«Die integrieren auf Teufel komm raus»

Ich habe ein Herz und viel Verständnis für unsere Lehrerinnen und Lehrer. Ihrem breiten Wissen und der eher intellektuellen, kulturaffinen Lebensart gehört mein Herz. Mein Verständnis gehört ihnen, weil ich weiss, wie schwer der Lehrerberuf inzwischen ist, wird er doch an höchst exponierter Stelle ausgeübt. Alle wollen etwas von den LehrerInnen – und vor allem: Alle wollen etwas ganz anderes: die Kinder und Jugendlichen, dass sie möglichst schlank über die Runden kommen – und trotzdem Erfolg haben; die Eltern, dass ihre Kinder und Jugendlichen zu Höchstleistungen angehalten werden – und Erfolg haben; die bürgerlichen Politiker wollen, dass die Kinder zu guten Bürgern heranwachsen und die Wirtschaftsführer wünschen sich gute KonsumentInnen – und Arbeitskräfte. Alle zusammen möchten die armen Lehrer für ihre eigenen Zwecke einspannen. Hinzu kommen die vielen Reformvorhaben, die ja letztlich auch von den Lehrern geschultert werden müssen: HarmoS, Lehrplan 21 und und und … Ich habe also viel Verständnis, wenn ein Lehrer mal die Kontrolle verliert und ins Lamentieren gerät. Ich bin der Letzte, der über klagende Lehrer klagt.

Doch letzthin wurde dieses mein Verständnis auf eine harte Probe gestellt, um nicht zu sagen überstrapaziert. Das kam so: Ein Bekannter – von Beruf Lehrer – beklagte sich darüber, dass nun auch an seiner Schule Integrationsklassen eingeführt würden. «Die integrieren auf Teufel komm raus», sagte er zu mir. «Was ist das Problem?» fragte ich vielleicht etwas scharf zurück. «Das Problem ist, dass wir nicht mehr können, dass wir immer mehr aufgebürdet bekommen und dass einmal genug ist, einfach genug. Wir können nicht alle Probleme dieser Gesellschaft lösen. Schon ohne explizit behinderte Kinder sind wir halbe Heilpädagogen geworden. Und überhaupt will der Staat mit seiner Integrationswut doch nur Geld sparen.» Ich beherrschte mich. «Lass uns zusammen etwas trinken», versuchte ich die Lage zu beruhigen. Er setzte sich, stiess einen deutlich hörbaren Seufzer aus und bestellte ein Mineralwasser mit Zitrone.

Die Integration Behinderter ist und bleibt ein Generationenprojekt. Und die schulische Integration spielt dabei eine Schlüsselrolle.

Bevor er wieder loslegen konnte, ergriff ich das Wort. «Bist du dir eigentlich bewusst, wie wichtig es für uns Behinderte ist, gesellschaftlich nicht ausgeschlossen zu sein? Integration ist nicht ein Accessoire, das uns Betroffenen etwas mehr Lebensqualität beschert. Gesellschaftliche Integration ist nicht nice to have. Sie ist lebensnotwendig. Und weisst du eigentlich, wie weit wir von einer wirklichen Integration noch entfernt sind? Meilenweit! Die Integration Behinderter ist und bleibt ein Generationenprojekt. Und die schulische Integration spielt dabei eine Schlüsselrolle. Ohne sie wird es noch viele Generationen dauern, bis wir selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft sind. Also nimm dich zusammen und mache deinen Job ganz! Oder lass es ganz bleiben!» Das hätte ich wohl so nicht äussern dürfen. Ohne etwas zu sagen, stürzte er davon und liess mich sitzen und sein Mineral stehen. Seither habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ob er seinen Beruf inzwischen gewechselt hat, weiss ich nicht.

PS: Die Handlung der Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit heute lebenden Personen oder aktuellen Vorgängen sind rein zufällig und unbeabsichtigt.

Comments

  1. Christine says:

    Eigentlich kann man hier nur zustimmen.
    Eigentlich…
    Das tue ich auch- ich bin selbst gehbehindert, habe eine behinderte Tochter (und sogar eine behinderte bzw chronisch kranke Katze, aber DAS war erstens Absicht und würde zweitens zu weit führen…^^)- und ich bin engagiertes Mitglied im Inklusion-Arbeitskreis unserer Schule- wenn ich also nicht für Inklusion bin, wer dann?
    Alle zusammen, Große, Dünne, Dunkelhäutige, Behinderte- eine bunte Gesellschaft; jeder nach seinen Möglichkeiten- jeder individuell, jeder wertvoll.
    So sollte es sein; so will ich es haben.
    Was ist es also, was mich zaudern lässt, hier laut und deutlich: Ja- uneingeschränkt ja- zu sagen?
    Meine Tochter hat Asperger-Autismus.
    Das ist eine Erkrankung, die in den psychischen Bereich fällt.
    In unserem Fall gestaltet sich das so, dass das Kind hauptsächlich Einsen und Zweien heimbringt, Musikstücke analysiert, sich selbst Programmiersprachen beibringt- und, wenn man sie nicht an der Hand hält, in das nächste Auto rennt. Sie kann sich kaum Gesichter merken, erkennt Mitschüler auch nach mehreren Monaten nicht und hat jetzt, in der Pubertät, keinerlei Interesse an Jungs, Mode, Shoppen.
    Sie fällt auf. Sie wird nicht nur ausgelacht; sie wird gemobbt.
    Die Kids machen das ganz geschickt: Wenn kein Lehrer da ist, schubsen sie sie, stellen ihr ein Bein. Flüstern ihr „du bist ja irre“ oder „Psycho“ zu.
    Dreimal wurde sie schon regelrecht zusammengeschlagen.
    Dann sagen die aus der „coolen“ Gruppe, sie hätte angefangen- keiner hat’s gesehen, Aussage gegen Aussage. Sie ist allein, die anderen zu dritt oder viert.
    Meine Tochter übergibt sich morgens, wenn sie zur Schule muss. Sie hat Angst, was „denen“ Neues eingefallen ist. Und dass es wieder heißt, die Verrückte habe angefangen.
    Sogar Eltern mobben. Per E-Mail.
    Es ist nun schon die vierte Schule, alle inklusiv.
    Alternativen gibt es nicht, nur eine „Einrichtung“ für Kinder, die eher gar nicht reagieren.
    Man kann dort keinen Abschluss machen.
    Ich zähle die Jahre, bis endlich die Schulpflicht vorüber ist und meine Tochter Abitur machen kann, mit Leichtigkeit- per Fernschule.
    Bis dahin müssen wir durch die Inklusion durch.
    Ich wünsche mir Inklusion- so, wie sie gedacht ist.
    So, wie sie gelebt wird, fürchte ich sie.
    Ich hoffe, dass wir den Weg schaffen zu einer Gesellschaft, die bunt und lebendig und inklusiv ist- so, wie sie so vielen vorschwebt.
    Und ich hoffe, dass auf dem Weg dorthin keine Menschenopfer „passieren“…

    • Tut mir sehr leid, Christine, für deine Tochter. Das ist ja schrecklich. Und ich kann auch keinen Rat geben, ausser vielleicht, einen Privatlehrer zu engagieren. Aber das muss man sich auch noch leisten können …

      Ich möchte aber betonen, dass ich hier eine Art Glosse geschrieben habe, holzschnittartig und wenig differenziert. Und es ist mir klar, dass bei einigen Behinderungen eine Integration in die Regelschule keinen Sinn macht, ja Schaden anrichtet. Es gibt ja grundsätzlich – mindestens – zwei Arten von integrativer Schulung: die Einzelintegration in eine Regelklasse und die Integrationsklasse, in der mehrere Kinder mit Behinderung eingeschult werden. Wie ist das bei deiner Tochter? Deine Beschreibung klingt eher nach Einzelintegration denn nach Integrationsklasse, denn dort wird der Umgang miteinander sorgsamer sein.

      Und Inklusion wäre dann noch ein Schritt weiter, nämlich, dass die Menschen gesellschaftlich, sozial gar nicht erst ausgeschlossen werden und dann „mühsam“ wieder integriert werden müssen. Aber bei der Inklusion stehen wir erst ganz am Anfang – wenn überhaupt.

      Ich hoffe, es ergibt sich bald eine bessere Lösung für deine Tochter.

      • Christine says:

        Keine Sorge, wir schaffen das schon!

        Bei „unserer“ Schule handelt es sich um eine integrative Gesamtschule mit speziellem inklusiven Ansatz in jeder Klasse- und ich bin mit meiner Tochter extra hierher gezogen, damit sie dort hin kann.
        Allerdings ist es eine private Schule und das ist einerseits schlecht, weil so manche wohlhabende Eltern recht wenig begabter Kinder meinen, ihrem Sprössling dort das Abitur „kaufen“ zu können und logischerweise sind es gerade diese Eltern (und demzufolge auch deren Kinder), die alles „wegbeißen“, was sich ihrem Kind in den Weg stellt. Sie glauben, behinderte Schülen bekämen mehr Aufmerksamkeit als ihre Kinder und damit bessere Chancen- usw.
        Es ist bereits die dritte Schulform (und die vierte Klasse), die wir ausprobieren.
        Die Form des Mobbings variiert, aber es ist in der Tat so, dass Asperger-Autisten nirgendwo so richtig rein passen.
        Ein Gutes hat diese Schule allerdings: Meine Süße bekommt zurzeit Online-Unterricht.
        Das gibt es sonst nicht an den Schulen in Deutschland, weil die Schulpflicht hier tatsächlich nicht „Lernpflicht“, sondern „Teilnahmepflicht“ bedeutet.

        Meine Tochter und ich sind logischerweise immer mal wieder deprimiert, verletzt, erschöpft.
        ABER: Wir sind beide Stehaufmännchen mit einer guten Portion Humor und Resilienz.
        Wir überwinden Krisen immer wieder und gehen gestärkt daraus hervor.

        Am Wochenende haben wir eine geniale Ausstellung in Frankfurt am Main besucht mit dem Titel: Einer unter 7 Milliarden.
        Dort geben über 6000 Menschen aus aller Welt sehr individuelle Antworten auf die immer gleichen Fragen nach Glück, Angst, Träumen etc.

        Eine sehr charismatisch wirkende Afroamerikanerin zum Beispiel sagte sinngemäß: „Ich habe zeitlebens tagtäglich Diskriminierung in unterschiedlicher Ausprägung erfahren. Aber ich lasse diesen Hass nicht in mein Herz, sonst kann ich nicht leben.“

        Ich denke, genau darum geht es: Den Hass nicht ins Herz zu lassen und leben, lieben, lachen.
        Trotzdem- aber nicht erst recht!
        Nicht als Kriegserklärung, nicht als Kampf, sondern ganz natürlich.
        Ich denke, dann haben wir auch genug Puste auf dem Weg zur Inklusion.
        Denn da wollen wir ja mal hin.

        Ich schicke dir liebe Grüße und danke dir dafür, dass du dir so viel Gedanken machst!

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