Lakonisches zur Coronakrise

lakonisch Adj. ‘kurz und treffend im Ausdruck’, im 17. Jh. entlehnt aus gleichbed. lat. lacōnicus, griech. lakōnikós (λακωνικός), dem Adjektiv zu Lákōn (Λάκων) ‘Lakedämonier’, das im Sinne von ‘nach der Art der Lakedämonier, Spartaner’ verwendet wird und sich auf die bereits im Altertum erwähnte einfache, wortkarge Redeweise der Spartaner bezieht.

***

Meide deinen Nächsten!

Der Mensch ist nun Teil einer Herde.

Pandemie des Digitalen

Geselligkeit per Zoom,
Kuscheln per Skype,
Online geht so richtig die Post ab.

Die Pandemie überfordert uns. Nur die PolitikerInnen müssen so tun, als wären sie’s nicht.

Nichts ist bedrohlicher als Menschen, die Angst vor dem Tod haben.

Wer kümmert sich um das Recycling der Millionen und Abermillionen von Impfdosen, nachdem sie verimpft worden sind? Afrika?

Crescendo

Coronagläubige, Coronaskeptiker, Coronaleugner, Querdenker, Verschwörungstheoretiker, Verschwörer.

 

Maskenbart und Co. – Betrachtungen zur Ästhetik des Mund-Nasen-Schutzes

Der kometenhafte Aufstieg der Hygienemaske geht einher mit einem brutalen Absturz des ästhetischen Empfindens. Insbesondere die Gesichtspartie des Menschen wird zum Schlachtfeld, wo sich Nachlässigkeit, schlechter Geschmack, der Wunsch aufzufallen und Unverstand in unterschiedlichen Koalitionen gegen die Ausdruckstärke und grundsätzliche Schönheit des Gesichts austoben.

Ein solcher Angriff gegen die Ästhetik des Gesichts ist zum Beispiel der Maskenbart. Geradezu pandemisch breitet er sich über dem Erdball aus, befördert dadurch dass der Mund-Nasen-Schutz bei Nichtgebrauch ja irgendwo deponiert werden muss, wo er die Trägerin, den Träger nicht stört und doch griffbereit bleibt. Einmal mehr hat die Nützlichkeit über die Schönheit gesiegt. Wen wundert’s, dass die KulturpessimistInnen täglich zahlreicher werden. Man sagt, es gäbe Leute, die nicht mehr auf den Maskenbart verzichten wollen oder können, selbst wenn sich die epidemiologische Situation beruhigen sollte. Auffällig viele darunter haben ein Doppelkinn.

Doch die Gesichtsverschleierung an sich ist nunmal ein ästhetischer Tiefflieger. Gleichen die Menschen nun nicht gesichtslosen Marionetten – oder gar Zombies, die durch den öffentlichen Raum huschen oder hetzen, anonymer und unnahbarer denn je? Das Gesicht, Ausdruck der Seele des Menschen und seines Lebens hier auf Erden, ist bis auf die Augenpartie unkenntlich gemacht. Was mag das für die spontane menschliche Begegnung bedeuten? Was für die Poeten, die von der Beobachtung der Menschen leben und aus ihren Gesichtern Inspiration für ganze Werke schöpfen?

Vorteile der neuen Ästhetik

Hier gilt es nun allerdings auch, die Vorteile der neuen Ästhetik zu erkennen. Wie viel subtiler kann der spontane Austausch werden, wenn er sich auf das Augenspiel beschränkt! Wie viel mehr Aufmerksamkeit schenkt man so dem Gegenüber und bekommt man geschenkt! Man hängt sich nicht mehr gegenseitig an den Lippen. Man blickt sich wieder in die Augen.

Und noch etwas: Die automatische Gesichtserkennung ist bis auf weiteres ausgebootet. Und zwar weltweit! Das ist zwar kein ästhetischer Gewinn im eigentlichen Sinn. Doch eine Güterabwägung empfiehlt dem ästhetischen Gewissen, hier Abstriche zu machen. Die digitale Überwachung des öffentlichen Raums ist um Jahre zurückgeworfen. Auch das Vermummungsverbot ist Makulatur, weil nicht mehr durchsetzbar. Immerhin!

