Auroville am Scheideweg

Nun bin ich zum dritten Mal hier in Auroville. Irgend etwas muss also dran sein an diesem Ort, dass es mich immer wieder hierhin zieht. Natürlich: Man kann diesen Flecken, wo seit über vierzig Jahren ein Experiment mit höchst ungewissem Ausgang stattfindet, auch einfach als bequemen Ausgangspunkt für seine Indienerlebnisse benutzen: Der Reisende findet hier eine Vielzahl von Guest Houses für jeden Geschmack und jedes Budget: von der Baumhütte aus Palmwedeln bis zum gediegenen Bungalow in einem japanischen Garten. Es gibt zwei Kinos, in denen Filme für den westlichen Geschmack laufen, auch Konzerte, Vorträge, Therapie- und Wellnessangebote, Bibliotheken, Restaurants (auch) mit westlicher Küche, einfache Cafés unter Bäumen und, und, und. Indien light für Warmduscher sozusagen …

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Idyllischer Garten: Afsanahs Guest House in Auroville

Ein Traum wird Wirklichkeit
Doch Auroville ist mehr. An seinem Anfang stand ein Traum. Wie der Traum nach und nach verwirklicht wurde, habe ich andeutungsweise hier beschrieben. Was ist heute aus diesem Traum geworden? Beobachtet man, so wie ich, das gesellschaftliche Experiment von aussen und spricht mit unterschiedlichsten Menschen – mit Aurovillianern, mit Freunden von Auroville, die immer wieder hierhin zurückkehren, mit Skeptikern, mit Tamilen, Touristen, die das erste Mal hier sind –, so erhält man den Eindruck, dass Auroville ein kleines Paradies mit grossem Potential ist – einem Potenzial das zutiefst gefährdet ist. Natürlich, die Pionierphase ist längst vorbei. Man muss sie gesehen haben, die Bilder aus jener Anfangszeit nach 1968: das Leuchten, ja, das Feuer in den Augen der ersten AurovillianerInnen – zum grossen Teil junge Hippies und Aussteiger aus aller Welt –, die praktisch aus dem Nichts und mit höchst bescheidenen Mitteln damit begannen, diesem öden, vom Monsun ausgewaschenen und von der tropischen Sonne versengten Flecken Erde neues Leben abzutrotzen. Millionen von Bäumen wurden gepflanzt und gemeinsam erste öffentliche Gebäude der Stadt aufgebaut, einer Stadt, die in ihrer Kontur einem Spiralnebel gleichen sollte.

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Ein Planungsmodell der Stadt und deren grober Zonenplan

Matrimandir: Weder Tempel noch Kirche
Und im Zentrum, neben einem Banyan-Baum, der als Gründungsort der zukünftigen Stadt gilt, entstand in jahrelanger, nein jahrzehntelanger Arbeit der Matrimandir, ein kugelförmiger Bau, der dem einzigen Zweck dienen soll, sich zu sammeln und schweigend zu meditieren. Nicht ein Tempel und auch keine Kirche will er sein, der Matrimandir. Jegliche religiöse Symbole oder kultische Handlungen fehlen. Aber so wie er geografisch und städtebaulich im Zentrum von Auroville steht, so steht der Matrimandir auch als Bild dafür, dass eine vom Religiösen befreite Spiritualität im Zentrum dieses gesellschaftlichen Experiments stehen soll. Nichts weniger als ein neuer Mensch soll sich hier entwickeln können, befreit von Konventionen, befreit auch von der Sklaverei, die sich aus der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ergibt, geführt statt dessen von seinem höheren Selbst, das durch den Integralen Yoga und die Hingabe an das Göttliche immer mehr die Führung des Menschen übernimmt. Dieser Entwicklungsweg wurde von Sri Aurobindo bereits in den Anfängen des zwanzigsten Jahrhunderts vorgezeichnet und im Lauf seines Lebens immer mehr verwirklicht. Der integrale Yoga will also nicht, wie die meisten östlichen Geisteswege das irdische Dasein überwinden, sondern sucht dieses mit dem Göttlichen zu durchdringen.

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Der Matrimandir (Bild MartinPom, CC-Lizenz via Wikipedia)

