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Auf den Spuren hinduistischer Pilger

Dann hiess es Abschiednehmen von Auroville, Abschiednehmen vom ewigen roten Staub, der dich bis ins Innerste deiner Seele einpudert – naja, nicht ganz bis ins innerste Heiligtum der Seele, aber fast –, es hiess Abschied nehmen von Kuyilappalayam, dem einzigen tamilischen Dorf, das ich wirklich kennen gelernt habe, und es hiess natürlich Abschiednehmen von Murugan and family

Von nun an ist real India angesagt: das Indien, an das man sich als Europäer nicht so leicht gewöhnt, das einen aber, hat man sich denn daran gewöhnt, nicht mehr so leicht loslässt. Wobei anzumerken ist, dass es – bei der Grösse des Landes wenig verwunderlich – ganz viele verschiedene Indien gibt. Und Tamil Nadu und Kerala, von denen hier die Rede ist, sind nur zwei von 29 Bundesstaaten, die allesamt unterschiedlicher nicht sein könnten. Auch Tamil Nadu und Kerala unterscheiden sich in ihrem Charakter, in ihrer Landschaft, den Menschen, der Sprache, der Kultur und Geschichte, ja, im Entwicklungsgrad wie Tag und Nacht.

Wir sind zu viert im Auto unterwegs: Beat und Gabi, Eric und ich. Im Auto zu reisen, ist in Indien für mich als Rollstuhlfahrer die komfortabelste Art – um nicht zu sagen, die einzig sinnvolle. Natürlich ist das etwas anderes, als im überfüllten Bus durchs Land zu bolzen, und selbstverständlich entgehen einen dadurch ein paar typische Erfahrungen von Indienreisenden, Erfahrungen, von denen mir allerdings nicht klar ist, ob ich sie in aller Ausführlichkeit wirklich haben möchte … Ich bin’s also ganz zufrieden, wie wir reisen, zumal wir Selbstfahrer sind, also nicht mit einem Taxifahrer unterwegs sind, was uns viele Freiheiten beschert, etwa dass wir unterwegs picknicken können.

Trichy

Erste Übernachtung ist in Tiruchirapally, kurz Trichy, der fünftgrössten Stadt Tamil Nadus mit 850`000 EinwohnerInnen. Die Stadt steuern wir an, weil sie auf halbem Weg Richtung Rameswaram liegt, dem vielleicht wichtigsten Ziel unserer Reise durch Südindien. Im Norden von Trichy gibt es auf einer Flussinsel die Tempelstadt Srirangam mit dem gleichnamigen Tempel, einer quadratischen Anlage von fast einem Kilometer Seitenlänge. Je tiefer wir ins Innere dieses Tempelgevierts vordringen, umso mehr Menschen sind unterwegs. Es wird ganz schön eng. Ab einem gewissen Punkt haben Nichthindus keinen Zugang mehr. 

Es wird eng auf dem Weg zum Srirangam-Tempel.


Schon mehrfach habe ich Tempelbesuche beschrieben – und was sie mit mir machen. In grossen Tempeln lebt eine unglaubliche Fülle: an Düften, an Formen, an Farben, auch an verschiedensten Menschen – an Leben überhaupt. Natürlich gibt es auch andächtige Orte und Momente, Augenblicke der Stille und Meditation. Doch daneben schwelgt das diesseitige Leben in einer unglaublichen Überfülle. Dort wird gehandelt und gefeilscht, gebettelt und wohl auch geflucht. Das Leben in all seinen Facetten ist willkommen. Erstaunlich für eine Religion, die in ihrer Essenz doch stark aufs Jenseitige verweist und das Diesseitige eher flieht! 

Rameswaram

Zwischen Südindien und Sri Lanka muss es einst eine Landbrücke gegeben haben. Auf deren Überresten, eine dem Festland vorgelagerten Insel, liegt Rameswaram. Schon geografisch ist das ein höchst interessanter Ort, spitzt sich die Insel doch Richtung Sri Lanka zu einer äusserst schlanken Nadel zu, die bis zur Spitze befahren werden kann, die letzten Kilometer allerdings nur in dafür bereitgestellten Bussen. Dort, an der äussersten Spitze der Insel, liegt die verlassene Ortschaft Dhanushkodi. Ein Wirbelsturm zerstörte vor bald siebzig Jahren den Ort fast vollständig. Die wenigen intakt gebliebenen Gebäude, darunter eine Kirche, bilden heute eine Touristenattraktion.

Die Insel ist über die Pamban-Brücke mit dem Festland verbunden. Auf der zweispurigen Brücke herrscht so etwas wie ein Halteverbot – und alle halten an und steigen aus, um vor der Weite des offenen Meeres ein Selfie zu knipsen. Dazwischen einzelne Polizisten, die das dadurch entstehende Chaos auf der Brücke zu entschärfen versuchen.

Die über 2 km lange Pamban-Brücke (Bild CC-Lizenz via Wikipedia: Clt13

Rameswaram ist auch ein heiliger Ort und deshalb voller Pilger, die hier den Tempel besuchen und verschiedene rituelle Waschungen vornehmen, ebenso im Tempel wie im Meer. Die meisten sind in schwarze Tücher gehüllt. Man erkennt sie deshalb leicht. Sie kommen zu Tausenden in Bussen und Sammeltaxis, vereinzelt auch zu Fuss. Viele sind euphorisch, weil sie nach einer langen Reise endlich hier in Rameswaram, dem heiligen Ort, angelangt sind. Rund um die Pilger ist ein vielfältiges Gewerbe entstanden, das industrielle Züge trägt. Die vielen Pilger müssen ernährt, untergebracht und oft auch neu eingekleidet werden, weil sie ihre alten Kleider, sinnbildlich für ihr altes Leben, ins Meer werfen.

Kanyakumari
Dritte Station ist das südliche Ende Indiens. Wild brandet das Meer ans Kap Komorin, dem Südzipfel Südindiens. Es ist deutlich wärmer geworden. Die Fahrt hierhin dauerte über sechs Stunden und führte durch trockene, ärmliche Gegenden, weiter durch ein Gebiet, wo Salz angebaut wird – ja, angebaut: In Meeresnähe wird in flache, rechteckige Becken, den sogenannten Salzgärten, Salzwasser gepumpt, das dann verdunstet. Mit der Zeit blüht das Salz aus und wird geerntet. Soweit so gut und bekannt. Erstaunlich ist nun die Ausdehnung dieser Salzgärten rund um die Städte Thoothukudi und Tiruchendur. Bestimmt eine Stunde, wenn nicht länger fuhren wir durch eine Gegend, die von der Salzwirtschaft geprägt war. Von oben sieht das so aus:

Gleich an diese «Salzgegend» schloss – in ihrer Dimension nicht weniger beeindruckend – die Muppandal Windfarm an mit Tausenden – ja, Tausenden – recht modernen Windrädern. Laut walkthroughindia.com erzeugt dieser Windpark mit 1’500 MW indienweit die höchste Leistung. 

Ein kleiner Teil des Windparks von Muppandal (Quelle: http://www.gineersnow.com)


Auch in Kanyakumari gibt es unzählige Pilger – und ein entsprechendes Gewerbe, etwa einen Markt entlang der Promenade, an dem von unzähligen Händlern im Wesentlichen dieselben Dinge verkauft werden: billige Kleider, Reisetaschen, chinesischer Plastikramsch. Hier ein Stimmungsbild davon kurz nach dem Eindunkeln:

Auf den vorgelagerten Felsen stehen Denkmäler, die für einmal nicht indischen Politikern oder Gottheiten gewidmet sind, sondern Dichtern und Philosophen. Bemerkenswert! Die riesige Statue stellt den tamilischen Dichter Tiruvalluvar dar. Das Monument links davon ist dem indischen Philosophen Vivekananda gewidmet.

Varkala

Als letzte Station vor Kuzzhupilly steuern wir den Touristenstrand Varkala an. Hier gibt es keine Pilger mehr, dafür einige westliche Touristen. Über einem nicht allzu weitläufigen Strand liegt ein fast überhängendes Kliff voller Restaurants, Shops und kleiner Hotels. Die von westlichen Indienfreaks und Backpackers geprägte Vergangenheit ist hier noch deutlich spürbar.

Zwei Touristen über dem Strand von Varkala.

Zum Jahresende: Wort und Bild aus Südindien



Der Wald der tausend Wege

Auroville ist neben vielem anderen auch einfach ein grosser Wald, durchkreuzt von ein paar wenigen befestigten Strassen und einige Sandpisten. Was ihn besonders macht, diesen Wald, sind die Tausenden Wege und Pfade, die ihn als feines Netz durchziehen. Dieses feingesponnene Netz könnte Ausdruck einer Verbindung und einer Verbindlichkeit im Sozialen sein, die dem allgegenwärtigen Konkurrenzdenken diametral entgegensteht. Aurovilles Wald als Auffangnetz der im freien Fall befindlichen Gegenwart?  Übertrieben, bestimmt! Aber ein Lichtblick ist Auroville allemal.

Bilder- und Götterflut

Hinduistische Tempel bilden nichts weniger als den gesamten Kosmos ab. So jedenfalls der Anspruch. Deshalb ist deren Bilderflut geradezu überwältigend. Sie sind eine opulente Graphic Novel der Götterwelt in 3D, ein üppiger göttlicher Comic, der auch von Menschen gelesen werden kann, die nie zur Schule gingen. Bei hinduistischen Tempeln geht es nicht um Dekoration. Es geht um Illustration.

Bettlerin an der Tempelmauer in Tiruvannamalay

Tempel sind auch Zonen, wo BettlerInnen wohlgelitten sind und wohl auch ein besseres Auskommen haben. Im und um den Tempel fallen besonders viele Brosamen vom Tisch, weil sich an diesem Ort, unter dem unmittelbaren und strengen Blick der Götter das Karma der SpenderInnen besonders wirksam verbessern lässt. 

TempelbesucherInnen

Keine Bettler, sondern wir: Eric, Murugan, Muthulakshmi (hintere Reihe) und ich, Walter. Ja, auch wir haben unser Karma im Tempel von Tiruvannamalay mit Hilfe der BettlerInnen aufbessern können … (Ist jetzt nicht so zynisch gemeint, wie es daherkommt. Doch es gibt nunmal Bettler in Indien. Und wir sind nunmal in Indien. Und man ist als Indienreisender gezwungen, immer wieder von neuem gezwungen, zu Armut und Bettelwesen Stellung zu nehmen – nicht verbal und auch nicht intellektuell, sondern in seinem Tun. Eine Herausforderung, der man in Indien nicht ausweichen kann, Es sei denn, man meidet Indien – aber auch viele andere Länder. Eigentlich die meisten Länder dieser Erde.)

Fischerboote am Strand von Periyarmudaliarchavadi

Unweit von Auroville liegt an der Küste ein ärmliches Fischerdorf mit obigem Namen. Jeweils frühmorgens fahren die Fischer aufs Meer hinaus und kehren nach Tagesanbruch wieder zurück. Die Fischgründe sind dem Vernehmen nach recht gut, verhelfen den meisten Fischern und ihren Familien aber nicht aus der Kargheit ihres Lebens. Unbill droht vom Meer, das immer hemmungsloser an der Küste nagt, Strände frisst und schon manchen Bewohner gezwungen hat, sein Haus aufzugeben, das zu nahe am gefrässigen Meer gebaut war. 

Fledermausohraffe

Auf unserer Fahrt nach Tiruvannamalai eine neue Affenart entdeckt: den Fledermausohraffen. Er hält sich bevorzugt in leicht erhöhten Lagen auf und zeichnet sich durch seine besondere Neugierde aus – und durch seine grossen, durchscheinenden Lauscher. Keine Frage: Er muss mit dem Menschen und der Fledermaus verwandt sein. Wobei letztere Verwandschaft mittels DNA-Analyse noch bestätigt werden muss. 

Alles Liebe und Gute im neuen Jahr!

Logbuch Berlin: Dienstag, 28. Juni 2016

Erste, zunächst etwas zaghafte Schritte in Berlin. Die Hobrechtstrasse, an der sich meine Unterkunft befindet, stösst am einen Ende auf den Landwehrkanal, für mich eine wichtige Orientierungslinien quer durch Berlin. Zur Not kann ich mich ans Ufer des Kanals retten und finde so wieder zurück ins Hotel. Am anderen Ende mündet die Hobrechtstrasse in die Karl-Marx-Strasse. Die Geschichte Berlins ist also – zumindest in Form eines klingenden Namens – auch gleich um die Ecke.

Wohnsitz_Neukölln

Quartierstrasse in Neukölln. (Bild: Wohnsitz Neukölln von Jörg Kantel, CC-Lizenz via flickr)

Entlang dieser Hobrechtstrasse bewege ich mich zunächst. Sie allein ist schon ein kleiner Kosmos für sich: Graffitis, wohin du schaust. Man könnte stundenlang den Mauern entlang stiefeln und in den Strassen wie in einem Tagebuch über die Befindlichkeit der aufmüpfigen Berliner Jugend lesen. Das Quartier wirkt etwas heruntergekommen, doch ohne mich zu befremden oder gar zu beelenden. Es sind meine Schweizer Sehgewohnheiten, die sich zunächst irritieren lassen. Zugleich fällt mir auf, wie lebendig diese Gegend ist, wie vielfältig die Menschengesichter aus allen erdenklichen Ländern und sozialen Schichten sind. Nun weiss ich, wie das globale Dorf aussieht. An der Ecke Hobrechtstrasse–Hübnerstrasse zeigt sich mir im Laufe der Vormittagsstunden ein Panoptikum der Weltgemeinschaft: Kreativwirtschafterin trifft Turbanträger, slawischer Handorgelmann spielt Schräges für mittellose Punks. Die Stadt erwacht zu bunter Geschäftigkeit. Dann die unzähligen Kneipen und kleinen Läden, die alle improvisiert wirken, etwas Vorläufiges haben, aber Gestaltungswille, Kreativität, so etwas wie Leidenschaft für die Gegenwart ausstrahlen, so dass ich mich gerne mitreissen lasse.

Huettenpalast_Hof

Der Hof des Hüttenpalastes. (Bild von onnola, CC-Lizenz via flickr)

Auch das Hotel, in dem ich unterkomme, der Hüttenpalast, atmet diesen Geist: Eine ehemalige Gewerbehalle wurde zum Hotel umgebaut, indem ausgediente Wohnwagen und Holzhäuschen hineingestellt wurden und rundherum eine wohnliche Atmosphäre mit Sofaecken, Bücherregalen und Ständelampen geschaffen wurde. Ich selbst bin allerdings in einem «normalen», aber grossen und hübschen Zimmer in einem Nebenbau untergebracht, und das zu einem durchaus zahlbaren Preis. Die Wohnwagen und Hütten sind nicht rollstuhltauglich.

Am frühen Nachmittag ist Berlin angesagt, Restberlin gleichsam, also alles andere als die Hobrechtstrasse. Etwas ziellos machen Urs und ich uns auf den Weg. Zu zweit ziellos unterwegs zu sein, ist eindeutig schwieriger als alleine. Weil es dann zwei Nasen sind, denen man folgt. Ein hoffnungsloses Unterfangen! Zu zweit setzt man sich besser ein gemeinsames Ziel, wenn auch nur ein vorläufiges. Urs gab es vor mit der Hasenheide, einem grossen und recht natürlicher Volkspark nicht allzuweit weg: eine sanfthügelige, etwa fünfzig Hektar, also gut siebzig Fussballfelder weite Wiesenlandschaft, intensiv bestanden mit Baumgruppen, die ihrerseits von Büschen gesäumt sind. Es gibt mehrere breite und geteerte Wege, die den Park durchkreuzen, und unzählige Trampelpfade.

Vielleicht wegen der vielen Baumgruppen, in denen man sich gut verstecken kann, ist der Park offenbar ein Drogenumschlagplatz. So bekundete es jedenfalls Urs. Wir liessen uns auf einer sanften Anhöhe nieder und assen Erdbeeren. In unserem weiten Blickfeld sassen Dunkelhäutige in Gruppen oder einzeln im Gras oder auf Bänken in der Nähe der Bäume. Plötzlich raste ein Polizeiauto, eine Menge Staub aufwirbelnd, durch die Szenerie, was bei den Schwarzen die sofortige Flucht in alle Himmelsrichtungen, immer aber im Schutz der Baumgruppen auslöste. Doch der Wagen preschte einfach vorbei, so dass sich die Lage schnell wieder beruhigte.

Später in der überraschenden Weite des Tempelhofer Flugfeldes, auch die mitten in Berlin. Unzählige Menschen radeln auf den Pisten des längst geschlossenen Flughafens Berlin-Tempelhof. Andere lagern auf den weiten Wiesenflächen. Fahrzeuge aller Art werden durch das Gelände gelenkt. Verbrennungsmotoren sind allerdings verboten. Deshalb beherrschen Fahrräder die Szenerie, und zwar in allen erdenklichen – und auch unerdenklichen – Ausführungen, etwa mit Segel. Oder dann jenes seltsame Gefährt, das wunderbar in ein Fitnesstudio passen würde, mit dem man aber auch von A nach B turnen kann. Viel Skurilität, viel Humor, viel Freizeit.