Papageienschnabel und Unterhose fürs Gesicht

Aber auch um die Masken selbst ist ein ästhetischer Wettkampf entbrannt. Hauptsächlich das Modell «Globi» und das Modell «(Wegwerf-)Unterhose fürs Gesicht» stehen hoch im Kurs. Das erstere verleiht den TrägerInnen ein papageienartiges Aussehen, wobei die Farbe des Schnabels frei wählbar ist. Schwarz dominiert allerdings und verleiht dem Gesicht, ob Frau oder Mann, etwas Martialisches. Der Papageienschnabel scheint recht bequem zu sein und verursacht weniger Probleme bei BrillenträgerInnen. Stichwort: beschlagene Scheiben. Als Maskenbart ist er allerdings weniger geeignet, es sei denn, es gilt, ein äusserst üppiges Doppelkinn zu kaschieren.

Übers Modell «Unterhose fürs Gesicht» gibt’s nicht viel zu sagen. Die Bezeichnung selbst spricht Bände. Und wie im richtigen Leben auch verdeckt dieses Modell oft nur das Allernötigste, zuweilen nicht einmal das. Es ist der weitest verbreitete Mund-Nasen-Schutz. Kommt hinzu, dass bei manchen Trägerinnen und Trägern ein Missverständnis vorzuliegen scheint. Das Modell, oft in dezent blauen oder rosa Pastelltönen angeboten, ist zwar ein Einwegmodell und muss deshalb auch als Wegwerfmodell bezeichnet werden. Was allerdings nicht heisst, dass es beliebig und überall weggeworfen werden kann. Biologisch abbaubare Modelle sind meines Wissens noch nicht auf dem Markt. Das wird noch kommen. Aber selbst dann … Das macht einfach keine Falle.

Der Bundesrat ist gefordert

Letzthin hing mitten im Wald, etwa auf Kopfhöhe an einem Ast eine eindeutig gebrauchte Hygienemaske und flatterte im Herbstwind. Zugegeben, als sparsamer Mensch bin ich bei solchen Gelegenheiten jeweils versucht, die Maske an mich zu nehmen, zur Not eine solche gar vom Weg aufzuheben, besonders wenn sie noch unverbraucht wirkt. Locker könnte man sich so den Bedarf für die ganze Pandemiesaison zusammenklauben und einiges an Geld sparen. Einzig hygienische Bedenken hielten mich bisher davon ab. Es fühlt sich an wie bei gebrauchten Unterhosen, die auf der Strasse herumliegen. Auch hier hat man Hemmungen … Übrigens: Liegen gelassene Papageienmasken sieht man weniger. Schade eigentlich!

Damit man mich richtig versteht: Ich zweifle nicht an der Nützlichkeit und Eignung der Hygienemasken, um Schlimmeres zu verhindern. Schade nur, dass in der Hitze des Gefechts die Ästhetik völlig vergessen geht. Ich denke, hier ist der Bundesrat gefordert. Mit einer schweizweiten Verordnung könnte man Abhilfe schaffen und dem Flickenteppich der Kantone in Sachen Schönheitsempfinden entgegenwirken.


Bild von Engin Akyurt auf Pixabay

Indiens neurotisches Verhältnis zum Lichtschalter

Andere Länder, andere Sitten. Und die Sitten anderer Länder erschliessen sich dem Fremden vielleicht nicht auf den ersten Blick. Oft auch nicht auf den zweiten. Sie dann allerdings kurzerhand für krankhaft zu erklären, für neurotisch, mag anmassend erscheinen, ja von postkolonialer Arroganz zeugen, wenn es sich um ein Land wie Indien handelt. Der Fremde muss sich mit Argumenten gut wappnen, will er auf seiner Diagnose beharren.

Das ist der Versuch, ein Phänomen zu deuten, das der Fremde nur in Indien angetroffen hat: der exzessive Einsatz von Lichtschaltern. Ausser in einfachen Hütten prangen an den Wänden fast sämtlicher Räume, in Wohnräumen, Ladenlokalen, Küchen oder Hotelzimmern, ganze Batterien von Lichtschaltern. Gleich neben der Eingangstür sind sie oft in mehreren Reihen und in verwirrender Übersichtlichkeit angebracht.

Betätigt der Fremde einen Schalter, geschieht zunächst nichts. Erst beim dritten Versuch beginnt irgendwo im Raum ein Ventilator zu surren. Und erst nach weiteren Versuchen wird es doch noch hell im Raum. Blickt sich der Fremde nun um, so durchzuckt ihn ein leiser Schauer, als er an der Wand gegenüber ein Tableau mit gefühlten zwanzig weiteren Schaltern entdeckt.

