Der Betrug lässt sich nicht aufrechterhalten

In einem bewegenden Kommentar auf dem Blog zona crítica demaskiert die spanische Journalistin und Autorin Olga Rodríguez den Amok laufenden Kapitalismus als breit angelegten Betrug an der Bevölkerung. Doch weil die Profiteure immer mehr ihre Maske fallen lassen, wird die Täuschung nicht ewigen Bestand haben. – Übersetzung: Walter B.

Jede Person hat das Recht auf einen Lebensstandard, der ihr und ihrer Familie Gesundheit und Wohlergehen gewährleistet, einschliesslich Nahrung, Kleidung, Wohnung, medizinische Versorgung und notwendige soziale Leistungen sowie das Recht auf Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Behinderung oder Verwitwung, im Alter sowie bei anderweitigem Verlust ihres Lebensunterhalts durch Umstände, auf die sie keinen Einfluss hat. (Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte)

  • Der Elendsindex erreicht laut Angaben von dieser Woche in unserem Land [Spanien] bereits 26,4%. Das sind 15,5% mehr als noch vor fünf Jahren.
  • Die Ungleichheit zwischen den Einkommen spanischer Familien steigt. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist so gross wie noch nie.
  • Weltweit besitzt 1% der Bevölkerung 43% des gesamten Reichtums. 10% kontrollieren 83% des Reichtums.
  • Laut einem diese Woche veröffentlichten Berichts des Tax Justice Network schleuste die globale ökonomische Elite zwischen 2005 und 2010 mindestens 16,7 Billionen Euro am Fiskus vorbei. (Eine pessimistischere Schätzung geht von 25,6 Billionen Euro aus.)
  • Etwa 6,3 Billionen dieser unversteuerten Gelder gehören 92’000 Personen, das heisst 0,001% der Weltbevölkerung. Das bedeutet gemäss diesem Bericht, dass die Ungleichheit sehr viel grösser ist, als die üblichen Berechnungen zeigen.
  • Laut Zahlen, die diese Woche vom Forschungszentrum des amerikanischen Kongresses veröffentlicht wurden, besass im Jahr 2010 die Hälfte der Bevölkerung der Vereinigten Staaten gerade mal 1,1% des Reichtums des Landes. Im Jahr 2007 waren es 2,5%. Auch dies bestätigt, dass die Armen immer ärmer werden. Laut demselben Bericht besassen im Jahr 2010 die reichsten zehn Prozent 74,5% des Reichtums.

***

Die da oben wollen, dass wir es für normal halten, dass 1% der Bevölkerung 43% des weltweiten Reichtums besitzt. Dass wir annehmen, eine andere Welt sei nicht möglich und das heutige Modell sei universell, die logische Folge des Weltenlaufs und eine unausweichliche Ordnung, die den Reichtum und das Verhältnis zwischen den Individuen regelt. Was aktuell schief laufe, sei auf den exzessiven Missbrauch einiger weniger schwarzer Schafe zurückzuführen, nichts, das sich nicht mit ein paar Reformen ausbügeln liesse, Reformen, um die Gefrässigkeit des Systems zu zähmen, das an sich vernünftig sei, für Wohlstand sorge und den Geiz nicht grundsätzlich befördere.

Sie wollen, dass wir uns nur ein Leben vorstellen können, wo man wohlweislich schweigt und demütig den Kopf senkt, wo man in Kauf nimmt, dass die da oben auf gewisse Art das Recht haben, uns ein bisschen auszubeuten und ab und zu auch zu demütigen – und viel mehr zu verdienen als wir, und sei es auf Kosten unserer Arbeit.

Sie wollen, dass wir einen einzigen Traum träumen, der nur ein bestimmtes Verlangen kennt, so wie es uns die vielen Medien suggerieren: das Verlangen nach Macht, Geld und Status – und daher das Verlangen nach Sieg. Die schöne, unerreichbare Welt der Elite und der Marken – wir sollen uns wünschen, genau dorthin zu gelangen. Wir sollen die bestehenden Hierarchien verteidigen und ebenso den Umstand, dass es nun mal unterschiedliche Kategorien von Menschen gibt: niedere und höhere, je nach wirtschaftlicher und sozialer Situation. Wieviel du hast, soviel bist du wert.

Sie wollen, dass wir glauben, dieses Modell sei so rein und genau wie eine Partitur von Mozart und funktioniere ganz von alleine, indem es sich, sofern nötig, selbst korrigiert. Der natürliche Lauf des Kapitals mache uns immer reicher und glücklicher, denn Geld rufe nach Geld, und je mehr es davon gebe, umso mehr würden wir konsumieren und dadurch wiederum Reichtum erzeugen.

Sie wollen, dass wir in ein wirtschaftliches und soziales Organisationsmodell vertrauen, das soziale Gerechtigkeit und die Umverteilung des Reichtums nicht zu seinen Zielen zählt. Beides aber ist Voraussetzung, dass unsere Welt ein besserer, bewohnbarere Ort wird. Bei alledem wollen sie, dass wir glauben, sie bereicherten sich zu unserem Wohle. Die weltweiten Gesamtwerte, die Summe des Reichtums sind ihnen wichtig. Und der Reichtum steigt. Er konzentriert sich immer mehr in immer weniger Händen – aber er steigt. Und das sei es, was zählt.

