Stadtwanderer: Die Ermitage bei Arlesheim

IMG_0412

Als Stadtwanderer bin ich nicht selten auf dem Land unterwegs. Das ist kein Widerspruch und hat auch mit Fahnenflucht nichts zu tun. Vielmehr geht es gar nicht anders, wenn man als Wandervogel in der kleinräumigen Nordwestschweiz gern mal richtig flott ausschreiten möchte.

Nicht selten verschlägt es mich bei solcher Gelegenheit in die Ermitage zu Arlesheim. Doch durch dieses liebliche Tal am Rande des Dorfs wandert man nicht. Man schreitet nicht aus. Vielleicht spaziert man, oder schlendert, flaniert von mir aus. Oder man durchschreitet den Landschaftsgarten in Form einer Gehmeditation. Aber durchwandern? Wäre das nicht grad so, als wenn man Kaviar mit dem Suppenlöffel essen würde? Man übersähe all die kleinen Bedeutsamkeiten, die den Zauber der Ermitage ausmachen: das schmale Bächlein, das sich kaum sichtbar durchs Gras windet und doch den mittleren, grössten Teich am Leben erhält – immerhin! Oder man überhört das Rascheln der Spitzmaus, die nach langem Schlaf im Unterholz nach dem Frühling schnuppert.

Ich verlangsame also unwillkürlich meinen Schritt, wie ich mich der Ermitage nähere. Müde und durchscheinend liegt das kleine Tal vor mir – wie eine Patientin auf dem Weg zur Genesung. Der Winter hat tiefe Spuren hinterlassen, die der Frühling noch nicht übermalen konnte. Grau noch immer die Bäume, braun das restliche Pflanzenkleid. Von Romantik keine Spur. Eher ist da ein Lauschen, ein Verharren in Erwartung, das an diesem Vorfrühlingsmorgen alle Laute dämpft.

Am liebsten ist mir der hinterste, oberste Weiher, der etwas versteckt unter alten Eichen und Weiden daliegt. Hier ist das Tal besonders eng und drum der Platz ganz schön feucht. Überall Moos. Die Wasseroberfläche ist undurchdringlich, das Wasser dunkel, wie wenn es verwunschen wär – ideal, um seine Träume und sein Sehnen hineintropfen zu lassen. Bald wird der Frühling kommen und die Träume mitnehmen und übers Jahr verteilen. Auch die Romantik kehrt dann wieder zurück, eine Romantik übrigens, die in der Ermitage jeweils hart am Kitsch vorbeischrammt.


Der «Stadtwanderer» erscheint monatlich als Kolumne in der «ProgrammZeitung».

Bild: Der hinterste Weiher in der Ermitage, Walter B

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: