Wirklichkeitsverdruss – und das Mittel dagegen

Im Laufe des Lebens ist in mir drinnen ein Kosmos von Bildern entstanden, ein Gefilde von Erinnerungen, Traumbildern und Stimmungen, die sich tief eingegraben haben und oft ohne ersichtlichen Anlass ins Bewusstsein drängen. Wunschträume in allen Schattierungen sind darunter, vom niedersten Trieb bis zur feierlichsten Regung. Ferner Schreckensbilder, die meine Träume heimsuchen, oder Wahrzeichen, die mich aufrichten und beseelen. Je älter ich werde, umso mehr schiebt sich diese innere Welt in den Vordergrund. Sie gewinnt an Farbe und Intensität, während die äussere Welt zusehends verblasst, als wäre ich bloss Zuschauer in einem Theater, in dem Wirklichkeit aufgeführt wird.

Was auf dieser Bühne dargeboten wird, erheitert mich zwar oft und betrübt mich auch zuweilen, doch so richtig ernst nehmen kann ich es nicht. Theater eben! Und es kommt mir vor, als hätte ich das Stück schon öfters gesehen, in anderer Besetzung vielleicht und unter einem anderen Regisseur. Doch im Kern ist es die Wiederholung von Altbekanntem, die Wiederholung von etwas, das mich inzwischen zu langweilen beginnt.

Gaukelspiel Wirklichkeit

Was tun, um nicht dem, was wir gemeinsam Wirklichkeit nennen, abhanden zu kommen? Mich einfach davonstehlen vor lauter Verdruss? Oder das Gaukelspiel, gemeinhin Wirklichkeit genannt, einfach Theater sein lassen und mich der inneren Bühne zuwenden, als wäre einzig sie von Bedeutung? So verlockend es ist, es wäre falsch. Die ganze Welt und mit ihr all die Menschen im Stich lassen, nur des inneren Friedens Willen: Ein Unding!

Was wäre das für ein Frieden, der auf die Welt und ihre Menschen pfeift? Ich bin es ja selbst, der die äussere, vor meinen Augen allmählich verblassende Wirklichkeit mitgestaltet. Ich bin im Theaterstück «Wirklichkeit» ebenso Schauspieler wie Regisseur. Ja, die Welt ist schnöde geworden. Man könnte ob ihr verzweifeln. Doch wer, wenn nicht ich, der dieses Schauspiel mitveranstalten, kann die Wirklichkeit verändern, auch zum Bessern hin. Und wenn sie, die Wirklichkeit, vor meinen Augen verblasst, sollte ich vielleicht zum Optiker gehen …

Es gibt kein Entkommen nach drinnen. Es gibt nur der Gang zum Optiker. Und dann volle Kraft voraus – nicht in den Abgrund, jedenfalls nicht mit mir.

Der Feuchte entkommen

Ganz ungewöhnlich für diese Zeit, hat es in Auroville Ende Dezember bis Anfang Januar an mehreren Tagen, teils auch in den Nächten geregnet, zuweilen stundenlang und so intensiv, dass alles, wirklich alles vor Feuchte nur so dampfte und tropfte. Die Zeitung ist latschig, das Betttuch klamm, das Brot schwammig und die Wege matschig, wenn nicht gar unter Wasser.

Für mich bedeutet das zeitweiliger Hausarrest. Das ist nicht weiter tragisch, denn mit meiner Lese- und Schreiberei kann ich mich tagelang vertun, wo immer ich bin. Und wenn es wie hier gleich nebenan eine leidlich ausgestattete Bibliothek gibt, können es von mir aus auch Wochen sein.

Wenn bloss die Feuchte nicht wäre, die dir bis unter die Haut kriecht, dir beim Lesen über die Schultern guckt und mit dir ins Bett schlüpft. Wenn du dich bloss nicht Tag und Nacht fühltest, als wärest du in feuchtwarme Watte gepackt, von der du dich nur für die Dauer einer Dusche befreien kannst – und ein paar zusätzliche Minuten.

