E-Mail an einen Freund über den Generalstreik in Spanien

Der Journalist und Aktivist der spanischen Protestbewegung Amador Fernández-Savater äussert sich in seiner E-Mail an einen Freund besorgt über die Perspektiven der Protestbewegung. Er sieht den Impuls der Bewegung, der ganz neue Ideen und Formen des Dialogs in die Welt setzte, zunehmend von Polarisierungen nach althergebrachten Mustern überdeckt, so dass dem neuartigen Impuls eine Art Erstickungstod droht.

Hola I.

Ich weiss nicht, ob es dir irgendwie dienlich sein kann oder sonst einen Wert hat, was ich über den Streik zu erzählen habe. Das Ganze liess mich absolut kalt. Und diese Gleichgültigkeit verliess mich keinen Augenblick lang.

Nun, ich werde nicht den typischen Fehler des Theoretikers machen, nämlich zu glauben, dass die eigenen Empfindungen das Thermometer der Welt sind. Trotzdem kann ich nicht ohne weiteres über sie hinweggehen. Woher kann ich mir diese Gleichgültigkeit erklären?

Ein paar Freunde und ich waren an diesem Tag ziemlich ziellos unterwegs. Und wir trafen auf keine interessanten Orte. Später erzählte man uns, dass es starke Momente an der Demo gegeben habe, die im Quartier Legazpi [in Madrid] begann, aber auch andernorts. Im allgemeinen waren die TeilnehmerInnen sehr zufrieden, aber mir gelang es nicht, warm zu werden.

Nun ja, man kann seine Aufmerksamkeit auch auf etwas hinlenken, das man nicht wirklich versteht und das einem Probleme macht. Doch gestern hatte ich den Eindruck, dass das ganze sprachliche Repertoire und die Gestik der Demonstrationen die Wiederholung von etwas bereits Dagewesenem war, auch wenn der Streik natürlich wuchtig daherkam und sehr viel Energie freisetzte, mehr als beim Streik im Jahr 2010. Mich lassen Plastikfähnchen nun mal kalt – nach 15-M[1] sowieso –, ich kann idenditäre Blöcke nicht ausstehen, die Rhetorik der Arbeiterklasse klingt in meinen Ohren hohl, und die Unterteilung der Welt in Streikende und Streikbrecher mag ich nicht … Wie du siehst, habe ich Probleme mit dem Dispositiv «Generalstreik».😉

Streikende und Streikbrecher. Natürlich gibt es Augenblicke, wo sich die Welt zweiteilt und man wählen muss, wo man steht. Natürlich kann man der Polarisierung nicht ausweichen, wenn der Augenblick dafür gekommen ist. Aber wenn ich an mein Leben denke, so sehe ich dieses eher als eine tägliche Mischung von Streikposten und Streikbrecher, als etwas weniger Heldenhaftes, als etwas Mehrdeutiges und Widersprüchliches – mit Impulsen, die die Wirklichkeit nacherzählen, und solchen, die sie in Frage stellen. Und dann frage ich mich, ob unsere öffentlichen Polarisierungen nicht vielleicht begleitet sein müssten von einer Bewegung der Öffnung gegenüber dem anderen, die so etwas wäre wie eine intime Einladung zum Dialog mit diesem anderen Teil in uns selbst.

Ich glaube, dass wir in einer gemeinsamen Welt leben. Und weder die Pilger des Weltjugendtages[2] noch die Wähler des Partido Popular[3] werden in der Folge weiss nicht war für eines Endkampfes verschwinden. Wie also zusammenleben? Was ich dir damit sagen möchte: Es gelingt mir einfach nicht, jemanden zu beschimpfen oder dazu zu zwingen, seinen Schmuckladen zu schliessen. Und gerade deshalb achte ich so den Geist von 15-M, der den Mächtigen die Stirn bietet, der polarisiert und zu dem, was wir in unserem Leben nicht haben wollen, deutlich Nein sagt – ganz ohne einen Graben auszuheben, sondern indem er einen Raum des Dialogs öffnet und die 99% dazu einlädt. Doch nun kommen offenbar andere Zeiten …

