Postkarte aus dem Auge des Sturms

Es ist gespenstisch. Während draussen ein Sturm kräftig an der Weltordnung, wie wir sie kennen, rüttelt, herrscht hier drinnen verdichtete Ruhe. Keine Frage! Ich bin im Auge des Sturms. Die Zeit steht still. Ich ducke mich und hoffe, der Sturm zieht ohne mich weiter.

Was wir erleben, habe ich schon öfter gedanklich vorweggenommen: das Ende der alten Weltordnung mit all ihren leeren Versprechungen und ihrem morbiden Glanz. Und nun erlebe ich ihn am eigenen Leibe, den Sturm, der vieles hinwegfegt, und bin hin und her gerissen zwischen Hoffen und Entsetzen, zwischen Faszination und Bangen.

Was uns zu Menschen macht

In einem kurzen, berührenden Text wendet sich Ignacio Escolar, der Gründer und Geschäftsleiter des spanischen Online-Portals eldiario.es, an seine Leserinnen und Leser. Er spricht ihnen Mut zu und beschwört die Gemeinschaft der Menschen in schwierigen Zeiten. Übersetzung aus dem Spanischen: Walter B.

Ignacio Escolar

«Heute Abend um acht Uhr werde ich wieder auf dem Balkon Beifall spenden, mit Tränen in den Augen und gerührt, wie Tausende Menschen, die täglich von ihren Häusern aus zeigen, dass wir in dieser Situation zueinander halten. Dass wir keine Angst haben, auch wenn wir uns Sorgen machen. Dass wir nicht alleine sind, obschon wir uns alleine fühlen. Dass die Solidarität stärker ist als der Egoismus. Dass wir unsere Dankbarkeit denen gegenüber bezeugen, die mit ihrem Leben spielen – für unser Leben. Dass wir als Gesellschaft obsiegen werden.

In den schwersten Krisen kommt alles Menschliche zum Vorschein: das Schlimmste wie das Beste. Etwa die Unvernunft jener, die zu ihrem Haus ans Meer fahren und so womöglich die Krankheit weiterverbreiten; oder der Egoismus anderer, die im Spital Gesichtsmasken stehlen; oder die Verantwortungslosigkeit jener, die zum Sport in die Bergen oder an den Strand fahren, als hätten wir Ferien. Aber sie sind in der Minderzahl. Es sind nur wenige. Denn die Mehrheit der SpanierInnen zeigt sich in vorbildlicher Weise verantwortlich.

Ich bin stolz auf meine Landsleute und auch auf meine KollegInnen von eldiario.es, wie sie sich verantwortlich zeigen, nun, da Information wichtiger ist denn je. Seit einer Woche arbeiten wir alle von zu Hause aus. Das sind sehr intensive Tage. Hinzu kommt eine andere Schwierigkeit: Mehrere Mitglieder der Redaktion in Madrid haben Corona-typische Symptome.

Ich bin einer von ihnen: trockener Husten, Kopfschmerzen, etwas Fieber. Am Samstag war es am schlimmsten. Heute geht es mir schon etwas besser. Nichts Schlimmes – auch in der Redaktion nicht.

Ich habe mich nicht testen lassen. Und ich bin nicht sicher, ob das bei Tausenden weiteren Corona-Infiszierten wirklich anders ist. Ich wollte nicht zum Arzt gehen, weil ich wusste, dass viele Menschen diesen viel nötiger haben als ich. Ich brauche auch keinen Arzt oder irgend einen Test, um zu wissen, was ich zu tun habe: zu Hause bleiben und nicht nach draussen gehen, nicht das Risiko eingehen, die Krankheit weiterzuverbreiten.

Das Schlimmste waren nicht die Symptome, die schon wieder abklingen. Am schlimmsten traf mich die Isolierung, das Gefühl, so weit weg von den anderen zu sein. Einer der besten Momente des Tages ist um 9.30 Uhr die Sitzung mit den Leiterinnen und Leitern der Redaktion von eldiario.es. Wir treffen uns per Videokonferenz, um unsere Berichterstattung abzustimmen. Wir sehen uns gegenseitig. Es ist ein Arbeitstreffen. Doch wir lachen auch, machen Spässe, und immer wieder kommen wir ins Stocken, weil ein Kind kichert oder ruft und so seinen Vater oder seine Mutter unterbricht und vom Arbeiten abhält.