Hoher Anspruch …
Der Anspruch ist hoch: «Auroville will eine universellen Stadt sein, in der Männer und Frauen aller Ländern in Frieden und zunehmender Harmonie jenseits jeglichen Glaubens, politischer Ansichten und Nationalitäten leben können. Auroville hat zum Ziel, die Einheit der Menschheit zu verwirklichen.» (Zitat Mira Alfassa, der Initiatorin von Auroville, auch «Mutter» genannt.) Die Stadt ist für 50’000 BewohnerInnen konzipiert. Zurzeit – und seit vielen Jahren – stagniert die Anzahl bei rund 2’400. Gleichzeitig sind in Auroville an die 5’000 TamilInnen der umliegenden Dörfer im Lohnverhältnis angestellt. Die AurovillianerInnen selbst beziehen keinen Lohn, haben aber Zugriff auf die nötigen Mittel, um ihre Grundbedürfnisse zu decken. Öffentliche Dienste (Schulen, Gesundheitszentren usw.) sind für Aurovillianer und die Tamilen der Dörfer auf dem Gebiet von Auroville kostenlos. In Auroville selbst soll es nicht nötig sein, dass Geld zirkuliert. Um Aurovillianer zu werden, durchläuft man als Newcomer einen langen Prozess, während dessen man – bei gleichzeitiger Freiwilligenarbeit für die Gemeinschaft – für seinen Lebensunterhalt selber aufkommen und auch die Beschaffung beziehungsweise den Bau der Unterkunft aus eigenen Mitteln bestreiten muss. Das heisst, das dafür nötige Geld muss man mitbringe. Die Unterkunft selbst fällt, wenn man Auroville wieder verlässt oder stirbt, der Auroville-Stiftung zu. Das Haus oder die Wohnung kann also nicht wiederverkauft werden. Erzielt man aus unternehmerischer Tätigkeit einen Gewinn, so fliesst dieser zu einem guten Teil Auroville zu – oder sollte es zumindest.

… widersprüchliche Realität
Doch Auroville ist Teil dieser Welt und damit all ihren Versuchungen und Widersprüchen ausgesetzt. Das war von Anfang an bewusst so gewählt. Sonst hätte man irgendwo in der Abgeschiedenheit des Himalaya eine spirituelle Gemeinschaft gründen und sich von der ach so schnöden Welt verabschieden können. Auroville zielt auf das Gegenteil, setzt sich dem Irdischen aus, will eine andere Welt erbauen und ein Vorbild sein – und hat entsprechend zu kämpfen. So ist, um nur ein Beispiel zu nennen, der Tourismus eine wichtige Einnahmequelle geworden – und ein grosses Probleme: Er droht das gesellschaftlich-spirituelle Experiment in eine Art Disneyland für spirituell interessierte, aber auch ganz gewöhnliche Touristen auf der Jagd nach Sehenswürdigkeiten zu verwandeln. Täglich werden Hunderte Touristen am Matrimandir vorbei geschleust – ja, vorbei geschleust. Denn wer den Meditationsraum, «the inner chamber», des Matrimandir besuchen will, muss zuerst einen Prozess mit Informationsveranstaltungen und administrativen Hürden durchlaufen, bevor er vorgelassen wird: nicht weil man sich der Welt verschliesst, sondern um den Ort der Konzentration und Meditation vor Tagestouristen zu schützen.
Auch politisch hat Auroville grosse Herausforderungen zu meistern. Zwar besitzt die Stadt eine eigene, kollektive Verwaltung mit einer Unzahl von Komitees und Arbeitsgruppen – was die Entscheidungsfindung nicht gerade vereinfacht –, aber letztlich ist Auroville rechtlich und juristisch dem indischen Staat unterworfen. Das führt zum Beispiel dazu, dass die Stadtverwaltung zwar Regelungen für ihre BewohnerInnen beschliessen kann, aber keine Sanktionsmöglichkeiten hat, werden diese nicht eingehalten. Auch ist der Aufenthaltsstatus der (nichtindischen) Aurovillianer ziemlich prekär. Ihr Langzeitvisum muss periodisch erneuert werden, auch wenn sie schon seit Jahrzehnten hier wohnen. Dies kann zum Problem werden, sollte es zu Verwerfungen mit dem indischen Staat kommen. Dann gibt es anspruchsvolle Landfragen, deren gütliche Lösung für das Fortkommen der Stadtplanung entscheidend ist. Auch das Verhältnis mit den einheimischen Tamilinnen – im Planungsgebiet der Stadt liegen insgesamt sieben tamilische Dörfer – ist nicht nur eitler Sonnenschein. Hier stellt sich mir auch die Frage, ob nicht – trotz des unbestreitbar guten Willens seitens vieler Aurovillianer – ein verbrämter Neokolonialismus herrscht, etwa indem die AurovillianerInnen von den bescheidenen Lohnansprüchen der Einheimischen profitieren. Wenn ich mich in Auroville umschaue, so sehe ich AurovillianerInnen westlicher Provenienz in leitender Stellung. Sie haben Ideen, lancieren Projekte, organisieren – und die TamilInnen erledigen die Arbeiten …

Mit neuem Schwung in die Zukunft?
Auroville ist ein Experiment ohne Sicherheitsnetz und Garantien. Es kann auch scheitern. Das war schon immer so und liegt in der Natur der Sache. Die Frage «Wie weiter?» stellt sich allerdings in vielen Belangen immer drängender. Im März dieses Jahres soll deshalb ein grosses Retreat, eine Art Konzil stattfinden, wo ein Ausschuss von etwa zweihundert AurovillianerInnen entscheidende Weichen für die Zukunft stellen wollen. Sie haben meine Sympathie, dass das menschheitlich zu nennende Experiment ein Fortkommen hat und wieder an Kraft und Schwung gewinnt.

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