Lakonisches zur Coronakrise

lakonisch Adj. ‘kurz und treffend im Ausdruck’, im 17. Jh. entlehnt aus gleichbed. lat. lacōnicus, griech. lakōnikós (λακωνικός), dem Adjektiv zu Lákōn (Λάκων) ‘Lakedämonier’, das im Sinne von ‘nach der Art der Lakedämonier, Spartaner’ verwendet wird und sich auf die bereits im Altertum erwähnte einfache, wortkarge Redeweise der Spartaner bezieht.

***

Meide deinen Nächsten!

Der Mensch ist nun Teil einer Herde.

Pandemie des Digitalen

Geselligkeit per Zoom,
Kuscheln per Skype,
Online geht so richtig die Post ab.

Die Pandemie überfordert uns. Nur die PolitikerInnen müssen so tun, als wären sie’s nicht.

Nichts ist bedrohlicher als Menschen, die Angst vor dem Tod haben.

Wer kümmert sich um das Recycling der Millionen und Abermillionen von Impfdosen, nachdem sie verimpft worden sind? Afrika?

Crescendo

Coronagläubige, Coronaskeptiker, Coronaleugner, Querdenker, Verschwörungstheoretiker, Verschwörer.

 

Die Freundschaft und ihre lieben Schwestern – und die Grosstante

Nehmen wir an, Freundschaft, Liebe und Leidenschaft wären Schwestern. Die Freundschaft ist die ältere Schwester der Liebe, und die Leidenschaft ist die jüngste der drei. Das gesetzte Alter der Freundschaft hat ihr Blut beruhigt. Dafür hat sie an Tiefe gewonnen – und an Beständigkeit. Nicht so ihre beiden jüngeren Schwestern, die Liebe und die Leidenschaft, die bei der erstbesten Gelegenheit wild um sich schlagen, nur um wenig später ihr Gegenüber wieder zu umgarnen, als wäre nichts geschehen.

Die Liebe kann grausam sein, und die Leidenschaft schafft Leiden. Beide sind willkürlich wie Despoten – und selbstsüchtig dazu. Und doch wirkt die Freundschaft neben ihren funkelnden Schwestern wie eine graue Maus. Sie ist das Mauerblümchen der drei. Und ihre inneren Werte? Geschenkt! Ihre Beständigkeit? Belanglos!

Es lebe der rasende Tanz der Gefühle! Es lebe der ekstatische Rausch! Auch wenn ihm, als wärs ein Naturgesetz, bald die Ernüchterung folgt. Das Herz ist verglüht. Zurück bleibt eine Leere und Tristesse. Jetzt erst erinnern sich die jüngeren beiden an ihre ältere Schwester. Zerzaust und mit aufgelöstem Haar flüchten sie sich in den Frieden, den diese umgibt. Also beginnt die Freundschaft zu erzählen:

«Unsere Grosstante heisst auch Liebe, so wie du, mein törichtes Schwesterlein. Doch sie hat ganz anderes im Sinn. Sie strebt nach dem Höchsten, zu dem wir Menschen fähig sind: zu Mitgefühl und uneigennütziger, bedingungsloser Liebe gegenüber der gesamten Schöpfung, auch gegenüber unseren Feinden. Sie hat es weit gebracht, unsere Grosstante, und ich bewundere sie dafür.»

Noch ausser Atem, doch schon gefasst, antwortet ihr die Jüngste, die Leidenschaft: «Meine liebe, neunmalkluge Schwester, lieber brenne ich lichterloh und lasse, wenn es sein muss, noch vor der Zeit mein Leben, als wie du langsam hinzuwelken. Wer lässt sich von dir denn noch begeistern? Du verdorrst, noch bevor dein Leben geendet hat. Mich aber durchbebt eine heilige Lust. Bis zur Neige feiere ich mein Leben. Und dann soll es gut sein. Mehr will ich nicht.

Und meine Grosstante habe ich nie gemocht. Sie ist ebenso angegraut wie du und ihr Gesicht welk wie Herbstlaub. Was heisst das schon, nach dem Höheren streben? Oder gar nach dem Höchsten, zu dem wir Menschen fähig sind? Reine Träumerei, ein Gedankenflug in abstrakte Gefilde, in die man sich flüchtet, um der Zumutung des Todes zu trotzen. Nein, das ist mir zu geistesschwer, zu blutleer. Da lobe ich mir das Fleisch und die Lust, die übrigens oft genug Leben spenden.»

Ihr antwortet nun die ältere Schwester: «Leidenschaft und Verstand scheinen sich spinnefeind zu sein. Was weisst du schon vom Leben, du jüngste meiner einfältigen Schwestern? Es reicht nicht, sich am Leben zu berauschen, wenn auch nichts gegen den wunderbaren Tanz des Daseins spricht. Was wäre die Welt ohne Kinder – und ohne Leidenschaft? Doch damit genügen wir der Natur – wie der Wurm auch. Freundschaft und Liebe im Sinne unserer Grosstante macht uns erst zu Menschen. Sie sind eine Kulturleistung, die erst das Überleben der Menschheit auf unserem Planeten ermöglicht. Du bist noch jung, Schwesterlein, kannst noch wachsen.»