Fahrt in die Berge

Es passte deshalb wunderbar, dass für letzten Sonntag (5. Januar 2020) eine Reise nach Kerala mit Zwischenstopp in den Bergen vorgesehen war. Weg vom Schimmel und Konsorte! Weg von Feuchte und Matsch! Wir waren zu viert: neben Veera, unserem Taxifahrer, waren Batu, Murugans Sohn, Claudia, meine Reisegefährtin, und ich mit von der Partie. Eine Tagesreise von Auroville entfernt liegt Kanthaloor, ein kleines, etwas verschlafenes Nest in den Western Ghats. Die letzten eineinhalb Stunden fährst du auf schmalen, löchrigen Strassen, auf denen jede Begegnung mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zum Abenteuer wird. Etwas ausserhalb von Kanthaloor, so richtig «in der Pampa» liegt das Deshadan Eco Valley Ressort: klein, fein, herzlicher Empfang, rustikal und gepflegt, nicht billig, aber ideal, um die Bergwelt aus der Nähe kennen zu lernen und die Feuchte unter der Haut loszuwerden. Abends wird es kühl, die Luft ist unbeschwert und die Nacht still. Nach den feuchten Wochen in Auroville haben wir hier Bedingungen wie in einem Sanatorium.

Die Umgebung des Ressorts, vom Balkon aus aufgenommen.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich diese Gegend bereise. Hier und hier habe ich meine durchaus auch zwiespältige Eindrücke beschrieben.

Schlaraffenland im Zugvogelnest

Nach zwei Nächten im Ressort eine lange Tagesfahrt zu Gabi und Beat, den Freunden und wunderbaren Gastgebern in Kuzhupilly auf Vypin Island, Kerala (Zugvogel in Kerala). Hier ist es wieder warm, sehr warm. Es bläst allerdings eine kühlende Brise, von den Backwaters her am Vormittag und nachmittags vom Meer her. Und obschon wir von Wasser umzingelt sind, ist die Feuchte überhaupt kein Problem.

Strand, wunderbare Gespräche, ein kulinarisches Schlaraffenland mit abenteuerlichen Exkursionen für den Gaumen. Noch bei jeder Malzeit, ob Frühstück, Mittag- oder Abendessen kommt es in deinem Gaumen zu geschmacklich Überraschungen mit Wow-Effekt, von denen du weisst, dass du sie nur hier haben kannst und nirgendwo sonst. Das ist das Zugvogelnest in Kuzhupilly, wie ich es seit längerem kenne und wohin ich mit Freude immer wieder zurückkehre – nicht nur wegen der geschmacklichen Explosionen …

… und Sonnenuntergänge wie aus dem Bilderbuch.

Morgen Samstag geht es wieder zurück nach Auroville in der Hoffnung, dass es dort trockener geworden und dadurch mein wetterbedingter Hausarrest aufgehoben ist.

Postkarte aus dem boomenden Chennai

Wie ein gewaltiges Drachenskelett aus Beton thront hoch über der Strasse eine Metrostation. Sie gebiert eine Schlange auf Stelzen, nicht minder monströs, die sich zur nächsten Station windet, von Stadtteil zu Stadtteil: die Hochbahn, die für das moderne Chennai steht. Wärend der frühere Name Madras noch zum Träumen einlädt, steht Chennai für ungezügelten Bauboom, für eine Orgie in Beton, mit unzähligen Server-Farmen mitten in der Stadt etwa: fensterlos, gigantisch, unnahbar, unmenschlich. Nachts um drei wirkt Chennai, als stünde die Apokalypse kurz bevor.

Trotzdem bekomme ich jedesmal vor Freude Herzklopfen, wenn ich das Flughafengebäude verlasse und in das frühmorgendliches Chaos der Grosstadt eintauche. Es ist warm und feucht. Alles riecht üppig, das Betörende ebenso wie das Verstörende, Jasmin ebenso wie der Kadavergeruch aus der nahen Rabatte. Chennai ist in Aufruhr – auch morgens um drei. Wie schön ist es dann, von Freunden herzlich empfangen zu werden, ins Taxi einsteigen zu können und dank der Ortskenntnisse des Fahrers nochmals der Apokalypse entkommen zu sein.

Zügig geht die Fahrt durch schlaftrunkene Quartiere. Die ersten Garküchen haben geöffnet, Nester aus Licht in einer sonst dunklen städtischen Welt. Noch ruhen die Kühe, am Strassenrand oder auch mitten auf der Strasse, so dass die Autofahrer um sie herumfahren müssen, auch die Lastwagenfahrer, die alles andere einfach weghupen, nicht aber die Kühe. Nichts bringt diese aus ihrer verdauungsseligen Ruhe.

Bald liegt das boomende Chennai hinter uns und ist bloss noch eine beunruhigende Erinnerung.

Indiens neurotisches Verhältnis zum Lichtschalter

Andere Länder, andere Sitten. Und die Sitten anderer Länder erschliessen sich dem Fremden vielleicht nicht auf den ersten Blick. Oft auch nicht auf den zweiten. Sie dann allerdings kurzerhand für krankhaft zu erklären, für neurotisch, mag anmassend erscheinen, ja von postkolonialer Arroganz zeugen, wenn es sich um ein Land wie Indien handelt. Der Fremde muss sich mit Argumenten gut wappnen, will er auf seiner Diagnose beharren.

Das ist der Versuch, ein Phänomen zu deuten, das der Fremde nur in Indien angetroffen hat: der exzessive Einsatz von Lichtschaltern. Ausser in einfachen Hütten prangen an den Wänden fast sämtlicher Räume, in Wohnräumen, Ladenlokalen, Küchen oder Hotelzimmern, ganze Batterien von Lichtschaltern. Gleich neben der Eingangstür sind sie oft in mehreren Reihen und in verwirrender Übersichtlichkeit angebracht.

Betätigt der Fremde einen Schalter, geschieht zunächst nichts. Erst beim dritten Versuch beginnt irgendwo im Raum ein Ventilator zu surren. Und erst nach weiteren Versuchen wird es doch noch hell im Raum. Blickt sich der Fremde nun um, so durchzuckt ihn ein leiser Schauer, als er an der Wand gegenüber ein Tableau mit gefühlten zwanzig weiteren Schaltern entdeckt.

Wozu braucht es gegen dreissig Schalter, um einen gewöhnlichen Raum elektrotechnisch zu erschliessen? Worin mag dieser exzessive Einsatz von Lichtschaltern begründet sein? Ist er Ausdruck einer bis hin zur absoluten Perfektion fehlgeleiteten Ingenieurskunst? Oder haben wir es mit einer Überschusshandlung zu tun? Ist die manische Installation von Lichtschaltern in der Tiefenpsychologie begründet? Etwa in diesem Sinne: Um sich des zivilisatorischen Fortschritts der Elektrifizierung ganz sicher sein zu können, installiert man lieber ein paar Schalter und Stromkreise zuviel als einen zuwenig, was ja den Rückfall in vorzivilisatorische Zeiten bedeuten könnte.

Allzu viele Schalter bergen allerdings die Gefahr, dass es plötzlich dunkel wird im Raum, wo man doch eigentlich mehr Licht haben wollte, weil man den falschen Schalter betätigt hat.

Und steht das nicht bildhaft für ein Indien, wo die Herren an den Hebeln der Macht keine Ahnung zu haben scheinen, welche Schalter zu betätigen sind, welche Massnahmen zu ergreifen sind, damit die Gegenwart endlich heller wird für die vielen Menschen des Subkontinents? Statt dessen geht an vielen Orten das Licht aus. Einzig die Glut des Hasses leuchtet dort ungesund. Und es ist ausgerechnet der oberste Captain der nationalen Feuerwehr, der, statt diese Glutnester zu löschen, Unmengen Benzin bereit hält, um nach eigenem Gutdünken neue Brandherde zu schüren oder die bestehenden neu zu entfachen.

Der Fremde hat inzwischen den Umgang mit der Klaviatur der Lichtschalter gelernt. Sie sind für ihn ein Spiel geworden im Sinne eines Gedächtnistrainings, Schon nach wenigen Tagen am selben Ort kennt er die Funktion jedes einzelnen Schalters auswendig und weiss auch, welcher Schalter ohne Funktion ist.

Wenn nur an den Schalthebeln der Macht auch der Wille vorhanden wäre, Glutnester zu löschen und Licht zu machen, wo es dunkel ist! Oder ist tatsächlich die Übersicht über die richtigen Hebel und Schalter verloren gegangen?

Anreise mit Unbill

Wer eine Reise tut, der kann was erzählen. Erst recht, wenn der Wurm drin war. Doch keine Angst! Ich bin glücklich in Auroville, Tamil Nadu, angekommen – mit lächerlichen drei Stunden Verspätung. Da hätte leicht mehr draus werden können.

Es begann schon in Basel: Der Zug nach Frankfurt Flughafen fiel aus, beziehungsweise fuhr nur bis zum Badischen Bahnhof, keine fünf Kilometer von Basel SBB entfernt, da er schon etwas spät dran war … Ich hatte in diesem Zug einen Rollstuhlplatz reserviert und die Ein- und Austieghilfe organisiert. Nun ist es mit einigem organisatorischen Aufwand verbunden, die Einstieghilfe mit Hebelift statt in Basel SBB im Badischen Bahnhof stattfinden zu lassen. Erschwerend kam hinzu, dass das länderübergreifend und innerhalb einer Viertelstunde zu geschehen hatte. Zudem musste ich ja noch vom einen zum anderen Bahnhof gelangen – innerhalb derselben Viertelstunde, versteht sich. Als ich mir auf dem Bahnsteig – in Basel SBB – diese Unmöglichkeit durch den Kopf gehen liess und nach Alternativen suchte – zum Glück war der Flug von Frankfurt nach Chennai erst am anderen Morgen –, kam der Bahnangestellte, der bestimmt mit eben dieser meiner Einstieghilfe betraut und vielleicht ebenso überrascht wie ich gewesen war, auf mich zu und fragte, ob ich nicht in den Zug Richtung Kiel gleich gegenüber einsteigen und im Badischen Bahnhof umsteigen wolle. Natürlich wollte ich – und er erledigte ebenso informell wie verlässlich die organisatorische Feinarbeit. So sass ich schliesslich doch noch im richtigen Zug, der mit lächerlichen drei Minuten Verspätung vom Badischen Bahnhof Richtung Frankfurt Flughafen losfuhr. Der Kieler Zug musste lange warten, bis die vorsindtflutliche Hebebühne dort angelangt war, wo ich darum bangte, dass mich tatsächlich jemand auslud.

Unvergessen das Bild, wie wir, mit dem scheppernden Ungetüm im Schlepptau den leeren Bahnsteig entlang krochen, während praktisch am vorderen Ende der ICE-Doppelkomposition ein kleines Männchen auf uns wartete, unmöglich auszumachen, ob mit oder ohne rote Schirmmütze.

Erneute Schwierigkeiten mit der Einstieghilfe bekam ich kurz vor dem Abflug: Obschon ich meine besonderen Bedürfnisse als Rollstuhlfahrer beim Einsteigen ins Flugzeug pflichtgemäss und in allen Details angemeldet hatte, war, als es denn soweit war, niemand vor Ort, der mir dabei hätte behilflich sein können. Wieder musste die Hilfe ad hoc organisiert werden. Ich war der letzte, der ins Flugzeug kam. Lächerliche zehn Minuten gingen durch das unvorhergesehene Manöver verloren.

Man kommt auch nicht auf die Idee, mit dem Rollstuhl so entfernte Länder besuchen zu wollen.

Der Rest des Unbills ist schnell erzählt: Der Pilot musste in Frankfurt den Start abbrechen, weil die Bremsen des rechten Fahrwerks nicht richtig funktionierten. Ad hoc wurden diese ausgewechselt, während wir Passagiere auf den Sitzen ausharrten und hofften, dass die Mechaniker trotz des Zeitdrucks zuverlässig arbeiteten. Anschliessend musste die Boeing nochmals aufgetankt werden, da sie beim misslungenen Start drei Tonnen Flugbenzin (!) verbrannt hatte.

Mit lächerlichen drei Stunden Verspätung flogen wir schliesslich in den Himmel Richtung Chennai und landeten dort sicher. Die anschliessende Taxifahrt nach Auroville verlief problemlos.

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