichte.

          Und was hast du für ein Menschenbild, Haxholm? Natürlich hat ein hungernder Mensch keine Kapazitäten frei für moralische Überlegungen. So weit zu Brecht. Die Physiologie ist nun mal eine Condition humaine. Doch dass die Welt nur Egoisten und Fresssäcke beherbergt – und durch das Fernsehen verblödete Dumpfköpfe, bestreite ich vehement. Ich kenne jedenfalls Gegenbeispiele zuhauf und mache dich gerne mit dem einen oder anderen bekannt …😉

          Beste Grüsse – Walter

          PS: Und funk nur dazwischen! Kein Problem!

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  2. […] Dann fiel der Kommunismus in sich zusammen. Der Kapitalismus schien alternativlos dazustehen und plusterte sich deutlich auf. Er wurde zum allein selig machenden Konzept und überstrahlte jegliche Alternativen. Der technische Fortschritt und der wirtschaftliche Boom, hauptsächlich in der Finanzwirtschaft, gaben ihm zusätzlichen Rückenwind. Ein Gewinntaumel ungekannten Ausmasses setzte ein, und gleichzeitig öffnete sich die Schere zwischen Arm und Reich in einem solchen Mass, dass man, ohne zu übertreiben, von einem neuen Feudalismus sprechen muss. Parallel dazu stieg die Zahl der hungernden Menschen – im Jahr 2009 auf über eine Milliarde.[1] […]

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