Zwischen Puerta del Sol und dem Tahrir-Platz

Der spanische Journalist Amador Fernández-Savater verbrachte, begleitet von seinem Freund David PM, im Dezember auf Einladung des Goethe-Instituts eine Woche in Kairo, um anlässlich einer Tagung über «Politik und Kultur in Zeiten des Wandels» seine Sicht auf die spanische Protestbewegung darzustellen. Die Erfahrungen in Kairo und seine Überlegungen zum Dialog zwischen der ägyptischen und der spanischen Protestbewegung sind Gegenstand der folgenden Aufzeichnungen.

Sie durchsuchen uns und verlangen Ausweispapiere, bevor wir den Tahrir-Platz betreten können, der seit den ersten Tagen der Wahlen erneut besetzt ist. Ein junger, in eine Schutzweste gezwängter Revolutionär erklärt uns die Massnahme. Es gehe darum, wenn immer möglich zu verhindern, dass Schläger auf den Platz gelangten, die dafür bezahlt würden, Chaos zu verbreiten, die Proteste zu diskreditieren und so Mubarak (früher) und das Militär (heute) zu rechtfertigen. «Wo kommt ihr her?» fragt er uns. Wir antworten wie immer: «Midan [Platz] Sol». Die Puerta del Sol wird schon wie eine andere Stadt, ein anderes Land gehandelt: der beste Ausweis, den wir auf dem Tahrir-Platz vorweisen können. Er schlägt sich mit der Faust auf die Brust und streckt uns lächelnd die Hand entgegen: «Erzählt die Wahrheit über die Vorgänge in Ägypten, wenn ihr zurückkehrt!»

Die Wahrheit über die Vorgänge in Ägypten? Die Wache auf dem Platz spielt bestimmt darauf an, dass sich die Situation nach dem Fall von Mubarak nicht wirklich verbessert hat. Manche sagen uns sogar, das Gegenteil sei der Fall. Das Militär führt dasselbe Regime wie Mubarak, aber ohne Mubarak – mit politischem Despotismus, wirtschaftlicher Ausplünderung, verbreiteter Korruption, zudem mit Angst und Lüge als Regierungsstrategie. Die Repression ist sogar heftiger als zuvor: Die Kundgebungen werden gewaltsam angegriffen, teils mit Schusswaffen. Das Notstandsgesetz von 1981, das willkürliche Festnahmen ohne Anklage und nachfolgendem Prozess erlaubt, ist noch immer in Kraft. Es gibt zwölftausend verhaftete Demonstranten, und alle Zivilpersonen müssen damit rechnen, vor militärische Gerichte gestellt zu werden. Es wird von vielen Fällen von Folter und Misshandlungen berichtet, zum Beispiel von «Jungfernschaftstests» bei den festgenommenen Frauen. Die Medienmanipulation im öffentlichen Fernsehen ist allgegenwärtig.

Ein allzu schwerer Auftrag, den uns die Wache vom Tahrir-Platz erteilt hat. David und ich verbringen nur ein paar Tage in Kairo. Nur noch wenige sind übrig. Wir spüren, dass wir erst langsam genauer zu verstehen beginnen. Und gewiss gibt es sehr viel vertrauenswürdigere Quellen, um sich zu informieren, was in Ägypten vor sich geht. Vielleicht sind die Aufzeichnungen über den zerbrechlichen und vielschichtigen Dialog zwischen Midan Sol und Midan Tahrir, zwischen der Bewegung 15-M [die spanische Protestbewegung, die am 15. Mai 2011 ihren Anfang nahm] und dem arabischen Frühling das Wertvollste, was wir zurückbringen können – ein Dialog, den wir immer wieder in Gang zu bringen versucht haben. Sind Midan Sol und Midan Tahrir zwei verschiedene Welten, eine einzige – oder beides aufs Mal? In welchem Sinne können wir sagen, dass wir einen gemeinsamen Kampf führen?

