Freies Saatgut: Der Stachel im Fleisch von Monsanto und Co.

Was über Jahrtausende in der Geschichte der Menschheit eine Selbstverständlichkeit war, ist heute radikal in Frage gestellt: der freie Austausch und Handel von Saatgut. Grosse Saatgutkonzerne reissen sich unter den Nagel, was letztlich allen Menschen gehört – und die meisten Politiker unterstützen sie dabei tatkräftig. Doch dagegen erwächst immer mehr Widerstand.

In den letzten zwanzig Jahren hat beim Saatguthandel eine atemberaubende Konzentration stattgefunden. Waren im Jahr 1996 die zehn grössten Unternehmen noch mit einem Anteil von nicht ganz 30 Prozent am Saatgutmarkt beteiligt, so kommen heute die drei Marktführer auf über 50 Prozent Marktanteil, und dies hauptsächlich durch Übernahmen und Beteiligungen:

Für die kleinräumige bäuerliche Landwirtschaft hat das fatale Folgen: Der Anbau von regional gezüchteten Sorten und insbesondere der Nachbau – also die Wiederaussaat eines Teils der letzten Ernte – wird zunehmend erschwert. Dies geschieht einerseits durch technische Massnahmen seitens der Saatgutkonzerne und anderseits durch gesetzliche Bestimmungen und führt zu einer rigorosen Verarmung der Saatgutvielfalt.

Die Wiederaussaat lässt sich etwa durch Hybridzüchtung verhindern. Dabei wird, meistens durch Inzucht, ein sehr ertragreiches Saatgut erzielt, dessen Nachbau sich für den Bauern allerdings nicht mehr lohnt, da die Nachfolgegeneration wenig bis gar keinen Ertrag mehr abwirft. Aber auch gentechnisch lässt sich der Nachbau verhindern. Stichwort hierzu: Terminator-Technologie. Das Interesse dahinter ist klar: Die Landwirtschaft soll möglichst flächendeckend von den Saatgutkonzernen abhängig sein, und zwar jedes Jahr wieder von neuem.

Gesetzliche Bestimmungen zugunsten der Grossen
Doch besonders wirksam wird der freie Austausch von Saatgut durch Richtlinien und Gesetze verhindert. Etwa auf europäischer Ebene: Hier darf Saatgut nur verkauft, getauscht oder verschenkt werden, wenn die entsprechende Sorte in einem Sortenregister eingetragen ist. Und ein solcher Eintrag ist aufwändig – und teuer. Zudem ist er an Bedingungen geknüpft, die industrielles Saatgut schnell mal erfüllen kann, weil es in hohem Mass standardisiert ist, gleichsam «quadratisch, praktisch, gut». Bäuerliches Saatgut und die Produkte  kleiner und mittlerer Züchter aber werden deutlich benachteiligt.

Ein so verstandener Sortenschutz ist allerdings nichts weniger als eine Art Patentschutz, ohne das Wort «Patent» in den Mund nehmen zu müssen. Patente – und damit Eigentumsrechte – auf Saatgut und dessen Erblinie sind nämlich verpönt und würden auf breite Kritik stossen. Es verwundert deshalb nicht, dass ein Grossteil der eingetragenen Sorten Hybridzüchtungen aus industrieller Produktion sind. Und alte Sorten, die sehr anpassungsfähig sind, haben praktisch keine Chancen, in den offiziellen Sortenkatalog aufgenommen zu werden.

Widerstand gegen die Aushöhlung der Vielfalt
Keine Frage: Solche Richtlinien und Gesetze sind die Folge eines wohldotierten Lobbyings seitens der Saatgutindustrie. Sie untergraben die über Jahrtausende gewachsene Vielfalt der bäuerlichen Produkte und legen unsere Zukunft in die wenig vertrauenswürdigen Hände der Agrarindustrie.

Doch dagegen wehren sich seit längerem verschiedene Saatgutinitiativen. Sie sind im Vergleich zur Saatgutindustrie klein und brauchen einen langen Atem. Sie sind nicht mehr als ein Stachel im Fleisch von Monsanto und Co. Doch sie werden immer zahlreicher und beginnen sich international zu vernetzen. Die einen Initiativen widmen sich fast ausschliesslich der Erhaltung und Weiterverbreitung von Saatgut alter und lokaler Sorten. Die anderen haben eine politische Stossrichtung.

Die Ausbildung eines breit verankerten politischen Bewusstseins bezüglich der Saatgutproduktion und deren Folgen für unsere Lebensbedingungen ist bitter nötig. Die Saatgutfrage ist kein Thema, das an Spezialisten delegiert werden darf. Sie ist für unser aller Leben grundlegend. Denn die Auswahl der Sorten bestimmt unmittelbar das Landwirtschaftsmodell – und umgekehrt. Eine kleinräumige, bäuerliche Landwirtschaft wird mit den aktuellen europäischen Saatgutrichtlinien immer mehr ins Abseits gedrängt. Dies ist äusserst schlecht für die europäische Landwirtschaft – und für die Natur. Geradezu katastrophal wird es, wenn ein solcher Umgang mit dem Saatgut zum globalen Standard wird. Das würde den Industrialisierungsprozess der weltweiten Landwirtschaft insbesondere in den Ländern des Südens noch rabiat beschleunigen.

Deshalb entstehen immer mehr zivilgesellschaftliche Initiativen, die sich dagegen zur Wehr setzen.