Sie wollen, dass wir in Kauf nehmen, dass einige Rechte der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte utopisch bleiben, schlicht nicht realisierbar. Wir könnten sie uns nicht leisten.

Aber immer mehr Menschen durchschauen die gegenwärtige Farce und glauben, dass man die bestehende Ordnung umwälzen muss, um das Wohl aller und nicht nur einiger weniger zu befördern. Nur so können wir unseren Kindern sagen: «Wir haben versucht, diesen Wahnsinn zu stoppen.»

Die da oben können sich an der Macht festbeissen, sie auf ewig für sich beanspruchen. Sie haben die Mittel dazu. Sie steuern die Medien, das Geld, die grossen Organisationen. Doch was sie zwangsweise verlieren, ist ihre Glaubwürdigkeit: Das Blendwerk, die Lüge ist durchschaut. Und wenn die Maskerade als solche erkannt ist, kann sie nicht mehr täuschen. Deshalb lässt sich der Betrug nicht ewig aufrechterhalten.

Comments

  1. werner says:

    ja, spätestens seit dem bloody Thursday, 30. Sept. 2010, in S21 sollte jedem klar sein, was die Regierenden von den Regierten halten. Es wird Zeit, dass wir Regierten uns entsprechend anpassen.

  2. J€$\/$ says:

    Wir sind der Staat.

    Um das mal auf den Punkt zu bringen.

  3. max blau says:

    Die Frage ist: Wer sind „sie“? – Schauen Sie sich an, wo all die Weltverbesserer der 68er und Grün-Alternativen der 80er heute stehen? Paradebeispiel Joshka Fischer, der sich als unbeugsamer Rockn’roller in Jeans und Turnschuhen zum Minister vereidigen liess aus Protest gegen die „Herrschaften in den grauen Anzügen“…. heute trägt der inzwischen beleibt-honorige alte Herr selbst feinsten grauen Zwirn, schätzt kubanische Zigarren, beste Weine, die Oper und unterstützt als Berater der Nobelhobel-Marke BMW deren „grüne“ Image-Kosmetik, oft in Begleitung seiner jungen Klassefrau, wie es in dieser Klasse eben üblich ist. Zum Zeitgeschehen schweigt er meist und das ist auch besser so. Herr Trittin, immer smart im grauen Anzug, habe, so heisst es, inzwischen mit dem hochkapitalistischen Elitezirkel ‚Bilderberger‘ angebandelt. Der rote Lack ist abgeblättert, die Sonnenblume verwelkt. Glaubwürdigkeit? Moral? Vernunft? Verantwortung? Begriffe aus der Mottenkiste, wie’s scheint. Politik verdirbt den Charakter und mit Geld kann man früher oder später alles und jeden kaufen, auch Weltverbesserer. Abzuwarten bleibt, ob manche dieser Seitenwechsler in 10 Jahren nicht doch kalte Füsse bekommen, am warmen Buffet, während draussen die Jeans-und Turnschuh-Generation eine bessere Welt fordert, für alle!

  4. Spätestens bei Stuttgart 21 war es ja offensichtlich, wie die „Oberen“ prügeln lassen, sobald ihnen mal etwas gegen den Strich geht. Und wenn man sich bei Youtube mal die Videos von Kopenhagen 2009 anguckt, da prügeln die auch einfach drauf auf die friedlichen Demonstranten.

    Ich bin so froh, dass es das Internet gibt und man sich hier austauschen und solche Dinge aufdecken kann. Wie du schon schreibst, sie lassen ihre Maske fallen.

    • Jörg Cappallo says:

      Ja, und der Krieg gegen den Terror ist nichts weiter als eine weitere Lüge um gegen die eigene Bevölkerung hoch zu rüsten, denn wenn die Maske fällt, werden sich einige berufen fühlen mit Gewalt gegen jene 1 % und ihre Helfershelfer vorzugehen.
      Wenn zu diesem Zeitpunkt nicht der totale ÜBERWACHUNGSSTAAT etabliert und die totale Entwaffnung der “ Sklaven“ vollzogen worden ist, zerbricht das System, spätesten ab dem Zeitpunkt, wo die Schlafschafe merken, dass der böse Wolf in den Brunnen gefallen ist, um mal mit den Gebrüdern Grimm zu sprechen.

  5. dw-seneca says:

    Es ist nicht der Kapitalismus sondern das Schuldgeldsystem. Angefangen hat das Desaster in den USA mit der Privatisierung der FED und der späteren Aufgabe der Goldbindung. Kennedy wollte das rückgängig machen und mußte deshalb sterben.
    http://www.wiwo.de/politik/konjunktur/ludwig-von-mises-mises-geldtheorie/6504244-3.html
    Mises hat vor vielen Jahrzehnte minutiös beschrieben, wie unser Geldsystem funktioniert, und vor allem, warum es scheitern muß.
    Bitte bezeichnet unser heutiges planwirtschaftliches Schuldgeldsystem nicht immer als Kapitalismus oder freie Marktwirtschaft, denn eine echte freie Marktwirtschaft kennt kein Schuldgeldsystem.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: