Europa – ein Bekenntnis

Humoristische Karte von Europa, entworfen und gezeichnet von Arnold Neumann, Berlin (1870).
Foto: 50 Watts (CC-Lizenz)

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Seit dem 9. Februar, dem Abstimmungstermin über die Zuwanderungsinitiative, treibt mich die Europafrage um. Warum bloss empfinde ich mich spätestens seit jener knappmehrheitlichen Schweizer Absage an Europa vermehrt als Europäer? Ausgerechnet! Dabei habe ich ja eigentlich grösste Vorbehalte etwa gegenüber dem europäischen Parlament, das einheitliche Ladegeräte für Handys beschliesst, während draussen Weltgeschichte geschrieben wird. Auch das Europa der Konzerne ist nicht wirklich mein Ding. Und die Festung Europa, welche die Zugbrücke hochgezogen hat und die Flüchtlinge im Burggraben ertrinken lässt, ist mir aufs äusserste zuwider. Europa hat zurzeit fast nur hässliche Gesichter.

Und trotzden fühle ich mich als Europäer. Mehr noch: Wenn Europa ein zukunftsweisendes Projekt sein soll, so gehört die Schweiz meines Erachtens ganz klar dazu – und ich mit ihr. Die Schweiz stellt geografisch das Herz Europas dar. Und sie könnte demokratie- und verwaltungstechnisch einiges zu seinem Gelingen beitragen. Gerade die Qualitäten, die unsere «Nationalen» zu verteidigen vorgeben, sollten wir nach Europa tragen: Demokratie und Föderalismus zum Beispiel. Wie wäre es mit einem Europa der Regionen – statt der Nationen? Denn ohne ein funktionierendes Europa um uns herum, geht auch unsere Demokratie flöten. Dazu Andreas Gross in einem Interview mit der WoZ: «Die Frage ist nicht, ob man die EU gut findet. Ohne die EU lässt sich schlicht die Demokratie nicht retten. Auch die schweizerische nicht. Doch dafür muss sie demokratisch und föderalistisch verfasst werden. Das heisst, Ausdruck einer Vereinbarung der Bürger zu sein und so auch die Macht und die Legitimität zu bekommen, gestalterisch in die Märkte einzugreifen, sie einzuhegen, sodass Rücksicht genommen werden muss auf die Schwachen und auf die Natur. Das kann heute kein Nationalstaat mehr. Das muss auf europäischer Ebene geschehen.»

Genau das ist es. Deshalb bin ich Europäer: Weil ohne funktionierendes Europa auch die Schweiz nicht mehr funktioniert. Und weil es Zeit ist, dass die Schweiz endlich mehr zum Gelingen Europas beiträgt. Man mag mich naiv finden. Man mag mich ins Pfefferland wünschen. Man mag mich ans Kreuz nageln. Ich bleibe dabei: Ich empfinde mich als Europäer – mindestens!

Comments

  1. Christine says:

    Für mich ein schwieriges Thema: Europa.
    Ich habe naturgemäß mit dem nationalen Gefühl schon ein Problem: Bereits als Jugendliche schämte ich mich, Deutsche zu sein. Da nützt auch ein Großonkel, der im KZ war, nichts- wann immer es geht, bezeichne ich mich als „Pfälzerin“.
    Ein Europa der Regionen ist mir daher viel näher als eines der Nationen- die Pfälzer sind herzlich, trinkfreudig, bodenständig und mitteilsam. Wer in ein pfälzisches Dorf einwandert, kommt in der Regel gar nicht erst dazu, sich fremd zu fühlen: Er wird sofort für die freiwillige Feuerwehr, den Frauenkreis oder Ähnliches rekrutiert. So ist es auch meiner aus Äthiopien stammenden Schwägerin ergangen, der ich mich übrigens näher fühle als manchem „deutschen“ Mitbürger.
    Ich bin also passionierte Pfälzerin, ungern Deutsche, meinetwegen Europäerin und auf jeden Fall mit Leidenschaft Mensch; Bewohnerin dieser Erde…
    ;o)

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