Coronawinter: Was macht er mit uns – und was wir aus ihm?

Die Zeichen stehen noch immer auf Sturm. Was für ein Winter! Einer im Überlebensmodus. Ungewissheit, Angst bis hin zu Panik allüberall. Auch ich bin nicht davor gefeit, zähle ich doch zur Risikogruppe, die besser nicht an Covid-19 erkrankt. Was macht das mit mir? Wie überwintere ich, ohne den Kopf zu verlieren – und die Freude am Dasein? – Eine (Selbst-)Erkundung in verrückten Zeiten.

Man müsste einen Winterschlaf machen, einfach abtauchen und das Social, das Physical und was auch immer für ein Distancing in einem langen Schlaf erledigen, gleichsam nebenbei. Auch die Wirtschaft würde schlafen, der Bundesrat und die Coronaskeptiker. Was für eine Wohltat! Was für eine Befreiung!

Doch wir sind weder Siebenschläfer noch Murmeltiere, müssen wachen Geistes durch den Winter kommen – und ohne die Nerven zu verlieren. Das ist nicht einfach in dieser Zeit, wo wir seit Wochen und Monaten von einem Thema tyrannisiert werden und der Albtraum einfach nicht enden will, mehr noch: zwischendurch noch einen draufsetzt. Wie es Treppenwitze gibt, die immer wieder mit neuen Pointen aufwarten, gibt es offenbar auch Treppenalbträume, die ohne Ende eine Hiobsbotschaft nach der anderen auftischen, so dass man ganz kirre wird, auch wenn man nicht so leicht aus der Fassung zu bringen ist.

Nachrichtenflut

Kommt hinzu, dass der Boden der Tatsachen wankend geworden ist. Die unumstössliche Wahrheit, an die man sich gerade in solchen Zeiten halten könnte wie an einem Geländer entlang eines Abgrunds, diese Wahrheit scheint sich vor unseren Augen aufzulösen, nicht nur was das Virus betrifft, aber hier besonders spürbar. Wir werden täglich mit Informationen und Nachrichten zu Corona überflutet, sind aber zutiefst verunsichert, wie relevant diese sind und wie es morgen darum steht.

Damit soll nicht gesagt sein, dass sich die Wahrheit aus dem Staub gemacht hat. (Oder dass es sie gar grundsätzlich nicht gibt.) Wahrheit gibt es. Das steht für mich ausser Zweifel. Doch sie ist oft verborgen, überlagert, zugemüllt mit Halbwahrheiten und alternativen Tatsachen, sprich Lügen, sowie anderen Abfallprodukten der Informationsgesellschaft. Sie aufzufinden ist zuweilen anspruchsvoll und erfordert selbständiges Denken, das sich an Tatsachen orientiert und nicht an Behauptungen. Und eben diese Tatsachen des Pandemiegeschehens sind zurzeit höchst flüchtig.

Medienfasten

Man muss von einer Pandemie der Verunsicherung und Ungewissheit sprechen. Vielleicht deshalb die vielen Wahrheitsprediger und Allwissenden, die sich auf dem stark wachsenden Markt der Bedürfnisse nach Gewissheit und Sicherheit tummeln. Hinzu kommen die Medien, die in ihrem Kampf um Aufmerksamkeit den Veitstanz der Halbgewissheiten noch befeuern. Das Sensationelle ist ihr Credo, dem sie mit zugespitzten Aussagen, Vereinfachungen und Dramatisierungen huldigen – und oft genug mit noch drastischeren Mitteln. Für die Medien ist so gesehen Covid-19 ein gefundenes Fressen. Fast schon monothematisch werden wir seit Monaten mit entsprechenden Informationen «versorgt». Das liegt zum einen bestimmt am Informationsbedürfnis der Menschen – aber auch an der Boulevardisierung der Medien, wo der Thrill, die Lust an der Angst zum Tagesgeschäft gehören und Klicks generieren sollen.

Ich selbst lechze ja auch nach den neusten Erkenntnissen und Entwicklungen im Zusammenhang mit Covid-19, damit ich erfahre, wie es weitergeht und worauf ich mich einstellen muss. Doch Gewissheit ist zurzeit nicht zu haben. Man hangelt sich von Tag zu Tag. Deshalb praktiziere ich immer wieder Medienfasten – nicht um mich abzuschotten vor dem, was ist, sondern um meine Gedankenwelt vor einem Übermass an oft widersprüchlichen Informationen zu schützen. Als Medienjunkie ist ein vollkommenes Fasten für mich undenkbar. Doch eine Schlankheitskur ist möglich und bestimmt gesund. Sie beugt einem Informationsinfarkt vor.

Kunst der Begegnung

In diesen Zeiten wird uns eindringlich der Wert der Begegnung bewusst. Von Staates wegen ist sie vielfältig eingeschränkt: Um die Übertragung des Virus einzudämmen, ist Distancing, also Abstandhalten angesagt. Körperlicher Abstand ist angesagt, die Reisefreiheit eingeschränkt, ja, Ausgangssperren werden verhängt, als wären wir im Krieg oder als fände ein Staatsstreich statt. Die Staaten schotten sich tendenziell ab und schliessen die Grenzen, nicht für Waren, aber für Menschen. Jeder soziale Kontakt, der nicht stattfindet, sei gut. Zugleich können wir die Krise nur in Verbundenheit und Solidarität bewältigen. Wer das Gegenteil behauptet und praktiziert, ist ein Scharlatan oder Populist, was ja im Grunde dasselbe ist.

Wie aber Solidarität und Begegnung leben in diesen Zeiten? Wie die Verbindung nicht abreissen lassen? Zur Nachbarin, zum Mitarbeiter, der soeben entlassen wurde, zu den Gesinnungsgenossinnen und Freunden, zur Welt? Die Vereinzelung erfährt einen Schub, den ich am eigenen Leib erfahre. Doch Physical Distancing ist nicht Social Distancing. Kann es sein, dass ein falscher Begriff zu falschem Verhalten führt? Uns sozial zu isolieren, ist kein Gebot der Pandemiebekämpfung. Es gilt deshalb gerade in diesen Zeiten und ganz bewusst die sozialen Kontakte zu pflegen, per Telefon, per Videoanruf, per Mail oder Brief – ja, per Brief! – und bei persönlichen Treffen im kleinen Rahmen, dosiert gleichsam durch den Tropfenzähler. Begegnung ist möglich. Ja, die Fähigkeit zur Begegnung ist in besonderem Mass herausgefordert.

Es gilt, eine Kunst der Begegnung zu pflegen, gerade weil Begegnung nicht mehr selbstverständlich ist. Diese Kunst zeichnet sich dadurch aus, dass sie Gräben überwindet, dass sie zuhören kann und von Empathie geleitet ist, von Empathie auch dem Fremden gegenüber. Gerade weil Vereinzelung und Polarisierung eine Signatur der Gegenwart sind, müssen wir ganz bewusst die Kunst der Begegnung pflegen.

Chance für Neues, Besseres

Noch immer staune ich, wie auf einmal tiefgreifende Veränderungen in Gesellschaft und Wirtschaft geschehen, die ich noch vor kurzem für unmöglich gehalten hätte. Zu festgefahren schien mir unsere Zivilisation, als dass sie auf die Herausforderungen der Gegenwart konstruktiv und in nützlicher Frist reagieren könnte. Eine grundlegende Transformation unserer Gesellschaft schien vielen zwar wünschbar, aber wenig realistisch. Und nun ist alles ins Rutschen gekommen, ausgelöst durch eine Pandemie, die globaler nicht sein könnte.

