Wirtschaftswachstum: Dogma und Wahn

Es gilt als Allerheilmittel, als oberstes Gebot und ist Rechtfertigung für einen weitgehenden Umbau der Gesellschaften in der ganzen Welt. Längst hat  das wirtschaftliche Wachstum den Status eines Dogmas erhalten. Und wer dessen Vorrang in Frage stellt, gilt als Ketzer. Doch kann das heutige Konzept des Wachstums um jeden Preis sein Versprechen auch halten? Eine Spurensuche.

Dem Wirtschaftswachstum wird inzwischen so viel natürliche und kulturelle Substanz geopfert, dass die Frage nach Sinn und Berechtigung grundsätzlich gestellt werden muss. Wohin führt es uns? Wem hilft es? Welche Entwicklungen begleiten es? Was wächst in seinem Schatten? Einige Antworten seien hier zusammengetragen.

Wachsende Rücksichtslosigkeit

Es steigt die Zahl der Millonäre und der Milliardäre – und gleichzeitig wird die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben müssen, nicht wesentlich verringert. Laut Fokus Money online besass im Jahr 2006 das reichste Prozent der Weltbevölkerung – das sind 37 Millionen Erwachsene – 40 Prozent des weltweiten Vermögens. Zahlen, die zwar nicht im Detail, aber vom Trend her weitherum bekannt sind. Laut dem Bericht der UNO des Jahres 2009 zu den Millenniums-Entwicklungszielen sind keine grossen Fortschritte bei der Bekämpfung der extremen Armut zu erwarten. Im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise 2008 „… wird geschätzt, dass 2009 zwischen 55 und 90 Millionen Menschen zusätzlich in die extreme Armut getrieben werden.“[1] Diese Zahlenbeispiele zeigen – und es liessen sich viele weitere finden –, dass zumindest das Versprechen, das wirtschaftliche Wachstum sei zum Wohle aller, nicht stimmen kann. Die Trickle-down-Theorie, wonach entstehender Reichtum und Wohlstand automatisch durch die unteren und bis zu den ärmsten Schichten sickern (trickle down), ist durch die Wirklichkeit widerlegt.

Wachsende Arbeitslosigkeit

Auch das Versprechen der sinkenden Arbeitslosigkeit im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Aufschwung überzeugt wenig. Es sind hauptsächlich die prekären, zeitlich begrenzten Arbeitsverhältnisse, die immer mehr die Festanstellungen ersetzen. Zahlen erübrigen sich hier. Wir erfahren es täglich in unserem Umfeld. Die Automatisierung und Produktivitätssteigerung wird die Arbeitslosenrate in viel schnellerem Masse wachsen lassen, als sie je durch das Wirtschaftswachstum wird kompensiert werden können.[2]

Wachsende Zukunftslosigkeit

Die zerstörerischen Auswirkungen des Wachstums auf die Umwelt sind allgemein bekannt und weitgehend unbestritten. Von einem nachhaltigen Wirtschaftswachstum, das nicht die Grundlagen der kommenden Generationen schädigt und verbraucht, sind wir meilenweit entfernt. Ökologisch und in Bezug auf unsere Zukunftshoffnungen ist das Wirtschaftswachstum, wie es heute propagiert und angestrebt wird, eine Katastrophe. Die Lebensgrundlage wird der ganzen Menschheit zunehmend entzogen.

Wachsende Entwurzelung

Das Wachstum nach dem Geschmack der wirtschaftlichen und politischen Eliten entzieht vielen Menschen – hauptsächlich in den Entwicklungsländern – schon heute die Lebensgrundlagen, z.B. in der Landwirtschaft. Historisch gewachsene und funktionierende Kulturen verfallen im Zuge der einseitigen und blinden Wachstumsmaxime, was Millionen Menschen entwurzelt und Migrationsströme entlang des Wohlstandsgefälles Richtung Städte und Richtung reiche Länder auslöst. Egoismus, Materialismus und Konkurrenzdenken verdrängen erfolgreich die Idee der Gemeinschaft, der Zusammenarbeit und Solidarität in allen Gesellschaften rund um den Erdball.

Wachsende Sprachlosigkeit

Das wirtschaftliche Wachstum der Gegenwart raubt den Menschen die Sprache. Menschenrechte und Demokratie sind nicht Bestandteil dieses Wachstumskonzepts. Vielmehr hebelt es demokratische Prozesse aus, indem z.B. übernationale Konzerne und Organisationen wie der IWF (Internationaler Währungsfonds) oder die WTO (Welthandelsorganisation) demokratisch gewählte Regierungsbeamte zu Geiseln ihrer Bestrebungen machen. Sprach- und Perspektivelosigkeit herrscht auch unter den einzelnen Menschen, die entweder im Hamsterrad der wirtschaftlichen Prosperität verstummen oder als Arbeislose in der Versenkung verschwinden.

Wachsende Sinnlosigkeit

Das wirtschaftliche Wachstum als Selbstzweck macht die Menschen zu Sklaven einer Ideologie, deren Versprechen sich mehr und mehr als Mythen erweisen. Es untergräbt nicht nur die regionalen wirtschaftlichen Grundlage, sondern auch das seelisch-geistige Fundament der einzelnen Menschen. Hoffnung, Sinn und Kreativität gehen verloren oder werden in rein materielle Bahnen gelenkt. Der Mensch wird zum konsumierenden Automaten, was ein grober Missbrauch seines Wesens ist.

