Lob des Menschen

Der Mensch steht zurzeit nicht hoch im Kurs. Er ist im Begriff, seinen Planeten und damit sich selber zu zerstören. Auch sonst stellt er sich nicht gerade geschickt an – ausser vielleicht, wenn es darum geht, Geld zu verdienen oder Macht zu ergattern. Man könnte ob ihm verzweifeln. Wenn ich es nicht tue, so weil ich die Menschen so ganz anders wahrnehme, wenn ich ihnen persönlich begegne. Und weil ich unter diesem Eindruck keinen Anlass habe, an ihrem guten Willen zu zweifeln. – Eine Hommage an den Menschen wider den Zeitgeist.

Ernst Barlach: Der Fries der Lauschenden (1930-35, Eichenholz)

Ja, der Mensch ist verführbar – und manipulierbar. Man traut zuweilen seinen Augen nicht, wenn man sieht, wie leicht er sich zum Schaf machen lässt, das widerstandslos, ja geradezu lustvoll irgend einem Leithammel hinterher läuft. Da ist viel Bequemlichkeit im Spiel, vielleicht auch Resignation und Fügsamkeit. Mit der Herde blökt’s sich einfacher, als wenn man selbst das Wort ergreifen muss. Eine Steigerung erfährt dieses «Mensch als Schaf»-Prinzip, wenn Angst ins Spiel kommt. Wenn der Mensch Angst hat, lässt sich fast alles mit ihm machen. Er wird zum Instrument dessen, der diese Angst zu bewirtschaften versteht. Ob sie nun berechtigt ist oder ein reines Phantasma, ist völlig nebensächlich. Der Mensch kann eine Bestie werden aufgrund einer Angst, die mit der Wirklichkeit kaum etwas zu tun hat und völlig auf Einbildung beruht. Vielleicht ist Angst das Mittel der Manipulation schlechthin – und damit ein Gefühl, das den Menschen wirksams von sich selbst entfremdet.

Beispiel Arbeitslosigkeit: In der Schweiz sind es gefühlte tausend fortschrittliche, zukunftsweisende Vorlagen und Initiativen, die mit dem Killerargument «führt zu mehr Arbeitslosigkeit» gebodigt wurden. Die sind nun alle weg vom Tisch – und die Arbeitslosigkeit ist trotzdem gestiegen … Beispiel Flüchtlinge: Obschon alleine die Zahlen eine andere Sprache sprechen, werden die Flüchtlinge zur grossen Bedrohung Europas hochstilisiert. Lieber lässt man sie im Mittelmeer ertrinken oder in der Wüste verdursten, und das seit Jahren, als einen sinnvollen – für alle Beteiligten sinnvollen – Umgang mit den Herausforderungen zu finden. Den gibt es, den sinnvollen Umgang mit den Menschen, die in Europa eine Lebenschance oder auch «nur» eine Überlebenschance suchen. Allein der gemeinsame Wille fehlt. Lieber schürt und bewirtschaftet man die Angst. Doch Angst ist ein katastrophaler Ratgeber. Sie führt zu Unmenschlichkeit und Barbarei.

Der angstfreie Mensch

Man stelle sich vor, der Mensch hätte keine Angst mehr – weil er keine Angst zu haben braucht! Der angstfreie Mensch ist nicht manipulierbar. Mahatma Gandhi ist hierfür ein leuchtendes Beispiel. Trotz aller Gegenkräfte und -mächte hat er Indien in die Unabhängigkeit geführt – weil er keine Angst hatte, nicht einmal vor dem Tod. Er ging seinen Weg, gewaltfrei, unbeirrbar – und ohne Angst. Nun sind wir nicht alle Mahatmas (= Ehrentitel für geistig hochstehenden Menschen). – Wohl sind es die wenigsten. Doch Hand aufs Herz: Ist es nicht so, dass wir in unserem Gegenüber Ansätze dazu erkennen können, zumindest deutliche Entwicklungsmöglichkeiten, sobald wir uns offen begegnen? Mit etwas Übung wächst diesbezüglich in uns eine Fähigkeit, und wir erkennen das Potential unseres Gegenübers – oder erahnen es, auch wenn es unter Trümmern verborgen ist. Dies gilt im selben Mass für uns selbst. Auch in uns findet sich – oft verschüttet – ein Funke Mahatma, ein Funke Mensch im besten Sinn, ein Funke, der nach dem Schönen, Wahren und Guten strebt.

Ich bin überzeugt, dass dies ein Grundstreben des Menschen ist, eine stille Sehnsucht. Und ich weiss, dass es unzählige Menschen in allen Erdteilen gibt, die – im Grossen wie im Kleinen – alles dafür tun, um es zu leben und den Alltag, die Wirklichkeit dadurch heller zu machen. Sie werden als Gutmenschen verschrien, manchenorts ins Gefängnis gesteckt. Doch das Streben des Menschen nach dem Schönen, Wahren und Guten kann nicht getilgt werden. Es ist nicht so laut wie das Streben nach Geld und Macht. Doch es ist nicht weniger wirksam. Gäbe es diesen Funken Mensch im Menschen nicht, wir wären längst verloren.


Bildnachweis: «Der Fries der Lauschenden» von Ernst Barlach, Fotografie von Rufus46 via de.wikipedia.org,  CC-Lizenz

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