Wie war das noch im Jahr 2222?

Ewig konnten wir Menschen die Lösung der drängendsten Herausforderungen nicht aufschieben. Nach einer langen Durststrecke war es so weit. Die Menschheit hatte die Kurve gekriegt. – Man wird ja wohl noch träumen dürfen!

Wir schreiben das Jahr 2222. Nach zwei weiteren Weltkriegen, dem Klimakollaps und einem langen nuklearen Winter ist die Menschheit – endlich! – zur Vernunft gekommen. Das endlose Leid der vergangenen Jahrhunderte, um nicht zu sagen Jahrtausende hat die Menschen dazu gezwungen, ihr Dasein und die gesellschaftliche Ordnung grundsätzlich zu überdenken und neu aufzugleisen. Es gab keinen anderen Ausweg.

Staaten, wie wir sie kennen, gab es nicht mehr. Stattdessen waren neben den Gemeinden die Regionen die eigentlichen Verwaltungseinheiten. Statt der Vereinten Nationen lenkten nun die Vereinten Regionen die Geschicke der Menschheit. Die Mitglieder in den Räten der verschiedenen Verwaltungsstufen – vom Kommunalrat über den Regionalrat bis hin zum Rat der Vereinten Regionen – waren per Los bestimmt und bestanden aus den Fähigsten. Wobei nicht so sehr die fachliche Kompetenz zählte, sondern die menschliche Reife, Grossmut und Gemeinsinn. Eigenschaften eben, die es für ein solches Amt braucht.

Inzwischen war es selbstverständlich geworden, dass die Wirtschaft dem Menschen diente und nicht umgekehrt. Die Güterproduktion richtete sich ganz nach den Bedürfnissen der Menschen und war auf Langlebigkeit ausgelegt. Überhaupt musste man viele Dinge gar nicht erst besitzen. Man konnte sie sich für wenig Geld leihen. Sowohl die Umwelt wie das Monatsbudget dankten es. Apropos: Geld gab es noch immer. Doch es alterte schnell. Hortete man es, war es innert weniger Jahre nichts mehr wert. Geld war ein Verkehrsmittel, kein Machtmittel mehr.

Boden als Gemeingut, Arbeit aus freien Stücken

Der Boden war weltweit vergemeinschaftet, Allmende, wie man früher sagte. Statt ihn zu besitzen, konnte man sich das Nutzungsrecht erwerben und hatte dafür an die lokale Gemeinde eine regelmässige Abgabe zu leisten. Die Vergemeinschaftung von Grund und Boden ging übrigens erstaunlich locker über die Bühne: Sämtlicher Grund und Boden weltweit war nach und nach in den Besitz einer einzigen Stiftung gelangt, von ihrem edlen Stifter einzig dazu gegründet, Steuern zu sparen. Der Rat der Vereinten Regionen setzte im Interesse der Allgemeinheit eine Änderung des Stiftungszwecks durch …

Auch Lohnarbeit im alten Sinne gab es nicht mehr. Natürlich waren die meisten Menschen tätig, jeder nach seinen Talenten und Fähigkeiten. Tätigsein entsprang einem tiefen Bedürfnis. Doch nun war man aus freien Stücken tätig und nicht mehr wie früher als Lohnarbeiter oder gar als Sklave, was sich ja nur wenig unterscheidet. Das Geld erhielt man nun, damit man den Rücken frei hatte, um dort tätig zu sein, wo die je eigenen Talente und Fähigkeiten lagen, und nicht etwa Kartoffeln oder Karotten anpflanzen musste. Bedingungsloses Grundeinkommen nannte man das.