* * *

Es ist keine Frage, vielmehr ein Gebot der Menschlichkeit – und der Logik –, dass dort, wo wirtschaftlicher Mangel herrscht, sehr wohl Wachstum stattfinden muss. Tatsache ist indessen, dass gerade dort – bei den Ärmsten – die Früchte des Wachstums nicht ankommen. Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen sind nicht entsprechend ausgebildet. Vielmehr sind sie heute so beschaffen, dass Wirtschaftswachstum gerade dort wieder nur einige wenige reich macht und ausbeuterische Verhältnisse zementiert.

Krebsartiges Wachstum

Stellt man bei einem lebenden Organismus ein solch sinnloses Wachstum fest, das gewachsene Strukturen zerstört und die Lebensgrundlage des ganzen Organismus gefährdet, bezeichnet man das als Krebs. Die Wucherungen stellen sich als überschiessende Lebenskraft dar – und sind doch zerstörerisch. Das Wirtschaftswachstum der heutigen Machart muss als krebsartiges Wachstum bezeichnet werden. Eine Therapie ist dringend angezeigt.


Fussnoten:

[1] Siehe Kurzbericht 2009 zu den Milleniums-Entwicklungszielen, S. 1. (PDF – 57 KB)
[2] Siehe zum Thema „Arbeit und Einkommen“ auch meinen Artikel Ketzerische Fragen zum Begriff der Arbeit.

Weiterführende Links:

  • Umfangreiche und hervorragende Textsammlung zu Wachstumskritik und Alternativen auf Attac.de
  • Texte aus Nicanor Perlas Buch „Die Globalisierung gestalten – Zivilgesellschaft, Kulturkraft und Dreigliederung“, dessen Lektüre mich zu diesem Artikel inspiriert hat.

Comments

  1. Hierhergekommen bin ich ja über den Artikel der Netzpiloten, wonach steigendes Wirtschaftswachstum überhaupt nicht mit verbesserter menschlicher Entwicklung einhergeht. (Link: http://www.netzpiloten.de/2010/11/08/wachstum-≠-fortschritt/) – Es würde mich interessieren, wie Dave diese Aussagen interpretiert.

    Insgesamt ein sehr cooler Artikel, der allerdings ein bißchen hoffnungslos macht, denn man kann sich nur schwer vorstellen, wie ein Umdenken vonstatten gehen soll, außer durch einen weltweiten Crash.

    Was die knappen Argrarflächen angeht: Es würde schon viel helfen, wenn auf der Welt (respektive in den Industriestaaten) einfach etwas weniger Fleisch gegessen würde (und ich bin beileibe kein Vegetarier!) – der größte Teil der Argrarflächen geht ja wohl für Tiernahrung drauf.

    Von 1950 bis 2006 ist die um 233% angestiegen, gleichzeitig ist der Fleischkonsum um 553% gewachsen. In jeder Gesellschaft, in der das Einkommen steigt, steigt auch der Fleischverbrauch, obwohl dies eine sehr ineffiziente Ernährungsweise darstellt. Für die Produktion von 1kg Rindfleisch werden durchschnittlich 16kg Getreide benötigt, was entsprechend den Energie- und Wasserbedarf belastet. (Quellen: Brown 2006, Milieudefensie “Voer tot nadenken”)

    Ein anderer Punkt, der vieles leichter machen würde, wäre auch eine Bremsung des weltweiten Bevölkerungswachstums. Aber ich habe keine großen Hoffnungen, dass der Mensch das tatsächlich irgendwann aktiv in den Griff bekommt, sondern dass es irgendwann wieder zu einem Kollaps kommt, der die Weltbevölkerung einfach wieder derart dezimiert, dass wieder genug Platz für den Rest ist.:-/

    • Werter Gomeck

      Besten Dank für den Besuch und den Kommentar! Da gebe ich Ihnen recht: Der Blick auf die wirtschaftlichen Verhältnisse und Entwicklungen stimmt nicht gerade hoffnungsfroh. Ich selbst bin allerdings alles andere als Pessimist. Was wir im Bereich der Wirtschaft erleben, ist meines Erachtens eine Vereinseitigung (in Richtung Egoismus und Materialismus, auch in Richtung Rücksichtslosigkeit), die auf die Spitze getrieben, geradezu ad absurdum geführt wird – und die im Bewusstsein vieler Menschen einen Raum öffnet, eine Art Sehnsucht, anders miteinander umzugehen, anders auch miteinander zu wirtschaften, vielleicht solidarischer, brüderlicher. Im Kleinen geschieht das ja schon vielenorts. Und das Erwachen der Zivilgesellschaft als dritte Kraft neben dem politischen und dem wirtschaftlichen Sektor ist ein untrügliches Zeichen, dass noch nicht Hopfen und Malz verloren ist. (Siehe dazu auch meinen Artikel Die Zivilgesellschaft als dritte globale Kraft.)

      Wie Sie sehe ich auch in der Bescheidenheit – die sich zum Beispiel im zurückhaltenden Fleischkonsum äussert, was eh gesünder ist – einen Schlüssel zur Gesundung unserer Gesellschaft. Allerdings kann man die nicht verordnen, sondern Bescheidenheit sollte Ausdruck des freien Willens jedes Einzelnen sein.