Wozu braucht es gegen dreissig Schalter, um einen gewöhnlichen Raum elektrotechnisch zu erschliessen? Worin mag dieser exzessive Einsatz von Lichtschaltern begründet sein? Ist er Ausdruck einer bis hin zur absoluten Perfektion fehlgeleiteten Ingenieurskunst? Oder haben wir es mit einer Überschusshandlung zu tun? Ist die manische Installation von Lichtschaltern in der Tiefenpsychologie begründet? Etwa in diesem Sinne: Um sich des zivilisatorischen Fortschritts der Elektrifizierung ganz sicher sein zu können, installiert man lieber ein paar Schalter und Stromkreise zuviel als einen zuwenig, was ja den Rückfall in vorzivilisatorische Zeiten bedeuten könnte.

Allzu viele Schalter bergen allerdings die Gefahr, dass es plötzlich dunkel wird im Raum, wo man doch eigentlich mehr Licht haben wollte, weil man den falschen Schalter betätigt hat.

Und steht das nicht bildhaft für ein Indien, wo die Herren an den Hebeln der Macht keine Ahnung zu haben scheinen, welche Schalter zu betätigen sind, welche Massnahmen zu ergreifen sind, damit die Gegenwart endlich heller wird für die vielen Menschen des Subkontinents? Statt dessen geht an vielen Orten das Licht aus. Einzig die Glut des Hasses leuchtet dort ungesund. Und es ist ausgerechnet der oberste Captain der nationalen Feuerwehr, der, statt diese Glutnester zu löschen, Unmengen Benzin bereit hält, um nach eigenem Gutdünken neue Brandherde zu schüren oder die bestehenden neu zu entfachen.

Der Fremde hat inzwischen den Umgang mit der Klaviatur der Lichtschalter gelernt. Sie sind für ihn ein Spiel geworden im Sinne eines Gedächtnistrainings, Schon nach wenigen Tagen am selben Ort kennt er die Funktion jedes einzelnen Schalters auswendig und weiss auch, welcher Schalter ohne Funktion ist.

Wenn nur an den Schalthebeln der Macht auch der Wille vorhanden wäre, Glutnester zu löschen und Licht zu machen, wo es dunkel ist! Oder ist tatsächlich die Übersicht über die richtigen Hebel und Schalter verloren gegangen?

Sport ist Mord. Und Behindertensport ist …

Sport ist Mord. Und Behindertensport ist Mord an Behinderten. So einfach ist das. Oder etwa nicht? Warum soll für den Behindertensport nicht gelten, was für den Sport der Normalos erwiesenermassen zutrifft? Hier wie dort müssen sich die Leistungen immer wieder überbieten. Schneller, stärker, weiter ist die Losung – bei Behinderten wie bei Nichtbehinderten. Und nie darf die fatale Spirale zu tanzen aufhören. Sie dreht sich immer weiter – bis es eben Leben kostet. Die Geschichte des Sports ist voller Beispiele dafür.

Hochleistungssport, und von dem sprechen wir hier, basiert auf gnadenloser Konkurrenz, durch die der Gegner ausgeschaltet oder zumindest überboten wird. Natürlich zeigt man sich – hat man mal gewonnen – wieder versöhnlich, umarmt den Gegner sportlich oder schüttelt ihm wohlwollend die Hand. Solche Gesten verhindern, dass der Sport vollends ins Zwielicht gerät und seinen trotz allem noch erstaunlich guten Ruf ganz verliert.

4510081793_bede9f9d72_z

Bild: Marathon de Paris 2010 (Sandra Graf, Schweiz, auf ihrem Siegeslauf des Frauenmarathons), von Siobhán Silke, CC-Lizenz via flikr

Hochleistungssport muss auch immer wieder für neue Rekorde sorgen. Ohne dies würde das Interesse daran schnell erlahmen. Der ganze Zirkus würde sich totlaufen. Gibt es etwas Langweiligeres als Menschen zuzusehen, zum Beispiel Rollifahrern, die auf der Tartanbahn ihre schweisstreibenden Runden drehen, ohne dass dabei nicht zumindest entfernt die Möglichkeit besteht, dass ein neuer Rekord aufgestellt wird? Das wäre nur noch langweilig, öde, zumindest für die ZuschauerInnen. Sport ohne Zehntelssekunden ist wie eine Suppe ohne Salz: fade und kaum geniessbar.

Und diese Zehntelssekunden haben natürlich längst auch im Behindertensport Einzug gehalten. Der hat deutlich zum Normalsport aufgeschlossen. Er führt nicht mehr ein Schattendasein, sondern ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, wurde gleichsam normalisiert. Ein Zeichen dafür ist das Dopingproblem. Gratuliere!

Dabei war der Behindertensport ursprünglich mal ein eher therapeutisches Projekt, ein durchaus vertretbares Mittel der Rehabilitation, insbesondere von Querschnittgelähmten. Die therapeutische Botschaft war: Auch nach einem Unfall geht das Leben weiter. Und es macht auch weiterhin Spass, unter anderem dank dem Sport. Das Argument hat bei vielen jungen Unfallopfern verfangen – und der Sport so seine heilende Wirkung entfaltet. So weit, so gut. Was kann man schon dagegen haben?