Um zu reisen, braucht es Gesellschaft. Nur in Begleitung können wir die typische Distanz des Touristen überwinden, der entweder allzu verloren und verstört durch das Land reist – oder allzu komfortabel in der Luftblase der ausgetretenen Touristenpfade. Wir brauchen Gesellschaft, um uns zu verlieren, ohne verloren zu gehen, um jenseits der Klischees und Stereotypen zu gelangen – in Kairo und im Leben. Wir hatten das Glück, auf die Gesellschaft von Olga (Rodríguez) und Rosa (Pertéz) zählen zu können. Olga hat uns mit ihren Berichten und Analysen zur ägyptischen Wirklichkeit in «Público» und «periodismohumano» bereits früher begleitet. Rosa übersetzte meinen Vortrag im Goethe-Institut, reiste vor einem Jahr nach Ägypten, um Arabisch zu lernen, und erlebte, wie ihr Leben durch die Revolution berührt und bereichert wurde. Olga und Rosa haben uns manches erklärt und viele Bezüge hergestellt. Sie haben uns geholfen, auf gewisse Dinge zu achten und die Codes zu übersetzen. Sie haben uns mit anderen Visionen, Personen und Erzählungen in Kontakt gebracht. Und wir hatten es phänomenal miteinander. Den beiden, aber auch Tarek (Shalaby), Hassan (Soliman), Marc (Almodóvar) , Ahmed (Ebeid) und Nico (Salazar) tausendmal Sucram [Dank]!

Puerta del Sol und Tahrir-Platz: Räume für uns alle
Wir fragen Olga und Marc, welche Parallelen sie zwischen Puerta del Sol und dem Tahrir-Platz sehen. Und es kommen einige Zusammenhänge zum Vorschein: Der ägyptische Aufstand hat keine Führer. Wortführer gibt es immer. Doch wenn einem unter ihnen die Berühmtheit in den Kopf steigt und er versucht, zum Führer aufzusteigen, wird er sogleich daran erinnert, dass er nur einer unter vielen ist. Wie die beiden uns erzählen, geschah dies zum Beispiel mit Wael Ghonim, dem Google-Angestellten, der in Facebook zur Kundgebung vom 25. Januar aufgerufen hatte und in den ersten Tagen des Aufstandes festgenommen wurde. Als Ghonim aus dem Gefängnis kam, soll er die zweite Ansprache von Mubarak, in der dieser seinen Rücktritt in sechs Monaten ankündigte, gutgeheissen und die Leute dazu aufgefordert haben, nach Hause zu gehen. Doch niemand beachtete diese Aufforderung, obschon man sehr dankbar war, was er zur Sache beigetragen hatte. Marc erzählt uns, dass es zwischen Januar und Februar keine Flaggen auf dem Platz gab, sondern eine Vielzahl an individuellen Transparenten mit originellen Botschaften, Wortspielen oder viel Spott über das Regime. Die Sprache der Parolen auf dem Tahrir-Platz war nicht deutlich politisch kodifiziert. Sie war und ist direkt und einfach: «Brot», «Freiheit», «Würde», «soziale Gerechtigkeit» (Rosa erklärt uns, dass «Brot» und «Leben» in Arabisch gleich ausgesprochen wird). «Genug Unterdrückung, Hunger, Demütigung und Elend!» «Fort mit Mubarak!» Jeder kann sich in diesen Parolen wiedererkennen. Sie bringen es auf den Punkt, sind universell und einschliessend, nicht anders wie etwa «Echte Demokratie jetzt!» oder «Wir sind Menschen und keine Ware in den Händen von Politikern und Banquiers.» Weniger ist mehr, sowohl auf dem Tahrir-Platz wie auf der Puerta del Sol. Die Worte, die zu Beginn leer, flach und abstrakt erscheinen, haben trotz allem die Kraft, die Situation zu öffenen und viele unterschiedliche Anliegen zu vereinen.

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Die Wucht des Tahrir während des Aufstandes im Januar und Februar
bestand in der Vielfalt, die auf dem Platz lebte.

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Die Wucht des Tahrir während des Aufstandes im Januar und Februar bestand in der Vielfalt, die auf dem Platz lebte: Mittelklasse und einfaches Volk, Männer und Frauen, Erwachsene und Jugendliche, Moslems und koptische Christen. «Es waren nicht nur Linke», sagt uns Tarek. «Es gab ein bisschen von allem.» Olga erzählt uns, dass die ersten Communiqués, die vom Platz aus abgegeben wurden, einfach mit «Die Leute vom Tahrir» unterschrieben waren: ein Namen für die, die keinen Namen haben, ein Raum, zu dem sich jedermann dazuzählen kann. Immer wieder kommen uns die Schlüsselwörter der spanischen Bewegung 15-M in den Sinn: Einschliesslichkeit, Respekt, «wir sind alle» …

