Charles Eisenstein: Rebellion aus Liebe

Charles Eisenstein ist neben dem kürzlich verstorbenen David Graeber einer der massgeblichen Ideengeber einer «anderen Welt», wie sie seit der Jahrtausendwende von einer erstarkenden Zivilgesellschaft immer lauter gefordert wird. Eines seiner zeitkritischen Essays ist kürzlich auf Deutsch erschienen: «Wut, Mut, Liebe! Politischer Aktivismus und die echte Rebellion». Ein schmales Büchlein mit gewichtigem Inhalt.

«Eine andere Welt ist möglich», diese dreiste Behauptung in einer Welt, die ohne Alternative zum Zivilisationsprojekt der Gegenwart zu sein scheint, bewegt immer breitere Kreise der Menschen, durchaus nicht nur im Westen. Gemeint ist eine Welt, die nicht von Ausbeutung und Konkurrenzdenken geprägt ist, sondern von Sorgfalt und Verbundenheit, gegenüber der Mitwelt ebenso wie gegenüber den Mitmenschen und den kommenden Generationen. Das können wir doch besser: unsere Phantasie, unsere Kreativität und unsere Ressourcen dafür einsetzen, dass ein menschenwürdiges Leben für alle auf unserem Planeten möglich ist, ohne ihn zu zerstören. Wozu sonst soll der Fortschritt gut sein? Erschreckend eigentlich, wie träumerisch und realitätsfern ein solcher Gedanke in der heutigen Zeit anmutet.

Dabei sind es gerade die Leitvorstellungen der heutigen Gesellschaft – und besonders der heutigen Wirtschaft –, die Albträume verursachen und die Lebensnotwendigkeiten von Mensch und Natur in hohem Mass verneinen, also im Grunde realitätsfern sind, weil nicht zukunftstauglich. Immer dringlicher wird die Erkenntnis: Eine andere Welt ist nicht nur möglich, sondern notwendig. Am deutlichsten erkannt wird das heute im Zusammenhang mit der Klimaerhitzung.

Kühne Gedanken

In dieser Stimmungslage liefert Charles Eisenstein in seinem Essay ein paar Denkanstösse, die uns auf dem Weg hin zu einer anderen Welt voranbringen können. Der Haupttitel der deutschen Übersetzung – «Wut, Mut, Liebe!» – mag gewisse LeserInnen abschrecken. Zu Unrecht, enthält doch das Büchlein einige kühne Gedanken jenseits esoterischen Geschwurbels und lauwarmer Gefühlsduselei.

Der Autor schreibt zunächst gegen das vorherrschende geomechanische Weltbild an. Als wäre die Erde ein riesiger Motor, der ins Stottern geraten ist, setzt man sich zum Ziel, einige Stellschrauben zu justieren, etwa den CO2-Ausstoss. Ist der erst mal im Griff, so meint man, kann weitergewurstelt werden wie bisher. Doch die Erde ist kein Maschine. Die Erde ist ein lebendiger Organismus. Und dieser lebendige Organismus ist ernsthaft krank: «Die tatsächliche Bedrohung der Biosphäre ist viel größer, als die meisten Menschen selbst in der linken Szene begreifen. Sie umfasst das Klima, geht aber bei weitem darüber hinaus. (…) Der Erde droht Tod durch multiples Organversagen.» (S. 29)

Viele Ökosysteme der Erde – ihre Organe – sind angeschlagen, schwer geschädigt oder ganz zerstört. Ein derart geschwächter Organismus ist wenig widerstandsfähig. Seine Resilienz ist angeschlagen. Eisenstein schlägt deshalb umweltpolitische Prioritäten vor, die von jenen des konventionellen Klimadiskurses abweichen. Er wendet sich damit direkt an die Klimabewegung und insbesondere an Extinction Rebellion.

Schutz des Lebens

Die höchste Priorität fordert er für den «Schutz aller verbliebenen Urwälder und anderer noch nicht geschädigten Ökosysteme». «Jedes intakte Ökosystem ist ein kostbarer Schatz, ein Hort der Artenvielfalt, ein Refugium für die Regeneration des Lebens. In ihnen ist jene tiefe Intelligenz der Erde noch lebendig, ohne die eine vollständige Heilung nicht möglich sein wird. In ihnen ist die Erinnerung des Lebendigen Planeten an seine Gesundheit noch da.» (S. 32) Ein solcher Schutz lässt sich unverzüglich umsetzen, ist zum Teil längst gesetzlich festgeschrieben. Bloss wird er vom entfesselten Raubtierkapitalismus missachtet und verhöhnt, wie das Beispiel des heutigen Amazonas-Regenwaldes zeigt. Hier ist zusätzliches zivilgesellschaftliches Engagement gefordert.

