Geigenspieler und Seifenblasenmann

Der Tag begann neblig. Dann setzte sich mehr und mehr die Sonne durch. Es wurde ein strahlender und warmer Frühlingstag. Als ich am frühen Nachmittag in die Stadt kam, fiel mir ihre hektische Oberflächlichkeit auf. Die Geschäftigkeit in ihren Strassen erschien mir als Lüge, als vergeblicher Versuch, die Verunsicherung unserer Gegenwart zu übertünchen. Auch ich lasse mich belügen, laufe irgendwelchen Dingen hinterher, die mich kurzzeitig befriedigen, kaufe hier etwas, das ich scheinbar brauche, tausche da meine Sehnsucht nach einem erfüllten Leben gegen ein Buch ein, das diese Erfüllung verspricht.

Dann beim Basler Münster vor der Galluspforte ein Geigenspieler. Innig und mit musikalischer Tiefe spielt er eine Partita von Bach. Zweifellos ein Berufsmusiker, ein Geigenvirtuose, aber ohne Schlips und Kragen. Vielmehr im bunten Wollpullover und mit langem, dünnen Haar. Gross und hager steht er da, leicht gekrümmt und verschmolzen mit seinem Instrument. In diesem Augenblick verkörpert er reine Musikalität, vorgetragen ohne jegliche Allüren. Die Musik dringt direkt in mein Herz. Die Touristen stören nur wenig.

Und schon ist sie da, die Erfüllung. An diesem Frühlingsnachmittag in der Stadt erlebe ich einen langen Augenblick der Poesie. Unweit des Musikers hält ein älterer Mann mit wildem Haar und weissem Vollbart seine Seifenblasen feil. Die Kinder tanzen um ihn, jagen den schillernden Kugeln nach, um sie zum Platzen zu bringen. Einzelne dieser Luftschiffe überleben den Tanz, schmiegen sich in den warmen Wind, nur um einen Augenblick später zu vergehen. Mein Tag ist gerettet.


Bild: Bubble – Seifenblase von Dörk_Hö , CC-Lizenz via flickr

Der Wunsch nach Freiheit lässt sich nicht einkerkern

Kurz nach der Beschlagnahme des Schiffes Mare Jonio im Hafen von Lampedusa veröffentlichte Sandro Mezzadra, einer der Initianten der Operation Mediterranea, welcher das Seenot-Rettungsschiff gehört, in der italienischen Zeitung «il manifesto» folgenden Text. (Übersetzung aus dem Italienischen und Englischen unter Mithilfe von Deepl und einem alten Freund durch Walter B.)

Freiheit! Freiheit! Dieser gemeinsame Freudenschrei von 49 Flüchtlingen und MigrantInnen bei der Landung an jenem Dienstag, den 19. März, in Lampedusa drückt die wahre Bedeutung dessen aus, was in diesen Tagen rund um die Mare Jonio, dem Schiff der Operation Mediterranea, geschehen ist. Und dieser Ruf erzählt uns vom Drama dessen, was täglich nicht nur im Mittelmeer, sondern auch in all den Ländern geschieht, die von Männern und Frauen auf der Flucht durchquert werden, bevor sie das Südufer des Mittelmeers erreichen. Denn es ist der ebenso elementare wie mächtige Drang nach Freiheit, der die MigrantInnen leitet. Um dieses Streben einzudämmen und oft genug mit tragischen Folgen zu vereiteln, bestehen auf ihrem Weg eine Unzahl von Kontrollmechanismen, von den hoch technisiertesten wie Radar und weitere Überwachungstechniken bis hin zu den rohesten und gewalttätigsten, etwa der Peitsche und anderen Folterinstrumenten in den Händen von Wächtern in den libyschen Konzentrationslagern.

