Die Freundschaft und ihre lieben Schwestern – und die Grosstante

Nehmen wir an, Freundschaft, Liebe und Leidenschaft wären Schwestern. Die Freundschaft ist die ältere Schwester der Liebe, und die Leidenschaft ist die jüngste der drei. Das gesetzte Alter der Freundschaft hat ihr Blut beruhigt. Dafür hat sie an Tiefe gewonnen – und an Beständigkeit. Nicht so ihre beiden jüngeren Schwestern, die Liebe und die Leidenschaft, die bei der erstbesten Gelegenheit wild um sich schlagen, nur um wenig später ihr Gegenüber wieder zu umgarnen, als wäre nichts geschehen.

Die Liebe kann grausam sein, und die Leidenschaft schafft Leiden. Beide sind willkürlich wie Despoten – und selbstsüchtig dazu. Und doch wirkt die Freundschaft neben ihren funkelnden Schwestern wie eine graue Maus. Sie ist das Mauerblümchen der drei. Und ihre inneren Werte? Geschenkt! Ihre Beständigkeit? Belanglos!

Es lebe der rasende Tanz der Gefühle! Es lebe der ekstatische Rausch! Auch wenn ihm, als wärs ein Naturgesetz, bald die Ernüchterung folgt. Das Herz ist verglüht. Zurück bleibt eine Leere und Tristesse. Jetzt erst erinnern sich die jüngeren beiden an ihre ältere Schwester. Zerzaust und mit aufgelöstem Haar flüchten sie sich in den Frieden, den diese umgibt. Also beginnt die Freundschaft zu erzählen:

«Unsere Grosstante heisst auch Liebe, so wie du, mein törichtes Schwesterlein. Doch sie hat ganz anderes im Sinn. Sie strebt nach dem Höchsten, zu dem wir Menschen fähig sind: zu Mitgefühl und uneigennütziger, bedingungsloser Liebe gegenüber der gesamten Schöpfung, auch gegenüber unseren Feinden. Sie hat es weit gebracht, unsere Grosstante, und ich bewundere sie dafür.»

Noch ausser Atem, doch schon gefasst, antwortet ihr die Jüngste, die Leidenschaft: «Meine liebe, neunmalkluge Schwester, lieber brenne ich lichterloh und lasse, wenn es sein muss, noch vor der Zeit mein Leben, als wie du langsam hinzuwelken. Wer lässt sich von dir denn noch begeistern? Du verdorrst, noch bevor dein Leben geendet hat. Mich aber durchbebt eine heilige Lust. Bis zur Neige feiere ich mein Leben. Und dann soll es gut sein. Mehr will ich nicht.

Und meine Grosstante habe ich nie gemocht. Sie ist ebenso angegraut wie du und ihr Gesicht welk wie Herbstlaub. Was heisst das schon, nach dem Höheren streben? Oder gar nach dem Höchsten, zu dem wir Menschen fähig sind? Reine Träumerei, ein Gedankenflug in abstrakte Gefilde, in die man sich flüchtet, um der Zumutung des Todes zu trotzen. Nein, das ist mir zu geistesschwer, zu blutleer. Da lobe ich mir das Fleisch und die Lust, die übrigens oft genug Leben spenden.»

Ihr antwortet nun die ältere Schwester: «Leidenschaft und Verstand scheinen sich spinnefeind zu sein. Was weisst du schon vom Leben, du jüngste meiner einfältigen Schwestern? Es reicht nicht, sich am Leben zu berauschen, wenn auch nichts gegen den wunderbaren Tanz des Daseins spricht. Was wäre die Welt ohne Kinder – und ohne Leidenschaft? Doch damit genügen wir der Natur – wie der Wurm auch. Freundschaft und Liebe im Sinne unserer Grosstante macht uns erst zu Menschen. Sie sind eine Kulturleistung, die erst das Überleben der Menschheit auf unserem Planeten ermöglicht. Du bist noch jung, Schwesterlein, kannst noch wachsen.»

Comments

  1. Eine sehr tiefsinninge Betrachtung, die zum Nachdenken anregt. Hoffen wir, dass das jüngere Schwesterlein noch wächst.

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