Doch der Sport ist inzwischen zu einer Art Religion geworden – für die Behinderten ebenso wie für die Normalos. Blind glaubt man an seine erlösende Kraft. Sportfans sind die modernen Gläubigen, die bedingungslos für ihre Mannschaft, ihre Glaubensgemeinschaft eintreten, und letztlich auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Und Kritiker des Sports werden als Ketzer betrachtet, als Spielverderber und Nestbeschmutzer. Das könnte auch dem Verfasser dieser Zeilen blühen …

Dabei möchte er nur zu bedenken geben, dass sich mit der «Normalisierung» des Behindertensports auch das Leistungsprimat – was sage ich? –, das Hochleistungsprimat endgültig in der Behindertenwelt breit gemacht hat. Leistungsstarke Behinderte sind gute Behinderte. Alle, die ihre Behinderung überkompensieren und besondere, hervorragende Leistungen erbringen, sei es im Sport, sei es beruflich, sei es wo immer, all die Behinderten werden bewundert und auf den Schild gehoben. Die sind Vorbilder – auch für die Normalos. Und die andern Behinderten? Die gehen vor lauter Euphorie vergessen.

***

PS: Ich persönlich konnte nie, aber auch gar nie mit Sport etwas anfangen. Mein Körper hat sich jeweils innig geweigert, so barbarisch repetitive und sinnlose Bewegungsmuster auszuführen, wie sie im Training eben anfallen. Innert Kürze ist er wie natürlich in eine fast schon lethargisch zu nennende Behaglichkeit zurückgeglitten. Andere nennen das wohl Faulheit. Vielleicht bin ich deshalb zum Sportverächter, ja -ketzer geworden. Man möge einem armen Sünder vergeben.

Interview mit Antonio Orejudo über den Tod von García Márquez

Ein Interview der etwas anderen Art: Statt in den Chor der allgemeinen Bestürzung über den Tod von Gabriel García Márquez einzustimmen, nimmt Antonio Orejudo, der spanische Schriftsteller und Literaturkritiker, – bei aller Achtung gegenüber dem kolumbianischen Schriftsteller – den gesellschaftlichen Umgang mit Literatur und den Literaturbetrieb auf die Schippe. Übersetzung: Walter B.

Hat Ihnen García Márquez gefallen?
Ja, mich dünkt er ein ausserordentlicher Erzähler. Ich erinnere mich an das Staunen, mit dem ich «Hundert Jahre Einsamkeit» gelesen habe, und an die Angst, mit der ich das Buch sehr viel später erneut las, denn ich fürchtete, der Text könnte schlecht gealtert sein. Doch ich war überrascht, wie er all seine Kraft behalten hat. Nur wenige Bücher halten einer zweiten Lektüre stand, geschweige denn einer dritten oder vierten. Allerdings ist das die Nagelprobe, um herauszufinden, ob wir ein gutes Buch vor uns haben. Wenn ein Roman nicht imstande ist, die Zeit zu überdauern: Weg damit! Es ist mir klar, dass es cooler ist, ein anderes Buch von García Márquez als gerade «Hundert Jahre Einsamkeit» zu empfehlen. Mir hätte es jedenfalls gefallen, dieses Buch zu schreiben.

Die Bestürzung, die sein Tod hervorgerufen hat, ist überraschend.
Mich dünkt das eher lächerlich als überraschend. Der Schmerz, den die Familienangehörigen und Freunde der physischen Person Don Gabriel García Márquez wegen dessen Todes erleiden müssen, ist nichts als logisch. Aber die hysterischen Bekundungen des Bedauerns von einigen Verlegern und Lektoren … – was soll ich sagen? – lässt mich fremdschämen.

Finden Sie sie nicht aufrichtig?
Es ist offenbar eine Überreaktion, ein pawlowscher Reflex auf den Reiz der Medien. Leider hatte ich nicht das Glück, Don Gabriel persönlich kennen zu lernen. Deshalb kann ich wegen seines Todes nicht mehr empfinden als bei irgend jemandem, den ich in der Schule gelesen habe. Was mich tatsächlich schmerzt: dass er nun zu schreiben aufgehört hat. Aber damit hat er schon vor einiger Zeit aufgehört. Der Schriftsteller ist schon vor Jahren gestorben. Bedauern empfand ich bereits, als ich wusste oder ahnte, dass ich nie wieder einen Roman lesen würde, der von ihm geschrieben war. Übrigens frage ich mich, wie viele von denen, die den Tod des Schriftstellers wie Klageweiber betrauert haben, seine Werke aus dem Internet heruntergeladen haben, ohne etwas dafür zu bezahlen.

