Hiiiiiilfeeeee – ich bin Blog-süchtig!

Bild (CC-Lizenz): alamodestuff

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Noch bevor frühmorgens meine Gedanken langsam auf Touren kommen und ich überhaupt erst fähig werde, die Kaffeemaschine anzuwerfen, setze ich mich an den Computer und kontrolliere die nächtlichen Klickzahlen zu meinem Blog. Dabei war es erst kurz nach Mitternacht, als ich die Zahlen ein letztes Mal überprüfte. Der Schlaf erlöste mich dann für ein paar traumlose Stunden vom unbarmherzigen Sog der Blogstatistik. Und jetzt, wie der erste Kaffee in meine Tasse plätschert, sind meine Lieblingsblogs bereits nach neuen Posts und Kommentaren abgeklappert – ich weiss, das wäre nicht nötig, RSS und automatisierte Abonnementsdienste liefern einen das frei Haus. Doch ich lieb nun mal den Kitzel. Pingbacks lösen bei mir Herzklopfen aus, Kommentare lassen mich vor Freude aufspringen. Und als mich Werner aus Hamburg letzthin anfragte, ob er meinen Text auf seinem Blog crossposten dürfe, hätte ich ihm um den Hals fallen können – wenn er nicht tausende Kilometer weit weg gewesen wäre.

Beim zweiten Kaffee schaue ich dann, wo es sich lohnt, einen Kommentar zu schreiben. Dabei ist das Thema eigentlich zweitrangig. Viel wichtiger sind die ausgewiesenen oder doch zu erwartenden Klickzahlen, denn jeder gut platzierte Kommentar ist ein Multiplikator für den eigenen Blog – und damit für mich. Am frühen Nachmittag habe ich so gegen zehn Kommentare geschrieben, ein X-faches davon gelesen, drei eigene Posts verfasst und wohl um die zweihundert Blogs, Foren und Webseiten besucht. Ingesamt sind das vielleicht dreitausend Klicks. All das macht mich stolz, doch die Augen beginnen zu streiken und das Maus-Syndrom – oder wie hiess das noch? – befällt meinen Nacken und meine Gelenke.

Manchmal vergesse ich zu essen, und es kam auch schon vor, dass ich wochenlang keinen Menschen aus Fleisch und Blut gesehen hatte. Ich werde immer kauziger, doch in der Blogwelt stehe ich hoch im Kurs. Die Zahl der Backlinks schwillt an, und mein PageRank hat sich in den letzten Monaten um zwei Punkte verbessert. Es wäre also eine Katastrophe, jetzt den Bettel hinzuwerfen. Denn inzwischen veröffentliche ich um die fünf Posts pro Tag, und bestimmt lässt sich das noch steigern – ja, es muss sich noch steigern lassen. Denn ohne zusätzliche Anstrengung verliere ich den Anschluss und sinke zurück unter die Schwelle, die den erfolgreichen Blogger vom digitalen Grundrauschen des Web-Alls trennt.

Ich bin auf dem Weg zum Cyber-Olymp – und werde doch immer einsamer. Persönliche Kontakte ertrage ich kaum mehr – allenfalls noch über das eigens zu diesem Zweck aufgeschaltete Kontaktformular auf meinem Blog. Klicks und Kommentare stehen für meinen sozialen Wert. Weitergehende Begegnungen meide ich, da sie mir schlicht zu nahe gingen. Ich brauche nun mal zwischen mir und meinen Nächsten eine Firewall.

Hiiiiiilfeeeee – ich bin Blog-süchtig! Und ich muss dringend etwas unternehmen. Doch das einzig Vernünftige schaffe ich ganz unmöglich: den Computer auszuschalten. Denn das wäre mein Ende; ich wäre verloren …

Comments

  1. Koelnerin says:

    Keine Sorge, auch du schaffst es aufzuhören, irgendwann hast du dich aus dieser Sucht befreit. Ich bin 2008 ausgestiegen nach 4 Jahren Blog-Sucht und weißt du was? Es fehlt mir nicht. Jetzt arbeite ich an meiner Nikotinsucht. Vielleicht sollte ich dazu einen Blog anlegen *grübel*.
    Nein, ich werde meinen Nick nicht preisgeben und keinen Link setzen; ich möchte nicht, das Schlafendes geweckt wird😉

  2. Fange gerade erst an mit dem Bloggen, kann aber gut verstehe, dass man mit der Zeit am Tropf der Zahlen hängt. Dabei heißt ja ein reiner Klick noch lange nicht, dass jemand auch liest, was ich fabriziere. Oh schöne Illusion! Hat immerhin einen Placebo-Effekt und ermuntert zum Weitermachen. Danke dir jedenfalls für deinen Blog – da ist viel Lesenswertes und Anregendes dabei!!

  3. Lisbeth says:

    da gibt’s nur Eins… ich muss dich demnächst zum Essen einladen, damit du nicht verhungerst vor lauter bloggen und wieder mal die Sonne siehst🙂

  4. Wer aufhört, besser werden zu wollen, hört auf, gut zu sein.
    Also lasst uns weiter verstärkt in die Tasten hauen.
    Dampf die Herren. 8)

  5. haxtholm says:

    Einmalig geschrieben und reif für den Blog-Oskar ! Eine Klick-Orgie für unsere geschundenen Seelen . Und erst das Fachidioten-Vokabular ! Satire und Tragik nur millimeterweit voneinander entfernt – so machts der echte Schriftsteller. Und wohl auch ein KLEIN WENIG eigene Erfahrung mit eingeflossen, hehe…

    • Lieber Haxte

      Danke für deinen enthusiastischen Kommentar! Kleine Korrektur: Satire und Tragik sind womöglich nicht millimeterweit voneineinander entfernt, sondern Zehntelsmillimeter …

      Den Oskar hefte ich mir ans Revers – falls er dafür nicht zu unhandlich sein sollte – und trage ihn stolz durch die Welt.

  6. Danke schon fur deine ( )(r)(n) tolle Satire :-))

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