Tiruvannamalai

Tagelanges Üben hat es gebraucht, bis ich den Namen dieser Stadt fliessend aussprechen konnte. Und noch heute komme ich zuweilen ins Stolpern, wenn ich bei meinen täglichen Versuchen an diesem Zungenbrecher halbbewusst mitzähle, damit ja keines der vielen As vergessen geht.
Das ist allerdings kein Hinderungsgrund, mit Murugans Familie inklusive Chauffeur nach Tiruvannamalai zu reisen. Die Fahrt allein dauert etwa zweieinhalb Stunden. Ein schöner Sonntagsausflug! Seltsam: Ich musste nach Indien reisen, um nach langer, langer Zeit wieder einmal so einen richtig schönen familiären Sonntagsausflug zu erleben.
Die Fahrt nach Tiruvannamalai führt durch eine grüne, fruchtbare Landschaft mit Reisfeldern und Kokospalmenhainen, mit Zwiebel- und Chillifeldern. Und in dieses saftige Grün hineingestreut sowie entlang der Strasse stattliche, charaktervolle Bäume. Fahren wir durch Dörfer, so fahren wir mitten durch quellendes Leben in seiner elementarsten Form: Entlang der Strasse werden Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände in tausendfältiger Art angeboten. Meistens sind es kleine, dunkle Buden aus Holz oder geflochtenen Palmwedeln, in deren Innerem, hinter der üppigen Auslage kaum erkennbar, jemand seine Waren verkauft. Oder es sind abenteuerliche Kioske auf Rädern, geschoben von einer müden Alten, die irgendwelchen Tand anbietet: in Plastiksäckchen abgepackte Zuckerwatte etwa und bunte Bälle. Entlang der Strassen ist ein Gewusel wie in einem Ameisenhaufen. Und bis spät in die Nacht hinein werden Waren hergeschafft und weggebracht, bis in den Morgen wird verhandelt und gefeilscht, zumindest in den Städten.
Oft genug ist das Leben entlang der Strasse so elementar, dass man es als Überleben bezeichnen muss. Auch die Kleinhändler kämpfen darum. Doch die Bettler sind damit täglich befasst. Sie fallen nicht ins Auge. Aber es gibt sie überall in den Dörfern und vermehrt noch in den Städten. Wenn wir auf unserer Fahrt irgendwo anhalten, um einen Tee zu trinken, kommen die Bettler herbei, sobald sie mich als weissen Nichteinheimischen erkennen. Manche sind besonders aufdringlich – interessanterweise hauptsächlich junge Frauen –, bis ich ihnen ein paar Rupien gebe, damit sie mich in Ruhe lassen. Andere schweigen und weisen mit einer zurückhaltenden Geste auf ihr Anliegen hin. Wie etwa der Halbblinde in Tiruvannamalai, der den Geldschein umständlich und lange begutachtete, bevor er ihn einsteckte.
Nicht ohne Fragen und Zweifel lasse ich mich durch das Gewusel treiben. Mit welchem Recht darf ich Zuschauer sein bei diesem Spiel des Lebens und des Sterbens? Mehr noch: Darf ich mich dermassen von dessen elementarer Wucht faszinieren lassen, dass ich immer tiefer eintauchen und diesen Tanz bis zur Neige mittanzen möchte? Ich, der ich im Grunde doch nur Zaungast bin, der jederzeit wieder aus diem Taumel wegtauchen und in seine friedliche, komfortable Welt zurückkehren kann.