Noch gibt es auf dem Platz Spuren dieser Gemeinschaft zwischen Unterschiedlichen: An den Wänden fällt uns ein Grafitto auf: ein Kreuz im Innern eines Halbmondes. Später, in einem Film, der im Goethe-Institut gezeigt wird, sehen wir in eindrücklichen Bildern, wie koptische Christen auf dem Platz die betenden Moslems vor der Polizei beschützen und gemeinsam hinter einem Spruchband mit der Aufschrift «Wir alle sind eins» marschieren. Eigentlich unmögliche Bündnisse! Doch wenn wir unseren Platz verlassen und uns auf den Anderen zu bewegen, auf jenen anderen, der bisher in einer völlig gesonderten Lebenswelt gelebt hat, geraten diese getrennten Lebenswelten in Bewegung, werden durchlässig, und das Unmögliche wird möglich.

Auf den Bildern des Platzes sieht man auch sehr viele Frauen. So sagt die Aktivistin Gigi Ibrahim in einem Interview mit Olga: «Während der achtzehn Tage des Protestes auf dem Tahrir-Platz waren wir Frauen unangefochtene Teilnehmerinnen, Hand in Hand mit den Männern. Wir wurden mit Respekt behandelt. Man hörte uns zu und folgte uns.» Auch sehr viele Jugendliche waren anwesend. Marc erklärte uns das so: Erwachsen wird man in Ägypten, wenn man heiratet. Doch ist Heiraten in letzter Zeit – etwa wegen der Wohnung oder der Einkünfte – sehr viel komplizierter geworden. Das Unbehagen einer Jugend, die zwar alphabetisiert, aber ohne Perspektive ist, brach im Aufstand mit grosser Wucht hervor. Was ist eigentlich los? Auch in Ägypten haben sie kein Daheim.

Später sind die Flaggen auf den Tahrir-Platz zurückgekehrt – vor allem die ägyptische Flagge –, ebenso die ethnischen Spannungen und die Spannung zwischen den Geschlechtern. Man sagt uns, dies sei jeweils abhängig davon, wie viele Leute auf dem Platz zusammenkämen: Wenn es viele Leute sind, ist der Geist der Einheit und des Respektes gross. Wenn es nur wenige sind, treten die latenten gesellschaftlichen Spaltungen zutage, welche die Mächtigen nach Belieben instrumentalisieren können.

Zeit des Humus
Wir erlebten es ein-, zwei-, dreimal: Hier kommt niemand pünktlich zu einer Verabredung. Es kann durchaus vorkommen, dass man stundenlang wartet. Wie ist das möglich? Tarek erklärt es uns lachend: «Wenn du dich mit einem Ägypter verabredest, wählst du am besten einen Ort aus, wo du jederzeit einen Plan B oder C in der Hinterhand hast.»

David war in Marokko und ist nicht sehr überrascht. Für mich aber war die Erfahrung ein Schock. Mich dünkte, alles geht furchtbar langsam und kommt immer zu spät. Doch das ist meine Sicht, die Sicht von jemandem, der die Hetze gewohnt ist, wie sie in den westlichen Ländern vorherrscht. Die Zeit wird voll genutzt: dieses dauernde Rennen, um doch nur am selben Ort anzukommen, dieses dauernde Gefühl, keine Zeit zu haben und tausend Dinge zu versäumen! Und nun das ausserordentliche, allerdings von fixierten Terminen umzingelte Vergnügen, «Zeit zu verlieren»! Der politischen Aktivismus schien mir immer entlang dieser Logik der Effizienz zu funktionieren, die letztlich die kapitalistische Logik der Produktivität ist. Für das Unproduktive, die schlaffen Momente, das ziel- und objektlose Nachdenken und Zusammensein hat es kaum Zeit.

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Jeder trägt von seinem Platz aus dazu bei,
jedoch ohne sich ins Zentrum zu stellen und die Vorgänge übers Knie zu brechen.
Es hat keine Eile.

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Die ägyptische Revolution scheint anders zu ticken. Es gibt hier eine Zeit des Verborgenen, des Humus. Im Stillen, fast nicht Wahrnehmbaren bereitet sich etwas vor. Jeder trägt von seinem Platz aus dazu bei, jedoch ohne sich ins Zentrum zu stellen und die Vorgänge übers Knie zu brechen. Es hat keine Eile. Es geht vor allem darum, aufmerksam und einsatzbereit zu sein, wachsam, um sich einzumischen in das, was kommen mag – zur Not auch unmittelbar … Plötzlich ist der Humus reif, und man muss nun handeln. – Wirkzeit gegenüber einer Zeit der Dringlichkeit.

Nach dem, was uns die Leute sagen, scheint die ägyptische Revolution keine allzu klaren langfristigen Strategien zu verfolgen. Aber man vertraut darauf, dass die Ausgangslage offen geworden und ein Prozess in Gang gekommen ist. Zuweilen nimmt man diesen Prozess nicht wahr. Doch das heisst nicht, dass er nicht im Gange ist, sondern vielmehr dass es sich um einen unterirdischen und diskontinuierlichen Prozess handelt. Man vertraut darauf, dass die Revolution Kräfte freigesetzt und das Leben der Menschen ein für alle Mal geprägt hat – und dass es keinen Weg zurück gibt. Man vertraut nicht so sehr in die Zukunft, jedoch in eine Gegenwart, die voller Möglichkeiten für die Zukunft ist. Vielleicht nicht heute oder morgen, aber bestimmt irgendwann werden wir auf den Tahrir-Platz zurückkehren.

Wenn wir das Rendevous mit der Revolution herbeizwingen, wird sie uns in Angst versetzen. Sie hat ihre Zeit und lässt sich nicht drängen. Der Kunstgriff, um uns mit ihr zu treffen, besteht darin, den Weg mit einem Plan B odere C weiter zu gehen. Nur so kreuzen sich unsere Wege.

Technologie als Organisation

Niemand spricht den sozialen Netzwerken ihre Wichtigkeit beim Aufstand des Tahrir-Platzes ab. Sogar jene, die glauben, dass die sozialen Netzwerke überbewertet werden und die entscheidende Rolle der Kämpfe in den Fabriken beim Sturz von Mubarak übersehen wird, billigen den sozialen Netzwerken ihren Wert zu. Twitter, Facebook und Youtube werden politisch intensiv genutzt – intensiver als in Spanien. Ich könnte keine zehn führende spanische Blogger nennen. Doch die ägyptischen Freunde zählen uns einen nach dem anderen auf. Die Technologie mag überall dieselbe sein. Unterschiedlich ist nicht so sehr der leichtere Zugang in Spanien, sondern die Notwendigkeit in Ägypten, etwas damit anzufangen. Diese weitherum empfundene Notwendigkeit hat in Ägypten eine veritable Kultur des Widerstands im Internet hervorgebracht. Die sozialen Netzwerke sind eine der besten Möglichkeiten, der Manipulation durch das Fernsehen auszuweichen, aufzuzeigen, was man verborgen halten möchte, andere Stimmen und Erzählungen hörbar zu machen und sich auf der Strasse zu organisieren. Man spricht von Facebook-Seiten, als wären es politische Organisationen. Und wenn wir Tarek fragen, welche Gruppen am erfolgreichsten zu Protesten aufrufen, antwortet er in allem Ernst: Youtube. Die ägyptischen Aktivisten zeichnen alles auf. Keine Szene polizeilicher Gewalt darf unbestraft bleiben oder unbemerkt stattfinden. Jeder Missbrauch, jede Ungerechtigkeit muss registriert und bekanntgemacht werden. Die Flut der Desinformation mit ihrer offiziellen Schilderung der Realtät ist wuchtiger als in Spanien. Unser Problem in Spanien ist also nicht so sehr, dass verheimlicht wird, was geschieht, und dass wir die Wirklichkeit nicht kennen, sondern: Was können wir mit dem anfangen, was wir bereits wissen?

Gewaltlosigkeit, Widerstand und Legitimität
Im Gespräch zwischen Midan Sol und Midan Tahrir gibt es möglicherweise in Bezug auf die Gewaltlosigkeit ein Missverständnis – oder ein voreiliges Einverständnis: Es wurde uns vom ägyptischen Widerstand ein allzu süsses Bild vermittelt. Es gibt keine Waffen in der Revolution, auch keine spezialisierten, gewaltbereiten Gruppen, die gesondert agieren. Doch um den Platz verteidigen zu können, mussten und müssen oft Steine und Feuer eingesetzt werden. Das Neue des 25. Januar gegenüber den früheren Protesten ist, dass sich die Leute nicht auflösen und vom Platz vertreiben liessen und den brutalen Angriffen einer skrupellosen Polizei mit Festigkeit widerstanden. Erinnern wir uns, dass beim Aufstand im Januar und Februar achthundert Menschen starben. Achthundert Menschen! Eine puristische Auffassung von Gewaltlosigkeit läuft Gefahr, sich vom Widerstand der Ägypter auf dem Tahrir-Platz zu distanzieren, während dort in der Regel niemand daran zweifelt, dass es sich um eine friedliche Revolution handelt. Jemand sagte uns diesbezüglich: «Anders kann nicht erklärt werden, warum die Kameltreiber und Schläger, die Mubarak auf die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz loshetzte, nur gefangen genommen und anschliessend der Polizei übergeben oder in die Metro gesetzt wurden, um so Lynchmorde zu verhindern.» Es ist schlicht so, dass die Grenze zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit hier und dort anders verläuft. Marc erzählt uns, dass er jemanden, der einen Molotowcocktail gegen die Polizei schleuderte, habe schreien hören: «Friede jetzt!» Wichtig ist, dass es sich um defensive Gewalt handelt, welche die eroberten und der Macht entrissenen Orte schützt. Das unterscheidet sie deutlich von der Strategie bewaffneter Gruppen und Avantgarden, die während des zwanzigsten Jahrhunderts versuchten, die Macht gewaltsam zu erobern. Das interessanteste Gespräch zwischen Midan Sol und Midan Tahrir dreht sich nicht um den mehr oder weniger friedlichen Charakter der Aktionen, sondern um deren Legitimität in den Augen aller, um den Raum, den sie bilden, und ob sich alle darin wiedererkennen und einbezogen fühlen, also ob es tatsächlich Aktionen aus einem Konsens heraus sind, die einen «gemeinsamen Sinn» ergeben.

Achthundert Tote beim Aufstand. Aus europäischer Sicht ist das schwer zu verstehen: Wie konnten und können die Leute in Massen auf den Platz strömen, wenn sie doch wussten, worauf sie sich einliessen? Tarek erzählt uns, dass man im Januar rief: «Heute werde ich sterben», dass dies aber nicht bedeutete, dass die Leute sich in der Konfrontation opfern wollten, sondern dass alle verstanden, dass es sie treffen konnte. Auf diese Art wurde dem Regime zu verstehen gegeben, dass es sich nicht mehr halten konnte, indem es mit der Angst rechnete, die aus uns Konservative, Bewahrer des Bestehenden macht. Denn dies wurde den Menschen kollektiv ausgetrieben bis zu jenem Punkt, wo die Menschen ihr Leben nicht mehr um jeden Preis und in jeder Form bewahren wollten. «Jetzt leben wir endlich», ruft ein Demonstrant in einem anderen Video, das wir im Goethe-Institut sahen. Wir sind so lebendig, dass wir das Leben riskieren.

Eines Abends assen wir mit Aktivisten des Tahrir-Platzes. Ihre Geschichten beeindruckten uns. Einer hat das Bein von Schrotkugeln durchlöchert. Ein anderer wurde im März in Syrien verhaftet und gefoltert. Manche kennen die ägyptischen Gefängnisse von innen. Alle haben Freunde verloren. Alle haben Freunde im Gefängnis. Aber wir spüren weder Groll noch Ressentiments gegen irgendwelche Seite. Und wir vernehmen auch nicht, wie von Hass geredet wird. Trotz all des Schmerzes vermitteln uns die Aktivisten vom Tahrir-Platz eine seltsame Freude, eine deutlich veränderte Lebensintensität und immer ein riesengrosses Vertrauen in die Zukunft der Revolution. So wie Mubarak fiel, werden auch die Mini-Mubaraks fallen, die alle Institutionen des Landes regieren.

Auf dem Tahrir-Platz sehen wir viele mit einem Pflaster über einem Auge. Die Polizei schoss mit Schrot auf Gesichtshöhe gegen die Demonstranten. Auf den Wänden sieht man immer wieder die gemalten Umrisse des Gesichts eines Soldaten, von dem es ein Video gibt, wo er sich damit brüstet, wie gut er die Augen der Demonstranten ausschiessen kann. Das Graffito ist zum Symbol geworden. Manche tragen es, «nicht wegen meines, sondern wegen des Auges, das mein Bruder (oder mein Freund, mein Nachbar, mein Kollege) verloren hat». Es geht darum, die Wunden im öffentlichen Raum zu zeigen, entgegen der offiziellen Absicht, zu vergessen und ein Bild der Normalität aufrecht zu erhalten.

Die Erinnerung an die «Märtyrer» der Revolution – so werden die Gefallenen genannt – ist allgegenwärtig: auf Fotos, Plakaten, Graffitis und in Form von symbolischen Särgen auf Plätzen mit viel Publikumsverkehr. Die Verwandten haben in der Organisation der Proteste ein besonderes Gewicht. Den Kampf des gefallenen Liebsten weiterzuführen, ist eine Form, dessen Andenken zu ehren und seinem Tod Sinn zu geben. Andere wiederum sind besorgt, wenn sie auf dem Platz beobachten, wie die Märtyrer in extremer Art als Vorbild dargestellt werden. Wir fragen uns, wo wohl das zerbrechliche Gleichgewicht liegt zwischen der Notwendigkeit, der Toten zu gedenken, und der Gefahr, diese als Helden zu verklären. Und wir finden keine Antwort.

Politik und Freunde
Auffällig ist, wie eng die sozialen Bindungen sind. Den ägyptischen Freunden fällt es sehr schwer sich vorzustellen, dass man im Westen wie Atome nach Belieben mit anderen Bindungen eingeht und diese wieder auflöst. Laut Hassan existiert jemand nur in seinen Nachbarn, Freunden und Verwandten, nur wegen ihnen und durch sie. Er ist ein Kreuzungspunkt im Gestrüpp der Beziehungen. «In meinem Quartier und meinem Haus bin ich sicher – nicht wegen des Gesetzes oder der Polizei, sondern weil ich meinen Nachbarn vertraue», sagt er weiter. Olga erzählt uns, es sei ganz normal, dass Freunde die Eltern ihrer Freunde kennen und an ihrem Leben teilhaben, was für uns eine doch recht eigenartige Vorstellung ist. Und sie schliesst mit den Worten: «Den Tahrir-Platz kann man ohne die Freunde nicht verstehen.» Dann geht sie, begleitet von ihren Freunden.

Wie eng die Bindungen sind, sieht man auf der Strasse: Sie ist belebt, bevölkert, bewohnt, überwuchert und bunt – ein stetes Gewimmel von Menschen, die kommen und gehen, die verkaufen, sich unterhalten, beten, Tee trinken und den öffentlichen Raum besetzen. Die Strasse ist ein Ort des Lebens, der mit der überregulierten Stadt des Westens nichts gemein hat, wo ein Trinkgelage oder Jugendliche, die auf einem Platz oder in einem städtischen Park Trommel spielen, eine Normwidrigkeit darstellen, die sofort aufgelöst werden muss. Kairo ist im Guten wie im Schlechten ein grosses Chaos, eine einzige Normwidrigkeit. Trug diese alltägliche Erfahrung der Stadt und das damit verbundene Wissen etwas zum rebellischen Gewimmel des Tahrir-Platzes bei?

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Kairo ist im Guten wie im Schlechten ein grosses Chaos,
eine einzige Normwidrigkeit.

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Als wir eines Tages durch die Mohamed Mahmud-Strasse gingen, die im Zentrum der letzten Proteste stand, blieben wir vor dem Spektakel stehen, das sich uns bot: die Wände voller Graffiti, alle Fenster gegen die Strasse eingeworfen oder durchlöchert. Eine hohe Mauer, von der Polizei hochgezogen, versperrte die Strasse. Es wimmelte von Rebellen des Tahrir-Platzes. Angestellte von Pizza Hut wischten den Bürgersteig unter dem aufmerksamen Blick ihres Vorgesetzten. Und plötzlich etwa fünfzig Personen in Anzug und Kravatte, die von einer Hochzeit kamen und glücklich die Strasse überquerten und dabei sangen. Einer von ihnen sieht uns an und antwortet auf unsere Sprachlosigkeit: «Welcome to Egypt!»

