Ein Europaabgeordneter auf Rädern

Mit treffenden Worten und einem klaren Blick für die gesellschaftliche Stellung der Behinderten in Spanien beschreibt der Rollstuhlfahrer Pablo Echenique-Robba die Hindernisse auf seinem Weg hin zu einem Mandat als Europaabgeordneter. Vordergründig sind es architektonische Hindernisse, aber diese sind nur Ausdruck einer politischen und gesellschaftlichen Haltung. Das Mandat ins Europäische Parlament hat er trotzdem erhalten. Übersetzung: Walter B.

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Die Struktur einer Gesellschaft zeigt sich am klarsten, wenn man auf ihre «oberen» Schichten blickt, dorthin also wo die wirtschaftliche und politische Macht sitzt.

Frauen wissen es längst: Nur 16,6 Prozent der Verwaltungsratsmitglieder aller Firmen auf dem IBEX 35-Index [dem Aktienindex der wichtigsten spanischen Unternehmen] sind Frauen. Und nur 36,2 Prozent unserer Kongressabgeordneten sind weiblichen Geschlechts. Da Frauen etwa fünfzig Prozent der Bevölkerung ausmachen, ist uns allen klar, dass sie sowohl beim IBEX 35 als auch im Kongress untervertreten sind.

Ähnliches und womöglich noch Krasseres gilt für die Menschen mit Behinderung. Allerdings gibt es hier kaum Statistiken, so dass wir darauf angewiesen sind, Schätzungen anzustellen oder Anekdoten zu erzählen. Wir brauchen nun mal Geschichten, wenn uns wissenschaftliche Fakten fehlen.

Auf dem Gebiet der Schätzungen müssten wir beispielsweise – in Anbetracht dessen, dass ungefähr eine von zehn Personen eine Behinderung hat – im Spanischen Unterhaus etwa 35 Abgeordnete mit Behinderung haben. Ich konnte nicht herausfinden, ob das so ist oder nicht. Aber es gibt dort zweifellos nur einen im Rollstuhl, während es drei oder vier sein müssten. Und ich kann mich nicht daran erinnern, je einen gehörlosen oder blinden Abgeordneten gesehen zu haben.

Selbstverständlich schafft die Tatsache, dass unser König behindert ist, einen gewissen Ausgleich. Das erfüllt mich zwar mit Stolz und Befriedigung, ändert aber letztlich nichts an der brutalen Untervertretung von Menschen mit Behinderung.

Lasst uns also auf dem Gebiet der Anekdoten einige wenige analysieren, die mir selbst in den letzten Monaten widerfahren sind. Wie ihr vielleicht wisst, hatte ich es satt, dass Millionen in unserem Land Hunger und Entbehrungen erleiden und im Elend leben müssen, während eine Handvoll selbstsüchtiger Psychopathen sich mehr Jachten, Gemälde und Villen kaufen denn je. Vor kurzem entschloss ich mich deshalb, dass mir meine wissenschaftliche Arbeit beim CSIC und die Mitarbeit hier [eldiario.es] nicht mehr genügten und ich etwas tun musste, um diesem Aushungern der Menschenrechte ein Ende zu setzen. Ich begann damit, die Lakaien der IBEX-Bosse aus unseren Institutionen zu werfen.

Diesen Wunsch vor Augen, begann ich aktiv bei Podemos mitzumachen, stellte mich bei den für alle offenen Primärwahlen zur Verfügung und wurde auf den fünften Platz der Wahlliste fürs Europäische Parlament gewählt.

Seither bin ich in manche Städte Spaniens gereist, wurde auf einigen Plätzen richtiggehend braungebrannt, bestritt einige Podien und hatte Kontakt mit etlichen Medien, teils wichtigen, teils weniger wichtigen. Letzten Sonntag Nacht erfuhr ich, dass ich nun offiziell Europaabgeordneter bin. – Aber es geht mir um die Podien und die Medien, von denen ich euch berichten möchte.

Was die Podien anbetrifft, so habe ich herausgefunden, dass praktisch alle Theater, Aulas und Hörsäle zwar für uns Rollifahrer mehr oder weniger geeignet sind – solange wir im Publikum sitzen. Nur sehr wenige erlauben es hingegen, dass wir als Rollifahrer bequem auf die Bühne kommen. Da es mir nichts ausmacht, vom Publikumsraum aus zu sprechen, ist das nicht so schlimm. Aber es ist nun mal eine Tatsache.

Schlimmer ist es mit den Medien. Vor dem Eingang eines wichtigen Radiosenders gab es vier Treppenstufen. Ich musste den Hausmeister, den Fahrer eines Paketzustelldienstes, der in der Nähe gerade Päckchen einlud, sowie einen Passanten aufbieten. Sie wussten nicht, dass ich mitsamt Rollstuhl 200 Kilogramm wiege, als sie munter erklärten: «Na klar, Kollege! Gehen wir!» Wieder runter halfen mir danach der Moderator und ein paar Journalisten. Ich weiss nicht, ob sie mich je wieder einladen werden.

Zu einer Debatte mit mehreren Parteien bei einem anderen Sender ging ich gar nicht erst hin. Sie fand im Untergeschoss statt – ohne Lift.

Wenige Tage später wurde ich zu einer Fernsehsendung eingeladen. Doch ich kam nicht vor die Kamera, weil ich zwischen einem Tisch und einer Wand nicht hindurch kam. Auch ein etwas festerer Mann wäre nicht hindurch gekommen. Ich bin mir sicher, dass ich der erste (und vielleicht auch letzte) Behinderte war, den sie einluden.

Letzte Woche bei einem anderen, recht beliebten Fernsehsender in Saragossa erklärte ich mich einverstanden, dass man mich drei Stufen hoch und sieben Stufen wieder herunter trug. Allerdings nur, weil der Kandidat der VOX sich bereit erklärte zu helfen. – Und ich hatte Mitleid mit ihm.

Solche Katastrophen sind kein Zufall. Ganz offensichtlich besitzen wir Behinderte praktisch nie Macht, nehmen praktisch nie an politischen Debatten teil, müssen praktisch nie auf Podien steigen, weil wir in dieser Gesellschaft schlicht nichts zu melden haben. Die Unterdrückung, der wir ausgesetzt sind, verdammt uns fast immer dazu, Subjekte der Wohltätigkeit sowie Publikum, also Zuhörer und Zuschauer zu sein.

In unserem Haus besteht die Decke nicht aus Glas, sondern aus armiertem Beton.


Hier geht es zum Original des Textes von Pablo Echenique auf eldiario.es.

 

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