Der Lebensbaum

Wie kein anderes Wesen steht der Baum für das Leben an sich: Mit seinen Wurzeln greift er in die Erde, holt sich dort Kraft und Halt; mit seinen Ästen strebt er dem Licht entgegen, was ihm Wachstum, Entwicklung ermöglicht. Ein schönes und wahres Bild für das Leben im Allgemeinen – bis hin zum Leben des Menschen.
Der eindrücklichste Lebensbaum ist für mich der Banyanbaum, der im Zentrum von Auroville steht. Er überdeckt eine Fläche von etwa dreissig mal dreissig Metern und besteht aus rund 25 Stämmen.

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Das Leben hat sich ebenso in den verwachsenen Haupstamm eingeprägt, wie es dies im Gesicht von alten Frauen oder Männern tut: ausdruckstark und unbestechlich. Tausende Geschichten haben ihre Furchen hinterlassen – Spuren eines bewegten Lebens voller Hingabe und Ergebenheit, Narben auch, wie sie nunmal dem Leben eigen sind, das ohne Schmerz nicht vorstellbar ist.

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Ich sitze unter dem Banyanbaum, und es ist, als sässe ich unter dem Dach einer zwar kleinen, aber doch ganzen, vollständigen Welt. Über mir das Blätterdach, gestützt von kräftigen, weit ausladenden Ästen. Mehr als zehn Vogelarten zähle ich, darunter knallgrüne Papageien und ein Paar kleine Eulen, die hier hausen. Ein vielstimmiges, aber in keiner Weise aufdringliches Gezwitscher und Geflöte umgibt mich und lässt mich andächtig werden. Putzige gestreifte Hörnchen eilen durchs Geäst, was die friedliche Stimmung noch unterstreicht.
Stundenlang, tagelang könnte ich hier sitzen. Es würde mir an nichts fehlen. Teil dieses Wunders, genannt Leben, zu sein, genügt vollauf. Mehr braucht es nicht. Kaum erstaunlich, dass der Banyan in ganz Südindien verehrt wird. In den Dörfern steht an zentraler Stelle oft ein besonders prächtiges Exemplar – ganz so wie bei uns in ländlichen Gebieten an markanter Stelle oft eine Linde steht.

Zur Botanik

Der Banyan (Ficus benghalensis) ist auch botanisch höchst interessant, gehört er doch zu den Würgefeigen, eine Untergattung der Feigen. Sein Leben beginnt epiphytisch auf einem beliebigen Wirtsbaum, ohne diesen vorerst direkt zu schädigen, also ihm etwa Nährstoffe zu entziehen. Vielmehr lebt er vom Substrat, das ihn umgibt, also von all dem organischen Material, das sich in der Nähe ansammelt. Bald bilden sich Luftwurzeln. Und wenn diese den Erdboden berühren und sich mit ihm verbinden können, erhält der Banyan einen kräftigen Wachstumsschub, da er nun zusätzlich Nährstoffe aufnehmen kann. Schliesslich wächst er dem Wirtsbaum förmlich über den Kopf und lässt ihn sterben, wobei der zerfallende Stamm – nun im Inneren des Banyanbaums – noch lange als Nährstoffquelle dient. Im Anfangsstadium des «Würge»-Prozesses, hier an einer Palme, sieht das etwa so aus.

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Auch die Wuchsformen sind ganz eigentümlich: Die miteinander verschlungenen Luftwurzeln wachsen nachträglich zusammen, sobald sie sich im Boden verwurzelt haben, wie im Bild unten zu sehen ist.
Meines Wissens kann keine höhere Pflanze nachträglich in dieser Weise wieder zusammenwachsen. Das führt dazu, dass ein einzelner Baum mehrere Stämme ausbilden kann, welche die Hauptäste stützen. Beim Banyan im Zentrum von Auroville sind es um die 25 Stämme.

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Der Tod gehört zum Leben. Das ist in Indien sehr viel deutlicher wahrnehmbar als in europäischen Gefilden, wo er geradezu verheimlicht wird und im Versteckten stattfinden muss. Auch dafür steht der Banyanbaum, der seine Grösse und Majestät nur erreichen kann, nachdem er einen Wirtsbaum «erwürgt» hat. – Ein wahrer Lebensbaum!

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