Der Schreibtisch – Blick in meine Alltagswelt

Dreh- und Angelpunkt meines Lebens ist seit vielen Jahren mein Schreibtisch. Dieser hat die stattliche Grösse von vielleicht drei Quadratmetern und gleicht, recht betrachtet, einer vielfältigen Landschaft, ja einer Welt im Kleinen, die sich vor meinen Augen mal lieblich, mal herausfordernd ausbreitet, wenn ich mich hinsetze. Vor mir in klassischem Grün die Schreibunterlage, unter deren Rändern oben und rechts sich manches ansammelt – einzelne Briefmarken oder Einzahlungsscheine, die sich bis zum nächsten Zahlungstermin stapeln. Auch eine Karte für Notizen liegt bereit. Allein anhand dieser Karten liesse sich eine Chronologie meines Lebens aufstellen. Denn seit Jahren kritzle ich sie voll mit Stichwörtern zu kleinen oder grossen Pendenzen und achte darauf, dass nirgens weisse, unbeschriebene Stellen übrig bleiben. Dann lege ich sie zu den anderen vollgekritzelten Karten und versehe sie mit einer Laufnummer. Inszwischen bin ich bei der Nummer 243 angelangt.

In einem Halbmond, durch die Reichweite meines rechten Arms festgeschrieben, liegen auf meinem Schreibpult mehrer Stapel von Büchern und anderem Zeugs. Ganz links beginnt dieses Halbrund mit Musiknoten, hauptsächlich für klassische Gitarre – Fernando Sor und Konsorten – sowie für südamerikanische Gitarrenmusik. Es folgen die beiden Stapel mit den Büchern, die ich zurzeit lese, teils parallel, teils hintereinander. Vier, fünf Bücher sind auf jedem Stapel, wobei einzelne sich bestens oben halten können, bis sie zu Ende gelesen sind. Andere sinken im Stapel kaum merklich nach unten. Bei ihnen ist die Leselust entweder auf natürliche Weise versandet oder durch ein «wichtigeres» Buch verdrängt worden. Von Zeit zu Zeit werden die untersten Bücher entsorgt – zurück ins Bücherregal oder ins Brockenhaus.

Diesen beiden Bücherstapeln folgt ein Zettelkasten, Typ Patenkind. Will heissen, eines meiner Patenkinder hat einst einen rohen Holzkasten, wie man ihn in Bastelläden finden mag, liebevoll und knallig bunt mit dickflüssigen Farben bemalt und mir zu Weihnachten geschenkt. Wie lange mochte das her sein? Der Zettelkasten macht sich gut, ist aber kaum in Betrieb. Ein Relikt aus anderen Zeiten, das nicht wegzudenken ist. Es folgt ein Keramikbecher, hellrosa glasiert und mit Bleistiften verschiedener Härten, Kugelschreibern, Filzstiften und Füllfedern vollgestopft. Auch die meisten Schreibutensilien sind Relikte aus anderer Zeit, ausser die Rot- und die Grünstifte, die ich beim Redigieren und Korrekturlesen von Texten verwende. Mein wichtigstes Schreibgerät ausser dem Computer liegt griffbereit rechts neben der Schreibunterlage: ein Tintenroller der Marke Parker. Dieser Edelschreiber mag mich als kleinbürgerlichen Schreiberling entlarven, unterstellt man diesen doch gerne, sie glaubten, es genügte ein «anständiges» Schreibgerät – vielleicht dazu noch eine «anständige» Bildung –, um einen guten Text verfassen zu können. Wie man so hört, ist das Gegenteil der Fall: Die eindringlichsten Texte entstünden dort, wo Not herrscht. Äussere Not kann da nicht gemeint sein, jedenfalls nicht die grosse Not. Die gebiert nur Verweiflung und Resignation – und Wut. Aber keine Texte. Und vor der inneren Not ist selbst der Kleinbürger nicht gefeit.

Durchs Nadelör meiner Texte

Dann folgt auf dem Pult mein Hausaltar in Kleinformat, bestehend aus einer handgemalten Karte, eine grosse Sonne in einem noch grösseren Himmel. An die Karte angelehnt ein Wollzwerg, wie ihn die Anthroposophen lieben, dazu ein paar Halbedelsteine, teils geschliffen, teils roh, zum Beispiel ein Lapislazuli. Auf diesem ansehnlichen, tiefblauen Brocken steht ein kleiner Engel aus Ton. Daneben ein Messing-Buddha, Rosenquarz, Bernstein mit diversen Einschlüssen und eine Bauchfeder, bunt schillernd, von einem Eichelhäher.

Bevor mir der schreiberische Schnauf ausgeht, schnell das Halbrund vollenden: etwas zurückversetzt Kerzenständer mit Stummelkerze, angestaubt. Daneben, wieder in der vorderen Reihe: doppelstöckige Pendenzen-Ablagen aus Plastik – sogenannte Briefkörbe –, auf der sich manche Pendenz auf wundervolle Weise wie von selbst erledigt. Schliesslich ganz rechts ein Stapel Notizbücher, die einen verstaubt, die anderen regelmässig in Gebrauch. Die verstaubten sind die interessanteren.

Vor dieser Landschaft sitze ich praktisch jeden Tag und wälze grosse Fragen oder lasse mich von Ängsten kleinkriegen. Hier kommt in Form von Büchern die Welt zu mir auf Besuch. Und ich gehe durch das Nadelör meiner Texte auf die Welt zu, umarme sie, wenn es mir möglich ist, oder distanziere mich, falls ich es für nötig erachte.

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