      Zum Bevölkerungswachstum (das man Ihrer Meinung nach bremsen sollte) habe ich eine etwas andere Meinung. Nicht die Überbevölkerung ist unser Hauptproblem, sondern die ungerechten Strukturen. Die Bevölkerung wächst dort am ungehemmtesten, wo die grösste Armut herrscht. Und das Wachstum normalisiert sich, sobald die Menschen unter würdigen Bedingungen leben können. Zudem führt es meines Erachtens zu grosser Unmenschlichkeit, wenn man das Bevölkerungswachstum regulieren will. Wer reguliert wen? Und mit welchen Mitteln? Und wenn gar völkische (ethnische) Gesichtspunkte herangezogen werden, sind wir im Faschismus.

      Ob es zu einem Kollaps kommt? Ich weiss es nicht – und hoffe es natürlich nicht. Der Mensch hat meines Erachtens das Potential, auf Herausforderungen vernünftig zu reagieren …

      Gruss – Walter

  2. @Dave:

    Kannst Du diese Aussagen über Bioprodukte irgendwie belegen und wo sind die Quellen, die das belegen ? Und glaubst Du das pestizidische Produkte besser sind, nur weil wirtschaftlich effizienter ? Hast Du mal gelesen, wie nordafrikanische Wanderarbeiter in Spanien bei 40 Grad Hitze unter Plastikplanen diese Pestizide zu Billigst-Löhnen versprühen dürfen, noch dazu ungeschützt ? Unsere liebe Erde (und ihre Bewohner) werden sich über diese Effizienz (bei Dir) bedanken….

    • @ haxtholm

      Der Preisunterschied zwischen Bio und ‚Normal‘ entsteht durch den geringeren Ertrag von Bioprodukten – weil eben Pestizide und Dünger sehr limitiert eingesetzt werden dürfen ist der Ressourcenaufwand für Bio grösser.

      Es ist auch eine Tatsache, dass Dünger das Wachstum der Pflanzen fördert. Auf der gleichen Anbaufläche sind ’normale‘ Produkte ertragsreicher und benötigen deshalb im Verhältnis auch weniger Wasser als Bioprodukte.

      Sicher ist Bio gesünder und ich habe absolut nichts dagegen. Es sollte nur mal ein Denkanstoss sein, da wir gerade über Nahrungsmittelknappheit schreiben. Einem Hungernden ist es wohl egal, wie seine Tomate gewachsen ist. Und Tatsache ist auch, dass wenn alle Bio anbauen, mehr Anbaufläche benötigt wird, um den selben Ertrag zu erzielen.

      Gruss
      Dave

  3. Nachtrag:
    Vor lauter ‚Gutmenschentum‘ scheinst du nicht zu merken, dass deine Position äusserst widersprüchlich ist, oder aber du kannst das Gesamtbild nicht sehen.

    Auf der einen Seite bemitleidest du die in die Slums ziehende Landbevölkerung. Im gleichen Atemzug bemängelst du die steigenden Agrarpreise!
    Aber wenn du das Gesamtbild vor Augen hättest, dann wüsstest du, dass durch die steigenden Agrarpreise Kapital aus den Städten, wo die reinen Konsumenten leben, aufs Land zu den Produzenten dieser Agrarrohstoffe fliessen wird – die Versorger auf dem Land werden dadurch ein besseres Leben haben.

    Leider kann man nicht tiefe Agrarpreise haben und gleichzeitig ‚reiche‘ Bauern‘. Du scheinst die einfachsten ökonomischen Zusammenhänge nicht zu sehen.

    Du schreibst an ‚haxtholm‘:“…die wirtschaftlichen Zusammenhänge sind schwer durchschaubar.“ Ich sage du versuchst sie erst gar nicht zu verstehen, weil bei dir für jedes Problem schon zum Vornherein klar ist, schuld ist das Wirtschaftssystem.

    Schönen Tag und Gruss
    Dave

    • Es gab Zeiten, da war Gutmenschentum noch kein Schimpfwort. Irgendwie bin ich alt geworden. Ich sehne mich nach diesen Zeiten zurück …

      Abgesehen davon bitte ich dich, sofort mit deinen Behauptungen zu meiner Person aufzuhören. Du wirst mir zu persönlich und verletzend. An diesem Punkt waren wir schon mal bei der Diskussion zum Artikel Ketzerische Fragen zum Begriff der Arbeit. Auf Diskussionen dieser Art habe ich absolut keine Lust. Und es fehlt mir die Zeit für solch fruchtlose Diskutierereien.

      • ‚Gutmenschentum‘ ist kein Schimpfwort. Heutzutage gibt es aber sehr viele VERMEINTLICHE Gutmenschen die – z. B. von Ökonomie – nicht viel verstehen (was auch du angedeutet hast) und trotzdem haben sie die angeblich tollsten Lösungen zu sämtlichen ökonomischen Problemen. Das ist meines Erachtens sehr fragwürdig. Die gesamten Behauptungen werden dann von diesen Gutmenschen mit Worten wie ‚ethisch‘, ’sozial‘ und ‚moralisch‘ unterlegt um an die Schuldgefühle der Empfänger dieser Botschaften zu appellieren. Mit fundierter Kenntnis hat dies wenig zu tun. Aber viele Menschen lassen sich mit solch untermauerten Behauptungen leichter überzeugen als mit Argumenten. Argumente scheinen heute sowieso nicht mehr so viel zu zählen. Leider sind Emotionen heutzutage die wichtigsten Entscheidungshilfen. ‚Logik‘ und ‚Rational‘ scheinen heute eher Schimpfworte zu sein, aber sicher nicht Gutmenschentum.