Deshalb breche ich in Tränen aus, wenn ich dieses Video sehe, in dem uns das Pflegepersonal für den täglichen gemeinsamen Applaus dankt. Oder das andere von Charo ((Link)), eine Seniorin, welche die Ausgangssperre alleine durchlebt, in einem Haus, das geräumt werden soll, und für die all ihre NachbarInnen vom Innenhof aus ein Geburtstagslied singen.

Ich nehme an, es ist das, was uns zu Menschen macht: die Notwendigkeit, uns aufeinander zu beziehen, uns gesellschaftlich zusammenzuschliessen, Solidarität mit den Nächsten zu leben. Deshalb weine ich jeden Abend um acht. Weil dieser Applaus uns daran erinnert, dass wir nicht nur Individuen sind, dass wir nicht alleine sind, dass wir das gemeinsam durchstehen werden.»


Hier geht es zum Original des Textes auf eldiario.es.

Journalismus vom Feinsten: Republik

Das Online-Magazin Republik nahm seinen Anfang vor gut zwei Jahren in der Folge einer spektakulären Crowdfunding-Aktion, die innerhalb eines Monats 3,4 Millionen Schweizer Franken zusammenbrachte. Das neue Magazin war als Beitrag zur Medienvielfalt gedacht: unabhängig, werbefrei und kompromisslos in der Qualität. Seit Anfang 2018 betreibt nun Republik Journalismus, der begeistert.

Am Anfang stand die schiere Tristesse ob dem Trauerspiel, das die Medienlandschaft in den letzten Jahrzehnten nicht nur, aber auch in der Schweiz prägte: Immer weniger finanzielle Ressourcen standen für unabhängigen Journalismus zur Verfügung, Presse, Rundfunk und Fernsehen konzentrierten sich zunehmend in der Hand weniger Medienhäuser, Journalismus und Kommerz verschränken sich immer mehr. Keine Frage: Die Medien als unabhängige vierte Gewalt im Staat werden durch solche Entwicklungen in Frage gestellt. Und damit droht unserer Demokratie der Sauerstoff auszugehen, indem etwa der gesellschaftliche Diskurs einseitig wird und verarmt.

Hier Gegensteuer zu geben, ist eine wichtige Triebfedern für die Entstehung des digitalen Magazins Republik. Dazu ist es auch notwendig, ein neues Geschäftsmodell zu entwickeln, das unabhängigen Journalismus erst ermöglicht – und im Fall der Republik die LeserInnen zu MitbesitzerInnen macht und so aus der passiven Rolle der reinen MedienkonsumentInnen befreit. Die Mitglieder, die Verlegerinnen und Verleger im Wortgebrauch der Republik, werden denn auch echt ernst genommen, transparent informiert und entscheiden in manchen Belangen mit. Die Community ist das wahre Kapital der Republik und wird entsprechend gepflegt.

Gediegene Diskussionskultur

Ganz offensichtlich ist das ein Erfolgsmodell. Inzwischen besteht die Republik seit zwei Jahren und hat einigen Staub aufgewirbelt, etwa mit einem investigativen Meisterstück zu einem Baukartell im Kanton Graubünden oder einem Interview mit dem Uno-Sonderberichterstatter für Folter zum «Fall Assange». Der Themenmix ist vielfältig und geht weit über den schweizerischen Tellerrand hinaus: Brisante Recherchen, erhellende Analysen und spannende Debatten prägen das Magazin. Und die Diskussionen und Debatten finden auf so hohem Niveau statt, dass sie eine echte Bereicherung darstellen und das breite Wissen und die Erfahrung der Leserschaft nutzbar machen. Hier lebt eine Diskussionskultur, die man in den meisten Onlinemedien vergebens sucht. Die Zahl der VerlegerInnen ist inzwischen auf über 20’000 gestiegen. Sie alle sind bereit, für guten Journalismus jährlich 240 Schweizer Franken (und mehr) zu bezahlen. (Wer gute Gründe hat, bekommt Ermässigung.)

Die Webseite ist ästhetisch ansprechend und schlicht gestaltet. Unter der Haube, also punkto Bedienbarkeit bleiben kaum Wünsche offen.  Immer wieder findet man als Leser neue, oft auch überraschende Funktionen, die das Lesen einfacher und vergnüglicher machen. So kann man sich zum Beispiel Artikel für später vormerken oder auf Wunsch eine automatische Lesezeichenfunktion aktivieren, die einen zur Stelle innerhalb eines Artikels bringt, wo man zuvor die Lektüre unterbrochen hat. Bereichernd ist auch das experimentelle Spiel mit unterschiedlichen Formaten wie Audio, Video, Grafiken und einer Auswahl mehrerer Newsletter. Was sich nicht bewährt, wird aussortiert, was Anklang findet und nützlich ist, weiterentwickelt.

