Die Empörung wächst. – Wen wundert’s?

In Europa breitet sich Empörung aus. Unzählige Menschen tragen sie auf die Strassen der Städte, insbesondere in Spanien und Griechenland, aber auch darüber hinaus. Wo kommt sie her, die Empörung? Wo führt sie hin? – Ein Deutungsversuch zwischen Hoffen und Bangen.

Ist es Zufall oder nicht? Am Anfang stand das schmale Bändchen «Empört euch!» von Stéphane Hessel, in dem er die Jugend dazu aufruft, sich durch die Missstände in Gesellschaft und Politik empören zu lassen. Ohne Empörung gebe es keine Veränderung. Inzwischen sorgen die Empörten auf den Strassen Madrids, Athens und vieler weiterer Städte Europas für Aufsehen und fordern lautstark, aber friedlich einen grundlegenden Wandel in Politik und Gesellschaft. Die Empörung wächst quer durch alle Generationen und (fast) alle Gesellschaftsschichten. Bald muss man – pardon, kann man von einer europaweiten, wenn nicht globalen Empörung sprechen. Und wie von Hessel angemahnt, sind die Demonstrationen und Protestcamps weitgehend friedlich und gewaltlos, zumindest seitens der Empörten. Oft ähneln sie schrillen Happenings und entwickeln sich zu veritablen Räteversammlungen.

Empörung gegen alte Rezepte
Die Empörung richtet sich zunächst gegen die Politiker des eigenen Landes, die Wasser predigen und Wein trinken und die Bedürfnisse der einfachen Menschen völlig aus den Augen verloren haben. Wie sonst kann man erklären, dass zwar willfährig Banken gerettet, aber das Gemeinwesen und der Sozialstaat systematisch demontiert werden. Die Empörung richtet sich auch gegen die Aushöhlung demokratischer Prozesse durch wirtschaftliche Interessen und im Speziellen gegen die Spardiktate der Europäischen Union und des Internationalen Währungsfonds, deren immer gleiche Rezepte sich längst als unwirksam, ja als schädlicher denn die eigentliche Krankheit erwiesen haben. Die Empörung richtet sich ferner gegen die entfesselte Wirtschaft des 21. Jahrhunderts, die längst zum Selbstzweck verkommen ist und für zusätzliche Profite buchstäblich über Leichen geht. Schliesslich richtet sich die Empörung auch gegen den Nihilismus einer Gesellschaft, die fest entschlossen scheint, den nachfolgenden Generationen einen geschundenen, erschöpften Planeten zu hinterlassen.

Die Empörung wächst im selben Mass, wie die Dreistigkeit und der Machiavellismus der elitären Globalisierung zunimmt. Die Finanzindustrie nimmt hier eine hervorragende Stellung ein, hat sie sich doch längst von der Realwirtschaft abgekoppelt. Mehr noch: Sie hat Realwirtschaft und Politik in Geiselhaft genommen, soweit sie nicht ohnehin mit beiden verbandelt ist, und diktiert uns allen, wo es lang gehen soll. Gleichzeitig trägt sie nichts, aber auch gar nichts Gedeihliches zu Wirtschaft und Gesellschaft bei. Sie verkörpert das, was auch die Revolution der Reichen gegen die Armen genannt wird.

«Wenn Ihr uns nicht träumen lässt, werden wir euch nicht schlafen lassen.»

Wohin führt die Empörung?
Wen wundert’s, dass sich die Menschen empören und zu Tausenden auf die Strasse gehen. Hauptsächlich in Griechenland und Spanien, aber auch in vielen anderen europäischen Ländern erwachen die Menschen und stellen sich dem als unredlich empfundenen Sparbefehl und dem Ausverkauf des Staates entgegen.

Doch Empörung kann nur der Anfang sein. Und was daraus erwächst, steht noch in den Sternen. Die Empörung könnte rechten und rechtsextremen Parteien und Gruppierungen zusätzlichen Auftrieb verleihen. Diese könnten daraus ihr eigenes Süppchen kochen. Schon heute haben sie europaweit Rückenwind, einen Rückenwind, der sich aus einem verderblichen Gemenge aus Angst, Politikverdrossenheit und abgrundtiefem Egoismus nährt. Ja, Empörung kann auch in Wut und Gewalt umschlagen. Sie wäre dann an einen Punkt gelangt, wo sie historisch schon tausendfach war  – und nur noch mehr Leid, aber keine grundlegende Veränderung gebracht hat.

