Aiha Zemp (1953 – 2011): behindert – und unbequem

Am 14. Dezember 2011 ist Ahia Zemp 58-jährig an den Folgen ihrer Behinderung gestorben. Auf dem Trauerzirkular stand ein Sinnspruch von Mahatma Gandhi: «Mein Leben ist meine Botschaft.» Und tatsächlich ist ihr Leben eine starke und ermutigende Botschaft für alle Menschen mit Behinderung. – Die Skizze eines unbändigen Lebens.

Äusserlich betrachtet waren die Voraussetzungen für ihr Leben denkbar schlecht: Aiha Zemp wurde mit Arm- und Beinstümpfen in ein katholisches Bauerndorf im Kanton Luzern geboren. Sie selbst sagte dazu, ihre Behinderung sei eine Laune der Natur und nicht, wie viele vermuteten, die Folge von Contergan. Die Ursache ihrer Behinderung liess sich nicht restlos klären. Das war ihr auch nicht so wichtig. Sehr viel wichtiger war, dass sie als Frau mit Behinderung ein selbstbestimmtes Leben führen konnte – damals wie heute alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Schon als Jugendliche musste sie nicht nur um ihre grösstmögliche Selbständigkeit, also mit den behinderungsbedingten körperlichen Einschränkungen ringen, sondern mehr noch gegen gesellschaftliche Zwänge und Diskriminierung. So schaffte sie etwa die Matura nur mit Ach und Krach, nicht weil es ihr an Intelligenz oder Wissen fehlte, sondern wegen praktischer Hindernisse, zum Beispiel weil das Hantieren mit Zirkel, Dreieck und Massstab für sie einer Akrobatiknummer gleichkam, was ihr im Fach Mathematik schlechte Noten einbrachte. Es folgte das Studium der Journalistik und später der Psychologie, bevor sie über 15 Jahre lang als Psychotherapeutin mit eigener Praxis tätig war.

Wille und Heiterkeit
Dieser berufliche Weg ist ohne den starken Willen Aiha Zemps nicht vorstellbar. Doch nicht der reine, vielleicht gar verbitterte Wille ist es, der all das und noch vieles mehr in ihrem Leben ermöglichte. Hinzukommen muss die Lebensfreude, die Lebenslust – und die Gewissheit, dass ein Leben mit Behinderung genau so, wie es ist, dieselbe Berechtigung hat wie jedes andere Leben auch und dass es niemanden gibt, der einen diese Berechtigung absprechen kann. Aiha Zemp war von jung an politisch aktiv, in der Behindertenszene ebenso wie als Feministin.

Und sie war eine heitere Frau. Von Verbitterung keine Spur, auch wenn sie einiges Bitteres zu schlucken hatte. So wurde sie wegen ihrer auffälligen Behinderung ab den 1990er Jahren auf der Strasse oder im Tram vermehrt und immer wieder angefeindet: «Gib dir die Kugel! Sonst geb ich sie dir.» Oder im scheinheiligen Mäntelchen des Mitleids: «Es ist doch schade, dass es die segensreiche Einrichtung dieser Untersuchungen vor der Geburt nicht damals schon gegeben hat; Ihr Schicksal wäre Ihnen doch erspart geblieben.»[1] Solch verbale Gewalt wäre laut Aiha Zemp noch zehn Jahre vorher nicht vorstellbar gewesen. Die pränatale Diagnostik und das damit verbundene eugenische Denken, das definieren will, was unwertes Leben ist, erlebte sie als unmittelbare Bedrohung ihrer eigenen Lebenswürde. Sie kämpfte deshalb politisch vehement dagegen an, zum Beispiel in der NOGERETE, der Schweizer Frauenorganisation gegen Fortpflanzungstechnologie.

In die Selbständigkeit ausgewandert
Im Jahr 1997 wandert Aiha Zemp nach Ecuador aus und kann dort nach umsichtigen Vorbereitungen ein Leben in einer Selbständigkeit führen, wie sie in der Schweiz damals nicht möglich gewesen wäre. Sie erfüllt sich damit einen Traum gleich in mehrfacher Hinsicht. Unter anderem kann sie dort ihre Bäuerinnenseele ausleben: «Auf meinem Gelände leben drei Angestellte mit ihren Kindern. Zwei Hunde, Enten und ein Gänsepaar, Hühner, mehrere Bienenvölker, Fische, Frösche und Kröten, wunderschöne Vögel, viele Libellen und nachts Glühfliegerchen beleben meine Umgebung. Der biologische Gemüse- und Blumengarten ist als Labyrinth angelegt. In vier Teichen sammelt sich das Regenwasser, mit dem wir in der Trockenzeit den Garten bewässern, der viele ernährt.»[2]

Doch sie gehorcht mit diesem Umzug auch einer Not. Denn in der Schweiz hätte sie sich die notwendige Assistenz unmöglich leisten können. Sie wäre dazu verurteilt gewesen, in einer Behinderteninstitution zu leben, was für Aiha nicht in Frage kam. In Ecuador hingegen konnte sie sich Angestellte leisten, die die Hilfeleistungen sicherstellten. Wenn es noch einen weiteren Beweis für ihre Lebenfreude und ihren Lebensmut bräuchte, so liefert ihn die Tatsache, dass sich Aiha öfters in einem speziell konzipierten Rucksack bis hoch in die Anden tragen liess, bis dorthin, wo keine Fahrzeuge mehr hinkommen und der Himmel nah ist.

Behinderung und Sexualität
Der Traum in Ecuador findet im Jahr 2002 ein unvermitteltes Ende, als in der Schweiz beschlossen wird, künftig weder Hilflosenentschädigung noch die Finanzierung von Hilfsmitteln ins Ausland zu transferieren. Aiha Zemp muss aus wirtschaftlichen Gründen in die Schweiz zurückkehren. Sie sagt dazu lapidar: «Mein Leben ist eine Karawanserei», tritt aber, nachdem sie sich in Basel niedergelassen hat, beruflich bald die Flucht nach vorne an und baut ab 2003 die «Fachstelle Behinderung und Sexualität» (fabs) auf. Das Thema ist für sie nicht neu, hat sie dazu doch bereits mehrere Studien verfasst, etwa für das österreichische Familienministerium zum Thema: Sexuelle Gewalt an Menschen mit Behinderung. Die erschreckende Erkenntnis: Ein grosser Teil der Mädchen und jungen Frauen und in etwas geringerem Ausmass der Jungen und jungen Männer in Behinderteninstitutionen haben sexuelle Gewalt am eigenen Leib erfahren. Für Aiha Zemp ist klar: Je selbstbestimmter die Menschen mit Behinderung leben können, gerade auch in ihrer Sexualität, umso weniger Chance hat sexuelle Gewalt. Fortan transportiert sie als Geschäftsleiterin der fabs diese Erkenntnisse in die Gesellschaft und die Institutionen und trägt durch Aufklärung, Weiterbildung, Forschung sowie Öffentlichkeitsarbeit dazu bei, dass Menschen mit Behinderung ihre Sexualität selbstbestimmt leben können. In dieser Aufgabe strömen laut Aiha mehrere Bäche ihres Lebens in einem See zusammen, und sie schätzt sich glücklich, die letzten Berufsjahre mit dieser spannenden Aufgabe zu verbringen. Allerdings muss die Fachstelle im Jahr 2010 mangels Geld aufgegeben werden. Offensichtlich will es sich die Gesellschaft nicht leisten, das Thema Sexualität und Behinderung mit einer eigenen Fachstelle so zu vertiefen, dass die Selbstbestimmung der Behinderten weiter gefördert und die sexuelle Gewalt zurückgedrängt wird …

Innere Weiten
Eine wenig bekannte Facette Aiha Zemps ist ihr innerer Reichtum, ihre Spiritualität. Eine Ahnung davon erhielt ich bei einer kurzen Begegnung wenige Monate vor ihrem Tod. Wir sahen uns zufällig am Kleinbasler Rheinufer. Auf meine Frage, wie es ihr gehe, antwortete sie: «Mir geht es gut. Doch mein Körper will nicht mehr.» Und dies sagte sie in einer heiteren Gelassenheit, die überzeugte. So kann nur jemand sprechen, der in Kontakt ist mit den inneren Dimensionen des Daseins, die weit über das rein Körperliche hinausgehen.

Nicht von Religion ist hier die Rede – und schon gar nicht von der Kirche. Zu dieser hatte Aiha – gelinde gesagt – ein gespaltenes Verhältnis, wurde ihr doch nach ihrer Geburt zunächst die kirchliche Taufe verweigert. Erst nachdem ihr Vater darum kämpfte, durften die Eltern sie taufen lassen – allerdings nicht auf den Namen Maria, der ihr zugedacht war – so hiess ihre Mutter –, sondern auf den Namen Theresia. Begründung des Vikars: Dem Namen Maria, die Empfangende und Gebärerin, könne ein Mädchen mit solch einer Behinderung nie gerecht werden. Der kirchlich aufgezwungene Name Theres blieb Aiha zeitlebens fremd, weshalb sie ihn später ablegte.

Trotz der widrigen Umständen lebte Aiha Zemp ein reiches, geradezu unbändiges Leben. Sie war kämpferisch und selbstbewusst, für viele auch herausfordernd und unbequem. Sie war aber auch tiefgründig, weich und heiter. Und sie verkörperte in schöner Weise die Erkenntnis: Es ist nicht so wichtig, was für ein Schicksal dich trifft. Wichtiger ist, was du daraus machst.

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Anmerkungen:

[1] werft_die_prothesen_weg.pdf ((Link nicht mehr verfügbar))

[2] zu_meiner_person ((Link nicht mehr verfügbar))

Quellen:

Comments

  1. Ja – beeindruckend und bewundernswert.

  2. Vielen Dank für diesen Beitrag – das Leben von Ahia Zemp ist nicht nur eine ermutigende Botschaft für Menschen mit Behinderung, sondern überhaupt für Menschen. Vielen sieht man ihre jeweiligen Behinderungen ja gar nicht an – wer von den „Normalen“ ist schon „normal“? Ich will mit diese Aussage aber auch nichts nivellieren – Menschen, die nicht der Norm entsprechen, haben es unglaublich schwer in dieser Welt.

    Um so beeindruckender die Lebensgeschichte dieser Frau!

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