Ach, das mussten Sie jetzt mal loswerden! Finden Sie, das ist hier der beste Augenblick, um sich über das Herunterladen von geschützten Werken auszulassen? Wir halten schliesslich noch so etwas wie Totenwache.
Gewiss! Das dünkt mich ein sehr guter Augenblick. Ich finde es eine bodenlose Heuchelei, das Werk von García Márquez zu lesen, ohne ihm für seine Arbeit etwas zu zahlen, und dann seinen Tod zu beweinen. Die beste Art, einen Schriftsteller zu feiern, sein Leben und sein Schreiben zu feiern, ist, seine Werke zu lesen und dafür auch zu bezahlen – nicht indem man über seinen Tod greint.

Ich glaube nicht, dass García Márquez das Geld von den illegalen Downloads seines Werks wirklich brauchte.
Ich wusste gar nicht, dass Sie darüber befinden können, ob eine Vergütung ausreicht … Sie wären ein ausgezeichneter Präsident des Arbeitgeberverbands.

Warum so grimmig? Wären Sie denn gerne der Tote gewesen?
Natürlich nicht. Ich will nicht sterben. Aber dieser Zirkus behagt mir überhaupt nicht. Der Wirbel stört mich, den der Tod eines Schriftstellers verursacht – ausgerechnet in einer Welt, in der die Literatur nur mehr eine überflüssige Kunst darstellt.

Und wem oder was geben Sie dafür die Schuld?
In erster Linie den Zeitungen, die nun alle Nachrufe auf García Márquez abdrucken, die sie seit Jahren im Kühlschrank gehortet haben. Und zweitens beruhigen wir doch nur unser schlechtes Gewissen als schlechte Leser, indem wir den Tod der Schriftsteller beweinen. Als Motto für die nächste öffentlich finanzierte Lesekampagne schlage ich vor: Liebe Leserinnen, liebe Leser, lesen Sie mehr und weinen Sie weniger!

Oder glauben Sie womöglich, dass die Bestürzung über den Tod von García Márquez eine Verschwörung der Zeitungen ist?
Ich habe nicht von einer Verschwörung gesprochen. Was ich sage, ist, dass die Zeitungen, die Medien im allgemeinen, begierig nach Ereignissen sind, weil sie davon leben. Deshalb werden diese zwischendurch, wenn es gerade keine Ereignisse gibt, erfunden. Aber der Tod eines berühmten Schriftstellers ist keine Erfindung. Er geschieht und ist eine einzigartige Gelegenheit, Seite um Seite mit Nekrophilem zu füllen. Die Zeitungen bewundern den Tod, aber auch die extremen Publikationen oder Verkäufe oder den Literaturpreis. All dies sind Nachrichten. Eine andere Sache ist das Lesen, diese einsame Aufgabe, die zuweilen anstrengend ist und keine unmittelbare Wirkung hat. Diesen Mumpitz interessiert in den Zeitungen immer weniger.

Der Tod ist also eine Möglichkeit, ein Geschäft zu machen. Merken Sie das erst jetzt?
Nein, das wusste ich schon vorher. Ich sage es Ihnen jetzt, weil Sie mich danach gefragt haben. Der Tod ist fabelhaft für die Lebenden. Weil nun – Achtung! – überarbeitete Ausgaben von García Márquez erscheinen werden, Gesamtausgaben, bisher Unveröffentlichtes, Briefe und Manuskripte, die in der Truhe lagen – womöglich bis es zum Familienstreit kommt. Ein Schriftsteller ist ein Schwein: Er bringt seinen vollen Nutzen erst, wenn er tot ist. Vom Schnörrchen bis zum Schwänzchen – alles ist Gabo.[1]


Anmerkungen:

[1] Dieser Kalauer lässt sich kaum angemessen ins Deutsche übersetzen. Das Original lautet: Desde el morro hasta el rabo, todo es Gabo. Unter Gabo, dem Kosenamen für Gabriel, ist García Márquez in Lateinamerika weitherum bekannt.

Das Original des Textes ist auf dem Blog Autoentrevistas Antonio Orejudo bei eldiario.es erschienen. Hier veröffentlicht der Romancier und Literaturkritiker Interviews – mit sich selbst …

Hier geht es zu seinem Blog (aufs Bild klicken!):

3008_20130926CKGyia

%d Bloggern gefällt das: