Soziale Inklusion Behinderter – eine radikale Forderung?

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Ich musste ja schon leer schlucken, als ich das erste Mal begriff, wie radikal der Inklusionsgedanke wirklich ist. Ich, ein abgebrühter Behinderter – pardon: Mensch mit Behinderung –, seit über fünfzig Jahren im Rollstuhl, im Spital und in Heimen aufgewachsen, später fast schon krankhaft freiheitsliebend und selbständig. Ich also musste leer schlucken, als ich das Credo der Inklusion zur Kenntnis nahm: Keine Sonderlösungen!

Keine Sonderlösungen! So einfach und doch so radikal. So einfach liesse sich Inklusion verwirklichen: Indem man die Sonderlösungen aus der Welt schafft und die gesellschaftlichen Strukturen, die bis heute weitgehend auf Separation ausgelegt sind, so umgestaltet, dass Behinderte selbstverständlicher Teil der Gesellschaft werden können. Einfacher gehts fast nicht. Und doch kann man sich das heute noch kaum vorstellen. Vorbehalte und Zweifel sind schnell zur Hand. Allenfalls ist man bereit, Inklusion als Ideal zu akzeptieren, das – womöglich – irgendwann in einer besseren Zukunft verwirklicht werden kann.

Obschon: Ist das wirklich ein radikales Postulat? Kann man die Forderung, Behinderte müssten ganz normaler, selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft sein, ohne Diskriminierung, ohne gesellschaftliche Nachteile aufgrund ihrer Behinderung, ohne Aussonderung – kann man eine solche Forderung als radikal bezeichnen? Müsste man nicht das Gegenteil, die Separation, die Sonderlösungen als radikalen Eingriff verstehen – und seien die Motive noch so ehrenwert?

Ich selber habe meine Kindheit bis ins Schulalter im Spital verbracht. Das war Anfang der 1960er Jahre. Die ersten paar Monate waren medizinisch begründet. Ich hatte Kinderlähmung gehabt und musste mich von der Infektion und den starken Lähmungen erholen. Die restlichen fünf Jahre waren eine gut gemeinte, aber im Rückblick unnötige Sonderlösung. Man hatte meine Eltern dazu überredet, fast schon dazu gedrängt, mich doch im Spital zu lassen. Dort hätte ich die beste Förderung und Pflege. Zuhause würde ich mit meinen besonderen Bedürfnissen als körperbehindertes Kind die Familienstruktur übermässig durcheinanderbringen. So hat man damals gedacht. Das war nichts Aussergewöhnliches. Und meine Eltern liessen sich überreden …

Später kam ich nahtlos in ein Schulheim für körperbehinderte Kinder. Erst sehr viel später erkannte meine Mutter, wie sehr sie und mein Vater dem Zeitgeist erlegen waren und aus vermeintlich guten Gründen in etwas einwilligten, das ihren innersten Regungen zuwiderlief. Bis ins hohe Alter fragte sie mich immer wieder, ob ich mich nicht von ihnen in Stich gelassen gefühlt hätte – und ob ich ihr verzeihen könne.

Man verstehe mich richtig! Ich hadere nicht mit dem Schicksal. Im Gegenteil! Aber unsere Familiengeschichte erhielt doch eine herbe Note. Nicht so sehr, weil ich nicht zuhause aufwuchs. Sondern weil das alles nicht nötig gewesen wäre.

Dies zur Illustration, wie hemdsärmlig, ja unbedarft, aber durchaus in hehrer Absicht man damals einen so radikalen Eingriff vornahm, der eine Familie auseinanderriss. Womöglich werden auch heutige Sonderlösungen im Rückblick dereinst als hemdsärmlig und letztlich unnötig eingestuft werden müssen, als Auswüchse des Zeitgeistes.

P.S.

Inklusion ist übrigens nicht einfach ein weiterer Anspruch der Menschen mit Behinderung an die Gesellschaft. Inklusion ist nicht bloss der durchaus nachvollziehbare Wunsch, «auch dazugehören zu wollen». Vielmehr ist Inklusion auch im ureigenen Interesse der Gesellschaft selbst. Diese wird nämlich gerade durch Vielfalt und Durchmischung farbiger, kräftiger, lebendiger, ja überlebensfähiger als eine gleichgeschaltete, normierte, grauschwarze Gesellschaft. In der Natur spricht man von Biodiversität als Massstab für deren Gesundheit. In Bezug auf die Gesellschaft kann man in ähnlichem Sinne von Soziodiversität sprechen.


Dieser Text ist im HandicapForum 1/2016 erschienen.