Die enge soziale Bindung ist zwiespältig. Der andere achtet auf dich, um dich zu beschützen – oder zu überwachen. Gegenüber unserem Hotel gibt es einen kleinen Park, wo Paare hingehen. Die Mutigsten halten sich die Hände. Die soziale Bindung in der Ungleichheit funktioniert auch, um jeden an seinen Platz zu stellen. Von dieser Bindung ausgestossen zu werden, ist die härteste Strafe. Das ist das Schicksal der verstossenen Frauen, die wir in der Strasse betteln sehen. Die grösste Strafe ist die Isolation.

Man deutet die Bewegung 15-M als ein «Erwachen» aus dem Individualismus. In den Vereinigten Staaten, wo dieser noch ausgeprägter ist, spricht man im Zusammenhang mit Occupy Wall Street vom «Wunder des Zusammenseins». In Ägypten bestünde das Wunder vielleicht eher darin, dass man mit dem anderen zusammenkommt aufgrund eines gemeinsamen politischen Anliegens und indem man die soziale Spaltung – zwischen Männern und Frauen, zwischen Kopten und Moslems usw. – auf der Grundlage der Gleichberechtigung überbrückt.

Die erneute Öffnung der Geschichte
Diktatur, Militärmacht, Religion und sexuelle Repression … Auf einmal drängt sich der Gedanke auf: «All dies ist wie in Spanien vor dreissig Jahren.» Wie wenn die Geschichte ein einziges Geleise wäre, auf dem sich die einen weiter vorne befänden als die anderen. «Wir sind dreissig Jahre voraus», «sie sind zurückgeblieben», «ach, was die noch alles vor sich haben». Doch die ägyptischen Freunde sind diesbezüglich sehr klar: «Wir wollen von der politischen, wirtschaftlichen, sexuellen und religiösen Unterdrückung loskommen. Doch dies bedeutet nicht, dass wir das westliche Modell der Demokratie, des Marktes, der Beziehungen zwischen den Geschlechtern und der (Anti-)Spiritualität wollen.» Während sich der Westen als Richter und Ideal aufspielt, wollen unsere ägyptischen Freunde eigene Wege ohne vorgegebenes Modell finden. Wenn dem nicht so wäre, hätte der arabische Frühling uns nur sehr wenig zu sagen. Sein Heldentum gegen die Tyrannei würde uns bewegen – mehr nicht. Wir könnten nichts von ihm lernen. Ein Dialog wäre nicht möglich.

Doch dies ist nicht der Fall. Der arabische Frühling ist nicht Ausdruck der Letzten in der Reihe, die ans «Ende der Geschichte» gelangen will. Tatsächlich sagt uns Hassan: «Wir wissen, dass in Spanien auch keine Demokratie herrscht.» Immer klarer wird, dass die Ehe zwischen Demokratie und Kapitalismus nur punktuell war und im besten Fall eine Zweckehe – im schlechtesten Fall ein Betrug. Der arabische Frühling bedeutet daher nicht, dass die Idee des «Endes der Geschichte» erneut gestärkt wird, sondern im Gegenteil dass die Geschichte sich erneut auftut, dass sie «aufwacht», wie Alain Badiou geschrieben hat und damit eine Metapher aufnahm, die heute an so vielen Orten Widerhall findet. Nur von daher wird ein Dialog wieder möglich, in dem uns das Wort des anderen wirklich interessiert, weil es uns verändern kann. Darum ist dieser Dialog zwischen Midan Sol und Midan Tahrir (und Occupy usw.) ein Spiel des gegenseitigen Lernens, der Anleihen und der Wiederaneignung.

Die Welle, die von Tunesien und Ägypten ausgeht, hat die Möglichkeit geschaffen, für andere Formen der Lebensorganisation in einer globalisierten und daher immer gemeinsameren Welt zu kämpfen. Nun hängt es von uns ab, dies weiterzudenken, zu pflegen, fortzuführen und Höchstformen zu finden, wie das gemeinsame Leben organisiert werden kann. Die Situation ist offen, alles ist noch zu tun. Das ist vielleicht nicht genau das, was uns die Wache auf dem Tahrir-Platz zu erzählen aufgetragen hat, wenn wir zurückkehrten. Doch es ist die Botschaft, die vom Midan Tahrir mitzubringen wir uns berechtigt fühlen.

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Original des Berichtes auf dem Blog von Amador Fernández-Savater

Übersetzung Walter B

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