Kapern wir uns die Philosophie!

Kann die Philosophie alltagstauglich werden? Darf sie es, ja muss sie es sogar, wenn sie für unsere Gegenwart noch hilfreich sein soll? Und wie könnte das geschehen? Mit diesen Fragen setzt sich der spanische Politaktivist und Buchautor Amador Fernández-Savater in einem Beitrag auseinander. Übersetzung aus dem Spanischen von Walter B.

Man empfindet die Philosophie als weit entfernt, als ginge sie bloss andere etwas an, Spezialisten vielleicht, die sie niederschreiben und sich an ihr erfreuen. Man denkt, Philosophie werde an Orten fernab des täglichen Lebens betrieben, an Fakultäten, Akademien. Sie werde in Form langer und langweiliger Reden gelehrt, und man müsse viele Zitate auswendig lernen. Können wir uns die Philosophie kapern? Dürfen wir sie mit Alltagsfragen bekleckern, sie an Orte tragen, die bewohnt sind? Können wir uns die Fähigkeit wieder aneignen, mit ihrer Hilfe Probleme anzugehen und Lösungen zu finden?

Philosophie versus Philosophiegeschichte

In der Schule lernte ich sehr wenig Philosophie und an der Universität auch nicht viel mehr, allenfalls etwas Philosophiegeschichte. Doch das ist nicht dasselbe. Was will ich damit sagen? Man lehrte uns nicht die je eigenen Denkvorgänge dieses oder jenes Philosophen, also dessen besondere Art, ein Problem anzugehen und Lösungen zu finden. Vielmehr vermittelte man uns die «Ergebnisse» oder «Schlüsse», zu denen er hatte kommen können. Die Philosophie wird auf diese Weise zu einer Art Archiv oder Schrank in dem, schön in Schachteln verteilt, die unterschiedlichen philosophischen Ideen aufbewahrt sind. Dieser alte griechische Denker behauptete, alles sei Wasser, ein anderer, alles sei Feuer. Platon teilte die Wirklichkeit in eine empfindende und eine ideale Welt, und so weiter, und so weiter. All das erschien uns etwas gar starr und unbeweglich. Und wir hatten nicht die geringste Lust, an den Schachteln auch nur zu schnuppern.

Zum Glück gab es noch die etwas anderen Lehrer. Hörte man ihnen aufmerksam zu, so vermochten sie uns von den ausgetretenen Pfaden wegzulocken – und somit unser Leben zu ändern. Ich erinnere mich zum Beispiel an Luis, der anders Schule gab und uns spüren liess, dass er uns für fähig und intelligent hielt, insbesondere jene der Klasse, die wir schlechtere Noten hatten und all unsere Energie darauf verwendeten, den nächsten Streich auszuhecken. Ich erinnere mich, dass Luis am letzten Tag die ganze Schulstunde dafür verwendete, jedem einzelnen von uns ein je eigenes Buch zu empfehlen, entweder ein philosophisches oder ein literarisches. Und er tat dies mit Feingefühl und einem grossen Dankschön, in manchen Fällen auch mit einer Prise Ironie. Beeindruckt hat mich, dass Luis jeden von uns als jemand Besonderes und Einzigartiges betrachtete und nicht als Teil einer uninteressierten Masse, die es zu disziplinieren und unterweisen galt. Natürlich las ich in jenem Sommer begierig dieses Buch und versuchte herauszufinden, in welchem Sinne es für mich eine Botschaft enthielt.

An der Universität ist es hauptsächlich Carlos, an den ich mich erinnere und der es schaffte, in seinen Philosophievorlesungen unverhofft intensiv Momente entstehen zu lassen. Im Grunde tat Carlos etwas sehr Einfaches, das zugleich eine grosse Herausforderung ist: Er zeigte den Weg des Denkens unterschiedlicher Philosophen auf, etwa von Platon, Marx oder Freud. Carlos «erklärte» die Autoren nicht, indem er ihre philosophischen Ideen klassifizierte und in Schubladen steckte. Vielmehr zeigte er die je eigenen Denkprozesse auf. Er entfaltete vor und mit uns ihren Gedankengang: Wie leitete Platon die Idee der Idee ab? Wie kam Marx auf den Gedanken des Mehrwerts? Auf diese Art geführt, durchlief man denselben Gedankenweg, der ein Autor jeweils eröffnet oder geschaffen hat. (Allerdings: Es gibt keinen vorgefertigten Weg. Der Weg entsteht beim Denken.) Wird der Prozess aufgezeigt und nicht nur das Ergebnis, so hat das eine unübertreffliche pädagogische Wirkung. Diese Inhalte blieben in meinem Gedächtnis – weil ich selbst auf eine Weise den Weg des Denkens gegangen bin –, während ich glücklicherweise die meisten anderen vergass, die ganze Liste von Philosophen und Ideen, die man versuchte auswendig zu lernen, um sie im Schlussexamen ausspucken zu können.

Denken, um nicht gedacht zu werden

Trotzdem wollte ich nicht Philosophie als Fachrichtung studieren, belegte denn auch nicht Philosophie im Hauptfach, sondern bloss einzelne frei kombinierbare Kurse. Vielmehr wollte ich einige Dinge in Bezug auf mein eigenes Leben besser verstehen können und der aufkommenden politischen Ruhelosigkeit einen festeren Boden verschaffen. So lernte ich denn hauptsächlich autodidaktisch, was Vor- und Nachteile mit sich bringt. War etwas geschehen, so stürzte ich mich in diese oder jene Lektüre. Und das eine Buch führte zum nächsten. Dies geschah nie in Zurückgezogenheit, sondern stets zusammen mit Freunden und Kameraden in politischen Gruppierungen an der Universität. Wir tauschten Bücher und Empfehlungen aus, teilten unsere Entdeckungen untereinander und wurden selbst zu «Philosophen» in hauseigenen Fanzines.

Im Lauf der Jahre bin ich – stets im Austausch mit anderen – meiner Denkart mehr oder weniger treu geblieben: prekär und ungeordnet, von Lebensfragen oder Leidenschaften angetrieben, ohne «Wissen» anzustreben, sondern vielmehr mir eine eigene Sichtweise anzueignen als Teil eines Kampfes um Autonomie. Wir müssen denken, wenn wir nicht von anderen gedacht werden wollen, wenn wir uns nicht darauf beschränken wollen, in vorgefertigten Kategorien zu leben.

Eine klassische Definition von Philosophie, die wir in den platonischen Dialogen finden, besagt, Philosophie sei ein Dialog des Menschen mit sich selbst. Dies können wir folgendermassen übersetzen und verstehen: Denken ist das Bemühen, mit uns selber in eine nahe Beziehung zu treten und auch zu bleiben, also nach unseren eigenen Schwierigkeiten zu fragen und unsere eigenen Antworten zu finden, die nicht einfach «Lösungen» sind. Wir dürfen die Erzählung darüber, was wir sind, nicht delegieren. Doch die klassische Definition muss ergänzt werden. Es handelt sich dabei nicht um ein einsames Gespräch, um eine Art Monolog oder Selbstgespräch. Vielmehr entwickelt sich dieses Gespräch zusammen mit anderen, gemeinsam mit anderen, im Austausch mit anderen, indem wir die Worte der anderen nehmen, sie gleichsam stehlen, und unsere eigenen daraus formen.

So kommen wir zur «freibeuterischen Philosophie» und wollen so jene andere Art der Beziehung zum Denken benennen, von der wir eben gesprochen haben. Besser wäre es allerdings zu sagen, dass wir uns «die Philosophie kapern». Denn es geht um ein Tun, um eine Praxis und nicht um eine Doktrin, nicht einmal um eine freibeuterische Doktrin. Wir nennen sie «freibeuterisch», weil wir die Philosophie von einem nichtphilosophischen Standpunkt her angehen. Wir entern sie wie ein Schiff. Wir kapern die Philosophie. Dieser Standpunkt kann eine Frage sein, ein Problem, ein Zusammenstoss mit der Wirklichkeit, eine Leidenschaft. Jedenfalls ist es etwas, das uns grundsätzlich etwas angeht und zum Denken anhält.

Vier ruhige Buchten, wo das Schiff der Philosophie geentert werden kann

Es folgen nun vier Versuche, vier Skizzen, wie wir uns die räuberische Kaperung der Philosophie vorstellen können, vier ruhige Buchten also, die zu diesem Zweck bestens geeignet sind:

  • Man denkt, die offizielle Philosophie – wir nennen sie mal so und meinen damit die nicht freibeuterische – verfolge aus sich heraus das Wahre im Gegensatz zu all den Illusionen, die uns irreleiten und im Griff haben, Illusionen wie Meinungen, Dogmen, Mythen, Aberglauben, Ideologien usw. Die Wahrheit hat mit dir und mir nichts zu tun, sie ist ein «Diskurs mit niemandem», hat uns gerade Carlos in seinen Vorlesungen erklärt. «Die Wahrheit ist die Wahrheit, ob Agamemnon sie sagt oder sein Schweinehirt», äusserte sich im selben Sinne Juan de Mairena von Machado[1]. («Einverstanden!» antwortete Agamemnon. Und der Schweinehirt erwiderte: «Das überzeugt mich nicht.»)
    Die freibeuterische Philosophie geht die Frage nach Wahrheit und dem Wahren etwas lockerer an, ebenso die Kritik an eben diesem Anspruch der Philosophie, was dasselbe mit umgekehrten Vorzeichen ist. Vielmehr geht man von dem aus, was uns zum denken veranlasst, also von der Situation, dem Problem, der Frage, und formt von da aus seinen Blick auf die Welt. Man eröffnet von einem konkreten Ort, von einem Gesichtspunkt aus eine bestimmte Perspektive, die allerdings sehr weitreichend sein kann.
  • Nach der freibeuterischen Philosophie hat Denken damit zu tun, dass die «empfindende Vorstellungskraft» in Gang gesetzt wird. Gerade diese wird in der offiziellen Philosophie als eigentliche Quelle von Irrtum und Illusionen angesehen. Wenn wir die Philosophie kapern, so verbinden wir uns mit den Stimmungen, die in den Texten verborgen sind. Wir wecken ihr schlafende Begehren. Das heisst, wir überlagern den Diskurs mit unseren Erfahrungen. Wir legen neben die Worte, die wir lesen oder hören, unser eigenes Erleben. Nichts von Distanzbewahren also! Das Verstehen erfordert nicht unser Stillhalten im Sinne einer emotionslosen Übermittlung und einer teilnahmslosen Rezeption. Es erfordert nicht unsere Unvoreingenommenheit. Ganz im Gegenteil! Verstehen ist das affektiv aufgeladene Überspringen eines Textes auf einen Körper, der liest, und umgekehrt: eines Körpers, der liest, auf einen Text.
    Ein guter Lehrer der freibeuterischen Philosophie – das kann schlicht ein Freund, eine Freundin sein – wäre jemand, der das glückliche Zusammentreffen fördert von etwas, das uns passiert und zum Suchen veranlasst, und dem Teil eines Diskurses, der uns weiterhelfen kann. Das führt zu liebevollen, einzigartigen Begegnungen, welche die Zeiten und Rhythmen der sich anziehenden Körper respektieren – der physischen Körper ebenso wie der Textkörper –, statt zu banalen, mechanischen und instrumentellen Annäherungen. Der freibeuterische Philosoph ist eher eine Kupplerin als die von Sokrates beschworene Geburtshelferin.[2]
  • Die Philosophie kapern heisst nun nicht, die Reise des anderen einfach wiederholen, sondern sich auf eine neue Reise begeben, ausgehend von der Reise des anderen, und hier eine Abkürzung nehmen, da einen Umweg einschlagen. In der offiziellen Philosophie heisst Verstehen, dass man etwas wiederholt, ohne es zu verändern. Und dies wird in einer Prüfung mit der Bestnote bewertet. Ein «guter Schüler» hat also etwas Roboterartiges: Er wiederholt dasselbe, gibt es seriell wieder, antwortet, ohne abzuändern. Ein theoretischer Text stellt auf diese Weise ein Modell dar, das nachgeahmt werden soll. Die Philosophie zu kapern, heisst im Gegensatz dazu, dem Gelesenen und Gehörten völlig neue Möglichkeiten zu eröffnen. Wir sollten den Autoren, mit denen wir arbeiten, unsere eigene Lesart entgegenhalten. Das bereits Verfertigte soll nicht nochmals gefertigt, sondern daraus etwas Neues geschaffen werden.
    Der Forscher ist nicht ein nachahmender Automat, sondern ein Reisender, der seinen eigenen Weg sucht, neue Axiome aufwirft und hinzufügt sowie neue Zusammenhänge oder Kombinationen ausprobiert, zum Beispiel indem er diesen philosophischen Lehrsatz mit jenem Kinostück oder Gesprächsausschnitt verknüpft. Die freibeuterische Philosophie hat die Form eines Patchworks, die sich von der Copy-Paste-Drechslerei deutlich unterscheidet. Sorgfältig webt sie unterschiedliche Stoffstücke und fügt der Wirklichkeit neue Wirklichkeitsfetzen hinzu.
  • Schliesslich entsteht die freibeuterische Philosophie unter Freunden. Und wer sind diese Freunde? Es sind jene, die von derselben Frage, derselben Leidenschaft, vom selben Problem betroffen sind, allerdings nicht in derselben Weise. Eine Piratenfreundschaft ist das innige Band zwischen jenen, die einander brauchen, um gemeinsam darüber nachzudenken, was ihnen geschieht – statt in Einsamkeit zu vermodern oder von den Mächten «gedacht zu werden», die darauf abzielen, das menschliche Verhalten zu katalogisieren und zu lenken. «Unter Freunden» ist nun nicht dasselbe wie «als Kollektiv». Vielmehr ist es eine lebendige und feste Verbindung zwischen dem Persönlichen, Einzigartigen, also der Betroffenheit jedes einzelnen, und dem Gemeinsamen, dem Geteilten, das stets offen für neue Freundschaften ist.
    Gemeinschaften, dessen Mitglieder allesamt von diesem oder jenem Problem betroffen sind, Freunde, die von einem sexuellen, mentalen oder körperlichen Anderssein aus denken müssen: Jede dieser Gruppen von Freunden ist ein treibendes Piratenschiff auf der Suche nach spanischen Galeonen, die überfallen werden können, um den Schatz des Denkens zu befreien und in den Dienst des Lebens zu stellen.

Die unendliche Kopie

Wenn man Freibeuter der Philosophie wird, entdeckt man fast augenblicklich, dass es manche andere Brüder im Geiste gibt und immer gegeben hat, dass die Philosophie davon nur so wimmelt und dass einige Namen, die heute als offizielle Philosophen bekannt sind, zu ihrer Zeit selbst Freibeuter waren und heute bestens zu diesem Zweck wiedererobert werden können. Und man fragt sich: Sind nicht gerade die Freibeuter eigentliche Retter, welche die Philosophie am Leben erhalten?

Und was tun die heutigen Piraten? Sie vervielfältigen die Dinge analog der wundersamen Vermehrung der Brote und der Fische. Sie vermehren Computerprogramme, CDs und Lacoste-Polohemden. Gerade aus diesem Grund warnte bereits Plato vor den Sophisten: «Vorsicht! Das ist nicht Philosophie. Sieht zwar so aus, ist es aber nicht.» Die Gefährlichkeit der Piraten liegt in der Qualität der Fälschung, die sie herstellen. Das wären in unserem Fall die rhetorischen Künste der Sophisten. Ich stelle mir die Besitzer von Lacoste vor, die mit ähnlichen Begriffen hantieren: «Vorsicht! Dieses Polohemd, das auf der Strasse verkauft wird, ist nicht Lacoste. Sieht zwar so aus, ist es aber nicht.» Die Fälschung ist zum Verwechseln ähnlich. Sie ist womöglich in derselben Fabrik und von denselben Händen hergestellt worden. Aber es handelt sich um eine Fälschung. Sie ist nicht offiziell freigegeben. Sie wird nicht verkauft, wo sie sollte.

Die Piraterie bewirkt, dass etwas in Umlauf kommt, vermehrt, ja demokratisiert wird. Es wird auch zugänglicher. Und die Besitzrechte sowie das Copyright werden entwertet und damit der Markenname des Herstellers, der einzigartige Wert des Originals. Und diese unendliche Kopie – die nicht Kopie, sondern Variation ist – ist in Wahrheit die Rettung der Philosophie. Denn sie macht einen Luxus für alle erreichbar: das Nachdenken darüber, was mit uns geschieht, statt einfach nach den Gedanken der anderen zu leben.

* Dieser Artikel basiert auf Notizen, die während eines Treffens vom 20. Februar 2017 entstanden sind, organisiert vom Verein «Escuela y Autogestión» [Schule und Selbstverwaltung] und durchgeführt in der Buchhandlung Muga de Vallecas. Er zehrt wesentlich vom anschliessenden Gespräch mit vielen anwesenden Piraten-Freundinnen und -Freunden: Paco, Marinete, Marta, Irene, Acacio, Soledad, Juan, Frauke, Jun, Jaime …

** Für diesen Text am meisten «beraubt» habe ich den Philosophen Jean-François Lyotard. Besonders am letzten Teil seines Buches «Libidinöse Ökonomie» habe ich mich bedient.

*** Während dreier Jahre führten mehrere Freunde (Marga, Raquel, Eva, Oscar und ich) den Blog Una Línea sobre el Mar, ein Projekt, das dieser profanen und amateurhaften Philosophie gewidmet war, die wir damals Garagenphilosophie nannten.


Anmerkungen:

[1] Juan de Mareina ist ein Heteronym des spanischen Dichters Antonio Machado (1875–1939).

[2] Sokrates vergleicht seine Kunst des (philosophischen) Gesprächs mit der Hebammenkunst. Im Gespräch unterstützt und begleitet er die Menschen im Erkenntnisprozess, was einer geistigen Geburt gleichkommt. Siehe dazu: http://www.geistige-hebammenkunst.de/text1.html.

Bild: Mickaël ESTACE, CC-Lizenz via flickr.

Das Original des Textes von Amador Fernández-Savater ist auf dem Blog Interferencias bei eldario.es erschienen.
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