Arunachaleswara-Tempel

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Einer der vier grossen Türme des Tempels

Der Arunachaleswara-Tempel von Tiruvannamalai hat vier Haupttürme, je im Süden, Norden, Osten und Westen. Sie begrenzen ein Geviert von knapp zehn Hektaren, eine der grössten Tempelanlagen in Südindien. Zu siebt gingen wir hinein, die tamilischen Freunde mit offensichtlich religiösen Gefühlen – am ausgeprägtesten bei Murugan, der mindestens einmal im Monat hierhin kommt –, ich hauptsächlich aus Interesse am Atmosphärischen in diesen alten, dunklen Hallen – und womöglich aus Erlebnishunger. Die indische Götterwelt interessiert mich ehrlich gesagt wenig und eher aus ethnologischen denn aus spirituell-theologischen Gründen. Ich habe bisher kaum Zugang zu diesem verwinkelten hinduistischen Olymp gefunden – trotz zunehmendem Interesse für die Spiritualität Sri Aurobindos. Ich nutzte die Gelegenheit – die Anwesenheit von so vielen kräftigen Männern –, um mich ins Innere des Tempels tragen zu lassen. Das sind ganz schön viele Stufen, die zu überwinden sind. Bloss das Innerste des Tempels, der Shiva-Lingam, liessen wir aus. Die Menschenmassen wurden durch eine Art Gatter dorthin geführt, damit alles gesittet und ordnungsgemäss ablief. Am Sonntag gibt es jeweils besonders viele Besucher.

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Unterwegs ins Innere des Tempels

Im Tempel sich aufzuhalten, ist eine Erfahrung für alle Sinne. Doch Augen, Ohren und Geruchssinn werden am stärksten angesprochen. Es ist, wie wenn man in eine geräumige Höhle treten und nach und nach in ihr Innerstes vordringen würde. Es gibt zwar spärliches elektrisches Licht, doch ins Auge fallen die wenigen Öllampen, die an Orten brennen, wo es etwas zu verehren gibt, meistens eine mit Blumengirlanden geschmückte Götterstatue, die in ihrer Schwärze in der Nische nur schwer zu erkennen ist. Von den Gläubigen werden am selben Ort eine Vielzahl von kleinen Öllämpchen angezündet, die mit Butter betrieben werden, so dass sich hier zu den anderen Düften – etwa von Räucherwerk oder Jasminhauch, ja, sogar das Aroma von Gewürzen – ein leicht ranziges Parfüm gesellt.
Man läuft auf dunklem Stein, die Wände und Säulen sind aus dunklem, fast schwarzem Stein, und auch die Decke über einem besteht aus demselben Stein. Entsprechend kühl ist es hier drinnen. Allerdings herrscht eine angenehme, feuchte Kühle, welche die Entfaltung der Gerüche eher fördert denn hemmt. Die gedämpften Stimmen der Besucher hallen – wohl wegen der massiven Wände – kaum wider. Und die Augen können sich im Halbdunkel wunderbar erholen. Manchmal träume ich davon, für eine Zeit in der Nähe eines Tempels zu leben und Tag für Tag hinein zu gehen, mich irgendwo niederzulassen und nur noch zu schauen, zu hören und zu riechen.

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Saddhus, Wandermönche, auf den Tempelstufen

