Beim Lesen von Fernando Pessoa

Beim Lesen von Fernando Pessoa (in Übersetzung): Immer wieder zutiefst beeindruckt von seiner traurigen Genialität. Ich kenne kaum einen anderen Dichter, der – in poetischer Art – so tief in das Wesen der Dinge eindringt wie Pessoa – und der gleichzeitig so wenig darauf abzielt, ins Wesen der Dinge einzudringen. Ich kenne kaum einen Dichter, dem das Gewöhnliche, der Alltag Anlass für Gedankenflüge in so atemberaubende Geisteshöhen ist und der doch im Alltäglichen Zuflucht sucht, um in jenen sauerstoffarmen Höhen nicht vorzeitig das Leben zu verlieren.

Ein Beispiel:

„Welch wollüstig […], übersinnliches Vergnügen, bisweilen nachts durch die Straßen der Stadt zu streifen und von meiner Seele aus die Häuserzeilen zu betrachten, die unterschiedlichen Bauwerke, die architektonischen Details, das Licht in Fenstern, die Blumentöpfe, die jeden Balkon anders erscheinen lassen – welch unmittelbare, große Freude empfinde ich, wenn beim Anblick all dessen über die Lippen meines Bewußtseins der erlösende Schrei kommt: Nichts, nichts von alledem ist wirklich!“

Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares; Übersetzung aus dem Portugiesischen: Inés Koebel, Amman Verlag 2006, S. 228

Comments

  1. Ja, das Buch der Unruhe ist eins der tiefsten Bücher überhaupt. Faszinierend, dass es überhaupt publiziert wurde – vermutlich macht genau diese Unabsichtlichkeit die Ehrlichkeit und Tiefe von Pessoas Schriften aus: Es ist nicht für andere geschrieben. Es klingt sicherlich zu pathetisch, wenn ich sage, dass dieses Buch mich gerettet hat, aber es ist tatsächlich so. Ich bekam es geschenkt, eher beiläufig, vor Jahren, als es mir überhaupt nicht gut ging.

    Beim Lesen fühlte ich, dass ich nicht allein damit bin, dass ich mich fremd in meinem Leben fühle, und dann doch wieder so intim mit der Welt, mit den Dingen, zu denen ich eine ganz eigene, ganz besondere Beziehung haben kann, ohne dass sie mir deshalb näher kommen müssten. Denken und fühlen, leben und leiden, wissen und trotzdem leben.

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