        Schade das du immer gleich alles viel zu persönlich nimmst, wenn deine Behauptungen auf den Kopf gestellt werden.

        Sorry
        Dave

        • Schau, Dave, ich finde es recht schwierig,

        • wenn du schreibst: (29.09.2010 auf 22:45) ... ich habe nie behauptet, dass es den indischen Bauern in den Slums besser gefällt.
          und in einem vorherigen Kommentar von dir steht: (28.09.2010 auf 22:50) Sie [die indischen Bauern] ziehen schliesslich freiwillig in die Slums (es sei denn ich hätte falsche Informationen).
          und im selben Kommentar: Egal was es ist, es behält sie dort [in den Slums] und lässt sie die Strapazen FREIWILLIG erdulden.
          Was ist jetzt – laut deiner Auffassung – richtig: Sind sie freiwillig in den Slums – oder nicht? Und wenn sie freiwillig in den Slums sind: Ist es nicht, weil es dort für sie besser ist, es ihnen also besser gefällt?
        • wenn du schreibst: (30.09.2010 auf 18:32) Schade das du immer gleich alles viel zu persönlich nimmst, wenn deine Behauptungen auf den Kopf gestellt werden.
          und in den vergangenen Kommentaren schreibst du: (30.09.2010 auf 07:16) Ich sage du versuchst sie [die wirtschaftlichen Zusammenhänge] erst gar nicht zu verstehen, ...
          und: (29.09.2010 auf 22:45) Für dich scheinen Veränderungen einfach nur schlecht zu sein.
          und im selben Kommentar: Du als Idealist bist da fern ab jeglicher praktischen Denkweise, ...
          Das sind nicht Behauptungen, die du auf den Kopf stellst, sondern Aussagen zu meiner Person – oder zumindest zu meiner Haltung, Aussagen, die ich als Angriff auf meine Person und deshalb als verletzend empfinde.
        • Wie ein Fisch bist du mit deiner Schreibe – nicht recht fassbar. Du verdrehst zudem meine Aussagen bis zur Unkenntlichkeit. Wäre das hier ein Forum, ich würde dich Troll nennen. Ich mag diese Art von Diskutiererei nicht. Sie schmerzt und ist anstrengend. Und sie führt nirgendwo hin. Drum bitte ich dich, tobe dich woanders aus. Es gibt weiss Gott genügend Möglichkeit in der Blogwelt.

  • Aber sicher ist „Gutmenschentum“ als Beleidigung gedacht.

    Wird zwar inzwischen von mir als Ehrentitel geführt, aber gemeint war das vom Wortschöpfer bestimmt nicht so.

    Der war übrigens Göbbels in “ Der Stürmer“ von 1941.

    Er wollte damit Gegner der Euthanasie beleidigen.

    Denk mal drüber nach, bevor du das Wort das nächste mal benutzen willst.

  • Lieber Walter, ich habe nie behauptet, dass es den indischen Bauern in den Slums besser gefällt.
    Aber glaubst du das all die Menschen in den Slums komplette Vollidioten sind? Du fragst dich warum? Deiner Meinung nach würde es ihnen ja viel besser gehen, würden sie nach deinen Vorstellungen der Subsistenzwirtschaft leben. Sie geben das gute Leben aber auf, nur um in den aussichtslosen Slums zu wohnen – sie müssen deshalb verrückt sein!

    Zum eigentlichen Problem:
    In Indien macht der Agrarsektor 28% des BIP aus. In der Schweiz ist dieser Anteil bei winzigen 1.5% des BIP. Solche Verhältnisse gab es hier vor nicht allzu langer Zeit ebenfalls (hier kommt wieder die Geschichte ins Spiel). Heute gewinnen Industrie- und Dienstleistungssektoren auch in Indien zunehmend an Bedeutung. Das heisst der Agrarsektor wird im Verhältnis zurückgehen.
    Grosse Teile der indischen Landwirtschaft sind sehr unterentwickelt und kaum mechanisiert. Sollen diese Bauern in 1’000 Jahren noch sämtliche Arbeiten von Hand entrichten, nur damit sie deinem Wunschdenken der Subsistenzwirtschaft entsprechen?
    Ich weiss nicht ob du historische Erfahrungen generell ablehnst, oder ob du diese Gesamtzusammenhänge einfach nicht sehen willst oder kannst? Für dich scheinen Veränderungen einfach nur schlecht zu sein. Kurzfristig mag das tatsächlich auch zutreffen, aber leider verlierst du dabei das Gesamtbild aus den Augen. Die Ursachen sind bei dir ebenfalls sehr schnell gefunden.

    Du kannst ja wohl nicht ernsthaft glauben, dass der Aufbau der städtischen Infrastruktur im selben Tempo wachsen kann, wie die Menschen vom Lande in die Städte ziehen? Das ist ein Ding der Unmöglichkeit und so entstehen ‚kurzfristig‘ Slums! Die Realität sieht nun mal anders aus als du gerne hättest. Sie aber durch idealistische Gedanken zu verneinen wird kaum ein Problem lösen. Schliesslich kann nicht jeder Bauer vom Lande in die Stadt ziehen und sofort ein fix fertiges, erschlossenes und möbliertes Eigenheim vorfinden und die passende Arbeit gleich dazu. Unser Universum ist nun mal chaotisch. Es dauert seine Zeit bis Missstände korrigiert werden können.

