Die Menschwerdung eines Behinderten (Achtung Glosse!)

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Maximilianstraße von fabianmohr via flickr (Symbolbild, CC-Lizenz)

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Ich bin ein Behinderter. Pardon! Ein Mensch mit Behinderung. Und das schon lange. Das heisst, früher war ich ein Behinderter, jetzt bin ich ein Mensch mit Behinderung. Was für ein Aufstieg! Die Menschwerdung eines Behinderten hautnah miterleben zu dürfen, erfüllt mich mit gewissem Stolz. Keine Frage: Mensch werden lohnt sich.

Seither ging ich gestärkt und frohlockend durch die Welt, erhobenen Hauptes und versöhnt mit der Gegenwart – die ist nämlich gar nicht so schlecht, wie alle meinen –, bis mir ein eher unsensibler Zeitgenosse das Wort «invalid» um die Ohren schlug. Darauf war ich nicht gefasst. Das war ein Schlag in die Magengegend. Woher er das habe, zischte ich ihm entgegen. «Aus dem Gesetzbuch», antwortete er ziemlich ungerührt. Invalidität bezeichne dort die Erwerbsunfähigkeit infolge Krankheit oder Gebrechen, die dann auch, zumindest in der Schweiz, zu einer Rente berechtigt, zu einer Invalidenrente natürlich. Offenbar hatte ich es mit einem Juristen zu tun. Aber wenn Sie mich fragen: Solche Kloben kommen bei mir in die Schublade der scheinbar Nichtbehinderten. Pardon! Der Menschen nur scheinbar ohne Behinderung.

Das Wort «invalid» hat eben auch den Geruch von ungültig, unwert, schwach und hinfällig.

Ich bin ein Invalidenrentner. Pardon! Ein Mensch mit Invalidenrente. Warum mich das stört? Das Wort «invalid» hat eben auch den Geruch von ungültig, unwert, schwach und hinfällig. Und es hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch eingenistet, weit über das rein Rechtliche hinaus. Ich galt als Invalider, lange bevor ich eine Rente bezog. So eine Frechheit!

Heute attestiert mir die Versicherung einen Invaliditätsgrad von nicht ganz siebzig Prozent. Es sind mir also noch etwas über dreissig Prozent Menschlichkeit geblieben. Damit kann ich nur leben, weil mir im Gegenzug monatlich eine Rente ausbezahlt wird – ein Schweigegeld gleichsam. Mit Hilfe dieses Geldes ringe ich um jedes Prozent Menschlichkeit, das ich zusätzlich ergattern kann. Das kann ganz schön anstrengend sein. Die Menschwerdung hatte ich mir einfacher vorgestellt.

P.S.:
Letzthin sass ich in einer klaren, lauen Nacht unter dem Sternenhimmel. Es war still um mich her. Auch in mir drin war das übliche Geplapper vorbei. Die Sterne flackerten. Und in ihrem Schein wuchs in mir die Gewissheit: Ja, ich bin ein Mensch.

Comments

  1. Stephan says:

    Ich weiss jetzt wirklich nicht, wovon ich mehr beeindruckt sein soll: Vom irrwitzigen Humor, von der scharfen aber doch leichten Analyse von Spracheinsatz, von der Intelligenz oder der tiefen Weisheit und Menschlichkeit, die vor allem im letzten Absatz durchdringt. Das zweite Mal, dass ich einen Text von Walter erleben darf, und ich frage mich, wann ich mehr und grösseres von ihm lesen darf!

  2. Lieber Walter!
    Toll! Da werden für eine Versicherung Sparmassnahmen eingeleitet, lange über Revisionen debatiert – mit hochroten Köpfen (die auch ein Zeichen von hohem Blutdruck sein können und im schlimmsten Fall auch zu einer krankheitsbedingten Invalidität gemäss ATSG führen könnte) – die eigentlich ungültig ist. Willkommen im sprachlichen Irrsinn der Gesetzte. Da braucht es einen Röntgenblick – für den Durchblick und um die Menschen um die es geht nicht zu übersehen.😉

  3. Eveline Plattner Gürtler says:

    Ein Mensch mit Bedürfnissen wie Du und ich und ein paar besonderen mit dazu? Toller Beitrag! Ich kämpfe im Behindertenwesen gegen das Wort Behinderte. Oder Menschen mit besonderem Bedarf. Alles übel. Glg Eveline

  4. Freue mich über deinen Erfolg und die Renaissance der Bloggerei!

  5. Ergreifend !

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