Maskenbart und Co. – Betrachtungen zur Ästhetik des Mund-Nasen-Schutzes

Der kometenhafte Aufstieg der Hygienemaske geht einher mit einem brutalen Absturz des ästhetischen Empfindens. Insbesondere die Gesichtspartie des Menschen wird zum Schlachtfeld, wo sich Nachlässigkeit, schlechter Geschmack, der Wunsch aufzufallen und Unverstand in unterschiedlichen Koalitionen gegen die Ausdruckstärke und grundsätzliche Schönheit des Gesichts austoben.

Ein solcher Angriff gegen die Ästhetik des Gesichts ist zum Beispiel der Maskenbart. Geradezu pandemisch breitet er sich über dem Erdball aus, befördert dadurch dass der Mund-Nasen-Schutz bei Nichtgebrauch ja irgendwo deponiert werden muss, wo er die Trägerin, den Träger nicht stört und doch griffbereit bleibt. Einmal mehr hat die Nützlichkeit über die Schönheit gesiegt. Wen wundert’s, dass die KulturpessimistInnen täglich zahlreicher werden. Man sagt, es gäbe Leute, die nicht mehr auf den Maskenbart verzichten wollen oder können, selbst wenn sich die epidemiologische Situation beruhigen sollte. Auffällig viele darunter haben ein Doppelkinn.

Doch die Gesichtsverschleierung an sich ist nunmal ein ästhetischer Tiefflieger. Gleichen die Menschen nun nicht gesichtslosen Marionetten – oder gar Zombies, die durch den öffentlichen Raum huschen oder hetzen, anonymer und unnahbarer denn je? Das Gesicht, Ausdruck der Seele des Menschen und seines Lebens hier auf Erden, ist bis auf die Augenpartie unkenntlich gemacht. Was mag das für die spontane menschliche Begegnung bedeuten? Was für die Poeten, die von der Beobachtung der Menschen leben und aus ihren Gesichtern Inspiration für ganze Werke schöpfen?

Vorteile der neuen Ästhetik

Hier gilt es nun allerdings auch, die Vorteile der neuen Ästhetik zu erkennen. Wie viel subtiler kann der spontane Austausch werden, wenn er sich auf das Augenspiel beschränkt! Wie viel mehr Aufmerksamkeit schenkt man so dem Gegenüber und bekommt man geschenkt! Man hängt sich nicht mehr gegenseitig an den Lippen. Man blickt sich wieder in die Augen.

Und noch etwas: Die automatische Gesichtserkennung ist bis auf weiteres ausgebootet. Und zwar weltweit! Das ist zwar kein ästhetischer Gewinn im eigentlichen Sinn. Doch eine Güterabwägung empfiehlt dem ästhetischen Gewissen, hier Abstriche zu machen. Die digitale Überwachung des öffentlichen Raums ist um Jahre zurückgeworfen. Auch das Vermummungsverbot ist Makulatur, weil nicht mehr durchsetzbar. Immerhin!

Papageienschnabel und Unterhose fürs Gesicht

Aber auch um die Masken selbst ist ein ästhetischer Wettkampf entbrannt. Hauptsächlich das Modell «Globi» und das Modell «(Wegwerf-)Unterhose fürs Gesicht» stehen hoch im Kurs. Das erstere verleiht den TrägerInnen ein papageienartiges Aussehen, wobei die Farbe des Schnabels frei wählbar ist. Schwarz dominiert allerdings und verleiht dem Gesicht, ob Frau oder Mann, etwas Martialisches. Der Papageienschnabel scheint recht bequem zu sein und verursacht weniger Probleme bei BrillenträgerInnen. Stichwort: beschlagene Scheiben. Als Maskenbart ist er allerdings weniger geeignet, es sei denn, es gilt, ein äusserst üppiges Doppelkinn zu kaschieren.

Übers Modell «Unterhose fürs Gesicht» gibt’s nicht viel zu sagen. Die Bezeichnung selbst spricht Bände. Und wie im richtigen Leben auch verdeckt dieses Modell oft nur das Allernötigste, zuweilen nicht einmal das. Es ist der weitest verbreitete Mund-Nasen-Schutz. Kommt hinzu, dass bei manchen Trägerinnen und Trägern ein Missverständnis vorzuliegen scheint. Das Modell, oft in dezent blauen oder rosa Pastelltönen angeboten, ist zwar ein Einwegmodell und muss deshalb auch als Wegwerfmodell bezeichnet werden. Was allerdings nicht heisst, dass es beliebig und überall weggeworfen werden kann. Biologisch abbaubare Modelle sind meines Wissens noch nicht auf dem Markt. Das wird noch kommen. Aber selbst dann … Das macht einfach keine Falle.

Der Bundesrat ist gefordert

Letzthin hing mitten im Wald, etwa auf Kopfhöhe an einem Ast eine eindeutig gebrauchte Hygienemaske und flatterte im Herbstwind. Zugegeben, als sparsamer Mensch bin ich bei solchen Gelegenheiten jeweils versucht, die Maske an mich zu nehmen, zur Not eine solche gar vom Weg aufzuheben, besonders wenn sie noch unverbraucht wirkt. Locker könnte man sich so den Bedarf für die ganze Pandemiesaison zusammenklauben und einiges an Geld sparen. Einzig hygienische Bedenken hielten mich bisher davon ab. Es fühlt sich an wie bei gebrauchten Unterhosen, die auf der Strasse herumliegen. Auch hier hat man Hemmungen … Übrigens: Liegen gelassene Papageienmasken sieht man weniger. Schade eigentlich!

Damit man mich richtig versteht: Ich zweifle nicht an der Nützlichkeit und Eignung der Hygienemasken, um Schlimmeres zu verhindern. Schade nur, dass in der Hitze des Gefechts die Ästhetik völlig vergessen geht. Ich denke, hier ist der Bundesrat gefordert. Mit einer schweizweiten Verordnung könnte man Abhilfe schaffen und dem Flickenteppich der Kantone in Sachen Schönheitsempfinden entgegenwirken.


Bild von Engin Akyurt auf Pixabay

Comments

  1. … Deshalb setzt ein gewisses Land seit längerem auf den Ausbau der Personenerkennung über die Gangart. Das ist viel verlässlicher und den kann man nicht verschleiern … also fühlen wir uns nicht zu sicher!

  2. Eine Wäscheklammer auf die Nase und das Zunähen des Mundes bis auf die zur Nahrungsaufnahme und zum atmen erforderliche Mindestgrösse wäre eine interessante Alternative zur Hygienemaske. Die dadurch bedingte Einschränkung des Sprachvermögens könnte m. E. billigend in Kauf genommen werden. Zumal sehr viele Zeitgenossen ja sowieso nichts zu sagen haben. 😉

  3. Wolfgang Fubel says:

    Was für eine Welt!? Als Wir Alle noch sehr klein waren, trugen Wir zwischen den Beinen Windeln. Heute, wo die „Großen“ noch nicht Groß genug sind, tragen Sie Diese im Gesicht

  4. Ich habe herzlich gelacht beim lesen. Danke für den Aufheller ;0)

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