Zum Spannungsfeld Kunst – Politik

„Eindringling“

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Schon immer versuchten Kunst und Politik, aufeinander Einfluss zu nehmen. Die Kunst, indem sie in ihren Werken die gesellschaftlichen Verhältnisse widerspiegelt, die Politik, indem sie der Kunst ihren Stempel aufzudrücken sucht. Ein paar grundsätzliche Überlegungen dazu und ein paar Beispiele.

Kunst und Politik leben in einem Spannungsverhältnis, wie es einseitiger nicht sein könnte. Seit jeher versucht die Politik, der Staat, das künstlerische Schaffen in seinen Dienst zu stellen. Zensur ist nur der grobschlächtigste Ausdruck solcher Bemühungen. Etwas feinsinniger geht es zu bei der Vergabe von staatlichen Geldern an Künstler und ihre Werke.

Affäre Hirschhorn
Die Affäre Hirschhorn ist hierzu ein Lehrstück: Nachdem Thomas Hirschhorn 2004 im Schweizer Kulturzentrum Paris eine provokative Installation zum Schweizer Selbstverständnis ausgestellt hatte (Swiss-Swiss Democracy), finanziert durch die Kulturstiftung Pro Helvetia, einer von der Schweizerischen Eidgenossenschaft alimentierten, aber „unabhängigen“ Subventionsmaschine, kam es zur Debatte im Parlament, worauf die Pro Helvetia mit einer Kürzung der jährlichen Gelder abgestraft wurde.

Doch es gibt auch weniger plakative Beispiele, etwa wenn staatliche Kulturleitbilder neu formuliert werden, zum Beispiel aktuell in Basel: Wenn darin neu zu stehen kommt: „Gefördert wird, was messbare Auswirkungen […] auf das Gemeinwesen hat“, so ist die Instrumentalisierung der Kunst für staatliche Zwecke – hier im Sinne eines Standortmarketings – ganz offensichtlich. (Eine kurze, kritische Würdigung findet sich hier.)

Abbild gesellschaftlicher Widersprüche
Im Zentrum des Interesses soll hier aber die Einflussnahme der Kunst auf die Politik stehen. Dazu zählt zunächst der kritische Blick der Kunst auf die Gegenwart (oder die Vergangenheit). Protestlieder, unzählige Romane, aber auch manche Werke der bildenden Kunst zeugen von dieser kreativen Reflexion gegenüber Politik und Gesellschaft. Oft bilden sie gesellschaftliche Widersprüche ab und regen zum Denken an.

Über ihren unmittelbaren politischen Einfluss auf den Lauf der Dinge kann man sich allerdings streiten. Denn bei vielen Künstlern hat der künstlerische Ausdruck Vorrang vor dem politischen Ziel. Einem allzu pamphletischen Kunstwerk wird deshalb oft das Prädikat „Kunst“ abgesprochen – weil die Kunst grundsätzlich nicht instrumentalisiert werden kann, ohne dass sich das eigentliche Künstlerische zurückzuziehen droht, sich versteckt oder gar ganz verflüchtigt. Das gilt für forciert politische Kunst ebenso wie für forciert kommerzielle Kunst.

Symbol versus politische Veränderung
Es verwundert deshalb wenig, wenn „echte“, aber kritische Kunst von politisch Bewegten oft als bloss dekoratives Element wahrgenommen wird, als Ornament ohne eigentliche politischen Inhalte, nicht selten sogar als elitär. Doch die Kunst kann nicht anders, als (bloss) „symbolisch“ einzugreifen, und stellt sich so der politischen Praxis gegenüber, die ganz konkret verändern will.

Dazwischen liegt ein reiches Experimentierfeld, das in der Vergangenheit ebenso wie heute von vielen KünstlerInnen ausgelotet wurde und wird. Stichworte und Namen aus der Vergangenheit dazu: Dadaismus, Wiener Aktionismus, Joseph Beuys, Hans Haacke.

Als Beispiele für künstlerische Interventionen der Gegenwart im Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik seien hier zwei Projekte besonders hervorgehoben: die Künstlergruppe WochenKlausur und das Kunstprojekt „Hacking the City“:

WochenKlausur
Die Künstlergruppe WochenKlausur entwickelt – meist auf Anfrage – kleinere, aber konkret wirksame Projekte mit dem Ziel, gesellschaftspolitische Defizite zu verringern. Diese Vorhaben, zum Beispiel die Gründung einer Gesprächsplattform zur Stadtpolitik in Den Haag, setzt die Künstlergruppe innerhalb eines festen Zeitrahmens auch selber um. Meistens sind das mehrere Wochen Vollzeieinsatz. Daher rührt auch ihr Name. Weitere Beispiele sind der Aufbau eines Programmkinos für MigrantInnen in Limerick, Irland, und die Verbesserung der Schubhaftbedingungen in Salzburg, Österreich. Die Gruppe handelt nicht zuletzt aus der Erkenntnis, dass sich mit Kunst nicht die ganze Welt verändern lässt, sehr wohl aber klar definierte Ziele erreicht werden können, Ziele, die sich womöglich ohne die spezifisch künstlerischen Techniken, angewandt auf das gesellschaftspolitische Ziel, nicht erreichen lassen. Die Webseite der Künstlergruppe sei besonders empfohlen, da sie in prägnanter Form weitere grundsätzliche Überlegungen zum Thema enthält.

Hacking the City
Etwas anders gelagert und doch mit einer ähnlichen Zielsetzung ist das experimentelle Ausstellungsprojekt Hacking the City, das vom 16. Juli bis 26. September 2010 im Museum Folkwang in Hessen stattfand. In einem Projektraum des Museums wurden künstlerische Aktionen und Präsentationen im öffentlichen Raum der Stadt Essen sowie im Internet dokumentiert. Bildende Künstler, Web-Designer, Street-Artisten und Musiker übten mit künstlerischen Mitteln Kritik an Konsumkultur und ihre Werbehoheit, an demokratischer Gleichgültigkeit und der zunehmenden Privatisierung des öffentlichen Raums der Stadt. Unterschiedlichste Formen des öffentlichen Handelns, der Intervention, werden als kulturelles Hacking verstanden, mit dem Ziel zu irritieren, ja, den „Normalbetrieb“ zu stören. So inszenierte Georg Winter eine „kleine Katastrophe“ in Hessen, indem er ein selbst aufgebautes Holzgebäude zum Einsturz brachte. Und Peter Bux inszenierte mit einigem materiellen Aufwand die Zwangsräumung einer Einzimmerwohnung. Auf einem Blog werden laufend kulturelle Hackings auf der ganzen Welt dokumentiert.

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Beide Kunstprojekte stehen an einem anderen Ort im Spannungsfeld zwischen künstlerischer, also symbolischer, und politischer Praxis, die konkret verändern will. Sie illustrieren auf je eigene Weise die Möglichkeiten der Kunst, das Spannungsverhältnis zwischen Kunst und Politik ein klein wenig in Richtung Kunst zu verschieben.

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Fotonachweis: discha13, „Eindringling“
CC-Lizenz
Quelle: www.piqs.de

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