Ramana-Ashram

Später besuchten wir den besonders unter Westlern bekannten Ramana-Ashram in Tiruvannamalai, begründet von Ramana Maharshi (1879-1950). Der Besuch war nur mässig interessant. Man müsste sich vertieft mit der Lehre Maharshis befassen und länger im Ashram oder in dessen Nähe verbringen, um dem Ort, der mir von vielen Seiten empfohlen wurde, näher zu kommen. Aufgefallen sind mir die vielen westlichen Sadhakas (Schüler, die eine spirituelle Praxis verfolgen) in ihren hellen, oft weissen, wallenden Kleidern, die man in und um den Ashram antrifft und die ebenso mein Interesse wie meine Skepsis wecken. Irgendwie wirken sie in ihrer Aufmachung auf mich ziemlich lächerlich und durchgeknallt. Pardon! Ein furchtbar pauschales und hoffentlich ganz falsches Urteil.
Nichts gegen die Lehre von Ramana Maharshi! Sie scheint mir recht vernünftig. Er empfahl seinen Schülern die Erforschung ihres wahren Selbst, wie das etwa in der Frage «Wer bin ich?» zum Ausdruck kommt. Erst wenn alles Hüllenhafte des Selbstverständnisses unter der unerbittlichen Forschergesinnung nach dem wahren Selbst wegbricht, erscheint dieses unverfälscht, und man kann in andauerndem Kontakt mit ihm verweilen, selbst im Alltag. Zu dieser Erkenntnis kam Ramana Maharshi mit 16 Jahren, als er in eine existenzielle Todesangst verfiel und darin zur Einsicht gelangte, dass zwar der Körper sterben werde, aber nicht das wahre Selbst, das Bewusstsein, welches das einzig Wirkliche, Überdauernde sei. Nicht die Lehre ist es also, die meine Skepsis hervorruft, und auch nicht, dass hier viele «Westler» dieser Lehre anhängen. Aber muss man diese Anhängerschaft mit weissen, wallenden Kleidern zum Ausdruck bringen, einer Uniform gleich? Kann man seine äussere Identität in einer Art Copy-Paste-Verfahren solcherart an die Verhältnisse hier in Indien anpassen, ohne in einen Manierismus, in ein «so Tun als ob» zu verfallen – und sich dadurch von seinem wahren Selbst nur noch weiter zu entfernen?

Auf dem Lande

Danach fahren wir aufs Land zu den Eltern von Mutulakshmi. Das hochbetagten Tamilenpaar lebt in einer kleinen Lehmhütte mit Palmwedeldach inmitten von saftig grünen Feldern und unter Kokospalmen. Kokosmilch ist denn auch das erste, das sie uns anbieten. Sicher an die zehn Nüsse schlägt der 76jährige für uns auf. Er hat ein freundliches Gesicht mit struppigem weissen Haar und schütterem Bart und einen drahtigen Körper. Er scheint kerngesund und durchtrainiert wie ein 30jähriger. Seiner Frau sieht man das Alter eher an, obschon sie an die zwanzig Jahre jünger ist.

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Murugans Schwiegervater vor seinem Haus

Sie hat für uns ein Gericht mit Huhn und Reis vorbereitet, das wir nun alle zusammen verspeisen – ausser die Gastgeber. Sie bleiben nun im Hintergrund, ja, widmen sich anderen Tätigkeiten, während ich endlich die Gelegenheit erhalte, gemeinsam und gleichzeitig mit der ganzen Familie Murugans zu essen – inklusive Mutulakshmi, der Mutter. Auch von den Grosseltern kam mir eine grosse Verehrung entgegen, die eine andere Qualität hatte als bloss grosse Freundlichkeit. Irgendwann kam ein Bettler zu uns. Es gab von der Strasse her ein notdürftig zusammengezimmertes Gartentor, das er auftat und hinter sich wieder verschloss. Natürlich wollte er von mir Geld, was ich ihm ohne zu zögern auch gab. Allerdings fand ich es seltsam, mit welcher Selbstverständlichkeit er zum Haus kam und mich anbettelte, der ich immerhin bei den Eltern Mutulakshmis zu Gast war. Auch bei ihnen konnte ich keine Reaktion, etwa der Abwehr oder des peinlich Berührtseins erkennen. Murugan und Mutulakshmi hatten einen schweren Sack, wohl mit Waren aus dem Dorf oder der Stadt, mitgebracht und nahmen einen mindestens so schweren Sack mit Gemüsen und Kräutern wieder mit, als wir uns auf den Heimweg machten.

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Familienfoto kurz vor der Heimreise

Comments

  1. Madeleine says:

    Das tut gut, mit dir in die Ferne zu schweifen in eine andere besonders farbige Welt. Vielen Dank.

  2. Daniela & Co. says:

    Wunderbare Erlebnisse, wunderbare Schilderungen! Wir freuen uns mit!

  3. Vielen Dank für diesen sehr interessanten Bericht.

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