Bild (CC-Lizenz): «qe07 (14)» von KLHint via flickr

Comments

  1. rote_pille says:

    Erzählen Sie uns lieber, was diese Inklusion KONKRET bedeutet, und mit welchen Mitteln sie erreicht wird. Die Ziele sind sicher erstrebenswert – aber das ist bei Sozialisten immer so. Das Problem ist, dass sie dann unglaublich teure oder ineffiziente Lösungswege vorschlagen. Und jeder dieser sozialistischen Lösungswege wird mit Geld finanziert, welches anderen Leuten unter Androhung von Gefängnis abgenommen wurde. Möchten Sie, dass geistig Behinderte den selben Lernstoff und dieselben Lehrer vorgesetzt bekommen wie die anderen? Hätten Sie es gerne wenn man Sie gezwungen hätte am Sportunterricht teilzunehmen und dieselben Aufgaben gestellt zu bekommen wie die anderen? Sie sehen, dass es schon rational nachvollziehbare Gründe für Unterscheidungen gibt. Außerdem ist es ungerecht andere zu zwingen Ressourcen bereitzustellen, damit man seine Wünsche erfüllt bekommt (alle Systeme anzupassen ist teuer) – dieses moralische Prinzip gilt für alle Menschen.

    • Rote Pillen versorge ich in der Regel im Giftschrank. Es droht Vergiftungsgefahr. Und tatsächlich ist der Ton Ihres Kommentars recht anmassend. Wenn ich trotzdem darauf antworte, statt Ihre Anwürfe einfach im digitalen Papierkorb verschwinden zu lassen, dann weil Sie in geradezu exemplarischer Weise Vorurteile und Halbwahrheiten im Zusammenhang mit inklusion und Teilhabe von Menschen mit Behinderung von sich geben, die leicht zu beantworten sind.

      KONKRET bedeutet Inklusion eben: Keine Sonderlösungen! Konkreter geht’s fast nicht mehr – auch wenn ich aus meiner Kindheit erzähle, wo Separation statt Inklusion praktiziert wurde – die ich ganz konkret am eigenen Leib erfahren habe. Inklusion bedeutet ganz konkret: In den Quartieren oder in den Dörfern, dort wo die Behinderten natürlicherweise zu Hause sind, müssen die Unterstützungsangebote – der von der Gesellschaft zu tragende Nachteilsausgleich – erreichbar sein. Die Unterstützung muss zum Behinderten kommen, nicht der Behinderte zur Quelle der Unterstützung.

      Offenbar ist Ihnen nicht bewusst, dass gerade Sonderlösungen, also zum Beispiel Heime, eher teuer sind. Es gibt Leute, die sprechen von einer Betreuungsindustrie, die mit der (separativen) Betreuung Behinderten ein schwungvolles Geschäft betreibt und ihre Felle davonschwimmen sieht, wenn die gesellschaftliche Inklusion Tatsache wird.

      Weshalb sie mit der alten Leier des Sozialismus-Vorwurfs daherkommen, ganz so als wären sie in der Zeit des kalten Kriegs stecken geblieben, ist mir ein Rätsel. Es geht mir eben gerade nicht drum, alle Menschen, behinderte und nicht behinderte, gleich zu machen. Es geht um gesellschaftliche Teilhabe, nicht um Gleichschaltung. Ich habe gedacht, das komme gerade am Schluss meines Textes – im P.S. – klar zum Ausdruck. Offenbar nicht für alle klar genug.

      • Edward Longshanks says:

        Das Thema wird mir hier zu pauschal diskutiert, auch vom Autor des Artikels. Ich veranstalte selbst eine Sing-Gruppe mit eingeschränkten Mitbürgern, vom Schlaganfallpatienten bis dauerhaft Unfallgeschädigte, wie auch Menschen mit psychischen Störungen.
        Natürlich gibt es hier im Lande die immer einflußreicher werdende Betreuungs- und Sozialmafia, korrekt, die manchmal auch sinnentleert z.B Jugendzentren betreut.
        Und nicht jede Behinderung oder Störung ist Norm-fähig, oft je nach Gebrechen sehr unterschiedlich. Und diese Unterschiede sind zu berücksichtigen. Es gibt natürlich auch Behinderte, die bessere Sportler sind, als Nicht-Behinderte, aber das ist wohl eine Minderheit, oder nicht?
        Der Autor hat wohl keine geistigen Schwierigkeiten am sozialen Leben teilzunehmen. Aber auch das gilt nicht für jeden Behinderten. Bei Autisten kommt es sicher auch auf den Autisten selbst an, ob er sich anpassen kann oder nicht. Was die Schule angeht, sollte die Mehrheit eben nicht durch Inklusion beeinträchtigt werden. Zumindest sollte man die Mehrheit, einschließlich aller Beteiligten, fragen, ob sie die Inklusion will oder nicht. Die Diktatur der Minderheiten über die Mehrheit hat so überhand genommen, daß wohl die meisten der Mehrheit die Nase davon voll haben. Es wird auch dann nicht besser, wenn man die Mehrheit diskriminiert.

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