Beispiel Kokopelli
Seit seinem Bestehen (1999) erzeugt und verbreitet das nicht gewinnorientierte Saatgutnetzwerk Kokopelli viele Landsorten Gemüse, Getreide, Kräuter und Blumen und schützt sie so vor dem Verschwinden. Da es – natürlich – auch Saatgut im Angebot hat, das nicht im offiziellen Sortenregister aufgeführt ist, wurde der französische Verein von einem Saatguthändler wegen unlauteren Wettbewerbs auf 50’000 Euro Schadenersatz verklagt – und erhielt nun vor dem Europäischen Gerichtshof Recht. Kokopelli darf weiterhin auch nichtregistriertes Saatgut verkaufen. Allerdings wird dieser Rechtsspruch überbewertet und als Sieg über die Saatgutmultis bejubelt. Doch dies ist bei weitem nicht der Fall. Das Gericht hat nur die bestehenden Saatgutrichtlinien bestätigt. Diese sehen nämlich bereits heute vor, dass die sogenannten Erhaltungssorten – also Sorten, welche die genetische Vielfalt erhalten –, erzeugt und weiterverbreitet werden dürfen, allerdings in einem äusserst restriktiven Rahmen. Die Richtlinien sind so streng, dass diese Sorten ein Nischendasein fristen müssen und der grösste Teil des Saatgutmarktes weiterhin der industriellen Produktion vorbehalten bleibt.

Beispiel «Kampagne für Saatgut-Souveränität»
Auf politischer Ebene ist unter anderem die «Kampagne für Saatgut-Souveränität» tätig. Sie setzt sich mit Aktionen und Interventionen für den unbeschränkten Austausch und Verkauf von samenfestem Saatgut ein, also von Saatgut, aus dem erneut Saatgut gewonnen werden kann. Dies gäbe den Bauern ein Stück Souveränität zurück, das sie historisch zwar schon immer besassen, das ihnen aber heute mehr und mehr genommen werden soll. Ohne Saatgut-Souveränität gibt es keine Ernährungs-Souveränität.

Im Fokus der «Kampagne für Saatgut-Souveränität» steht deshalb zurzeit die laufende Reform der EU-Saatgutgesetzgebung. Diese hat zum Ziel, die verschiedenen bestehenden Richtlinien zusammenzufassen, zu «modernisieren» und zu vereinheitlichen. Mehr noch: Nach Abschluss der Reform soll die Rechtssetzung auch auf andere Länder ausgedehnt werden, indem sie zum Beispiel Teil von Handelsverträgen werden soll. Es ist schon heute absehbar, dass die industriellen Sorten durch das reformierte Saatgutrecht gestützt werden und die Sortenvielfalt das Nachsehen hat. In einer sehr lesenswerten Analyse (PDF, 6 S., 160 KB) skizziert Andreas Rieteberg von der «Kampagne für Saatgut-Souveränität» eine Alternative dazu:

«Wenn die Erosion der landwirtschaftlichen Biodiversität gestoppt werden soll, muss die gegenwärtige vielfaltsfeindliche rechtliche Festlegung von ‹Pflanzensorten› fallen. Das Saatgutrecht vom Kopf auf die Füsse gestellt werden. Lokal angepasste und variable bäuerliche Sorten müssen gefördert werden, nicht die Hochleistungssorten der Industrie mit ihrem hohen Bedarf an Pestiziden, Dünger und Energie.»

Helfen wir mit, dass das nicht ein frommer Wunsch bleibt!

Weitere Saatgutinitiativen in Stichworten

  • Save our Seeds: Europaweite Initiative für die Reinhaltung des Saatguts von gentechnisch veränderten Organismen. Daneben viele weitere Projekte rund um die Auseinandersetzung mit Gentechnik, nachhaltiger Landwirtschaft und Ernährungssouveränität.
  • Dreschflegel: Zusammenschluss kontrolliert ökologisch wirtschaftender Betriebe zur Saatgutvermehrung, -züchtung und -vermarktung mit Online-Shop. Zusätzlich politisch aktiv, um der Sortenverarmung entgegenzuwirken.
  • Via Campesina: Weltweit vernetzte Dachorganisation von «mehr als 100 Kleinbauern-, Landarbeiter-, Landlosen- und Indigenenorganisationen aus Europa, Amerika, Afrika und Asien» (Wikipedia). Via Campesina setzt sich ein für eine umweltfreundliche, kleinräumige Landwirtschaft und für Ernährungssouveränität in den Regionen. Die Organisation fordert auch eine Landreform zugunsten der Kleinbauern. Freies Saatgut steht nicht im Zentrum der Aktivitäten.
  • Arche Noah: Gesellschaft für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt & ihre Entwicklung (Österreich)
  • ProSpecieRara: Schweizerische Stiftung für die kulturhistorische und genetische Vielfalt von Pflanzen und Tieren.

Bildnachweis:

  • ganz oben: aus der Dokumentation «agropoly» der Erklärung von Bern (einige Rechte vorbehalten)

Comments

  1. Reblogged this on Ökolandbau vs. Agrarindustrie.

  2. Freies Saatgut: Der Stachel im Fleisch von Monsanto und Co.

    Leider ist es so, dass Monsanto und Co. sich weltweit immer mehr und immer aggressiver durchsetzen, Monsanto hat sogar eine Tochter, Blackwater, eine reine Söldnerarmee, gekauft, um ihren Interesse Nachdruck zu verleihen.
    Je mehr der Gentech-Müll unserer Erde kontaminiert, desto schlechter ist es je wieder zu entfernen, wenn überhaupt.

Trackbacks

  1. […] eingetragen ist verwendet werden darf. Normierung statt Vielfalt – zu wessen Nutzen? (Hier gut nachzuvollziehen.) Von landwirtschaftlicher Biodiversität kann da wohl nicht mehr die Rede […]

  2. […] Freies Saatgut: Der Stachel im Fleisch von Monsanto und Co. […]

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