Tempelhof

Tempelhofer Flughafen. (Bild: Berlin-005 von Simon, CC-Lizenz via flickr)

Ganz nahe dieser urbanen Ausgelassenheit, jedoch hinter mobilen Sichtschutzwänden leben Flüchtlinge: Ein Teil des monumentalen Tempelhofer Flughafengebäudes wird als Erstaufnahmezentrum für Schutzsuchende genutzt. Ganz schön abgeschottet von der Berliner Freizeitwelt werden hier verlorene Schicksale verwaltet.

Varanasi

Nach etwas über fünfzig Stunden Zugfahrt in vier Tagen haben wir Varanasi erreicht, die heilige Stadt am Ganges. Seit ich mir Indien vorstellen kann, seit ich Indien denken kann, wollte ich diese Stadt kennenlernen. Nun sind wir in Varanasi. – Und was ich sehe, was mir hier begegnet, ist so heftig, so intensiv, dass es einem Schock gleichkommt.

Indien ist nicht Indien. Indien sind viele Indien: Reiche und arme, hässliche und bezaubernde, einschmeichelnde und schockierende Indien sind Indien – und noch viele mehr … Und in Varanasi wird Indien noch auf die Spitze getrieben. Nirgendwo erlebe ich Gegensätze so nahe beieinander – und so krass wie in Varanasi. Eben noch roch es nach menschlichen Fäkalien; doch nun ist die Luft von Jasminduft erfüllt. An der Umfriedung eines Palastes, dessen Gelände ein ganzes Quartier umfasst, lehnt eine primitive Hütte, das Dach aus Fetzen von Plastikplanen zusammengebaut. Darin lebt eine ganze Familie. Oder auch das: Auf der Fahrradrikscha eines überschlanken Fahrers sitzen drei (!) wohlbeleibte bessere Herren, die sich angeregt unterhalten, während dem Fahrer fast der Schnauf ausgeht. Zugegeben: Es ist auch nicht die beste Idee, während des Strampelns ein Zigarette zu rauchen.

Wie eine Halluzination

Varanasi ist schmutzig, sehr schmutzig. Der Staub hängt über der Stadt wie eine Drohung, als würde ihn einzig der unerträgliche Lärm daran hindern, ganz und gar und auf einmal auf die Menschen niederzufallen und sie so endgültig zu begraben. Vielleicht wird es deshalb nie still in dieser Stadt. Der Verkehr brüllt wie ein wildes Tier in Not. Zu jeder Tag- und Nachtzeit ist zudem mit Feuerwerk und lauten, wirklich lauten Knallern zu rechnen. Oder es nähert sich – es ist zwei Uhr morgens, du hast schon drei Stunden geschlafen – ein Trupp trommelnder Männer, von weit her hörbar. Ihr vorwärts treibender Rhythmus wird immer lauter und umgarnt dich im Halbschlaf. Hinzu kommt ein unbestimmtes Summen wie von grossen Bienen. Auch das rhythmisch erzeugt. Zwischendurch aufgeregtes Rufen. Und auf einmal – der Trupp ist nun unter deinem Fenster – hast du das Gefühl, in eine andere Welt zu gleiten, in eine Parallelwelt zur sogenannten Wirklichkeit, grad so als hättest du LSD geschluckt und verlörest dich nun in Halluzinationen. Doch du bist nüchtern, liegst im Bett, bist inzwischen ganz wach und hoffst, der Rhythmus, der dich in Trance versetzt, höre nie wieder auf.

Du bist in Varanasi, der heiligen Stadt am Ganges. Viele Hindus kommen nach Varanasi, um hier zu sterben. Ich habe einen Sterbenden gesehen. Er lag im Strassengraben, auf Abfall gebettet. Er lebte noch, doch die Fliegen hatten bereits von ihm Besitz ergriffen. Woran er starb, war nicht zu erkennen, dass er starb, hingegen schon. Und die Menschen nahmen kaum Notiz davon … Sind sie so verroht, fragte ich mich, so ausschliesslich mit dem eigenen Überleben beschäftigt, dass sie sich nicht einmal mehr um einen Sterbenden kümmern können? Oder bin ich voreingenommen, schaue mit allzu westlichen Augen auf ein Geschehen, das seinen natürlichen Lauf geht, das genau so seine Richtigkeit hat? Ich bin verwirrt, weiss nicht mehr, was vorne und hinten ist.

Wo die Toten verbrannt werden

Am «Burnig Ghat» werden die Toten verbrannt – Tag und Nacht. Auf Bahren und eingehüllt in rote und golden glänzende Tücher werden sie auf Kopfhöhe durch die Gassen der Altstadt getragen, nur von wenigen Männern begleitet, die fast rennen und einen rhythmischen Sprechgesang von sich geben. Rund um das «Burning Ghat» sind die Holzhändler angesiedelt, das wichtigste Gewerbe hier. Kunstvoll schichten Sie das wertvolle Brennmaterial auf. Pro Toten braucht es mehr als eine halbe Tonne gutes Brennholz, je nach Körpergewicht und Grösse des Verstorbenen. Nach der Verbrennung wird die Asche mit Hilfe von dicken Schläuchen und viel Wasser in den Ganges gespült. Die Treppenstufen und der ganze Uferbereich des Ganges sind schwarz.

Varanasi ist voller hinduistischer Mönche und Saddhus, voller abenteuerlicher Figuren, die hier ihr Auskommen oder ihre Erleuchtung suchen. In all dem schmutzigen Chaos entdeckst du plötzlich eine Gestalt in tiefer Versenkung, daneben und unter deren Schutz ein Kind, das sich auf dem Boden zum Schlafen eingerollt hat. Die Strassen sind voller Kühe, Bullen und Wasserbüffel – und voller Kuhfladen. Im Gegensatz zu den Hunden sind die Kühe wohlgenährt und wohlgelitten. Die Strassenhunde hingegen haben ein schweres Dasein. Manche sind bis auf die Haut abgemagert und voller Räude, so dass kaum mehr Fell vorhanden ist. Und die Hunde werden geschlagen und vertrieben. Sie sind unter den Strassentieren die Dalits, die Unberührbaren der untersten Kaste: ungeliebt und ohne Daseinsberechtigung …

Varanasi ist eine Pilgerstadt, das Mekka der Hindus. Wer hier gewesen ist, kann mit göttlichem Wohlwollen rechnen. Wer hier stirbt, hat karmisch aufgeholt und muss nicht mehr so oft zur Welt kommen. Scharenweise und ganz aufgeregt rennen die Pilger die langen und breiten Treppen zum Ganges hinunter und nehmen ein rituelles Bad. Danach geht es zum Tempel, von denen es in Varanasi nur so wimmelt. Die Pilger sind besonders gefährdet, in die Hände von Dieben und Betrügern zu geraten, die ihnen ihr weniges Geld stehlen oder abknüpfen. Nie wurde ich so eindringlich vor Gaunern und Halunken gewarnt wie in Varanasi. Ausgerechnet in dieser heiligen Stadt!

Und doch hüte ich mich davor, die heftige Stadt zu verurteilen. Sie ist, wie sie ist. Es gibt hier nicht mehr Halunken als in jeder anderen Stadt – und auch nicht mehr Heilige. Varanasi ist wohl nicht besser und nicht schlechter als jede andere Stadt. Varanasi ist vielleicht bloss ehrlicher.

Von der Ost- an die Westküste Südindiens in fünf Tagen

Die Strecke zwischen Pondicherry und Cochin – knapp 500 Kilometer Luftlinie – liesse sich im Auto in zwei Tagen zurücklegen. Aber ich bin ja nicht hier, um Strecken zurückzulegen, sondern um Südindien zu erfahren. Drum liessen wir uns, mein Fahrer und ich, fünf Tage Zeit. Und noch das war zu kurz. – Ein Reisebericht.

Erste Station war Chidambaram, ein üppiger Tempel etwa drei Fahrstunden südlich von Pondicherry. Der Reichtum an Abbildungen und Figuren in indischen Tempeln – und in diesem ganz besonders – ist fast nicht zu beschreiben. An der Aussenfassade der Türme zum Beispiel findest du keinen Quadratzentimeter, der nicht bildlich gestaltet ist. In den Hallen gibt es Hunderte von Säulen, von denen jede einzelne ein Wunderwerk der Bildhauerkunst darstellt. Die Wände, die Decke, der Boden unter deinen Füssen: alles ist überbordende Bildlichkeit. Und diese stille Bilderflut geht fast unter in einer Fülle von weiteren Eindrücken: würzige Düfte von Räucherwerk – und von ranziger Butter, mit der die vielen Öllämpchen betrieben werden, die von den Gläubigen an bestimmten Orten angezündet werden; betende TamilInnen, teils still für sich, teils murmelnd, was sich in der Masse anhört wie ein Schwarm grösserer Bienen; dazu die feuchte Kühle der vom Tageslicht weitgehend abgeschotteten Kammern und Hallen im Tempelinnern. Dann ist da noch ein Empfinden, das sich nur schwer beschreiben lässt. Es hat mit dem Alter der Tempelanlage zu tun: etwas Dunkles aus Urzeiten dringt hier ins Licht der Gegenwart, an mich heran, das mich, ohne nun in einen Glauben zu verfallen, mit Ehrfurcht erfüllt.

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Wohin das Auge auch blickt – überall Figuren und Bilder

Thanjavur
Thanjavur, der erste Übernachtungsort, ist nicht wirklich erwähnenswert. Zumindest habe ich nicht viel von dieser Stadt mitbekommen. Mit jedem Tag wird es wärmer in Südindien, Inzwischen steigt die Temperatur gegen 34 Grad. In den Städten ist diese Hitze, zusammen mit der recht hohen Feuchte, fast schon unerträglich. Hinzu kommt der laute, chaotische Verkehr, die schlechte Luft, eine doch recht heruntergekommenen Infrastruktur und die vielen, vielen Menschen. Das ist nicht jedermanns Sache.
Es gibt Touristen, die kommen nur einmal nach Indien und nie wieder. Wer mag es ihnen angesichts solcher Städte wie Thanjavur verdenken? Andere kommen immer wieder. Sie lassen sich auf seltsame Art von manchen Dingen faszinieren, die andere abstossen. Sie erfahren zudem täglich, dass Indien sehr viel mehr ist als durchglühte und aus ihren Nähten platzende Städte, sehr viel mehr als marode Infrastruktur und verbreitete Armut. Sie sehen das Wunder, das Indien in seiner Vielfalt darstellt, dessen reiche, gehaltvolle Kultur. Sie sehen auch, dass Indien nicht bloss irgend ein Land ist oder ein Subkontinent, sondern eine eigene Welt – nun ja, das gilt natürlich für jedes Land – und in gewissem Sinne ein eigener Planet. Zu diesen Menschen gehöre ich.
Doch Thanjavur ist dieses Mal an mir vorbei gegangen. Zu müde war ich, um mich noch ins Getümmel zu stürzen. Das Hotel lag auch nicht gerade günstig, zudem hatte ich meinem Fahrer frei gegeben. Und irgendwann muss ich ja auch noch niederschreiben, was ich gesehen und erlebt habe.

Madurai
In dieser Stadt bin ich zum ersten Mal so richtig auf die Probe gestellt worden. Ich war schon etwas dünnhäutig, als wir nach fast fünf Stunden Fahrt ins Hotel kamen. Das Unterwegssein ist herausfordernder als gedacht. Das hängt damit zusammen, dass meine Selbständigkeit weitgehend eingeschränkt ist und darunter meine Selbstbestimmung leidet – zwischendurch weitergehend, als mir lieb ist … Das wiederum hat damit zu tun, dass praktisch nichts rollstuhlgängig ist, ich mich also, ausser vielleicht im Hotel, oft kaum selbständig bewegen kann. Hinzu kommt – und das ist das Los vieler Touristen, die mit einem Chauffeur unterwegs sind –, dass sich der Fahrer nun mal besser auskennt. Chauffeure verstehen sich immer auch ein wenig als Touristenführer und setzen, wenn man sich nicht kräftig wehrt, bald einmal ihre Vorstellungen um, schleppen dich über die ausgetretensten Touristenpfade, womöglich durch einschlägige Läden und machen am Schluss mit dir, was sie wollen … Natürlich kann man sich wehren. Aber sie sitzen wegen ihres Wissensvorsprungs am längeren Hebel. Bei Rajendran, meinem Fahrer, habe ich schon viel «Erziehungsarbeit» geleistet, aber es ist eine Illusion, diesen Mechanismus vollständig ausser Kraft setzen zu können.

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Die Anlage des Minakshi-Tempel in Madurai aus der Vogelperspektive. Bild: Essaar, CC-Lizenz via Wiki-Commons

Ich war also etwas dünnhäutig, als wir am Nachmittag den Minakshi-Tempel besuchen gingen. Rajendran hatte nach Rücksprache mit mir einen Helfer organisiert. Erst im letzten Augenblick erfuhr ich, dass der iPad im Tempel nicht erlaubt sei und ich den abgeben müsse. Von dieser Neuigkeit war ich alles andere als begeistert, ja, ich war nahe daran, die Übung «Tempel» abzublasen. (Mein iPad mini ist so etwas wie ein kleines Fenster nach zuhause. Und das gebe ich niemandem ab, und sei es der Chief Security Minister of Kerala himself.) Die Tatsache, dass zwar Smartphones erlaubt waren, aber der iPad nicht, machte mich obendrein argwöhnisch. Denn was für eine zusätzliche Gefahr stellt ein iPad gegenüber einem Smartphone dar, so dass eine solche Bestimmung gerechtfertigt wäre? Zudem war plötzlich eine dritte Person hinzugestossen. Ein Angestellter des Tempels, der offenbar wegen meines Rollstuhls zu unserer Begleitung abbestellt worden war. Oder hatte er sich selbst abbestellt? Am Schluss willigte ich dann doch ein, unter der Voraussetzung, dass Rajendran den iPad in unserem Auto diskret deponieren und dann wieder zu uns stossen würde. Ich brauchte ihn, weil er als einziger mit dem Rollstuhl umzugehen wusste. Und es gibt im Minakshi-Tempel ganz schön viele Stufen und Treppen. Als ich schliesslich zu einer Reisegruppe von Rollstuhlfahrern aus Gujarat geschoben wurde, die in einer Schlange anstanden, um durch die gesonderte Sicherheitskontrolle zu gelangen, wäre ich um ein Haar ausgeflippt – und bin es zum Glück nicht … Zunächst verstand ich einfach nicht, weshalb ich mich überrhaupt zu den Rollifahrern einreihen sollte. In einem solchen Fall überkommt mich jeweils ein jähes Bedürfnis nach Abgrenzung. (Warum eigentlich?) Schliesslich empfand ich mich wie ein herumgeschobener Behinderter. Mein Hals wurde dicker und dicker, so dass mir bald wirklich der Kragen platzte. Als ich allerdings entdeckte, dass die meisten dieser Rollifahrer so wie ich Polio gehabt haben mussten, und mir von ihnen ein freundliches Interesse entgegenkam, wurde ich für den Augenblick wach, und der Ärger verflog. Sie sassen in alten, schweren Rollstühlen, teilweise zu zweit, und waren begleitet von ein paar wenigen Fussgängern. Und sie waren um vieles glücklicher und freundlicher, als ich es derzeit war, so dass ich mich für meine nichtige Misslaune furchtbar schämte.
Die Sicherheitskontrolle war dann wirklich rigoros, so dass ich den iPad unmöglich hätte hineinschmuggeln können, wie ich das erwogen hatte – nicht um etwas damit anzustellen, sondern um ihn nicht abgeben zu müssen. Unsere Begleiter verstanden sich bald eher als Touristenführer denn als Helfer, was mich insofern störte, dass sie mir vor einzelnen Figuren eindringlich die Details der indischen Götterwelt näherzubringen versuchten – was mich, ich gestehe es, gar nicht besonders interessierte –, während ich eigentlich nur schauen wollte – und lauschen und riechen … Aber ich konnte sie ja nicht einfach abstellen.
Im Laufe des Nachmittags kam es im Tempel immer wieder zu einzelnen Begegnungen mit den rollstuhlfahrenden Pilgern aus Gujarat. Sie suchten die Begegnung mit mir oder ich suchte sie mit ihren. Oft war auch ein kurzes Gespräch möglich. Die meisten von ihnen hatten wirklich Kinderlähmung gehabt. Sie waren um einiges beweglicher als ich – aber auch viel jünger. (Dies zu meiner Verteidigung …) In Gujarat leben sie gemeinsamen in einem Heim, was in Indien eher die Ausnahme ist. Die Reise nach Südindien verstehen sie als Pilgerreise.

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