Erst an vierter Stelle der umweltpolitischen Prioritätenliste Eisensteins steht die Reduktion von Treibhausgasen in der Atmosphäre, auf die alle Welt schaut und die auch im Zentrum des Übereinkommens von Paris des Jahres 2015 steht. Der effektive Schutz (erste Priorität) und die Regeneration von geschädigten Ökosystemen (zweite Priorität) sowie der rigorose Stopp der weiteren Vergiftung der Erde (dritte Priorität) tragen für sich schon Wesentliches zur Verminderung von Treibhausgasen bei. Viele der notwendigen Massnahmen lassen sich ohne Verzögerung verwirklichen, vorausgesetzt, der gesellschaftliche Wille ist vorhanden.

Revolution der Liebe

Doch Eisenstein wird noch grundsätzlicher. Er sieht beim Klimawandel und der Umweltzerstörung dieselben tieferen Ursachen wie bei Gewalt und Ungerechtigkeit, nämlich das menschheitsgeschichtliche Narrativ der Separation, «eine Geschichte, die mich getrennt von Dir verortet, die Menschheit getrennt von der Natur, den Geist von der Materie und die Seele vom Fleisch». (S. 20) Dieses tiefe Empfinden des Getrenntseins prägt unsere Zivilisation seit undenkbarer Zeit, ebenso wie unser Wirtschaftssystem, den Kapitalismus. Wobei Eisenstein anmerkt: «(…) die früheren sozialistischen Länder verhielten sich genauso räuberisch wie die kapitalistischen Länder (…)». (S. 20)

Unweigerlich führt dieses Grundgefühl des Getrennstseins zur Polarisierung, wie wir sie – auf die Spitze getrieben – heute erleben. Und sie führt zum «Kriegsdenken», dem wir praktisch alle unterworfen sind. «Wenn Ihr glaubt, die Menschen auf der anderen Seite stünden moralisch, ethisch, in Sachen Bewusstsein oder spirituell auf einer niedrigeren Stufe als Ihr, dann steht Ihr schon an der Schwelle zum Krieg. Also, ja, stellt die Handlungen bloß, die die Welt töten. Aber macht nicht die vermeintliche Schlechtigkeit der Handelnden dafür verantwortlich, und bildet Euch nicht ein, dass sich die Rollen ändern, wenn Ihr die Schauspieler feuert.» (S. 44)

Die aktuelle Krise fordert nichts weniger als eine zivilisatorische Transformation, «eine Initiation in eine neue Art von Zivilisation». (S. 21) Sie fordert eine Revolution der Liebe, eine Revolution, die nicht von Wut und Konfrontation ausgeht, sondern von Verbundenheit und Ehrfurcht vor dem Leben und allen Wesen. Wie viele Revolutionen aus Wut haben wir schon gesehen? Und was haben sie gebracht? Laut Eisenstein muss dieser Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt, von Sieg und Niederlage durch einen Paradigmenwechsel unterbrochen werden – durch die Überwindung des Wahns des Getrenntseins, durch die Verbundenheit mit dem Lebendigen. Durch die Liebe zu allem, was der Heilung bedarf.

Diese Feststellung mag naiv erscheinen, unrealistisch und aus der Zeit gefallen. Und doch übersetzt Eisenstein damit die Essenz unterschiedlichster Kulturen in die Sprache der heutigen Welt. Jeder noch so kleine Schritt in diese Richtung ist Balsam für Mensch und Welt und trägt zur Heilung bei.

Charles Eisenstein

Wut, Mut Liebe!

Politischer Aktivismus und die echte Rebellion

66 Seiten
Europa Verlag
Zürich 2020

ISBN 978-3-95890- 324-1

 

 

 

 

 

 

 


Das englische Original und die deutsche Übersetzung des Essays sind auf der Webseite des Autors abrufbar. Die Seitenangaben beziehen sich auf die Buchausgabe des Europa Verlags.

Comments

  1. Barbara Bürki says:

    Lieber Walter

    Es ist einfach eine Freude und ein Vergnügen dich zu lesen, oder von dir zu lesen. Aber ich meine schon einen Teil deines Wesens in deinen Texten zu erkennen.

    Ich lese diesen Schreibstil mit Hochgenuss und sehe deinen gedanklichen Einsatz, die Zeit und deine Sorgfalt die du beim Verfassen eines solchen Textes walten lässt.

    Vielen herzlichen Dank und ich freue mich schon auf den nächsten Text von dir, oder kommt dein neues Buch bald?

    Schönen Tag und liebe Gruess

    Barbara

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