    Aber in Indien eröffnen sich für viele Menschen extrem viel neue Chancen – und man wird diese nutzen. Hier bin ich eben Realist. Du als Idealist bist da fern ab jeglicher praktischen Denkweise, wenn du glaubst solche langwierigen Veränderungen könnten problemlos vonstatten gehen und die Welt hätte nur auf deine Lösungsvorschläge gewartet. Die Inder sind nicht dumm! Sie werden ihre Probleme meistern. Dazu brauchen sie weder mich, noch dich, oder sonst irgend einen besserwissenden ‚Gutmenschen‘ aus dem Westen.

    Noch schnell zu den Nahrungsmitteln:
    ‚haxtholm‘ hat Bioprodukte angesprochen und hierzu habe ich noch einige Gedanken die ich mit dir teilen möchte. Bioprodukte benötigen durch den reduzierten Pestizideinsatz viel mehr Anbaufläche um den selben Ertrag zu erzielen wie herkömmliche Nahrungsmittel. Und durch den reduzierten Düngereinsatz benötigen Bioprodukte auch viel mehr Wasser. Bio ist mit anderen Worten INEFFIZIENT! Angesichts der diskutierten Probleme sollte man skeptisch gegenüber Bioprodukte sein, da dadurch wichtige Anbauflächen und kostbares Wasser unnötig ‚verschwendet‘ werden.

    Deine Meinung dazu interessiert mich besonders. Gruss.
    Dave

  • Lieber Walter, danke für deine Antwort.

    Ich muss dir zustimmen: Es kann nicht sein, dass wir stets konsumieren sollen damit die Wirtschaft am ‚Leben‘ bleibt. Wenn man aber z. B. den Blog in der NYT von Paul Krugman verfolgt (den Nobelpreisträger), dann vertritt dieser genau jene Theorie. Schulden scheint er nicht zu kennen, Hauptsache es wird konsumiert. Der Staat soll konsumieren, der Bürger, die Unternehmen… Alle sollen wir konsumieren.
    Wie du schon gesagt hast:“Die Wirtschaft soll dem Menschen dienen.“ Wenn der Mensch nicht mehr konsumieren will und kann, dann muss sich die Wirtschaft darauf einstellen – der Staat soll und darf den Konsum nicht künstlich fördern. Aber seit der grossen Depression sind solche Förderungsmassnahmen zur Stabilisierung der Wirtschaft gang und gäbe. Man muss sich aber im Klaren sein, eine Wirtschaft in der der Konsum nicht künstlich am Leben erhalten wird immer Phasen der Rezession haben (eigentlich nicht anders als jetzt auch!).

    Bei den indischen Bauern bin ich mir nicht ganz so sicher. Sie ziehen schliesslich freiwillig in die Slums (es sei denn ich hätte falsche Informationen). Entweder leben sie dort tatsächlich besser als auf dem Lande, oder aber sie hoffen in den Städten längerfristig ein besseres Leben führen zu können. Egal was es ist, es behält sie dort und lässt sie die Strapazen FREIWILLIG erdulden. Es geht hier wohl darum, aus zwei Übeln das kleinere zu wählen. Man muss aber auch sehen, wie viele Menschen in Indien (und China, Brasilien etc.) Jahr für Jahr aus der Armut kommen.

    In der Tat gibt es in der Agrarwirtschaft strukturelle Probleme. Diese sind aber „künstlicher Natur“ – durch staatliche Förderung (Subventionen). Tatsache ist auch, dass es heute genügend Nahrungsmittel für rund 7 Mia. Menschen gibt, ungeachtet der Verteilung.

    Reichtum ist relativ! Nehmen wir die unzähligen Stämme von Ureinwohnern. Sie sind allesamt Selbstversorger, kennen kein Geld, kein iPhone etc. Sind sie arm? Wenn man sie mit unserem Lebensstandard vergleicht, dann muss ich zugeben sind sie arm an materiellen Dingen. Für mich ist das aber keine Armut.
    Natürlich ist auch Armut grösstenteils hausgemacht und zwar von der UNO und Entwicklungshilfe. Die letzten 50 Jahre Entwicklungshilfe hat Menschen in den unwirklichsten Regionen dieser Erde durchgefüttert, welche unter Umständen, aufgrund des knappen Nahrungsangebots, wohl gar nicht erst Geboren worden wären. Diese Menschen, die am Tropfen der Entwicklungshilfe hängen, sind auf Gedeih und Verderb von der UNO abhängig. Die sind in der Tat arm! Sie (über)leben in den unterentwickeltsten Regionen, ohne Infrastruktur und ohne nichts. Und wenn es Infrastruktur gibt, dann wurde diese ebenfalls von der Entwicklungshilfe errichtet.

