Sehnsucht

Sehnsucht nach dem Wort, das wie ein Stern am Himmel steht. Ein Wegweiser in der Dunkelheit. Ein Licht in der Wirrnis.

Sehnsucht nach der Weite des Himmels, damit man wieder atmen kann in der atemlosen Zeit. Damit die Enge von mir abfällt wie das Herbstlaub.

Sehnsucht nach deiner Nähe. Wie lange schon bist du fort, Geliebte! Nicht Stern noch Weite füllen die Leere, die du hinterlässt.

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Aus dem Sudelheft

Seit letztem Jahr betreibe ich ein Sudelheft, in das ich schreibe, ohne dass es auf irgend etwas ankommt. Kein Ziel, keine Ambitionen, kein Zweck. Das muss man sich erst mal zugestehen … Etwas böse gesagt, besudle ich die Seiten des Heftes mit meinen Gedanken, indem ich ihnen freien Lauf lasse. Gerade so frei, dass ich noch mitschreiben kann. Oder ich beginne mit leerem Kopf – sofern das überhaupt möglich ist –, nehme den ersten Gedanken wie einen Faden auf und lasse ihm den nächsten Gedanken, die nächste Assoziation folgen, auch das ohne lange zu überlegen. Ich knüpfe einen Gedanken an den anderen zu einer Gedankenkette, von der ich nicht weisst – nicht wissen kann –, wohin das führen mag. Und dies halte ich schriftlich fest. Die Schere im Kopf schalte ich solange aus. Wichtig dabei ist, dass ich mit Schreiben nicht aufhöre, selbst wenn mir nichts mehr einfällt. (Ich kann dann zum Beispiel schreiben: «Mir fällt nichts mehr ein.»)

Das ist das automatische Schreiben, das von den Surrealisten gepflegt wurde und eine Befreiung sein kann, da im Schreibprozess dem reinen Verstand, der Ratio das Szepter entrissen wird. Manche mögen darob die Nase rümpfen. Es entstehe eine Anarchie der Gedanken. Als Experiment sei es vielleicht für einmal interessant, aber ansonsten völlig wertlos. Nur der klar strukturierte Gedanke, sorgfältig zu Papier gebracht, sei von bleibendem Wert. Alles andere sei ein Versinken im Sumpf der subjektiven Assoziationen. Die Anhänger des automatischen Schreibens entgegnen, durch die Überlistung des Verstandes schöpfe man schreibend aus tieferen Schichten des Bewusstseins. Und diese seien weniger lügenbehaftet als der Verstand, deshalb redlicher und letzten Endes wertvoller als die Ausrichtung auf den reinen Verstand.

Ein fruchtbarer Schreibprozess ist für mich eine Mischung von beidem: dem freien Assoziieren der Gedanken und dem sorgfältigen – vernünftigen – Umgang mit der Sprache, bis hin zum Abwägen jeden Wortes. Das wird in einem zweiten (und dritten und vierten …) Durchgang geschehen. Die Surrealisten verbaten sich diese nachträgliche Zensur.

So schreibe ich also ins Sudelheft: unbedarft, ohne Ziel, ohne Zweck – und überwinde damit manche Schreibhemmung, zum Beispiel die tötlichste aller Hemmungen: wenn man den Entschluss fasst, mit einem grossen Werk zu beginnen … Nein, es sind keine grossen Werke, die ich ins Sudelheft schreibe. Manche Texte sind (sogar) höchst banal, nicht mal geeignet für eine posthume Veröffentlichung. Keine Angst, liebe Leserin, lieber Leser, damit werde ich Sie/euch nicht behelligen.

Doch der eine oder andere Text aus dem Sudelheft kann Ausgangspunkt werden, gleichsam Kondensationskern für einen ausgereifteren Text, launisch vielleicht der eine, tiefgründig und berührend der andere.

Solche Texte werde ich hier künftig unter der Rubrik/dem Etikett «aus dem Sudelheft» veröffentlichen.


Bild: «I wrote you» von Tekke, CC-Lizenz via flickr

Tamás

Vor gut einem Jahr habe ich Tamás ein letztes Mal gesehen. Er ist ein Strassenmusiker aus Ungarn, den ich über Jahre immer wieder in Basels Gassen angetroffen habe. Mit seinen melodiösen und melancholischen Liedern hat er mich jeweils zum Innehalten und Hinhören gebracht. Bald kam es auch zu Gesprächen: er in gebrochenem Deutsch, ich in Hochdeutsch. Die meisten seiner wunderschönen Lieder sind selbstgemacht. Dazu begleitet er sich mit der Gitarre.

Fast etwas versteckt sass er damals auf einer Treppe im Schatten einer Bauabschrankung. Ich war auf dem Weg zum Bahnhof. Beinahe hätte ich ihn übersehen. Im letzten Augenblick bemerke ich ihn und steuere spontan und weil wir uns inzwischen etwas besser kennen, auf ihn zu. In seinem narbigen Gesicht lag schon immer, leicht verborgen zwar, eine Melancholie, dieselbe, wie sie auch in seinen Liedern erklingt. Doch heute scheint er richtig niedergeschlagen.

Er sei müde und habe einen schlechten Tag gehabt, erzählt er. «Von der Strassenmusik kann ich nur noch ganz knapp leben. Zudem machen meine Stimmbänder nicht mehr mit. Singen geht fast nicht mehr. Doch ich habe keine andere Wahl.» Achthundert Franken monatlich sei das Minimum, von dem er leben könne. Ein äusserst prekäres Minimum, wenn man in Basel lebt. «Und das erreiche ich meist nur knapp. Ich muss wohl in eine andere Stadt ziehen. Doch wohin? Zurück nach Ungarn geht nicht, da mich dort zwei Jahre Gefängnis erwarten.» Und das komme für ihn nicht in Frage. Mehr noch: Seine Frau lebe in Ungarn und bäte ihn, nach Hause zu kommen. «Auch Kinder haben wir. Doch ich kann wegen der Gefängnisstrafe nicht zurück. Ich muss mich im restlichen Europa durchschlagen – überall, bloss nicht zu Hause. Es ist unmöglich, etwas Geld zur Seite zu legen. Was ich mit meinen Liedern verdiene, reicht immer weniger zum Leben. Vielleicht sollte ich Panflöte spielen lernen. Das würde meiner Stimme gut tun. Und man hört mich besser. Ich erreiche die Leute besser. Ich sehe sonst keine Chance und weiss nicht mehr, was ich tun soll. Manchmal habe ich Hunger. Aber zumindest habe ich ein kleines Zimmer für hundert Franken. Das will ich nur ungern aufgeben. Weisst du, wo ich eine günstige Panflöte kaufen kann?» «Versuche es am Samstag auf dem Flohmarkt. Aber schau, ob sie auch spielbar und tonrein ist», empfehle ich ihm. Das wolle er tun, antwortet er. Und sein Gesicht füllt sich wieder mit Leben. Er gehe am Samstag auf den Flohmarkt. Vielleicht habe er ja Glück und finde ein brauchbares Instrument. Er werde schnell lernen und freue sich darauf. «Ich glaube, eine Panflöte ist meine Chance.» Tamás setzt nun alle Hoffnung auf die Panflöte.

Seither habe ich ihn nie mehr gesehen. Doch wenn ich in den Strassen Basels Panflötenklänge höre, kann ich nicht anders als nachzusehen, wer hier spielt.

Die kurze Blüte der Sozialdemokratie

In seinem Artikel zur neueren Geschichte der SPD, deren Entwicklung seit den 1960er-Jahren er mit spitzer Feder analysiert, entwirft der Soziologe und Journalist Mathias Greffrath zugleich das Zukunftsbild einer Partei des demokratischen Sozialismus, welche die Gesellschaft aus der zerstörerischen Spirale von Wachstumswahn und sozialer Erosion, von neoliberaler Revolution von oben und Resignation von unten führen könnte. – Eine Lese-Empfehlung.

Braucht es die SPD heute noch? Oder hat sie als Mehrheitsbeschafferin der arg nach rechts gedrifteten Mitte abgewirtschaftet? In den Augen vieler Menschen haben die Sozialdemokraten – nicht nur in Deutschland – ihr Vertrauen verspielt. Im entscheidenden Moment – in Deutschland zur Zeit von Kanzler Schröder – haben sie die Ziele des demokratischen Sozialismus – die Orientierung an einem humanistischen Menschenbild, die Zähmung des Raubtiers Kapitalismus, ja dessen Überwindung und der Wandel hin zu einer solidarischen und pluralistischen Gesellschaft – zugunsten ihrer Wählbarkeit aufgegeben und damit der neoliberalen Revolution Tür und Tor geöffnet.

Schnelles Ende des sozialdemokratischen Schönwetterkonsenses

Die Blüte der Sozialdemokratie lag in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren, als sie mit ihren Ideen die gesellschaftliche Realität wesentlich formten. In den Worten von Mathias Greffrath, bezogen auf Deutschland:

(…) in den 1970ern modernisierten Sozialdemokraten den Kapitalismus: Sie reformierten das Familienrecht, humanisierten die Psychiatrie, demokratisierten das Bildungswesen, setzten etwas mehr Mitbestimmung durch, bauten die sozialen Dienste aus. In der SPD trafen sich die Interessen der progressiven Mittelschicht und der Lohnabhängigen, das trug ihr 400 000 neue Mitglieder ein. Das Wort vom Rheinischen Kapitalismus ging um die Welt.

Doch mitten im Sozialdemokratischen Jahrzehnt begann die Konjunktur zu kippen, der Ölpreis stieg, weltweit wurden die Banker von der Leine gelassen, und die Grenzen des Wachstums tauchten am Horizont auf. Die Zeit des sozialdemokratischen Schönwetterkonsenses war vorbei. In Deutschland stürzte die FDP den Kanzler Schmidt (…)» Zwar brachten die folgenden Jahre in der Opposition die SPD wieder näher zu ihren Wurzeln: Das Berliner Programm von 1989 befand: «Reparaturen am Kapitalismus genügen nicht», «eine neue Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft» sei nötig. Einen Monat nach dem Fall der Mauer war das ein Anachronismus, es folgte ein weiteres Jahrzehnt Deregulierung und Verschlankung des Sozialstaats.

Politische Speerspitze des Aufbruchs?

Inzwischen – Anfang 2018 – steht unsere Gesellschaft dem Zerfall deutlich näher. Die Entsolidarisierung nimmt menschenverachtende Züge an, die Konzentration von Macht und Geld gemahnt an die Zeit des Feudalismus, bloss dass wir es heute nicht mehr mit Landesherren in einem begrenzten Territorium zu tun haben, sondern mit einer übernationalen Machtballung, welche die Nationalstaaten immer mehr zum Spielball ihres Willens macht. Manchen scheint das Spiel verloren. Resignation macht sich breit. Die Idee einer anderen, besseren Welt und Gesellschaft wird in der Politik kaum mehr verhandelt.

In der Zivilgesellschaft allerdings sehr wohl. Greffrath dazu:

(…) wenn nicht alles trügt, haben die meisten Bürger zumindest eine Ahnung davon, dass wir am Beginn einer neuen Epoche leben, dass die alten Strukturen nicht mehr tragen, die fetten Jahre vorbei sind. Dieser Ahnung Wort zu geben, wäre der erste Schritt aus der angstbesetzten Erstarrung und der gedankendürren Alternativlosigkeit. (…)

Denn unsere Gesellschaft ist an humanitären, ökologischen, sozialen Initiativen, an genossenschaftlichen Experimenten und postkapitalistischen Enklaven ebenso reich wie an innovativen Energieingenieuren, erfolgreichen Ökobauern, Bildungsreformern und konzeptioneller Intelligenz. Aber all diesen Aufbrüchen fehlt eine politische Speerspitze. Genau das wäre die Aufgabe einer wirklich modernen Sozialdemokratie: diese Aufbruchsenergien zu bündeln und politisch zuzuspitzen. Ziele zu definieren, die allen einleuchten, die auch nur einen Funken Interesse an Zukunft haben. Die «unten» erkämpften Freiräume durch Gesetze und Institutionen abzusichern und so die Grundlagen für eine postkapitalistische Gesellschaft zu legen.

Sozialdemokratie im 21. Jahrhundert. – Was könnte das sein? Angesichts der spektakulären Selbstdemontage der deutschen SPD, um koalitionsfähig zu bleiben, stellt sich die dringende Frage nach einem redlichen demokratischen Sozialismus, der die vielfältigen zivilgesellschaftlichen Strömungen hin zu einer postkapitalistischen Gesellschaft bündelt und ihnen so die Kraft verleiht, im letzten Moment den neoliberalen Endsieg doch noch zu verhindern und eine lebenswerte Zukunft anzusteuern. – Eine blosse Träumerei?


Anmerkungen:

Der Text von Mathias Greffrath ist unter dem Titel «Mit uns wird es nur langsam schlimmer» in Le Monde diplomatique vom Januar 2018. Online ist er hier verfügbar.

Bildnachweis: Kanditatenpresse von mkorsakov, CC-Lizent via flickr

Medien in der Sackgasse

Wie konnte es soweit kommen, dass die Medien, die einst stolze «Vierte Gewalt» im Staat und Korrektiv der Politik, immer mehr ausbluten oder in ihrem Streben nach Aufmerksamkeit (und Klicks) ihre Seele verkaufen? Matthias‘ Zehnders Sachbuch zur Medienentwicklung weiss Antwort auf diese Frage. – Eine Buchbesprechung.

In einem schmalen Bändchen legt uns Matthias Zehnder Gewichtiges vor: nichts weniger als eine verständliche Analyse der Triebkräfte, mit denen die heutigen Medien um unsere Aufmerksamkeit buhlen – und warum eben diese Triebkräfte in eine Sackgasse führen.

Der Medienwissenschaftler und langjährige Chefredaktor der Coopzeitung und der BZ Basel/BZ Basellandschaftlichen Zeitung zeigt auf, wie viele Medien auf ihrer Jagd nach Klicks und Reichweite ihre Seele, den redlichen Journalismus, verkaufen: mit zugespitzten Aussagen, Vereinfachungen und Dramatisierungen – und oft genug mit noch drastischeren Mitteln. Das führt zu einer Boulevardisierung der Medien, und zwar auf breiter Front. Denn das alte Modell der Abo-Zeitung steht unter Druck und wird abgelöst durch Gratiszeitungen und kostenlose Inhalte im Internet. Immer mehr Medienangebote buhlen um das begrenzte Gut unserer Aufmerksamkeit. Laut Zehnder leben wir in einem Medienschlaraffenland, was zu Überinformation und «gleichzeitiger Unterernährung des Verstandes» führt. – Und zur Boulevardisierung der Politik.

Denn im selben Sinne wie die Medien bewirtschaftet auch die Politik die Aufmerksamkeit ihrer Wählerschaft. Die Medien werden so – oft unfreiwillig – zu Steigbügelhaltern für Populisten. Zehnder illustriert das mit dem Beispiel Donald Trump, der im Wahlkampf ungleich weniger für Werbung ausgegeben hat als seine Gegnerin Hillary Clinton, aber durch seine zugespitzten, ja nachweislich falschen Aussagen und sein rüppelhaftes Verhalten viel grössere Aufmerksamkeit in den Medien erzielt hat.

Die vermeintliche Notwendigkeit, um Aufmerksamkeit zu buhlen, führt die Medien in eine Sackgasse. Das zeigt der Autor glaubhaft auf. Etwas mager fallen hingegen seine Vorschläge aus, wie die Medien und wir MedienkonsumentInnen aus dieser Falle wieder hinausfinden. Hoffentlich folgt hierzu ein weiteres schmales, aber gewichtiges Bändchen.

Matthias Zehnder, «Die Aufmerksamkeitsfalle – Wie die Medien zu Populismus führen», Zytglogge 2017. 125 Seiten, gebunden, Fr. 24.–, ISBN 978-3-7296-0951-8

 

 

 

 

 

 

 

 

Diese Buchbesprechung ist zuerst in der ProgrammZeitung erschienen.

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