Chen Guangcheng: chinesischer Dissident – und blind

Der Mut und die Unbeugsamkeit mancher Menschen ist zutiefst beeindruckend. Und nur dank dieser Menschen ist eine Weiterentwicklung hin zu einer menschlicheren Gesellschaft überhaupt denkbar. Sie sind wie Leuchttürme vor den Küsten eines fast schon in Vergessenheit geratenen Kontinents der Menschlichkeit, der Solidarität und der Verwirklichung des Traums „Menschheit“ als gemeinsame Vision. Und wir sind Bootsflüchtlinge in einer von Egoismus und Gewalt zerwühlten See, dem sicheren Untergang geweiht, wenn da nicht die Leuchttürme wären.

Chen Guangcheng, der chinesische Dissident, ist so ein Leuchtturm. 1971 geboren und seit früher Kindheit blind, setzte er sich während vieler Jahre gegen die menschenverachtende Ein-Kind-Politik der chinesischen Regierung ein, indem er Dorfbewohner in der ostchinesischen Provinz Shandong juristisch beriet, die sich gegen Zwangssterilisationen und erzwungene Schwangerschaftsabbrüche zur Wehr setzten. Das rechtliche Rüstzeug dazu eignete er sich im Selbststudium an, wohl nicht zuletzt weil ein blinder junger Mensch in der Provinz kaum Chancen auf eine höhere Ausbildung hat.

Natürlich geriet Chen Guangcheng durch sein Engagement ins Visier der lokalen Behörden und wurde nach längerer Zeit des Hausarests zu vier Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt – wegen „vorsätzlicher Zerstörung von Gemeineigentum und der Behinderung des Strassenverkehrs“. In der Haft wurde er im Auftrag der Gefängnisaufseher von seinen Mitgefangenen aufs brutalste zusammengeschlagen, weil er sich weigerte, sich den Kopf kahl scheren zu lassen, was in China als Kennzeichnung von Verbrechern gilt. Aus Protest trat er darauf in Hungerstreik. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im September 2010 wurde Chen Guangcheng sofort wieder unter Hausarrest gestellt und wird seitdem durch die chinesischen Behörden und durch eigens für ihn abbestellte Sicherheitsbeamte aufs gröbste schikaniert. Diese „Beamte“ haben vor kurzem Journalisten von Le Monde, Le Nouvel Observateur und des Radiosenders RFI daran gehindert, den Dissidenten in seinem Haus zu besuchen.[1] Seit Jahren setzen sich Amnesty International und Human Rights Watch für ihn ein.

Im Jahr 2002 soll der blinde Dissident gesagt haben: „Ich will für die Menschen, die nie das Licht der Gerechtigkeit gesehen haben, eine Lampe anzünden – und koste es mich mein ganzes Leben.“

Wahrlich ein Leuchtturm! Und was besonders beeindruckt: Ein blinder Sehender stellt sich aus innerster Überzeugung gegen sehende Blinde – trotz Verurteilung und Einschüchterung, trotz gröbster Gewalt und Isolation.


Fussnote:

[1] Siehe Meldung AFP ((Link nicht mehr verfügbar))

Weiterführende Links:

Bild via http://www.amnesty.fr/

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