Es besteht aber auch die Hoffnung, dass die Empörten zu neuen Formen der gesellschaftlichen Gestaltung finden – jenseits der reinen Parteipolitik und auch jenseits der gewalttätiger Konfrontation auf der Strasse. So jedenfalls schildert es der spanische Soziologe César Rendueles in einem Interview mit der taz: «Das Interessante am 15-M ist [gemeint ist die spanische Protestbewegung], dass die Bewegung einen Punkt in der Mitte gefunden hat: eine Form des Ungehorsams, die von sehr vielen Menschen praktiziert werden kann. Diese Praxis ist von offenen, horizontalen Diskussionen, dem Verzicht auf Gewalt und einer Ablehnung der Parteien geprägt.» Es besteht die Hoffnung, dass hier, inmitten der Empörten, ein Raum für neue Ideen entsteht, ein zivilgesellschaftlicher Impuls, mit dem auch in Zukunft zu rechnen ist und der einen echten Wandel bringt.

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Fotos (CC-Lizenz) von Julien Lagarde, aufgenommen kurz nach einem Polizeiangriff auf das Protestcamp in La Ribera, Barcelona (27. Mai 2011).

Comments

  1. Günther Lachmann says:

    Lieber Herr Beutler,
    irgendwie fand ich es und nun lese ich seit einiger Zeit regelmäßig Ihr Blog. Ich habe viele Gedanken gefunden, die auch mich beschäftigen, und Anregungen mitgenommen. Auch ich schreibe regelmäig (hauptberuflich) über die Themen Demokratie, Gesellschaft und Finanzkrise. Schauen Sie doch mal vorbei. Sie finden meine Texte unter http://guentherlachmann.wordpress.com/ oder auf welt.de. Mein letzter Beitrag mit dem nicht ganz treffenden Titel „Die Schuldenkrise ist Terror für die Seele“ finden Sie auf meinem Blog oder hier: http://www.welt.de/debatte/kommentare/article13484884/Die-Schuldenkrise-ist-Terror-fuer-die-Seele.html.
    Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich gern von meinem Blog auf Sie verlinken.
    Alles Gute wünscht Ihnen
    Günther Lachmann

    • Lieber Günther Lachmann

      Danke für das vertiefte Interesse an meinen Texten! Freut mich natürlich sehr, grad auch weil das Interesse offensichtlich von einem Profi stammt. Das Verlinken auf Ihrem Blog ist kein Problem.

  2. Hallo Walter,
    ich habe auf Deinen wichtigen Text ebenfalls auf meinem Blog in meinem Artikel Unsere Medien bringen wenig über die „spanische Revolution“ hingewiesen.
    Lieben Gruß, Martin

  3. weitere Kommentare gibts hier: http://le-bohemien.net/2011/06/25/die-emporung-wachst/#comment-1863 …sehr guter und sehr wichtiger Text übrigens, Walter. Vielen Dank, nochmal🙂

  4. Lieber Walter B,

    danke, das ist ein schöner Text. Ich bin über le bohémien darauf gestoßen, El Florian hat ihn auf Facebook geteilt, er wird also mit Sicherheit gerade von ganz vielen Leuten gelesen. Ich hoffe, wir können das System wirklich ändern, es wird täglich unerträglicher. Ich bin übrigens auch Übersetzerin, Chinesisch und Englisch.

    Ich wünsche dir einen schönen Tag und frohes Schaffen!

    Liebe Grüße,
    Irina D

    • Danke für den Zuspruch, Irina! Freut mich, dass du den Text «schön» findest, behandelt er doch ein Thema, das nicht eigentlich schön ist – ausser vielleicht, dass sich die Menschen aus einer Art Erstarrung lösen.

      Ich weiss nicht, ob wir das «System» ändern müssen. Vielleicht müssen wir auch nur eigene Lösungsansätze verfolgen, letztlich uns selbst ändern – zunächst.

      Liebe Grüsse
      Walter

Trackbacks

  1. […] Ein Gastbeitrag von Walter B. […]

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