Schreckensmomente

Obschon das Team von Republik vieles, ja, fast alles gut macht, wurde die Verlegerschaft im Dezember letzten Jahres in Angst und Schrecken versetzt: Um wirtschaftlich stabil zu werden und eine realistische Zukunft zu haben, musste die Anzahl der AbonnentInnen deutlich gesteigert und zusätzliches Kapital in Form von Spenden generiert werden. Andernfalls «werden wir am Nachmittag des 31. März [2020] für sämtliche Mitarbeitenden der Republik die Kündigung aussprechen. Und danach das Unternehmen geordnet auflösen».

Schon heute zeichnet sich allerdings ab, dass die Steilkurve erfolgreich genommen werden kann und somit die Republik weiterbestehen wird. Ein wichtiger Schritt ist damit getan, der nicht nur für die Leserschaft Bedeutung hat. Zu den über 40’000 Augen der VerlegerInnnen kommen bestimmt Zigtausende hinzu, die mit Spannung von aussen beobachten, ob die Republik als Medienmodell für die Zukunft etwas taugt.

Neue VerlegerInnen sind willkommen, Teil dieses Abenteuers zu werden.

(Bitte auf Logo klicken!)

Auf Wunsch verhelfe ich meinen Leserinnen und Lesern gerne zu einem 14-tägigen Probeabonnement. Einfach via Kommentarfunktion (öffentlich) oder über das Kontaktformular (geschützt) melden! S’hett, solang’s hett.

 

Auroville zwischen Traum und Wirklichkeit

Seit etwa zehn Jahren kenne ich Auroville und bin immer wieder dorthin zurückgekehrt. Es muss also etwas dran sein. Was fasziniert mich an diesem besonderen Ort in Südindien? Und wo sehe ich Widersprüche und Herausforderungen? – Eine Einschätzung des utopischen Stadtprojekts aus persönlicher Sicht. (Achtung Überlänge!)

Zu Beginn war Auroville für mich einfach der perfekte Ort, um als Rollstuhlfahrer Indien zu besuchen. Rollstuhlgängigkeit war hier kein Fremdwort, und die ganze Umgebung erwies sich – wie soll ich sagen? – als eine milde Form Indiens, als India light, im Gegensatz zu real India, das nicht nur für Rollstuhlfahrer eine Zumutung sein kann. Doch immer mehr begann mich auch das «Projekt» Auroville zu interessieren.

Auroville ist ein Experiment, das vor über fünfzig Jahren begann. Auf Initiative von Mirra Alfassa und inspiriert von Sri Aurobindos Gedankengut wurde die künftige Stadt im Jahr 1968 in der Nähe von Pondicherry, Südindien, mit einem grossen feierlichen Akt begründet. Die Stadt, in der «alle aufrichtig strebenden Menschen guten Willens als Weltbürger frei leben könnten und nur einer einzigen Macht gehorchten: der Macht der höchsten Wahrheit» (Mira Alfassa), soll ein Modell werden, das die ganze Menschheit inspirieren kann: in städtebaulicher Hinsicht, im Umgang mit der Natur und in der Art des Zusammenlebens, der Selbstverwaltung, des wirtschaftlichen Funktionierens und der Inspiration durch «die höchste Wahrheit». Auroville ist also ein Experiment mit ungewissem Ausgang.

Vieles ist seit der Gründung erreicht worden. An der Stelle des früheren Ödlands, das von der Sonne versengt und vom Monsun ausgewaschen war, erstreckt sich nun ein vielfältiges Waldgebiet, das vor Leben nur so strotzt. Über hundert Vogelarten, eine Vielzahl von Schmetterlingen unterschiedlichster Arten, um die 3‘000 AurovillianerInnen und ein Mehrfaches an TamilInnen bevölkern das Gebiet der Stadt und die nähere Umgebung. Städtische Gebäude und Institutionen sind entstanden: die Town Hall, die Stadtverwaltung, mehrere Bibliotheken, einfachste Ansiedlungen und moderne Wohnüberbauungen, Gewerbebetriebe, Cafés und Restaurants, Kliniken, Guesthouses. Trotzdem gleicht Auroville auch heute noch eher einem besiedelten Waldgebiet denn einer Stadt. Ein paar wenige befestigte Strassen, zahlreiche Sandpisten und Hunderte kleine Wege verbinden die Siedlungen und die anfängliche städtische Infrastruktur.

Der Matrimandir und der Tourismus

Matrimandir

Und in der Mitte dieser Stadt, sowohl als geografisches wie auch kulturelles Zentrum, steht in einem weitläufigen Garten der Matrimandir: eine goldene Kugel, oben und unten leicht zusammengedrückt, die zu schweben scheint und mit ihrer zentralen Halle und den peripheren kleineren Räumen ganz der Stille und Meditation gewidmet ist. Auroville ist kein Ashram und zumindest von aussen betrachtet in keiner Weise sektiererisch, auch wenn der Integrale Yoga Sri Aurobindos ein Kernelement des Stadtprojektes darstellt. Und der Matrimandir will kein Tempel sein, kein Ort der Religionsausübung. Sri Aurobindo betrachtete die Religionen als trennendes Element in der Menschheitsentwicklung, ein Element, das es zu überwinden gilt – ohne zugleich den Bezug zur Transzendenz, zum Spirituellen zu verlieren. Entsprechend offen ist der Ort – für Menschen, die Teil des Experimentes werden und sich Auroville anschliessen wollen, ebenso wie für Gäste. Selbst der Matrimandir ist im Grunde für alle offen, allerdings nicht für Tagestouristen. Und das aus gutem Grund: Die Meditationsräume würden sonst schnell zu einer Art spirituellem Disneyland verkommen. Denn in der Hochsaison reisen täglich über tausend TouristInnen (!) an, hauptsächlich aus Tamil Nadu und anderen indischen Bundesstaaten, die den Matrimandir sehen wollen und ihn als TagestouristInnen auch zu Gesicht bekommen, allerdings aus «sicherer» Entfernung und ohne den Garten und den Matrimandir selbst betreten zu können. Erst nach Anmeldung und einem gewissen Prozedere bekommt man Zutritt zum Matrimandir.

Die Herausforderungen

Und damit kommen wir zu den Schwierigkeiten und Widersprüchen, mit denen Auroville zu ringen hat. Denn mit Bedacht ist Auroville nicht als Ort des Rückzuges und der Abkapselung konzipiert, sondern als Teil dieser unserer Welt. Wie sollte die werdende Stadt sonst als Modell dienen? Entsprechend kämpft Auroville mit ähnlichen Problemen und Widersprüchen wie die restliche Welt. [Read more…]

Postkarte aus Auroville

Matrimandir im Zentrum der «Stadt»

Wenn ich von Auroville aus schreibe, so ist es im Wesentlichen Wald, der mich umgibt, ein lichter, immergrüner Wald voller Schmetterlinge und Vogelstimmen. Das kräftige Grün der Blätter und das ebenso kräftige Ziegelrot des Erdreichs machen das Auge satt, und das Ohr ist erfüllt von ein paar charakteristischen Vogelstimmen, wie der des Brain Fever, der seine eigenartige Melodie wie eine dreiste Behauptung in die Welt schmettert, so dass man sie nie wieder vergisst.

Auroville hat sich dem Abenteuer des Bewusstseins verschrieben. Äusserlich zeigt sich das am Matrimandir, der goldenen Kugel im Zentrum der werdenden Stadt, deren Räume ganz der Sammlung und Meditation gewidmet sind. Es zeigt sich aber auch im praktischen Feld: Manche zukunftsweisende Impulse gehen von Auroville aus oder werden hier gepflegt und weiterentwickelt. Stichworte dazu: Wiederaufforstung, Ökologie, Recycling und Wassermanagement, Permakultur, innovative Schulen, unkonventionelle Architektur und Bauweisen, gemeinwirschaftliches Geld- und Sozialwesen. Das alles ist bei weitem nicht perfekt, aber es ist eine Entwicklung in die richtige Richtung erlebbar.

Gäbe es Auroville nicht, die Welt wäre um einen Hoffnungsschimmer ärmer. Es ist – um nur ein Beispiel zu nennen – einer der wenigen Orte, in denen die Artenvielfalt in den letzten fünfzig Jahren um ein Vielfaches gestiegen ist und noch steigt.

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