Wenn es nicht so viel Leid in die Welt brächte, könnte man dem Virus dankbar sein, weil es so viel Unstimmiges und Falsches ans Tageslicht bringt, das schon lange unstimmig und falsch ist. Nun sehen wir es wie durch eine Lupe, und neben dem eigentlichen Pandemiegeschehen schreckt uns die ungeschönte Fratze der Gegenwart auf. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass uns dieser Schrecken hilft, einiges besser zu machen als bis anhin. Natürlich geschieht das nicht von alleine. Es braucht uns.

Was wir erleben, ist zwar menschengemacht – Stichwort Zoonose und Umweltzerstörung –, aber nicht vom Menschen gesteuert, sondern eine Katastrophe. Genauer: Es sind mehrere Katastrophen, die sich überlagern. Man könnte den Mut verlieren, schaut man auf die Nachrichtenlage der Gegenwart. Und wer darin eine Chance für Neues, Besseres ausmacht, muss ein Zyniker sein oder so blauäugig, dass es verboten gehört. Doch ich bin weder zynisch noch blauäugig. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es manchmal Erschütterungen braucht, um tiefgreifend wach zu werden. Erschütterungen rütteln an erstarrten Identitäten und fadenscheinigen Werten. Sie öffnen den Blick für Neues. Aber sie lösen auch Angst aus.

Wir stecken wohl mitten in einem grossen Umbruch. Angst und Wut, wo wir auch hinschauen. Gleichzeitig ist das Zeitfenster für Neues ganz weit offen. Die Pandemie trifft ja nicht auf unvorbereitetes Gelände. Vieles ist längst in Bewegung geraten, gegen Widerstände, ja, aber in vielen Belangen hin zum Guten. Transformation geht nicht von heute auf morgen. Doch sie hat begonnen. Wir sind auch im Aufbruch. Einige Beispiele, bezogen auf die Schweiz und darüber hinaus:

  • Die Pflegeberufe werden aufgewertet werden. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Hier findet ein Wertewandel statt, ausgelöst durch die Pandemie. Die Pflegeinitiative setzt zusätzlichen Druck auf.
  • Die Klimastreikbewegung wurde von Corona zwar gebremst, aber nicht ausgebremst. Sie hat die Zeit genutzt, einen breit abgestützten Aktionsplan auszuarbeiten, der weit über die reine Einsparung von CO2 hinausgeht. Die Forderung nach einem Systemwandel ist Teil davon.
  • Die Luftfahrtbranche wird wieder auf die Beine kommen, aber bestimmt nicht im alten Sinne mit Billigfluglinien und Ähnlichem. Vielmehr wird sich, um nur ein Beispiel zu nennen, eine sinnvolle Zusammenarbeit mit der Bahn etablieren. Überhaupt wird die Mobilität der Menschen anders organisiert werden müssen. Die Unternehmen der damit verbundenen Branchen könnten Teil der Lösung sein. Aber nicht indem sie alte Lösungen in die Zukunft retten, indem sie diese technologisch aufmotzen.
  • Die Wirtschaft wird gezähmt, das heisst demokratisiert und damit (wieder) in den Dienst der Gesellschaft gestellt. Zweifellos ein grosser Brocken, aber es gibt keine enkeltaugliche Alternative dazu. Ideen sind zuhauf vorhanden. Ein Wertewandel ist im Gang, angestossen unter anderem durch Corona.

Die Liste könnte fortgesetzt werden. Wer kennt nicht noch weitere Beispiele? Es ist nicht alles verloren. Doch wir sind gefordert. Wir alle. Und zwar in einem Sinne, wie ihn Wolf Biermann schon vor Jahrzehnten in ermutigender Weise ausgedrückt hat:

 

Du, lass dich nicht verhärten
In dieser harten Zeit.
Du, lass dich nicht verbrauchen
Gebrauche deine Zeit.
Du kannst nicht untertauchen
Du brauchst uns und wir brauchen
Grad deine Heiterkeit.

 

Auch Corona, aber anders …


Bilder von Alexandra_Koch (oben) und Jochen Schaft auf Pixabay

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