Die Mare Jonio ist derzeit in Lampedusa festgesetzt, zu Ermittlungszwecken beschlagnahmt durch die Finanzpolizei, angeordnet von der Staatsanwaltschaft Agrigento in Sizilien. Das Schiff hat sich in diese Konfliktsituation begeben, um der Sehnsucht nach Freiheit der MigrantInnen den Weg zu ebnen. Ein Tropfen auf den heissen Stein, gewiss. Denn zur selben Zeit, als die Rettungsaktion durchgeführt wurde, sank im Zentralen Mittelmeer ein weiteres Gummiboot mit etwa dreissig Menschen an Bord, die nun vermisst werden oder tot sind. Die Mare Jonio ist allerdings ein wichtiges Zeichen, indem durch die Aktion neunundvierzig Menschenleben gerettet und der höllische Kreislauf durchbrochen wurde, von dem hauptsächlich die Schleuser profitieren, dadurch dass die MigrantInnen, welche die Reise über das Mittelmeer unternommen haben, von der sogenannten libyschen Küstenwache gewaltsam in die Haftzentren gebracht werden, nur um abermals für das Geschäft des Menschenhandels zur Verfügung zu stehen. Es ist dieses geschlossene System der Komplizenschaft libyscher Behörden, welches das Geschäft der Schleuser befördert. Das ist bestens dokumentiert. Und jene, die dieses System stützen, wie die italienische Regierung, sind die wahren Komplizen – nicht Mediterranea oder Nichtregierungsorganisationen wie Sea Watch und Open Arms, die im Gegenteil sich dafür einsetzen, diesen Kreislauf zu durchbrechen und die Frauen und Männer von ihren Ketten zu befreien – im buchstäblichen und im metaphorischen Sinn.

«Ich stelle den Motor nicht ab.»

Einer der 49 MigrantInnen, die durch die Mare Jonio gerettet wurden, sagte, sie hätten die Überfahrt fünfmal versucht. Es ist diese Hartnäckigkeit, welche die Suche nach Freiheit im Mittelmeer charakterisiert und in diesem Ausmass eine wahre Tragödie ist. Dieser vielfache Ruf «Freiheit! Freiheit!» kann uns nur tief betroffen machen. Und er muss in jenen Strassen widerhallen, wo im letzten Monat Demonstrationen gegen Rassismus, gegen den Klimawandel und für die Freiheit der Frauen stattgefunden haben.

Als ihm der Beamte der Finanzpolizei befahl, den Motor abzustellen, was bei zwei Meter hohen Wellen die Stabilität des Schiffes gefährdet hätte, antwortete der Fischer Pietro Marrone, Kommandant der Mare Jonio, gegen den nun ermittelt wird: «Ich stelle den Motor nicht ab.» Diese Worte sind ein Beispiel der Würde und Verantwortung. Und für uns haben sie auch eine weitreichendere Bedeutung: Wir schalten die Motoren der Solidarität ein und fahren volle Kraft voraus als Antwort auf jegliche Kriminalisierung. Gemeinsam schaffen wir die materielle Basis für eine neue Freiheit, für jene Freiheit, zu der uns der Chor der MigrantInnen von Lampedusa aufruft.

Die Mare Jonio ist derzeit «zu Ermittlungszwecken beschlagnahmt». Das Schiff ist im Hafen von Lampedusa festgesetzt und kann die Überwachungs- und Rettungsfunktionen, für die es ausgerüstet wurde, nicht mehr wahrnehmen. Matteo Salvini reklamiert für sich den Sieg. Salvini, der offensichtlich ausgetrickst wurde durch die Initiative eines Schiffes unter italienischer Flagge – der Mare Jonio – und überrumpelt durch den Zufall, dass just an jenem Montag die 49 Flüchtlinge an Land gebracht wurden, als im Senat über den Fall Diciotti[1] debattiert wurde. Er feiert ein von unabhängigen Beobachtern befreites Meer, in dem in aller Stille Schiffsunglücke geschehen können und die sogenannte libysche Küstenwache kollektive Push-Backs[2] durchführen kann. Die Mare Jonio wird in diesem Kontext zum Symbol für Menschlichkeit und Freiheit, für Würde und Verantwortung. Freiheit für die Mare Jonio! Lasst uns ihre Motoren wieder einschalten und dorthin zurückkehren, wo sie gebraucht wird! Rund um diese Worte müssen wir dafür mobilisieren, was die feministische Bewegung den «Zustand der dauernden Unruhe» nennt.


Anmerkungen:

[1] Das Schiff Diciotti der italienischen Küstenwache nahm im August 2018 fast zweihundert gerettete MigrantInnen an Bord. Erst nach einer langen Irrfahrt und gesamteuropäischer Irritationen durften die MigrantInnen schliesslich in Catania, Sizilien, von Bord. Gegen Innenminister Salvini laufen seither Ermittlungen wegen Freiheitsberaubung und Machtmissbrauchs.