Ein Freund kam gestern auf mich zu und sagte: «Was 15-M ausmachte, hat die Initiative verloren. Von nun an wird die alte Politik die Szene beherrschen und wir [gemeint ist die Protestbewegung 15-M] fallen zwischen Stuhl und Bank.» Ein anderer Freund knurrte uns an: «Ihr spaziert hier durch, ohne euch überhaupt irgendwie zu informieren, und stellt bereits definitive Diagnosen über die Radikalisierung der Situation und so weiter, und so fort.» Und er hat ja Recht. Doch wenn dies das einzige Spiel ist, das man zu spielen weiss … Also Vorsicht! Warten wir ab! Hören wir zu! Schauen wir hin! Dir erzähle ich alles, was mir durch den Kopf ging, da ich sicher bin, dass du es zu lesen weisst als Eindrücke eines Augenblicks, als reine Fragmente, um die Gedanken weiterzuspinnen.

Aber du weisst schon, was ich glaube: Die «Radikalisierungen» fallen in der Regel so wenig radikal wie möglich aus. Alles wird sehr augenfällig, die Stellungen werden klar bezogen, die Welt ordnet sich allzu sehr. Ich denke lieber an eine Radikalität, die das Leben, das wir führen, grundsätzlich hinterfrägt, indem es (uns) durcheinanderbringt und (uns) zur Diskussion stellt, nicht nur konfrontiert. Ich ziehe eine Radikalität vor, in der die Fragen gemeinsam und kollektiv erarbeitet werden, und zwar im Rahmen von praktischen Versuchen, um diese dann weltweit auszuweiten. Was wir stoppen müssen, ist die Art und Weise, der Sinn unseres Lebens – und nicht so sehr die Schmuckläden. Und ehrlich gesagt weiss ich nicht, welche Fragen genau dieser Streik stellte über Arbeit, das Geld, den Reichtum usw.

Ist es gleichgültig, dass das, was 15-M ausmachte, im Nebel verschwindet und wir uns an bewährtere und überzeugendere Ansätze halten? Überzeugender in ihrer Rhetorik sind sie schon, klar, doch im Praktischen sind sie reine Ohnmacht. Ganz wie wenn uns diese «bewährteren» Ansätze an irgendeinen Ort führen und Ergebnisse zeitigen würden! Vielleicht … Es ist ganz schön schwierig, der Zerreissprobe zu widerstehen zwischen dem beschleunigten Fortgang der Zerstörung durch den Kapitalismus und unserem «gehen wir langsam, denn wir gehen weit». Doch ich bin mir sicher: Wenn 15-M letztes Jahr mit solcher Wucht einschlug, so war das nicht dank der sozialen Bewegungen, die bereits bestanden, sondern vielmehr wegen ihrer Schwäche. Andere Ansätze brachen sich Bahn, weil die bestehenden ihre Grenzen zeigten und den offenen Raum nicht ausfüllten. Sollten wir nicht erneut etwas Leerraum schaffen, um den Weg zu öffnen? Ich weiss nicht. Zurzeit scheint mir das schwierig zu sein …

Schicke diese Mail nicht weiter – oder nur an Freunde, denen du vertraust. Ich lege die Hand für nichts ins Feuer, das ich dir sage.😉 Ich will noch vermehrt mit Freunden darüber sprechen, um zu sehen, wie sie es erleben – auch in Barna [Barcelona]. Ich werde dir davon erzählen. Es geht weiter.

Un abrazo,

Amador

_______________________________________________

Anmerkungen:

[1] Gemeint ist die spanische Protestbewegung, die am 15. Mai 2011 begann und später auf andere Länder inklusive die Vereinigten Staaten übergriff und dort den Namen Occupy Wall Street erhielt.

[2] veranstaltet durch die Römisch-katholische Kirche

[3] die rechtsbürgerliche Volkspartei, die bei den Parlamentswahlen 2011 die absolute Mehrheit errang

Das Original in spanischer Sprache ist auf dem Blog von Amador Fernández-Savater erschienen. Übersetzung: Walter B.

Comments

  1. Klein-Fritzchen: “Wenn ich mal groß bin, möchte ich Kassierer im Supermarkt werden; denn bei dem vielen Geld, das die kassieren, müssen sie die reichsten Menschen der Welt sein.”

    Auf ähnlichem “Niveau” steht die Aussage: “Die bösen Banken sind Schuld an der Finanzkrise.”

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/07/was-passiert-wenn-nichts-passiert.html

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  1. […] Traducción al alemán, por Walter Beutler […]

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