Interkultur statt Multikulti

Die Globalisierung ist eine Tatsache. Und damit auch die gegenseitige Durchdringung der Völker und Kulturen. Es ist deshalb ein Gebot der Sachlichkeit – und der Menschlichkeit, vor diesen Tatsachen nicht die Augen zu verschliessen. Die Gegenwart fordert neue Konzepte des Miteinanders der Kulturen. – Der Versuch einer Klärung.

Bis heute ist es in manchen Bevölkerungskreisen chic, für ein friedliches Nebeneinander von Bevölkerungsgruppen und Kulturen zu sein. Multikulti macht das Leben bunter und sorgt für kulinarische Vielfalt. Man pflegt an Stadtteilfesten die Verständigung zwischen den Kulturen und lässt sich ansonsten mehr oder weniger in Ruhe. Denn schliesslich sind die Zugewanderten fleissige Arbeitskräfte, tun die ungeliebte Arbeit im Niedriglohnsektor, leben ansonsten einigermassen bescheiden unter ihresgleichen und sind gleichzeitig mit einem guten Teil ihrer Seele dem Herkunftsland zugetan.

Gehässige Integrationsdebatte
Doch nicht erst als der Begriff der Leitkultur auftauchte, bekam diese traditionelle Rollenverteilung zwischen Einheimischen und Zugewanderten erhebliche Risse, und inzwischen wird die Integrationsdebatte mit so gehässigen Worten geführt, dass man ernsthafte Zweifel daran haben muss, ob diese Menschen „mit Migrationshintergrund“ überhaupt noch bei uns willkommen sind, auch wenn sie schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten hier leben. Irgendwie erinnert das an die Vertreibung der Juden aus dem Spanien des 13. Jahrhunderts. Damals mussten alle Juden gehen – oder wurden umgebracht –, wenn sie nicht zum Christentum konvertierten.[i]

Doch, Hand aufs Herz, ist nicht bereits das Konzept der Multikulturalität Ausdruck einer Art Überheblichkeit der eigenen Kultur gegenüber der „Fremdkultur“, indem zwar ein Nebeneinander der Kulturen akzeptiert wird, nicht aber ein wirkliches Miteinander? Dies kommt etwa zum Ausdruck, indem die ZuwandererInnen zwar sehr wohl hier arbeiten und auch Steuern bezahlen dürfen, von der politischen Mitbestimmung aber weitgehend ausgeschlossen sind. Sie sind trotz allen guten Willens ein unterprivilegierter Teil der gemeinsamen Kultur.

Klärung der Begriffe
Das Konzept der Interkulturalität geht hier einen Schritt weiter. Während bei der Multikulturalität davon ausgegangen wird, „dass es nicht zur Verschmelzung der verschiedenen Kulturen kommt, sondern dass sie nebeneinander bestehen“, versteht man „unter Interkulturalität das Aufeinandertreffen von zwei oder mehr Kulturen, bei dem es trotz kultureller Unterschiede zur gegenseitigen Beeinflussung kommt“.[ii]

Und gerade in dieser gegenseitigen Beeinflussung, in dieser Begegnung auf Augenhöhe sehe ich eine grosse Chance für unsere heutige Gesellschaft, ja die notwendige Voraussetzung für eine moderne, menschengemässe Gesellschaft in einer globalisierten Welt. Der kulturelle Horizont einer Gesellschaft erweitert sich deutlich, und Interkultur beugt auch einer globalisierten Einheitskultur vor, wie sie sich zum Beispiel im Ausdruck der McDonaldisierung der Gesellschaft[iii] ausspricht.

Doch was heisst das konkret? Zunächst muss – endlich – anerkannt werden, dass wir in Mitteleuropa eine Einwanderungsgesellschaft sind – ja, dadurch geradezu an Dynamik gewinnen – und dass der alte Begriff der Kultur, wie er noch in vielen Köpfen herumgeistert, nämlich als Einheit von Rasse, Land, Volk, Tradition, Sprache, Werten und Normen sowie Staat, längst mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun hat. Kultur ist nicht ein Statisches, zu Bewahrendes, sondern war und wird immer ein Prozess sein, eine Entwicklung, eine Lebenswirklichkeit. Und es ist höchste Zeit, dass wir das aktiv und bewusst gestalten. Interkulturalität entsteht jedoch nur, wenn wir entsprechend kompetent werden, etwa unsere kulturelle Vorläufigkeit akzeptieren und die Potenziale der anwesenden Kulturen zu nutzen bereit sind.

„Ein Theater für alle“
Was das bei der Theaterarbeit bedeuten kann, zeigt Milo Rau in seinem Artikel „Ein Theater für alle“ in der Wochenzeitung vom 5. Februar 2011. Er fordert dort mit spitzer Feder eine „Kunst- und Politikpraxis, die nicht von der Integration Ankommender ausgeht, sondern von der Mitbestimmung aller Anwesenden“. Gerade beim Theaterbetrieb zeige sich, dass in städtischen und staatlich subventionierten Theatern Tradition und Wirklichkeit weit auseinanderklafften. Die AusländerInnen – in St. Gallen zum Beispiel immerhin ein Drittel der Bevölkerung – kämen dort überhaupt nicht zu Wort. Ihre Kultur werde konstant ausgeblendet – oder allenfalls „mit Ehrenmordsoaps“ abgehandelt, mit „gewaltthematisch angereicherten Rapworkshops und auf der GMX-Startseite recherchierten Multikultidebatten“. Ein Drittel der Bevölkerung, in manchen Gemeinden gar die Hälfte, sei somit „politisch nicht mehr repräsentiert und kulturell auf eine geradezu gespenstische Weise auf Klischees reduziert worden“. Es sei doch ganz einfach die Frage, „ob man immer mehr Menschen gegen ihren Willen und gegen die Verfassung in eine Zweiklassengesellschaft und ihre überholten Mythen integrieren oder die Demokratie und mit ihr die reale Schweiz zur Entfaltung bringen will. Ob man gegen oder mit der Bevölkerung Kunst, Theater, Politik machen will.“

Recht hat er. Und er fordert fürs Theater, was man in ähnlicher Weise für den politischen Betrieb fordern muss: Beide Veranstaltungen müssen die Bevölkerung in ihrer Heterogenität abbilden. In beiden Bereichen ist nicht mehr „von Ankommenden und ihrer Integration“ auszugehen, sondern „von den Anwesenden und ihrer Mitbestimmung“.

***

Das Theater St. Gallen organisiert vom 20. Mai bis 3. Juni unter der künstlerischen Leitung von Milo Rau zwei Aktionswochen zum Thema „Kunst und Politik im Zeitalter der Interkultur“.[iv]

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Fussnoten:

[i] Siehe dazu: Das Alhambra-Verdikt
[ii] Zitiert nach dem Glossar des Instituts für interkulturelle Kompetenz & Didaktik
[iii] Der Begriff wurde vom US-amerikanischen Soziologen George Ritzer geprägt.
[iv] Siehe dazu die Vorankündigung auf der Webseite des Theaters St. Gallen.

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