[2]Push-Backs bezeichnen «das Zurückdrängen von ausländischen Personen ohne entsprechende Aufenthaltstitel für das Zielland in Grenznähe» und verstossen gegen den Grundsatz der Nichtzurückweisung. Sie sind in Europa verboten, während sie in Australien gängige Praxis sind. Menschenrechtsorganisationen klagen immer wieder über Push-Backs an den EU-Aussengrenzen.

Bildnachweis:

Die Mare Jonio auf hoher See, Foto Michelle Seixas

Das Original des Textes ist in der Zeitung «il manifesto» (mit Bezahlschranke) und auf der Homepage von Mediterranea erschienen.

Wer die Operation Mediterranea unterstützen möchte, kann das hier tun:

Die Operation Mediterranea als politischer Akt

Im Gespräch mit Sandro Mezzadra, einem der Initianten der Operation Mediterranea, deren Seenot-Rettungsschiff Mare Jonio kürzlich von der italienischen Regierung beschlagnahmt worden ist, wird schnell klar, dass für ihn die Rettung von Flüchtlingen vor der libyschen Küste nicht primär humanitären Charakter hat, sondern ein politischer Akt gegen die Kriminalisierung des humanitären Handelns und damit gegen die italienische Regierung ist. Mit ihm gesprochen hat der spanische Aktivist und Buchautor Amador Fernández-Savater. Übersetzung aus dem Spanischen: Walter B.

In der Wirklichkeit Italiens treten die politischen Tendenzen, die in den letzten Jahren in ganz Europa zu beobachten waren, verschärft zutage. Die Wirtschaftskrise, die Unfähigkeit der Linken, mit innovativer Sozialpolitik darauf zu reagieren, der autoritäre Nationalismus als Reaktion auf den Neoliberalismus, der Rassismus von oben und von unten, aber auch neue Widerstandsformen, seitens der Frauen etwa oder im Zusammenhang mit dem Thema Migration, Widerstandsformen die eine neue politische Kreativität erfordern: Wenn wir auf Italien blicken, so sehen wir Europa. Dieselben Hauptlinien werden sichtbar, welche die Gegenwart und die Zukunft prägen.

Mit Sandro Mezzadra haben wir über dieses «italienische Labor» gesprochen. In mehreren Büchern[1] setzt er sich mit der Wirklichkeit von Rassismus und Migration auseinander. Und als politischer Aktivist ist er seit vielen Jahren in unterschiedlichen Bewegungen und politischen Kämpfen aktiv. Kürzlich hat er zusammen mit Gefährten die Operation Mediterranea ins Leben gerufen, eine Plattform für Diskussionen und Aktionen rund um Migrationen, die inzwischen sogar über ein eigenes Schiff für Rettungseinsätze, die Mare Jonio, verfügt.

Amador Fernández-Savater: Sandro, kannst du mir zunächst eine konkrete Erfahrung schildern, die für die politische Situation in Italien aufschlussreich ist?

Sandro Mezzadra: Nun ja, ich bin letzten Sommer wieder nach Italien gezogen, nachdem ich drei Jahre lang weg war. Viel Zeit habe ich in der kleinen Stadt verbracht, in der ich geboren und aufgewachsen bin, eine Stadt an der Küste neben Genua mit einer bedeutenden Industriegeschichte. Als ich Kind war, in den 1970er Jahren, bekam die Kommunistische Partei in dieser Stadt jeweils 75 bis 80 Prozent der Stimmen, und seitdem wurde sie von einer Mitte-Links-Regierung geführt. Jeden Tag habe ich mir etwas Zeit genommen, um an den Strand zu gehen, kein Touristenstrand, sondern einer, der von den Menschen besucht wird, die in der Stadt leben. Das Niveau der Diskussionen dort hat mich erschüttert. Ich bin ja nicht weltfremd. Schon in den 1990er Jahren begann ich, die Kriminalisierung der MigrantInnen anzuprangern. Nun wurde mir allerdings deutlich, dass in den letzten zwei, drei Jahren eine Grenze überschritten worden ist.

Was meinst du damit?

Die Gespräche dort waren auf eindrückliche Art politisiert. Doch es war eine rassistische Politisierung. Die «Flüchtlinge» – nicht einmal die «MigrantInnen» – galten als Feinde: «Sie kommen aus Libyen. Gott sei Dank haben wir eine Regierung, die bereit ist, die Invasion zu stoppen!» Solche Dinge wurden gesagt. Ich weiss nicht, ob in Spanien darüber berichtet wurde, dass in einem belebten Stadtteil von Rom ein Typ mit einem Luftgewehr aus dem Fenster seines Hauses schoss und das zwei Monate alte Mädchen einer MigrantInnenfamilie verletzte. Am nächsten Tag waren am Strand zwei Kerle, die sagten: «Nächstes Mal bitte mit richtigem Blei.» Ist dir klar, wie grausam das ist? Mich hat’s beeindruckt, erschüttert.

Ein Erlebnis, das uns den Rassismus der Strasse vor Augen führt, dessen molekulare Dimension in Italien, im Gegensatz zum institutionellen Rassismus von oben.

Ja! Allerdings endet mein Erlebnis nicht damit. Danach ging ich an einen Strand nebenan. Und dort war es ganz anders: Der Strand war von MigrantInnen bevölkert, es wurden fünf, sechs Sprachen gesprochen, und es war spürbar, dass die MigrantInnen im sozialen Gefüge dieser Stadt verwurzelt sind. Wir haben also auf der einen Seite die Sprache des Hasses, ja der extremen Grausamkeit, und auf der anderen Seite die Normalität der Migration. Mir scheint, dass dieser Strand uns ein sehr verlässliches Bild der politischen Situation Italiens vermittelt: Der Rassismus und der Kampf gegen Migration sind heute in einer Situation entfesselt worden, in der Migration bereits völlig normal geworden ist. Es handelt sich nicht um einen Rassismus, der vertreiben will.

Was für ein Rassismus ist es dann?

Es ist nicht ein Rassismus, der darauf abzielt, alle MigrantInnen aus dem Land zu vertreiben. Denn MigrantInnen sind bereits ein fester Bestandteil dieses Landes. Sie machen etwa acht Prozent der italienischen Bevölkerung aus. Dieser Rassismus ist etwas anderes. Das ist ein Rassismus, der auf die eine oder andere Weise die Bedingungen für eine äusserst aggressive Disziplinierung und Unterwerfung von Männern und Frauen schafft, die bereits ein struktureller Teil des Landes sind.

Was ist in diesen drei Jahren passiert, wie erklärst du diese «Grenzüberschreitung» in Bezug auf den Rassismus?

Rassismus ist nichts Neues. Als Phänomen hat er eine lange Geschichte. Das zu verstehen, ist sehr wichtig. Es würde sehr lange dauern, über die Geschichte dieses aktuellen Rassismus zu sprechen. Um es kurz zu machen: Der Raum, in dem er Gestalt angenommen hat, wurde durch die Unfähigkeit der gemässigten reformistischen Kraft aufgetan – dem Partito Democratico –, der Krise, die Italien sehr hart trifft, etwas entgegenzusetzen. Die Fähigkeit fehlte völlig, angesichts der Krise eine innovative und wirksame Sozialpolitik zu betreiben. Hinzu kommt ein zweiter wichtiger Faktor: Die letzte Mitte-Rechts-Regierung, die Gentiloni-Regierung, hat eine sehr harte Politik gegen MigrantInnen gefahren. Diese Politik hat die Voraussetzungen für Salvinis heutiges Handeln geschaffen.

Wie beurteilst du den Rechtsrutsch, der ja nicht nur Italien, sondern den ganzen Globus erfasst hat? Man denke nur an den Brexit, an Trump, Bolsonaro und andere. Ist das reiner Rechtsextremismus, Faschismus?

Ich glaube nicht, dass ich dir endgültig darauf antworten kann. Ich spreche lieber von «parafaschistischen Tendenzen», in dem Sinne, dass man sich einer Rhetorik bedient, die deutlich faschistische Züge aufweist. Gleichzeitig dünkt mich aber, dass wir nicht von einer Neuauflage des klassischen Faschismus sprechen können.

Salvini bedient sich ausgiebig dieser Rhetorik. Zum Beispiel äusserte er sich am Tag von Mussolinis Geburtstag so: «Tanti nemici, tanti onore.» («Viel Feind, viel Ehr».) Das ist ein Zitat Mussolinis und entspricht der typische Rhetorik des historischen italienischen Faschismus. Hier gibt es eine Zäsur in der Geschichte der Lega Nord. Denn Umberto Bossi, ihr Gründer, betonte immer, dass der Antifaschismus eines der Vermächtnisse der Lega sei. Allerdings kann die Lega heute auch nicht einfach als faschistische Partei betrachtet werden. Sie hat auch andere Züge.

Deshalb ist es für mich sinnvoll, von parafaschistischen Tendenzen zu sprechen. Gleichzeitig glaube ich nicht, dass wir uns heute in einer Situation befinden, in der man etwas Ähnliches wie den historischen Faschismus wiederaufleben lassen kann. Er ist ein Etikett, das auf einer deskriptiven Ebene funktioniert; er ist aber kein Konzept. Wir müssen weiterhin beobachten, den Verstand gebrauchen und natürlich versuchen, gegen die offensichtlichen Bedrohungen vorzugehen, denen wir ausgesetzt sind.

Die Operation Mediterranea als offensiver Akt

Sandro, jetzt möchte ich dich zur Initiative mit dem Schiff befragen. Bitte erkläre uns, wie diese entstanden ist, welche Erfahrungen und Entdeckungen ihr dabei macht und welche Erkenntnisse sich daraus ergeben.

Die Initiative geht auf den Juni 2018 zurück, als Salvini damit begann, die Häfen für die Schiffe von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zu schliessen, die MigrantInnen aus Seenot gerettet hatten. Damals kam es im ganzen Land, insbesondere in den Hafenstädten zu Protesten. Zusammen mit Gefährten, mit denen wir viele politische Abenteuer erlebt hatten, fragten wir uns, was wir tun könnten. Wir hatten den Eindruck, dass etwas jenseits des Widerstands nötig sei. Widerstand als etwas rein Negatives verstanden, als eine Reihe von Praktiken, die sich gegen das Vorgehen der Regierung richten. Unsere Frage war: Was können wir tun, um aus dieser simplen Gegenposition herauszukommen? [Read more…]

Wiederbegegnung mit Goupy

Goupy lebt heute im Home Marika, einem kleinen Altersheim unweit von Sharnga Guest House, wo ich wohne. Mitten in einem gepflegten Garten voller Blumen, mit romantischen Kieswegen und einem Lotusteich steht ein beschauliches Haus, in dem vielleicht fünf, sechs Menschen wohnen, die wegen ihres Alters Unterstützung und Pflege brauchen. Nachdem ich erfahren hatte, dass Goupy seit Jahren dort lebt, wuchs in mir der Wunsch, diesen Menschen wiederzusehen.

Ein einziges Mal vor zehn Jahren war ich ihm begegnet. Der gebürtige Franzose war einer der Pioniere Aurovilles und übte – neben der Aufbauarbeit – den Beruf, ja die Berufung des Masseurs aus, eines Masseurs, dem der Ruf vorausging, ein wahrer Heiler zu sein. Ich liess mich von ihm massieren, weniger vielleicht weil ich Heilung suchte, sondern weil ich diesen Menschen kennenlernen wollte. Vor mir stand damals ein durchgeistigtes kleines Männchen, ganz Aufmerksamkeit, ganz Ehrerbietung. Er brachte meinem Körper eine solche Achtung entgegen, wie ich es selbst bis zu jenem Zeitpunkt niemals vermochte. Als er mich nach eineinhalb Stunden entliess, mein Körper butterweich und wie von einem Summen durchdrungen, fragte ich ihn, was die Massage kosten würde. Gott und the Mother würden für sein Fortkommen sorgen. Er brauche nichts. Ich könne aber, wenn ich durchaus wolle, in eines jener Bücher – und er zeigte auf ein Gestell mit etlichen Büchern – einen Schein hineinlegen, was ich auch tat.

Diesem hingebungsvollen, verklärten Menschen bin ich heute also im Home Marika wiederbegegnet. Man sagte mir, er sei dort in Pflege, weil er völlig der Trunksucht erlegen war und dement geworden sei. Zudem habe er sein Gedächtnis verloren. Ich solle ihm bloss kein Geld geben, da er einzig versuchen würde, damit Alkohol zu kaufen. Als ich ankam und nach ihm fragte, bat mich eine junge Tamilin hinters Haus und rief Goupy, der auf einem Balkon im oberen Stockwerk sass. Ein fröhliches Gesicht voller Schalk blickte über die Brüstung und rief «Om! Om! Everything is Om! What a beautiful world!» Danach sang es leise vor sich hin. Ich erinnerte ihn an unsere Begegnung vor zehn Jahren und wie dankbar ich sei, dass er mich gelernt habe, mehr Achtung vor meinem Körper zu haben. Zuerst wollte er gar nicht herunterkommen. Doch die Pflegerin führte ihn sanft zu dem Ort hinter dem Haus, wo ich sass. In der Hand hielt er ein überquellendes Notizbuch, das er mir zeigte. «Mein Gedächtnis», sagte er lachend und sang wieder leise, ganz offensichtlich glücklich und zufrieden. Als ich ihn fragte, ob er noch immer zwischendurch Leute massiere, antwortete er: «Ja, tue ich, wenn jemand kommt und seinen Körper mitbringt. Wenn er ihn nicht mitbringt, massiere ich natürlich nicht.» Und sang weiter sein Loblied auf die schöne Welt.

