Indiens neurotisches Verhältnis zum Lichtschalter

Andere Länder, andere Sitten. Und die Sitten anderer Länder erschliessen sich dem Fremden vielleicht nicht auf den ersten Blick. Oft auch nicht auf den zweiten. Sie dann allerdings kurzerhand für krankhaft zu erklären, für neurotisch, mag anmassend erscheinen, ja von postkolonialer Arroganz zeugen, wenn es sich um ein Land wie Indien handelt. Der Fremde muss sich mit Argumenten gut wappnen, will er auf seiner Diagnose beharren.

Das ist der Versuch, ein Phänomen zu deuten, das der Fremde nur in Indien angetroffen hat: der exzessive Einsatz von Lichtschaltern. Ausser in einfachen Hütten prangen an den Wänden fast sämtlicher Räume, in Wohnräumen, Ladenlokalen, Küchen oder Hotelzimmern, ganze Batterien von Lichtschaltern. Gleich neben der Eingangstür sind sie oft in mehreren Reihen und in verwirrender Übersichtlichkeit angebracht.

Betätigt der Fremde einen Schalter, geschieht zunächst nichts. Erst beim dritten Versuch beginnt irgendwo im Raum ein Ventilator zu surren. Und erst nach weiteren Versuchen wird es doch noch hell im Raum. Blickt sich der Fremde nun um, so durchzuckt ihn ein leiser Schauer, als er an der Wand gegenüber ein Tableau mit gefühlten zwanzig weiteren Schaltern entdeckt.

Wozu braucht es gegen dreissig Schalter, um einen gewöhnlichen Raum elektrotechnisch zu erschliessen? Worin mag dieser exzessive Einsatz von Lichtschaltern begründet sein? Ist er Ausdruck einer bis hin zur absoluten Perfektion fehlgeleiteten Ingenieurskunst? Oder haben wir es mit einer Überschusshandlung zu tun? Ist die manische Installation von Lichtschaltern in der Tiefenpsychologie begründet? Etwa in diesem Sinne: Um sich des zivilisatorischen Fortschritts der Elektrifizierung ganz sicher sein zu können, installiert man lieber ein paar Schalter und Stromkreise zuviel als einen zuwenig, was ja den Rückfall in vorzivilisatorische Zeiten bedeuten könnte.

Allzu viele Schalter bergen allerdings die Gefahr, dass es plötzlich dunkel wird im Raum, wo man doch eigentlich mehr Licht haben wollte, weil man den falschen Schalter betätigt hat.

Und steht das nicht bildhaft für ein Indien, wo die Herren an den Hebeln der Macht keine Ahnung zu haben scheinen, welche Schalter zu betätigen sind, welche Massnahmen zu ergreifen sind, damit die Gegenwart endlich heller wird für die vielen Menschen des Subkontinents? Statt dessen geht an vielen Orten das Licht aus. Einzig die Glut des Hasses leuchtet dort ungesund. Und es ist ausgerechnet der oberste Captain der nationalen Feuerwehr, der, statt diese Glutnester zu löschen, Unmengen Benzin bereit hält, um nach eigenem Gutdünken neue Brandherde zu schüren oder die bestehenden neu zu entfachen.

Der Fremde hat inzwischen den Umgang mit der Klaviatur der Lichtschalter gelernt. Sie sind für ihn ein Spiel geworden im Sinne eines Gedächtnistrainings, Schon nach wenigen Tagen am selben Ort kennt er die Funktion jedes einzelnen Schalters auswendig und weiss auch, welcher Schalter ohne Funktion ist.

Wenn nur an den Schalthebeln der Macht auch der Wille vorhanden wäre, Glutnester zu löschen und Licht zu machen, wo es dunkel ist! Oder ist tatsächlich die Übersicht über die richtigen Hebel und Schalter verloren gegangen?

Comments

  1. Erstaunlich, lieber Walter, lieber Reisender. Diese Geschichte berührt mich. Sie erinnert mich an die Spielzeugeisenbahn meines Vaters. Dort waren nämlich seitwärts, jenseits eines Berges von Gips, Schalter angebracht, mit welchen Straßenbeleuchtungen, das Licht eines Riesenrades oder einzelne Signalanlagen angesteuert werden konnten. Ich, ein Kind, habe sehr gerne Licht erzeugt oder Licht entzogen.

  2. Frohe Weihnachten lieber Walter :0)

  3. Claudia Hanel says:

    Grandios, Walter. Authentischer hätte man die Lage in Indien nicht beschreiben können.

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