Warum es mich immer wieder nach Südindien zieht

Liebe Barbara

Du fragst mich, was es denn sei, das mich immer wieder nach Südindien zieht. Dir dafür handfeste, belastbare Gründe zu nennen, die auch morgen noch gelten, ist gar nicht so einfach. Ist es der Duft von Jasmin, der frühmorgens durchs offene Fenster in mein Zimmer dringt, mich aus dem Schlaf küsst und gleich zu Beginn mit dem Tag versöhnt, auch wenn ich die Traumwelt nur äusserst ungern verlasse? Oder sind es die Klänge einer mir fremden Musik, die der Wind beim Eindunkeln jeweils heranträgt, mal betörend sanft, als käme die Musik aus anderen Sphären auf unsere Erde nieder und verzauberte sie, dann wieder aufdringlich scheppernd, als stünden nicht allzu weit entfernt ein paar altersschwache Lautsprecher, die ihr Bestes geben. Beides, der Jasminhauch am Morgen und die verstörend-betörenden Klänge bekommen jedoch erst durch die südliche Wärme ihre Kraft, ihren Charme. Eine milde Wärme, die dich umschmeichelt und das Sein erleichtert.

Bild: Market Scene in Mysore, von Rainer Voegeli, CC-Lizenz via flickr

Bedenkt man die viele Widersprüche hier in Indien, das Unzulängliche vielenorts, bedenkt man auch das echt Beklagenswerte, das einen vielenorts entgegenspringt, könnte man an Indien verzweifeln und ihm den Rücken kehren. Bei mir ist das Gegenteil der Fall. Und da komme ich in echte Erklärungsnot. Die indischen Zumutungen faszinieren mich. Oder vielmehr: Wie die Menschen hier mit den Zumutungen ihres Alltags umgehen, ist schlicht grandios. 

Ein Beispiel: Im November 2016 wurde über Nacht in ganz Indien ein guter Teil des Bargelds für ungültig erklärt und durch neue Noten ersetzt, angeblich um gegen das viele Schwarzgeld vorzugehen. Ausgerechnet! Die informelle Wirtschaft läuft ausschliesslich über Bargeld und macht in Indien den grössten Teil der Gesamtwirtschaft aus. Den einfachen Leuten wurde förmlich der Teppich unter den Füssen weggezogen. Ihre Reaktion: Sie stehen geduldig bei den Geldautomaten an, um sich neue, gültige Noten abzuholen. Wo ein Automat solche ausspuckt, bilden sich lange Schlangen bis auf die Strasse hinaus. Kurze Zeit später ist er leer. Kein Murren, keine Proteste. Vielmehr schickt man sich ins scheinbar Unvermeintliche. Schliesslich tragen alle dasselbe Schicksal – und tun es in Würde. 

Ich kann mir nicht helfen: Das Leben scheint mir hier echter, grundsätzlicher, wesentlicher. Es ist, wie wenn Indien am Anfang eines Prozesses stünde – trotz seiner Kultur, die direkt an Urzeiten anknüpft –, den Europa bereits hinter sich gebracht hat und nun an dessen Ende steht. Das gilt natürlich auch für die wirtschaftliche Entwicklung – aber nicht nur. Und die Menschen können strahlen und lachen, dass einen das Herz aufgeht. Man nimmt sich wahr, man kümmert sich. Das ist keine Absage an Europa. Das ist ein Plädoyer für Indien. 

Du siehst, liebe Barbara, es gibt ganz unterschiedliche Gründe und Motive, weshalb ich immer wieder hier in Südindien lande. Ein wichtiger Grund ist natürlich auch Auroville. Ohne diesen wunderbaren Ort der Ruhe und des Strebens, des Suchens und des Aufbruchs wäre ich wohl nie nach Südindien gekommen. Auroville bietet mir Schutz und einen gewissen Komfort. Ich kann mich hier im Rollstuhl weitgehend selbständig bewegen. Und die Umgebung, der Spirit des Ortes, regt mich auch zur inneren Suche an.


Bild: Unterwegs in Auroville

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