    Ich sehe mich nicht als Fatalist, aber als Realist. Ich glaube auch nicht an das Schicksal oder das Gottgegebene. Geschichte wird von aussergewöhnlichen Ereignissen geprägt und von Individuen geschrieben. Es sind also Individuen und unvorhergesehene Ereignisse (dazu gehören auch Zufallserfindungen und Zufallsentdeckungen) die aus der Welt das machen was sie ist. Man kann aus der Geschichte höchstens Trends erkennen, zumindest kurzfristig.
    Vielleicht finden wir uns da: Fortschritt, und die Fähigkeit zu lernen, ist nicht stetig. Es gibt also Perioden wo die Menschheit still steht. Vermutlich befinden wir uns gerade jetzt an so einem Punkt – nichts geht mehr. Man lernt nicht zwangsweise aus der Gesichte – vielleicht weil man die Ursachen falsch ermittelt hat und dieser falsche Glaube sich als Wahrheit etabliert hat. Es ist auch schwer, Fehler zuzugeben. Politiker neigen stark dazu, ihre eigenen Fehler zu vertuschen. Deshalb vielleicht dieser Stillstand und deshalb all das vermeintliche Elend. Ich denke aber eben, dies ist nur eine vorübergehende Phase und bin zumindest langfristig positiv eingestellt.

    Es grüsst dich
    Dave

    • Zuweilen habe ich in der Diskussion mit dir, Dave, den Eindruck, als lebten wir nicht auf demselben Planeten. Dass die indischen Bauern freiwillig in die Slums ziehen, weil es ihnen dort halt besser gefällt, finde ich eine recht happige Behauptung. Es ist meines Erachtens hauptsächlich die Not und die Chancenlosigkeit an ihrem angestammten Ort, was sie veranlasst, ihre Heimat zu verlassen. Die Liberalisierung der Landwirtschaft und damit die Zerstörung der kleinflächigen Subsistenwirtschaft ist dafür ein wichtiger Grund.

      Auch dass wir uns – als Menschheit – in einer Phase des Stillstands befänden, kann ich kaum nachvollziehen – höchstens in dem Sinne, dass seit Jahren stets dieselben Rezepte angewandt werden. Und wenn was schiefläuft – Beispiel Finanzkrise –, ruft man nach den alten Rezepten. Diese sollen jetzt aber konsequenter, radikaler angewandt werden. Das ist Zwängerei und ein Denken mit Scheuklappen, eine Art blinde Erlösungssehnsucht, wie ich es noch vor nicht allzu langer Zeit nicht für möglich gehalten hätte.

      Dass du, zumindest langfristig, Licht am Horizont siehst, freut mich hingegen. Mir geht es nämlich auch so – ganz im Sinne: Wo viel Schatten ist, ist auch viel Licht. Und womöglich meinen wir ja dasselbe Licht.

      Gruss – Walter

  • Vielen Dank für den sehr lesenswerten Artikel, der auch durch den letzten Kommentar noch elaboriert wurde. Die Problematik hinter diesen Zusammenhängen ist allerdings äusserst kompliziert und verwirrend (geworden). Auch auf der Unternehmerseite (ich spreche jetzt nicht von den Konzernen) hat sich gerade in den letzten Jahrzehnten viel getan, angesichts eines immer grösser werdenden Konkurrenzdrucks konnten nur die Fähigsten überleben, nämlich die, welche flexibel auf die veränderten Situationen am Markt reagierten und auch in Krisensituationen nicht von ihren Gläubigern, sprich den Banken, geschluckt wurden. Wachstum oder Fusion war da für mittelständische Unternehmen oft die einzige Chance zum Überleben. Was den Handel angeht, so haben hier die kleinen Läden leider nicht überlebt (man denke nur noch mal in die 60er Jahre zurück, wo wir noch beim Kaufmann um die Ecke auf winzigem Raum einkauften); mittlerweile haben sich aber wieder solche kleine Läden etablieren können, die durch individuelle Angebote oder „Bio“ in eine bislang von den Grossen nicht angebotene Marktlücke schlüpften. Doch schon ziehen die Grossen da auch nach, „Bio“ gibt es ja schon beim Discounter. Und in der Landwirtschaft haben sich auch die kleinen Höfe wieder eine Nische am Markt zurückerobern können; ich denke da nur an die vielen Demeter-Bewirtschaftungen, die mittlerweile schon weltweit nach biologisch-dynamischen Methoden arbeiten, übrigens auch im Weinbau. Da geht es denn nicht um Menge, sondern um Qualität. Allerdings hat diese Qualität dann auch ihren Preis – einen Preis, der dann wieder nur von den Besser-Verdienenden bezahlt werden kann. Wo viel Handarbeit erforderlich ist, fallen eben auch entsprechende Kosten an.
    Ich wollte dies nur mal kurz von der unternehmerischen Seite darstellen.
    Also wenn wir die grossen Blöcke ansehen: Produzenten, Handel, Dienstleister, Banken, Konsumenten (Arbeitende und Arbeitslose) und die Regierungen dabei nicht vergessen, dann zeigt sich doch momentan ein Bild, dass beinah auf der ganzen Welt nach dem Muster der Massenproduktion gewirtschaftet wird, mit der Maxime der Gewinnmaximierung. Zudem befinden sich die Grossen noch in den Händen vieler: Aktiengesellschaften, deren „Eigentümer“ rein egoistische Interessen vertreten, das Kapital selber wird anonym. Und es erschallt dann überall der Ruf nach Wachstum und die Mär vom wachsenden Wohlstand aller durch eben dieses Wachstum. Unsere Regierungen verkünden uns das dauernd – oder unsere von den Regierungen gesteuerten Medien. Unsere westlichen Medien sind eben trotz diverser Polit-Magazine und Kabarettisten nicht viel besser als die Medien autoritärer Staaten. Dieses Wachstum und seine Theorien sind eben nicht nur ein Krebsgeschwulst, sondern auch eine gewaltige Lügen-Maschine. Und der Eine und Andere fragt sich auch langsam, wer eigentlich hinter unseren Regierungen steht und sie steuert. Dass immer mehr Dinge entschieden werden, die von einem grossen Teil der Bevölkerung abgelehnt werden, ist doch merkwürdig.
    Dazu kommt die enorme Verschuldung der Staaten, stets wachsende Ausgaben im Bereich des Gesundheitswesens, die Gefährdung der Rentensysteme.
    In Deutschland redet man ja so gerne von der Sozialgemeinschaft (die auch immer mehr ausgehöhlt wird). Aber eine solche Sozialgemeinschaft kann nicht auf den Rücken Weniger verteilt sein. Der Einsatz von Robotern, Maschinen, Massenentlassungen, und die Folgen, das kann doch nicht allein auf dem Staatsapparat hängen bleiben. Doch selbst einzelne Staaten könnten hier nichts ändern, wenn das nicht weltweit greift.
    Ich denke, dass wir momentan auf dem Tiger reiten und der Sturz ganz schnell kommen kann. Und ich denke auch, dass diese Zusammenhänge und Machenschaften, selbst wenn sie aufgedeckt werden, für den Menschen gar nicht mehr verständlich sind. Man muss scheinbar im Nachhinein Volkswirtschaft studieren, um zu kapieren, was es eigentlich los ist. Und wenn man das dann endlich verstanden hat -oder auch nur Bruchstücke davon – dann kann man doch nur noch deprimiert resignieren.
    Aber die Lügen, die sollten zumindest aufgedeckt werden, die Lügen, die von argloser Kosmetik verstellt werden, die Lügen , die immer grösser werden und sehr sympathische Stimmen und Gesichter haben und die bei der nächsten „Wahl“ dann schon ihre Prozente einfahren werden.
    Ich bin da äusserst pessimistisch…

    • Danke, Haxtholm, für deine Sicht der Dinge! Es ist richtig: es gibt keine einfachen Antworten oder Rezepte, wie man den Tiger reiten kann, ohne hinunterzufallen. Und die wirtschaftlichen Zusammenhänge sind schwer durchschaubar. Darum können ja Theorien wie der (Neo-)Liberalismus rein argumentativ kaum widerlegt werden. Das muss schon die Wirklichkeit übernehmen – leider …

      Doch bitte nicht resignieren, Haxtholm! Es lohnt sich, dem etwas entgegenzuhalten. Und sei es zunächst nur, indem man die Wirklichkeit anders denkt oder von mir aus auch anders träumt – oder indem man ihr einen Kuss auf die Stirn drückt.

  • Lieber Walter, der Millenniumsbericht zeigt das Versagen der UNO und der Entwicklungshilfe auf und hat wenig mit Wachstums- Wahn zutun.

    Die Weltbevölkerung hat sich in den letzten 40 Jahren verdoppelt. Im gleichen Zeitraum sind die Nahrungsmittelpreise um 90% gefallen. Noch nie in der 150 Tsd. jährigen Menschheitsgeschichte musste man einen so geringen Anteil vom Einkommen (Leistung) für Nahrungsmittel aufbringen. Angesichts dessen müsste man sagen, dass Nahrungsmittel (im historischen Vergleich) viel zu billig sind und uns noch härtere Zeiten bevorstehen werden! Eine ‚Hungerkatastrophe‘ ist also vorprogrammiert. Sie konnte bisher nur abgewendet werden, weil die Landwirtschaft im selben Zeitraum eine erhebliche Effizienzsteigerung erlebt hat. Diese könnte aber bald einmal an ihre Grenzen stossen (jedenfalls kurzfristig).

    Die Bürokraten der UNO haben nicht verstanden, dass sich Hunger (aber auch Krankheiten) nicht einfach nur durch das Verwalten dieser Missstände beheben lässt.

    Leider ist unser Leben viel zu komplex als dass sich alle Probleme der Menschheit auf eine einzige Ursache (Wirtschaftswachstum) zurückverfolgen lassen.

    Es wird wohl niemand behaupten, dass dies eine perfekte Welt ist in der wir leben. Aber historisch betrachtet ist es die perfekteste Welt in der wir leben. Das wird leider nur allzu oft vergessen, da die meisten von uns in stetig steigendem Wohlstand aufgewachsen sind. Wir haben dadurch den Realitätssinn, die Verhältnismässigkeit der Situation, verloren. Reichtum und Armut sind relativ – da ändern auch Statistiken nichts dran.

    Zur ‚wachsenden Entwurzelung‘: Man kann gemeinschaftliche Prinzipien nicht auf die Gesellschaft übertragen. Leider wird dieser Denkfehler sehr oft begangen. Alles was eine Gemeinschaft ausmacht und dort funktioniert ist nicht zwangsweise für die Gesellschaft tauglich. Das scheinen viele Mitmenschen nicht zu kapieren.
    Der Mensch lebte bis vor kurzem nur in Gemeinschaften (50 bis max. 500 Menschen). In einer Gemeinschaft kennt jeder jeden. Es herrschte vorwiegend Schenkwirtschaft oder Tauschhandel. In einer personalisierten Gemeinschaft sind Recht und Moral sehr einfach für alle Mitglieder durchsetzbar. Wer damals die Regeln der Gemeinschaft brach wurde oft mit Verbannung bestraft, was einem Todesurteil gleich kam.
    In der Gesellschaft wiederum ist die Verbannung kein wirksames Mittel zur ‚Bestrafung‘. In der Anonymität der Gesellschaft sind Recht und Moral faktisch nur sehr schwer durchzusetzen und somit ändert sich dieses Verständnis zusehends. Eine ‚Verwässerung‘ findet statt. Man hat durch die Anonymität die ‚Kontrolle‘ verloren.
    Es ist nur eine logische Folge, dass sich Egoismus, Materialismus etc. weiter ausbreiten. In der anonymen Gesellschaft KANN sich eben nicht jeder um jeden kümmern (nicht nur aus mangelndem Interesse).

    Grüsse
    Dave

    • Werter Dave

      Das ist richtig: Es lassen sich nicht alle Missstände und Probleme dieser Welt auf das Wirtschaftswachstum zurückführen. Vielmehr sind es weitgehend die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen, die das Wirtschaftswachstum in der heutigen Ausprägung in eine absurde Richtung lenken. Es kann doch z.B. nicht sein, dass wir hier, in der westlichen Welt, möglichst viel konsumieren müssen – und immer mehr –, damit das Wachstum gestärkt wird und wir nicht (wirtschaftlich) untergehen. Das ist absurd. Wir haben doch alles in Überfülle. Weniger wäre mehr – und gesünder für alle Beteiligten und für die Umwelt.

      Es kann doch nicht sein, dass im Zuge des Wachstumswahns im Agrarsektor, die regionale Landwirtschaft z.B. in Indien, aber auch in Afrika zerstört, d.h. unrentabel wird, was Millionen von Subsistenz-Bauernfamilien in die Slums der Städte treibt, ohne Aussicht auf ein würdiges Leben. Zudem wird die ganze Ernährungssouveränität der so entvölkerten Regionen untergraben, ja aufgehoben .

      Es kann doch nicht sein, dass die Firmen immer grösser werden müssen, damit sie wirtschaftlich überhaupt überleben können. Andernfalls werden sie geschluckt, womöglich filetiert (= die rentabelsten Teile herausgeschnitten) und wieder ausgespuckt, d.h. liquidiert.

      Zu den Nahrungsmittelpreisen: Das ist richtig: Für uns Westeuropäer sind die Nahrungsmittelpreise im Verhältnis zur Kaufkraft resp. zu den monatlichen Gesamtausgaben zu billig – besonders wenn man bedenkt, dass bei „billigen“ Nahrungsmitteln viele Kosten (Transport, ökologische Folgen wegen Ausbeutung des Bodens, nicht angemessene Lohnkosten, z.B. in Almeria, Südspanien, siehe hier) einfach externalisiert, also durch die Allgemeinheit getragen werden. Für viele Menschen in südlichen Ländern sind sie aber zu teuer, und zwar schlicht weil sie sich die Nahrungsmittel nicht oder kaum leisten können. Da hilft der Blick in die Geschichte auch nicht weiter. Zudem bin ich dezidiert der Auffassung, dass die Wirtschaft dem Menschen zu dienen hat – und nicht umgekehrt. Die Nahrungsmittelknappheit ist – global gesehen – nicht eine Frage der fehlenden Produktion, sondern der unangemessenen Verteilung, also wieder ein Strukturproblem.

      Zu „Reichtum und Armut ist relativ“: Mag sein. Doch extreme Armut – und etwa 1 Mia. Menschen lebt in extremer Armut – ist für unsere heutige Menschheit eine Schande – und Mord, von mir aus auch „relativer Mord“ …

      Du neigst – wenn ich dich richtig verstehe – dazu, werter Dave, den heutigen Zustand der Menschheit, der Wirtschaft, der Gesellschaft usw. als Ergebnis der geschichtlichen Entwicklung zu betrachten, gleichsam als Produkt der Vergangenheit – und als Schicksal. Ich hingegen betrachte den heutigen Zustand als menschengemacht, als Produkt seiner Intentionen und Interessen. Und ich bin überzeugt, dass der Mensch – dass wir das Potential haben, unsere Gegenwart sinnvoll einzurichten. Während ich ein Idealist bin, bist du vielleicht ein Fatalist. Vielleicht finden wir uns ja irgendwo.

      Jedenfalls danke ich dir, dass du dir die Mühe gemacht hast, meinen Text zu kommentierten.

      Beste Grüsse – Walter

  • Hallo Walter,

    da hast Du ja wieder einen schönen Artikel geschrieben – Kompliment ! Ja, es läuft einiges schief in unserem Land – und zwar ganz gewaltig.

    Und vielen Dank für Deine CC Lizenz, ich werde wie üblich davon Gebrauch machen.

    Viele Grüße
    Julie

    • Hoi Julie

      Danke fürs Kompliment! Geht runter wie Butter … Ja, nicht nur in diesen unseren Ländern geht etwas schief. Der Wahn ist globalisiert. (Übrigens bin ich ein Anhänger der Globalisierung, aber einer anderen. Siehe: Für die Globalisierung.)

      Es freut mich, wenn du den Text auf denem Blog veröffentlichst.

      Liebe Grüsse – Walter

  • Trackbacks

    1. […] 2009 zwischen 55 und 90 Millionen Menschen zusätzlich in die extreme Armut getrieben werden.“[1] Diese Zahlenbeispiele zeigen – und es ließen sich viele weitere finden –, dass zumindest das […]

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