Hymne an eine Sonnenblume

Wie erhaben du bist, wenn du alleine im Winde stehst! Einer Königin gleich, stolz und schön, blickst du auf die Erde, das gekrönte Haupt leicht gesenkt. Grosse Blätter tanzen um deinen Leib, grüne Herzen um eine schlanke Säule, die fest in der Erde verankert ist und mit der Sonne in Verbindung steht.

Welch ein Bild, welche Symbolkraft bietet uns die Sonnenblume, bedenkt man, wie viel Schönes und Fruchtbringendes der Verbindung zwischen Himmel und Erde entspringt! Der Sonnenkranz umschliesst einen Korb künftiger Samen, die, würden alle aufkeimen, die Erde in kürzester Zeit zum Planeten der Sonnenblumen machen würden. Stattdessen ernähren sich Spatzen und Menschen, Hamster und Krähen von dieser Fülle an Pracht und Fruchtbarkeit. Nichts weniger als Poesie und Lebenstüchtigkeit geben sich in dir die Hand. Leise wiegt dein Haupt im Wind, als träumtest du von einer fernen Welt, als wärest du nicht ganz von dieser Erde, der du ja doch entstammst.

Blicke ich ins Feuerrad deiner Blüte, wird mir ganz schwindelig. Tausend sich kreuzende Spiralen ziehen meinen Blick in die Tiefe des Blütengrundes. Und wäre ich nicht Mensch, würde ich mich verlieren und nie mehr zurückkehren wollen aus dieser üppigen Rosette. Mit Wonne würde ich in dieser Sonne verglühen, Königin meiner Träume.

Soldatin hingegen bist du, wenn du dicht an dicht mit anderen im Felde stehst. Alle Köpfe blicken in dieselbe Richtung. Ihr gleicht nun Automaten, von der Sonne ferngesteuert. Was für ein Hohn! Was für eine Erniedrigung! Die Fruchtbarkeit ist zur Ertragskraft verkommen. Die Poesie zur Farce. Zwar trägt die Königin noch eine Krone, doch ist sie Sklavin geworden, ist ins Heer der gekrönten Sklavinnen eingegangen, die im Herbst abgemäht und der Verwertung zugeführt werden.

Doch ich werde nicht ruhen. Nachts, wenn der Spätsommermond über dem Wald steht, treibe ich mich in den Feldern um, reisse euch eigenhändig aus der Ackererde, um euch zu befreien. Reihe für Reihe vollende ich meine Erlösungstat. Dein Haupt bette ich aufs Gras, um dir die königliche Würde zurückzugeben.


Bild: sunflower von stretta, CC-Lizenz via flickr

Coronäre Haikus

Der (oder das) Haiku war ursprünglich eine traditionelle japanische Gedichtform, ein Naturgedicht, das darstellt, aber nicht interpretiert. Der Haiku sollte inhaltlich so offen sein, dass er erst durch das Erleben des Lesers, der Leserin vollständig und ganz wird. Er gilt als die kürzeste abgeschlossene lyrische Form: siebzehn Silben, verteilt auf drei Zeilen: 5 – 7 – 5.

Heute wird der Haiku auf der ganzen Welt geschrieben. Entsprechend vielfältig sind die Formen und inhaltlichen Regeln – und die Ansprüche der Puristen, die einzig «wahre Haiku-Lehre» zu vertreten. Mich kümmert das wenig. Vielmehr bietet mir die karge Versuchsanordnung Raum für Phantasie. Denn gerade in der Beschränkung wird diese entfesselt. Einer zusätzlichen Regel habe ich mich unterworfen: Irgendwo zwischen Zeile 1, 2 oder 3 soll ein Perspektivwechsel, ein inhaltlicher Sprung stattfinden. Der Rest ist freies Spiel ohne Anspruch auf irgendwas.

Ach ja! Und am Anfang stand der Wunsch, was wir zurzeit erleben, das Coronatrauma, in Haikus zu fassen.

Der Himmel so rein.
Stille rund um die Erde.
In uns Entsetzen.
Coronastillstand,
bezaubernd und gespenstisch.
Was pocht an der Tür?
Schatten an der Wand.
Besorgt betrachten wir sie.
Sie tanzen im Licht.

 

 

Postkarte aus dem Auge des Sturms

Es ist gespenstisch. Während draussen ein Sturm kräftig an der Weltordnung, wie wir sie kennen, rüttelt, herrscht hier drinnen verdichtete Ruhe. Keine Frage! Ich bin im Auge des Sturms. Die Zeit steht still. Ich ducke mich und hoffe, der Sturm zieht ohne mich weiter.

Was wir erleben, habe ich schon öfter gedanklich vorweggenommen: das Ende der alten Weltordnung mit all ihren leeren Versprechungen und ihrem morbiden Glanz. Und nun erlebe ich ihn am eigenen Leibe, den Sturm, der vieles hinwegfegt, und bin hin und her gerissen zwischen Hoffen und Entsetzen, zwischen Faszination und Bangen.

%d Bloggern gefällt das: