Kurzlesung in der Markthalle zu Basel

Nach längerem Schweigen melde ich mich zurück mit einem Veranstaltungshinweis in eigener Sache. – Es gibt mich also noch …

Unter dem Titel «Notwendige Geschichten» werden die junge Autorin und Studierende am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel Aleksandra Sekanic und ich eine kurze Lesung eigener Texte «performen» (zu Deutsch: zum Besten geben). Die Veranstaltung findet im Rahmen von Wildwuchs unterwegs statt, einer Dépendance des biennalen Wildwuchs-Festivals in Basel.

Wir werden zunächst einen kleinen Pingpong-Match mit Kürzesttexten veranstalten, um so der Fussballweltmeisterschaft im Kleinen etwas entgegenzuhalten. Danach lesen wir noch je einen längeren Text – eine notwendige Geschichte eben.

Die sportliche Lesung findet statt am

Freitag, 22. Juni 2018, um 19.30 Uhr im sogenannten Wohnzimmer der Markthalle Basel

 

Der Eintritt ist gratis. Zahlreiches Erscheinen wird mit Freude quittiert. 😉

 

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Habe das Schreiben aus dem Blick verloren

Habe einmal mehr das Schreiben ganz aus dem Blick verloren – und es im Alltag nicht einmal vermisst. Doch wenn es still wird um mich, schiebt sich die Sehnsucht nach Poesie und redlichem Ausdruck, nach verschriftlichter Tiefenbohrung und Spurensuche in den Vordergrund. Dann durchforste ich mein Inneres nach angemessenen Worten und lote die tiefsten Tiefen und die höchsten Höhen aus – so dass daraus ein Knittelvers wird oder eine Ode an die Weite. Ich brauche dann kaum mehr als einen ruhigen Ort zum Schreiben und mein tägliches Brot – vielleicht ab und zu noch Gesellschaft und erfreuliche Gespräche.

Sehnsucht

Sehnsucht nach dem Wort, das wie ein Stern am Himmel steht. Ein Wegweiser in der Dunkelheit. Ein Licht in der Wirrnis.

Sehnsucht nach der Weite des Himmels, damit man wieder atmen kann in der atemlosen Zeit. Damit die Enge von mir abfällt wie das Herbstlaub.

Sehnsucht nach deiner Nähe. Wie lange schon bist du fort, Geliebte! Nicht Stern noch Weite füllen die Leere, die du hinterlässt.

Aus dem Sudelheft

Seit letztem Jahr betreibe ich ein Sudelheft, in das ich schreibe, ohne dass es auf irgend etwas ankommt. Kein Ziel, keine Ambitionen, kein Zweck. Das muss man sich erst mal zugestehen … Etwas böse gesagt, besudle ich die Seiten des Heftes mit meinen Gedanken, indem ich ihnen freien Lauf lasse. Gerade so frei, dass ich noch mitschreiben kann. Oder ich beginne mit leerem Kopf – sofern das überhaupt möglich ist –, nehme den ersten Gedanken wie einen Faden auf und lasse ihm den nächsten Gedanken, die nächste Assoziation folgen, auch das ohne lange zu überlegen. Ich knüpfe einen Gedanken an den anderen zu einer Gedankenkette, von der ich nicht weisst – nicht wissen kann –, wohin das führen mag. Und dies halte ich schriftlich fest. Die Schere im Kopf schalte ich solange aus. Wichtig dabei ist, dass ich mit Schreiben nicht aufhöre, selbst wenn mir nichts mehr einfällt. (Ich kann dann zum Beispiel schreiben: «Mir fällt nichts mehr ein.»)

Das ist das automatische Schreiben, das von den Surrealisten gepflegt wurde und eine Befreiung sein kann, da im Schreibprozess dem reinen Verstand, der Ratio das Szepter entrissen wird. Manche mögen darob die Nase rümpfen. Es entstehe eine Anarchie der Gedanken. Als Experiment sei es vielleicht für einmal interessant, aber ansonsten völlig wertlos. Nur der klar strukturierte Gedanke, sorgfältig zu Papier gebracht, sei von bleibendem Wert. Alles andere sei ein Versinken im Sumpf der subjektiven Assoziationen. Die Anhänger des automatischen Schreibens entgegnen, durch die Überlistung des Verstandes schöpfe man schreibend aus tieferen Schichten des Bewusstseins. Und diese seien weniger lügenbehaftet als der Verstand, deshalb redlicher und letzten Endes wertvoller als die Ausrichtung auf den reinen Verstand.

Ein fruchtbarer Schreibprozess ist für mich eine Mischung von beidem: dem freien Assoziieren der Gedanken und dem sorgfältigen – vernünftigen – Umgang mit der Sprache, bis hin zum Abwägen jeden Wortes. Das wird in einem zweiten (und dritten und vierten …) Durchgang geschehen. Die Surrealisten verbaten sich diese nachträgliche Zensur.

So schreibe ich also ins Sudelheft: unbedarft, ohne Ziel, ohne Zweck – und überwinde damit manche Schreibhemmung, zum Beispiel die tötlichste aller Hemmungen: wenn man den Entschluss fasst, mit einem grossen Werk zu beginnen … Nein, es sind keine grossen Werke, die ich ins Sudelheft schreibe. Manche Texte sind (sogar) höchst banal, nicht mal geeignet für eine posthume Veröffentlichung. Keine Angst, liebe Leserin, lieber Leser, damit werde ich Sie/euch nicht behelligen.

Doch der eine oder andere Text aus dem Sudelheft kann Ausgangspunkt werden, gleichsam Kondensationskern für einen ausgereifteren Text, launisch vielleicht der eine, tiefgründig und berührend der andere.

Solche Texte werde ich hier künftig unter der Rubrik/dem Etikett «aus dem Sudelheft» veröffentlichen.


Bild: «I wrote you» von Tekke, CC-Lizenz via flickr

Tamás

Vor gut einem Jahr habe ich Tamás ein letztes Mal gesehen. Er ist ein Strassenmusiker aus Ungarn, den ich über Jahre immer wieder in Basels Gassen angetroffen habe. Mit seinen melodiösen und melancholischen Liedern hat er mich jeweils zum Innehalten und Hinhören gebracht. Bald kam es auch zu Gesprächen: er in gebrochenem Deutsch, ich in Hochdeutsch. Die meisten seiner wunderschönen Lieder sind selbstgemacht. Dazu begleitet er sich mit der Gitarre.

Fast etwas versteckt sass er damals auf einer Treppe im Schatten einer Bauabschrankung. Ich war auf dem Weg zum Bahnhof. Beinahe hätte ich ihn übersehen. Im letzten Augenblick bemerke ich ihn und steuere spontan und weil wir uns inzwischen etwas besser kennen, auf ihn zu. In seinem narbigen Gesicht lag schon immer, leicht verborgen zwar, eine Melancholie, dieselbe, wie sie auch in seinen Liedern erklingt. Doch heute scheint er richtig niedergeschlagen.

Er sei müde und habe einen schlechten Tag gehabt, erzählt er. «Von der Strassenmusik kann ich nur noch ganz knapp leben. Zudem machen meine Stimmbänder nicht mehr mit. Singen geht fast nicht mehr. Doch ich habe keine andere Wahl.» Achthundert Franken monatlich sei das Minimum, von dem er leben könne. Ein äusserst prekäres Minimum, wenn man in Basel lebt. «Und das erreiche ich meist nur knapp. Ich muss wohl in eine andere Stadt ziehen. Doch wohin? Zurück nach Ungarn geht nicht, da mich dort zwei Jahre Gefängnis erwarten.» Und das komme für ihn nicht in Frage. Mehr noch: Seine Frau lebe in Ungarn und bäte ihn, nach Hause zu kommen. «Auch Kinder haben wir. Doch ich kann wegen der Gefängnisstrafe nicht zurück. Ich muss mich im restlichen Europa durchschlagen – überall, bloss nicht zu Hause. Es ist unmöglich, etwas Geld zur Seite zu legen. Was ich mit meinen Liedern verdiene, reicht immer weniger zum Leben. Vielleicht sollte ich Panflöte spielen lernen. Das würde meiner Stimme gut tun. Und man hört mich besser. Ich erreiche die Leute besser. Ich sehe sonst keine Chance und weiss nicht mehr, was ich tun soll. Manchmal habe ich Hunger. Aber zumindest habe ich ein kleines Zimmer für hundert Franken. Das will ich nur ungern aufgeben. Weisst du, wo ich eine günstige Panflöte kaufen kann?» «Versuche es am Samstag auf dem Flohmarkt. Aber schau, ob sie auch spielbar und tonrein ist», empfehle ich ihm. Das wolle er tun, antwortet er. Und sein Gesicht füllt sich wieder mit Leben. Er gehe am Samstag auf den Flohmarkt. Vielleicht habe er ja Glück und finde ein brauchbares Instrument. Er werde schnell lernen und freue sich darauf. «Ich glaube, eine Panflöte ist meine Chance.» Tamás setzt nun alle Hoffnung auf die Panflöte.

Seither habe ich ihn nie mehr gesehen. Doch wenn ich in den Strassen Basels Panflötenklänge höre, kann ich nicht anders als nachzusehen, wer hier spielt.

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