Murugan

Seit gut sechs Jahren kennen wir uns. Und in dieser Zeit hat sich zwischen Murugan und mir eine Freundschaft entwickelt, die anders ist als andere Freundschaften – nicht besser, nicht weniger gut, eben anders. Murugan ist Tamile, Steinmetz (stonecarver = Stein«schnitzer»), tiefgläubiger Hindu und lebt in einem der Dörfer rund um Auroville im indischen Bundesstaat Tamil Nadu. Es ist also eine Freundschaft über manche Welten und Klippen hinweg, Klippen der Herkunft, der Kultur, der Weltanschauung, des Menschenbildes, auch des wirtschaftlichen Status und der Bildung. Trotzdem funktioniert sie bis heute, obschon selbst die sprachliche Verständigung schwierig ist, da Murugans Englisch eher schlecht denn recht ist und mein Tamilisch nicht einmal das.

Murugan und seine Frau, Muthulakshmi, haben zwei Söhne im Erwachsenenalter und eine Tochter, die eben 18 Jahre alt geworden ist. Aufgewachsen sind die Kinder in einem Häuschen, bestehend aus einem einzigen Raum von vielleicht 15 Quadratmetern mit festen Wänden aus Lehm und einem Dach aus kunstvoll ineinandergeschichteten Palmwedeln. Eher Hütte denn Haus, galt dieser Wohnsitz schon als ganz komfortabel, hatte er doch feste Wände und ein Dach, das während der Monsunzeit einigermassen dicht war, zumindest die ersten Jahre seiner Lebenszeit. Zudem hatte die Familie Strom im Haus, fast schon ein Luxus, allerdings kein fliessendes Wasser. Gekocht wurde vor dem Häuschen auf einer kleinen Feuerstelle. Später konnte die Familie sich einen Gaskocher leisten. Die Feuerstelle wurde noch benutzt, wenn das Gas aufgebraucht war und erst im nächsten Monat neues gekauft werden konnte. Denn der Staat von Tamil Nadu subventioniert armen Familien die Güter des täglichen Bedarfs bis zu einer gewissen Menge, je nach Anzahl Kinder.

Murugan selbst hatte eine schwere Kindheit. Sein Vater war Alkoholiker und äusserst brutal, wenn er betrunken war. Als Murugan neun Jahre alt war, starb seine Mutter infolge der Misshandlungen durch ihren Ehemann. Dieser heiratete bald wieder und verstiess seinen Sohn, der von nun an bei der Grossmutter aufwuchs. Das sollte sich als sein Glück erweisen. Denn seine Grossmutter sorgte dafür, dass er weiterhin zur Schule ging und nicht schon als Junge Geld verdienen musste. Später, als Jugendlicher beobachtete er eines Tages einen Steinbildhauer bei seiner Arbeit und entdeckte seine Liebe zu diesem Handwerk. Allerdings wurde er zunächst nicht zur entsprechenden Schule in Tiruvannamalay zugelassen, da er zu alt war – ein Jahr zu alt, um genau zu sein. Nur seiner eigenen Hartnäckigkeit und der Fürsprache eines älteren Steinmetzes war es zu verdanken, dass er schliesslich doch aufgenommen wurde und bald zum Vorzeigeschüler der Schule wurde. Später nahm ihn sein Fürsprecher unter seine Fittiche, bis Murugan selbst ein Meister seines Fachs wurde.

Nun darf man sich nicht vorstellen, dass Murugan ein Künstler wäre. Vielmehr ist er ein Kunsthandwerker, der seine traditionellen Motive – meist Götterfiguren in festgelegter Darstellungsweise – in kürzester Zeit aus dem Stein bricht und so täglich eine ansehnliche Produktion zustande bringt. Meist sind es höchstens faustgrosse Figuren aus Speckstein oder Marmor, die in einer kleinen Auslage vor Ort zu verkaufen sucht. Die meisten seiner Kunden sind Touristen, die Auroville besuchen. Gerade mal vier Monate im Jahr läuft das Geschäft. Wobei auch in diesen vier Monaten die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Täglich werden vielleicht im Durchschnitt 400 Rupien umgesetzt, das sind nicht ganz sechs Schweizer Franken.

Ein Handwerk, über Jahrzehnte ausgeübt, hinterlässt körperliche Spuren. Das ist in Indien nicht anders als irgendwo auf der Welt. Doch in Indien ist das Handwerkzeug oft deutlich schlichter und die ergonomischen Bedingungen sind nicht die besten: Murugan sitzt zum Arbeiten meist am Boden oder auf einem niedrigen Schemel, wobei ihm die beiden grossen Zehen als eine Art Schraubstock dienen. Allerdings, so betont Murugan, ist dieser Schraubstock aus Fleisch und Blut sehr viel geschmeidiger und anpassungsfähiger als ein gewöhnlicher Schraubstock aus Stahl. Manche Feinheiten im Stein sind nur so zu bewältigen, weil das Werkstück in einem üblichen Schraubstock brechen würde. Das erkauft sich Murugan allerdings mit Schmerzen in den Knien und dem Rücken. Kein Wunder bei einer Arbeitswoche von sechs bis sieben Tagen!

Muthulakshmi, Murugans Frau, arbeitet in einer Soya-Manufaktur in Auroville. Beide Einkünfte zusammen ermöglichen der Familie einen bescheidenen Wohlstand, so dass sie in ein besseres Haus umziehen konnten. Die Hütte dient nunmehr als Werkstatt und Shop.

Unsere Verbindung begann vor sechs Jahren. Gut erinnere ich mich, als ich Murugan zum ersten Mal sah, wie er, vor seinem einfachen Häuschen in Kuilappallayam sitzend, an einer Figur arbeitete. Mit freundlicher Geste und einem hellen Lachen im Gesicht rief er mich zu sich und zeigte mir sein Tageswerk. Wir kamen ins Gespräch, er in gebrochenem Englisch, ich in gebrochenem Englisch – ein Wunder, dass eine tiefere Verständigung überhaupt zustande kam. Später besuchte ich ihn immer wieder, weil ein ungezwungenes Zusammensein möglich war. Nicht als Kunde, vielmehr als Gast fühlte ich mich. Er werkelte jeweils an seinen Figuren, und ich erfuhr viel über sein Leben, über das Leben der TamilInnen in den Dörfern und über seine Familie. Erst Wochen später, als ich bereits wieder in der Schweiz war, schrieb Murugan – beziehungsweise einer seiner Söhne, unterschrieben mit Murugan – mir eine Mail, in der er mich für die Ausbildung seines jüngeren Sohnes um Unterstützung bat. Nach Abklärungen und einer plausiblen Aufstellung der Kosten willigte ich ein. Und seither fliesst halbjährlich ein immer wieder neu ausgehandelter Betrag aufs Bankkonto seiner Frau. Bei einem späteren Wiedersehen schlug ich vor, dass auch die Tochter ihre Schule fortführen und eine Ausbildung machen solle. Ich würde die zusätzlichen Kosten, allerdings immer plausibilisiert, übernehmen.

Kann zwischen einem Mäzen, der ich inzwischen tatsächlich geworden bin – allerdings in bescheidenem Mass, wenn man die fragliche Summe betrachtet –, und den Empfängern dieses Geldes tatsächlich eine Freundschaft entstehen? Oder gibt es zwischen den beiden unterschiedlichen Rollen ein Gefälle, eine Kluft, die eine echte Freundschaft verhindert, zumal ja noch weitere Klippen – der Kultur, des Menschenbildes, des wirtschaftlichen Status – hinzukommen? Ich glaube, wir haben da eine passende Lösung gefunden. Murugan nämlich betrachtet mich in gewisser Weise als seinen Vater, vielleicht sogar als später Ersatz für das, was er als Kind verloren hat. Er betrachtet mich, und das hat er auch schon so ausgesprochen, als Vater der ganzen Familie. So bin ich denn unverhofft doch noch Vater, ja Grossvater geworden … Und wer will bestreiten, dass zwischen Vater und Sohn auch ein freundschaftliches Verhältnis herrschen kann – ein freundschaftliches Verhältnis der anderen Art eben?

%d Bloggern gefällt das: