Schmerzlicher Abbau beim Radio SRF 2 Kultur

Ein offener Brief an die Verantwortlichen

Um nicht die Faust im Sack zu machen und mich vom Kulturradio SRF 2 ein für alle Mal abzuwenden, möchte ich Ihnen hiermit als langjähriger Hörer eine Rückmeldung geben, wie ich die Entwicklung dieses Senders in den letzten Monaten erlebe und was für Gedanken mir dabei durch den Kopf gehen. Mag sein, dass der zu beobachtende Abbau aus finanziellen Gründen unabwendbar ist. Für die Kultur als Ganzes im Schweizer Radio – jenseits von Unterhaltung und Information – empfinde ich ihn, gelinde gesagt, als äusserst bedauerlich. Man könnte auch von einer Katastrophe sprechen.

Drastisch ist zum Beispiel die Massnahme, dass das Abendprogramm ab 22 Uhr einfach gekappt wurde. Alle, die um 22 Uhr noch nicht am Schlafen sind und ganz gerne anspruchsvolles Radio hören möchten, werden von SRF 2 allein gelassen. Da kann auch die Klassik-Endlosschlaufe Notturno nicht darüber hinwegtrösten.

Moderation unter Spardruck

Überhaupt scheinen Live-Moderationen auf SRF 2 ein Auslaufmodell zu sein. Vielmehr wird die Zuhörerin, der Zuhörer täglich daran erinnert – zum Beispiel vor der Zweitausgabe des Echo der Zeit um 19 Uhr –, dass es am Radio auch ohne Menschen geht. Die stets gleiche, mechanisch wirkende Stimme kündet die Zweitausgabe des Echos an. Wann gedenken Sie die ersten Moderatoren-Bots einzusetzen? Das Sparpotential wäre riesig.

Nachtsendungen wie Nachtflug und Fiori Musicali vermisse ich sehr. Und ich bin noch ratlos, wo ich nach 22 Uhr einen gleichwertigen Ersatz finde. Kennen Sie einen guten deutschsprachigen Kultursender, der auch nach 22 Uhr noch etwas zu sagen hat? Danke für den Tipp!

Es ist ja gerade ein Wesenszug des Radios – und ein Grund, weshalb ich es so liebe –, dass es den ZuhörerInnen eine Art zu Hause bietet. Eine lebendige Moderation ist ein wesentlicher Teil dieses Empfindens, nicht alleine zu sein, in einem gewissen Sinn geborgen zu sein. Das mag jetzt etwas rührselig wirken, aber bei SRF 2 fühlte ich mich tatsächlich zu Hause.

Und nun droht mir als Radiohörer Heimatlosigkeit, nicht nur wegen der eingedampften Moderation, sondern auch weil die Auseinandersetzung mit Kultur auf diesem Sender immer mehr dem Darbieten von Kulturhäppchen weicht. Und ich frage mich, ob die Kultur, die ich meine, halt einfach nicht mehr zeitgemäss ist, ein Auslaufmodell, das nun mal durch modernere Formen und Formate abgelöst wird, abgelöst werden muss, damit es vorwärts geht. Ähnlich steht es ja um das Feuilleton in den Printmedien.

Austreibung des Geistes

Sehr bedauern tue ich das Ende der Sendung Blickpunkt Religion. Ich bin alles andere als religiös. Doch diese Sendung ist eines der wenigen Fenster im Schweizer Radio, durch das – wie soll ich sagen? – ein Hauch Ewigkeit, ein Hauch tieferer Sinn hineinweht. Auch die Sendung Perspektiven leistet das, sogar mit etwas mehr Tiefenschärfe als Blickpunkt Religion. Wehe, Sie schaffen diese ab!

Auch die Literatur kommt unter die Räder. Bis anhin schon wurde sie stiefmütterlich behandelt. Nun kippt sie offenbar ganz raus oder wird zum Sahnehäubchen für Feiertage. Auch sie ist wohl einfach nicht mehr zeitgemäss. Dabei wären Radio und Literatur ein so hübsches Paar. Wie passend wären zum Beispiel regelmässige Kurzgedichte (oder auch etwas längere) – etwa statt der Börsenkurse. Man wird ja wohl noch träumen dürfen!

Dafür, und da fehlt mir nun wirklich jegliches Verständnis, haben Sie vor einiger Zeit damit begonnen, die stündlichen Nachrichtensendungen mit dramatisierenden Soundelementen zu unterlegen. Was ist die Idee dahinter? Sollen damit junge Menschen zum Hören von Nachrichten animiert werden? Brauchen die oft eh schon dramatischen Nachrichten wirklich noch dramatisierende Soundelemente? Mich ärgern die lächerlichen Clips jedes Mal. Echt jetzt!

Kultur als Stütze der Gesellschaft

Ich gebe ja zu, schon etwas älter zu sein. Mit dem Fernsehen konnte ich nie viel anfangen. Es ist mir zu manipulativ. Auch Instagram und Co. sind nicht mein Ding. Und ich kann durchaus nachvollziehen, dass sich die öffentlich-rechtlichen Medien auch nach den Bedürfnissen der Jugend richten sollen. Sie sind die künftigen MedienkonsumentInnen, während unsereins bald mal wegfallen wird.

Doch wenn Sie glauben, ältere Männer befänden sich ab 22 Uhr schon im Tiefschlaf, so muss ich Sie eines Besseren belehren. Ich bin noch hellwach und davon überzeugt, dass lebendige Kultur – auch die anspruchsvolle, zum Denken anregende Kultur – eine Stütze der demokratisch verfassten Gesellschaft ist und intensiv gepflegt werden muss, zum Beispiel auf einem Kultursender.

Mit trotzdem freundlichem Gruss

Walter Beutler

Comments

  1. Lars Kaiser says:

    Toller kultureller Beitrag mit hoffentlich unwiderstehlichem Charme!

    • Danke für den Zuspruch, lieber Lars! Ja, sobald die Emotionen mitschreiben, bekommen meine Texte einen zusätzlichen Schwung. Du nennst es Charme.

  2. Ja, das ist traurig. Und deshalb zahle ich ausgesprochen gern meine Rundfunkgebühren. Ich hoffe, dass mir mein Lieblingssender noch lange erhalten bleibt

  3. Madeleine Fluri says:

    Lieber Walter
    Du sprichst mir aus dem Herzen.

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