Eine inklusive Gesellschaft

Es ist nicht übertrieben, festzuhalten, dass die Gesellschaft im Jahr 2222 eine inklusive Gesellschaft war. Das heisst, wer Teil dieser Gesellschaft war, wurde auch als Teil dieser Gesellschaft anerkannt. Nichts mehr und nichts weniger. Durch das viele Leid in der Vergangenheit waren die Leute klüger geworden und hatten begriffen, dass es keinen Sinn ergibt, Menschen gesellschaftlich auszugrenzen, die nun mal Teil dieser Gesellschaft waren. Man konnte sie stigmatisieren, benachteiligen, sich über sie aufregen, sie schlechterstellen. Doch sie lösten sich dadurch nicht in Luft auf. Sie blieben unsere Nachbarn. Ihre Kinder gingen mit unseren Kindern zur Schule. Wir hatten in unserem Arbeitsalltag mit ihnen zu tun. Die Menschen begriffen damals, dass es völlig bescheuert war, Menschen gesellschaftlich nicht willkommen zu heissen, die Teil dieser unserer Gesellschaft waren. Integration war gestern. Nun wurden die Menschen gar nicht erst ausgeschlossen, um sie danach wieder zu integrieren. Ob schwarz oder weiss, dick oder dünn, mit oder ohne Behinderung – die Menschen waren selbstverständlicher Teil der Gesellschaft. Weil sie Menschen waren. Punkt!

Und noch etwas hatten die Menschen damals begriffen: Inklusion war im ureigenen Interesse der Gesellschaft. Diese wurde nämlich gerade durch Vielfalt und Durchmischung farbiger, kräftiger, lebendiger, ja überlebensfähiger als eine gleichgeschaltete, normierte, einheitlich mausgraue Gesellschaft. In der Natur spricht man von Biodiversität. Sie ist ein Massstab für deren Gesundheit. In Bezug auf die Gesellschaft kann man in ähnlichem Sinne von Soziodiversität sprechen. Die Vielfalt macht den Punkt.

Im Jahr 2222 war also wieder etwas Vernunft in die Menschheit eingekehrt. Fragt sich nur, weshalb das so lange gedauert hat.

Graçias a la vida – Danke dir, Leben!

Wandgemälde der Charrango spielenden Violeta Parra in Santiage de Chile.

Ist es ein Liebeslied, ein Abschiedslied, eine Hymne ans Leben? Violeta Parras Lied «Graçias a la vida» ist alles zugleich. Vielleicht deshalb ging es um die Welt und wird bis heute gesungen und neu interpretiert. Die chilenische Sängerin schrieb es kurz vor ihrem selbstgewählten Tod im Jahr 1967. Sie hinterliess ein Vielzahl Lieder voller Poesie und oft auch Melancholie, meist in Verbindung mit Liebesleid, darunter eben «Graçias a la vida».

Poesie zu übersetzen ist immer eine Gratwanderung zwischen Originaltreue, die in der Zielsprache oft zu einem zwar korrekten, aber ungeniessbaren Text führt, und einer Nachdichtung, also einem Werk, das auf dem Mist zweier Poeten gewachsen ist. Hier das Resultat dieser Gratwanderung:

Danke dir, Leben!

Danke dir, Leben, du hast mir so vieles gegeben!
Du gabst mir zwei Sternenaugen. Und wenn ich sie auftu’,
trennt sich das Dunkle vom Hellen
und in der Tiefe des Himmels erkenne ich die Sterne
und im Menschengedränge den Mann, den ich liebe.

Danke dir, Leben, du hast mir so vieles gegeben!
Du gabst mir zwei Ohren,
die Tag und Nacht die Welt erlauschen,
den Gesang der Grillen und Kanarienvögel, der Hämmer und Turbinen,
Hundegebell, das Prasseln des Regens
und die zärtliche Stimme meines so Geliebten.

Danke dir, Leben, du hast mir so vieles gegeben!
Du gabst mir die Stimme. Du gabst mir die Laute
und damit die Worte, die ich denke und verschenke:
der Mutter, dem Freund, dem Bruder und dem,
den ich liebe, damit ich zu ihm finde.

Danke dir, Leben, du hast mir so vieles gegeben!
Du gabst mir meine Füsse.
Mit ihnen ging ich durch Städte und Pfützen,
über Strände, durch Wüsten, Berge und Ebenen
und schliesslich – ganz müde – durch deine Strasse, dein Haus, deinen Patio.

Danke dir, Leben, das mir so vieles gegeben!
Du gabst mir das Herz, und das klopft zum Zerspringen,
betrachte ich die Früchte des menschlichen Geistes
und sehe, wie weit das Gute vom Bösen,
und wenn ich in deine klaren Augen schaue.

Danke dir, Leben, du hast mir so vieles gegeben!
Du gabst mir das Lachen. Du gabst mir das Weinen.
So scheide ich das Glück vom Leid,
die beiden Stoffe, aus denen mein Lied geformt ist
und auch dein Lied, es ist dasselbe Lied,
es ist das Lied von uns allen und zugleich mein eigen Lied.

Danke dir, Leben!

Das Lied wurde in unzähligen Versionen interpretiert. Eine der schönsten ist das Original … Wegen der wunderbaren Stimme Violeta Parras und der Schlichtheit ihrer Interpretation:

 

 

Mercedes Sosa trug das Lied rund um die Welt:

 

 

Und schliesslich eine zweisprachige Version von Kontantin Wecker mit Gaby Moreno. Auch diese berührend:

 

 

Violeta Parras Liedtext im Original:

Gracias a la vida

Gracias a la vida que me ha dado tanto
Me dio dos luceros que cuando los abro
Perfecto distingo lo negro del blanco
Y en el alto cielo su fondo estrellado
Y en las multitudes el hombre que yo amo

Gracias a la vida que me ha dado tanto
Me ha dado el oído que en todo su ancho
Graba noche y días
Grillos y canarios, martillos, turbinas
Ladridos, chubascos
Y la voz tan tierna de mi bien amado

Gracias a la vida que me ha dado tanto
Me ha dado el sonido y el abecedario
Con el las palabras que pienso y declaro
Madre, amigo, hermano y luz alumbrando
La ruta del alma del que estoy amando

Gracias a la vida que me ha dado tanto
Me ha dado la marcha de mis pies cansados
Con ellos anduve ciudades y charcos
Playas y desiertos, montañas y llanos
Y la casa tuya, tu calle y tu patio

Gracias a la vida que me ha dado tanto
Me dio el corazón que agita su marco
Cuando miro el fruto del cerebro humano
Cuando miro el bueno tan lejos del malo
Cuando miro el fondo de tus ojos claros

Gracias a la vida que me ha dado tanto
Me ha dado la risa y me ha dado el llanto
Así yo distingo dicha de quebranto
Los dos materiales que forman mi canto
Y el canto de ustedes que es el mismo canto
Y el canto de todos que es mi propio canto

Gracias a la vida

Keine zusätzlichen Millionen für Frontex!

Das Referendum gegen den Ausbau des Schweizer Beitrags an die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache (Frontex) dürfte es an der Urne schwer haben. Aufrüstung liegt nun mal im Trend. Und was Frontex bei der Sicherung der europäischen Aussengrenzen alles anstellt, interessiert nur eine Minderheit. Allerdings sollte bedacht werden, dass Werte wie Menschenrechte und Völkerrecht, die Europa und mit ihm die Schweiz gegen den Aggressor in der Ukraine ins Feld führt, andernorts durch Frontex verraten werden. – Eine Streitschrift gegen die Scheinheiligkeit.

Am kommenden 15. Mai entscheiden die Schweizer Stimmberechtigten unter anderem über die Aufstockung des Schweizer Beitrags an die Grenzschutzagentur Frontex. Der jährliche Beitrag an Frontex soll von heute 24 Millionen auf 61 Millionen Franken bis im Jahr 2029 angehoben werden. Ferner sollen die von Schweizer Beamten besetzten Vollzeitstellen von 6 auf 40 aufgestockt werden. Es geht dabei um den Nachvollzug des von der Europäischen Union im Jahr 2019 verabschiedeten Frontex-Ausbaus, einen Nachvollzug, zu dem die Schweiz als Mitglied des Schengen-Raums verpflichtet ist. Das Schweizer Parlament hat diese Verordnung respektive deren Nachvollzug gutgeheissen, wogegen das Referendum ergriffen wurde.

Ein Novum in der Schweiz und darüber hinaus: Zum ersten Mal wird über Frontex und damit über das europäische Grenzregime in breiter Öffentlichkeit und direktdemokratisch verhandelt. Denn was wie eine Selbstverständlichkeit daherkommt – Überwachung der EU-Aussengrenze, nachdem die Grenzkontrollen an den Binnengrenzen abgeschafft worden sind –, ist in der heutigen Form eine Ungeheuerlichkeit. Die Flüchtlingstragödien an den EU-Aussengrenzen sind menschengemacht. Die Frontex als ausführende Behörde des europäischen Grenzregimes trägt dafür eine grosse Verantwortung – und damit auch wir in der Schweiz.

Krieg gegen Migration

FRONTEX-Beamter bei der ersten gemeinsamen Patrouille mit der griechischen Polizei an der griechisch-türkischen Grenze in Kastania

Frontex ist hauptsächlich eine Agentur zur Abwehr von Flüchtlingen und MigrantInnen geworden. Sie ist mitverantwortlich für zahlreiche Menschenrechtsverletzungen an Europas Aussengrenzen. Unter ihren wachsamen Augen ertranken in den letzten Jahren Tausende MigrantInnen und Flüchtlinge im Mittelmeer. Und es werden immer mehr. Gleichzeitig wird die Seenotrettung durch humanitäre Organisationen entlang der Flüchtlingsrouten immer mehr unterbunden und kriminalisiert. Frontex arbeitet mit den libyschen Behörden zusammen, die – etwa mit ihrer Küstenwache – an der zentralen Mittelmeerroute als Türsteher gegen Flüchtlinge fungieren und im Zusammenhang mit dieser Rolle schwere Menschenrechtsverletzungen verüben.

Frontex steht für die Militarisierung der EU-Aussengrenzen – und einen regelrechten Krieg gegen Migration. Mit zusätzlichen Mitteln, auch aus der Schweiz, wird dieser Krieg noch befeuert. Sogenannte Realisten und Pragmatiker werden entgegnen, mit einer solchen Fundamentalopposition gegen Frontex würde an den EU-Aussengrenzen für die Flüchtlinge gar nichts besser. Im Gegenteil: Eine auch finanziell gut ausgestattete Grenz- und Küstenwache sei gerade in menschenrechtlichen Belangen besser aufgestellt. Zudem stehe eine solche Agentur unter behördlicher Aufsicht und sei der «Geschäftsprüfung des Europaparlaments» unterstellt, so zum Beispiel Rudolf Strahm in einer Kolumne im Tagesanzeiger.

Und warum ist es dann möglich, dass unter dieser angeblichen Kontrolle Hunderte, wenn nicht Tausende Pushbacks stattfanden, also Flüchtlinge an der Wahrnehmung ihres Grundrechtes auf Prüfung ihrer Fluchtgründe gehindert werden, wie inzwischen ans Licht kommt und für welche Frontex zumindest mitverantwortlich ist?

Frontex als Handlanger einer verfehlten Flüchtlingspolitik

Warzaw Spire, der Sitz der Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache (Frontex) in Warschau, Polen

Frontex darf nicht mit zusätzlichem Geld alimentiert werden, solange die menschenverachtenden Praktiken nicht aufgearbeitet und beendet sind. Vielmehr muss der Grenzschutzagentur das Geld entzogen werden, um Schlimmeres zu verhindern. Doch das eigentliche Problem ist die europäische Asyl- und Migrationspolitik. Frontex ist nur das ausführende Organ. «Die EU ist de facto im Kriegszustand gegen MigrantInnen», wie der spanische Professor für Rechts- und politische Philosophie an der Universität von Valencia Javier des Lucas schon vor Jahren sagte. Weiter: «Und das ist ein Kampf mit allen Mitteln, auch jenseits rechtlicher Normen, mit dem einzigen Ziel, die vermeintliche Zuwanderungs- und Flüchtlingslawine aufzuhalten. Zu den bevorzugten Mitteln gehören dabei die polizeilichen Kontrollmechanismen, die sich von militärischen Mitteln kaum noch unterscheiden.» Frontex ist Handlanger dieser Politik.

Kein Schengen-Rauswurf auf die Schnelle

Die Abstimmung zum Frontex-Referendum wird von den Gegnern zum Ja oder Nein zur Mitgliedschaft beim Schengen-Raum hochstilisiert. Gerade beim zurzeit angespannten Verhältnis zwischen der Europäischen Union und der Schweiz drohe bei einem Nein zur Aufstockung des Schweizer Beitrags an die Frontex ein Rauswurf aus dem Schengen-Raum.

Um diese Frage geht es beim Frontex-Referendum nur indirekt. Es gibt diesbezüglich keinen Automatismus. Allerdings müsste die Schweiz mit der EU verhandeln, wie die Zusammenarbeit fortgesetzt werden soll. Keine der beiden Seiten kann ein Interesse daran haben, die inzwischen komplex gewordene Kooperation im Schengen-Raum mit einem Federstrich aufzukündigen. Laut Rainer J. Schweizer, ehemaliger Staatsrechtsprofessor an der Universität St. Gallen, wäre dies auch rechtlich so vielschichtig, dass es ein eigentliches Austrittsverfahren bräuchte, zu vergleichen vielleicht mit dem Brexit, um den Schengen-Vertrag zwischen der EU und der Schweiz aufzulösen.

Bei der Diskussion im Schweizer Parlament wurden seitens der Befürworter des Referendums, hauptsächlich von SP und Grünen, Vorschläge gemacht, wie als humanitäre Ausgleichsmassnahme zur Aufstockung des Schweizer Frontex-Beitrags das Asylrecht gestärkt werden kann, etwa durch die Aufnahme von mehr Resettlement-Flüchtlingen, durch die Wiedereinführung des Botschaftsasyls und einem Ausbau der humanitären Visa. Dies wurde von bürgerlicher Seite abgeschmettert – was das Referendum gegen die einseitige Vorlage zur Folge hatte …

Es würde der Schweiz gut anstehen, ihre sogenannte «humanitäre Tradition» nicht nur wie eine Monstranz vor sich her zu tragen, sondern auch danach zu handeln. Die Rückweisung der einseitig auf Flüchtlingsabwehr ausgerichteten Frontex-Vorlage bietet eine Gelegenheit dazu.


Bilder

oben: «NoFrontex» von 2le2im-bdc, CC-Lizenz via Wikimedia Commons
Mitte: «Mitglied der Frontex» von Rock Cohen, CC-Lizenz via flickr
unten: «Warzaw Spire» von Neil Williamson, CC-Lizenz via flickr

 

Postkarte aus Reinach BL

Reinach, von Pfeffingen aus gesehen

Nein, hübsch bist du nicht – auch nicht aus der Ferne! Du bist und bleibst Agglo, eine «Stadt vor der Stadt», wie du dich gerne selbst nennst. Viel zu schnell bist du gewachsen, hast dich vom Bauernkaff zur Agglomerationsgemeinde gemausert, die es mit Bümpliz und Schwamendingen aufnehmen kann. In deinem Wachstumsfieber hast du freilich alle Hemmungen verloren. Bausünde reiht sich an Bausünde entlang der Hauptstrasse. Doch nicht nur dort. Der Dorfkern ist nachhaltig vom Dorf entkernt. Dafür gibt es Einkaufsmöglichkeiten und gemischtes Gewerbe allüberall: Rohrreinigungsfirma neben Haute Coiffure, Fusspflege neben Asia Markt, Weltladen neben Grossbank. Agglo eben: Quadratisch, praktisch, gut.

Dorfbrunnen Reinach

Doch nur wer oberflächlich schaut, kann derart lieblos über Reinach BL urteilen. Bei genauerem Hinsehen tauchen doch noch kleine Perlen auf: der Dorfbrunnen etwa auf dem Niemandsplatz – so heisst er zwar nicht, doch so wirkt er – mitsamt ein paar Quadratmetern Originalpflästerung und Kulturgüterschutz; ein Bauernhaus wie aus der Zeit gefallen, liebevoll restauriert und für moderne Zwecke ausgehöhlt. Am schönsten aber sind Reinachs vergessene Ecken. Sie liegen unter dem Radar von Raumplanung und Dorfpolitik. Nicht einmal Heimatmuseumsgefühle kommen hier auf. Wunderbar!

Doch am lieblichsten bist du am Rebberg. Dort, wo jene wohnen, die es sich leisten können. Dem Agglomief enthoben, blickst du übers Birstal Richtung Gempen. Wahrlich ein fürstlicher Blick! Die Amsel singt dir ins Ohr. Und die Flieder blühen um die Wette. Wer hier lebt, ist leichter mit der Gegenwart versöhnt. Wer hier lebt, braucht keine andere Welt.


Bilder:
oben: «Pfeffingen_08» von Thomas Jundt, CC-Lizenz via flickr
darunter: «Dorfbrunnen Reinach», Wikimedia Commons von Wm1bl – Eigenes Werk, CC-Lizenz

«Bevor mir die Worte ausgehen»: Das Buch

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Da er keine Kinder zur Welt gebracht hat, müssen es halt Bücher sein. So oder ähnlich könnte man über mich frotzeln. Denn ich stehe kurz davor, ein zweites Buch zur Welt zu bringen. Titel: «Bevor mir die Worte ausgehen. Ausgewählte Texte der letzten zwanzig Jahre».

Das Buch ist zwar nicht das Vermächtnis eines Menschen am Ende seines Lebens – dazu steckt noch zu viel Lebenskraft in mir –, aber halt doch «die Ernte aus zwei Jahrzehnten Leben mit der Sprache, eine Ernte, eingebracht in die Scheuer, bevor der Winter kommt. Nicht ausgeschlossen, dass es wieder Frühling wird. Doch diese Lese ist schon mal im Trockenen und kann während des Winters nähren und Wärme spenden.» (Aus dem Vorwort.)

Trotz der poetischen Sprengkraft mancher Texte in diesem Buch habe ich keinen Verleger gefunden, der das Wagnis eingehen würde, die Textauswahl eines literarischen Nobodys zu veröffentlichen.

Dann mache ich es halt selbst, habe ich mir gesagt.

Das Buch soll via Book on Demand veröffentlicht werden. Das heisst, es werden nur so viele Bücher hergestellt, wie eben nachgefragt werden. Das führt zu längeren Lieferfristen und höheren Stückkosten. Zudem fällt das Marketing weg, ausser ich selbst wirble etwas Staub auf. Kein Erfolgsmodell im heutigen Büchermarkt!

Das Buch wird also kommerziell kaum erfolgreich sein. Vielmehr hat es bis jetzt einiges gekostet: für Umbruch und Gestaltung, für Lektorat und so weiter. Diese Kosten werde ich kaum mit dem Verkauf einspielen können.

Mit Crowdfunding möchte ich die Finanzierungslücke schliessen.

Und da kommt ihr ins Spiel …

Solltet ihr Freude haben, mein Projekt zu unterstützen, so werdet Booster auf meiner Projektseite. Nein! Damit ist nicht eine weitere Covid-Impfung gemeint. Vielmehr handelt es sich dabei um den Ehrentitel einer Person, die ein Crowdfunding-Projekt unterstützt.

Hier geht’s zu meiner Projektseite:

https://wemakeit.com/projects/bevor-mir-die-worte-ausgehen

Vielen Dank für euer Interesse!